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Unter Kindern

 

Ich wohne in Prenzlauer Berg, einem Bezirk, in dem es sich wirklich angenehm leben lässt. Manchmal fühle ich mich allerdings ziemlich aussätzig, vor allem wenn ich tagsüber durch die Strassen gehe. Das liegt daran, dass ich in einem der geburtenstärksten Bezirke Deutschlands lebe. Mein Kiez ist hip, doch wer denkt, dass Kinder hier out wären, wird täglich eines Besseren belehrt.

Jede zweite Frau scheint mindestens ein bis zwei Kinder zu haben oder schwanger zu sein. Man stolpert ständig über Kinderwagen, hebt runter gefallene Schnuller und Rasseln wieder auf und wartet im Coffeeshop geduldig, bis der Mama vor einem die Sojamilch fürs Fläschchen aufgewärmt wurde. Die Geschäfte rund um den Helmholtzplatz, dem zentralen Platz in meinem Kiez, haben sich der Situation angepasst. Es gibt Kindereisläden, Kinderfriseure, Kinder-Second-Hand-Läden, Kinderspielecken, Kinderstühle, Kinderlöffel, Kinderportionen und rauchfreie Zonen.

Längst haben die kleinen Monster auch die höchste Erhebung meines Viertels erobert – in Form eines Kind-Eltern-Cafés mit Indoor- und Outdoor-Spielplatz auf dem Hügel in der Mitte des Helmholtzplatzes. Heute war ich mit einer Freundin und ihrem kleinen Sohn dort. Um mich herum in Bio-Schaafwolle gehüllte Babys oder mit sündhaft teuren mexx-Jeans und adidas-Schuhen ausgestattete Windelträger, Hippie-Tragetuch-Eltern und Karrieremamis, die mit ihren hohen Hacken über die Naturfliesen klapperten. Ständig stolperte man über irgendein Krabbelmonster oder hatte bioschokoverschmierte Patschehändchen auf der Hose.

Da ein Gespräch mit meiner Freundin nur bedingt zu Stande kam (sie musste alle fünf Minuten hinter ihrem Sohn her rennen), lauschte ich bei den anderen. Da ging es um einen einjährigen Jungen, dessen Mutter sich nicht unter Druck setzen wollte, abends wegzugehen. Schließlich würde der Kleine ja ein Trauma bekommen, wenn er aufwache und seine Mutter wäre nicht bei ihm. Oder ein dreijähriges Mädchen, das mit Schokodrops gefüttert wurde („Irgendwie muss ich sie ja verwöhnen, jetzt wo sie nicht mehr gestillt wird“).

Ich muss zugeben, dass die Probleme, mit denen sich diese jungen Eltern so herumschlagen, mich ein bisschen abschrecken. Andererseits kann man da ja auch viel Wissenswertes aufschnappen. Zumindest weiß ich ganz genau, was eines Tages auf mich zukommen wird.

Rana Göroglu

3 Kommentare

  1.   Rico

    Achja der schöne Prenzl’Berg.
    Ich wohnte dort auch… bis vor 4 Wochen. Nun hat es mich armen Studenten aufgrund mangelnder Finanzen und der Nähe zur Hochschule in den Gesundbrunnen gezogen. Es sind nur knappe 500m bis zum Osten, aber der Unterschied ist gigantisch.
    Nun bleibt mir nichts weiter übrig, als die schönen Sonnentage zu nutzen und „‚rüberzumachen“.
    So, wie heute, das Hautfarben- und Kultur-übergreifende Streetball-Match im Mauerpark.

    Hach ja… mein Prenzl’Berg!

  2.   Peter Hannemann

    Hallo Rana, Kurt Tucholsky wuerde stolz auf Dich sein wie Du so das Berliner Leben beobachtest. Peter

  3.   Erika

    Bonjour Rana ! ja ich finde auch, du schreibst sehr schoen. weiter so.
    erika (berlin-fan aus paris)

 

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