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Unter Kindern (2)

 

Wie gesagt, ich lebe in einem sehr kinderreichen Bezirk. Es wird einem ja allenthalben vor Augen gehalten, dass wir in einer veraltenden Republik leben und was für schwerwiegende Folgen das für uns alle haben wird. Die Bewohner von Prenzlauer Berg scheinen sich das sehr zu Herzen genommen zu haben. Und geben alles, um unserem kollektiven Untergang entgegenzuwirken. Wenn man in diesem Viertel wohnt, hat man jedenfalls nicht das Gefühl, sich eines fernen Tages um die Auszahlung seiner Rentenversicherung sorgen zu müssen.

Inzwischen ist der Kinderreichtum auch in meinem Haus angekommen. Meine hochschwangere Nachbarin gab neulich ein Brunch. Ich war die einzige nicht schwangere und kinderlose Frau. Als ich ein bisschen auf dem Klavier im Wohnzimmer spielte, kam nach kurzer Zeit ein Vater zu mir: „Du, ich fände es echt nett, wenn du mit dem Spielen aufhören könntest, das stört unsere Kleine beim Stillen.“ Eine andere Mutter, die auch gerade ihr Baby stillte, sagte daraufhin: „Also meinen Kleinen stört das überhaupt nicht. Der ist ganz ruhig, seitdem sie spielt.“ Ich kippte schnell meinen Sekt herunter und flüchtete in meine Wohnung.

Abends, wenn die Kleinkinder alle brav in ihren Bettchen liegen, hat man dafür seine Ruhe. Meistens zumindest. Als ich vor kurzem in einer Eckkneipe war, einer von diesen verrauchten, schummerigen Schuppen, und mir gerade eine Zigarette angezündet hatte, tippte mir jemand auf die Schulter. Es war eine junge Frau. Als ich mich zu ihr umdrehte, erblickte ich am Tisch hinter mir einen Mann, wahrscheinlich ihr Freund, der ein schlafendes Baby in seinen Armen wiegte. „Ich finde es ziemlich unverantwortlich, zu rauchen, wenn ein Kleinkind in der Nähe ist“, sagte die Schultertipperin zu mir. „Das finde ich auch“, sagte ich. „Aber ich habe ja leider hinten keine Augen im Kopf und ehrlich gesagt, hatte ich an diesem Ort und zu dieser Uhrzeit nicht mit einem Baby gerechnet.“ Natürlich machte ich die Zigarette trotzdem aus. Ist ja für mich auch gesünder, dachte ich. Und wenn sie einen nicht gerade vom Klavierspielen abhalten oder das schlechte Gewissen verstärken, das man ohnehin hat, wenn man einem ungesunden Laster frönt, sind sie ja meist ganz putzig, die kleinen Monster.

Rana Göroglu