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Kunst-Leder-Welten

 

Eigentlich mache ich mir nicht viel aus Fußball. Ich gehöre zu denjenigen, die von wahren Fans zutiefst verachtet werden: ich ignoriere Bundesliga und UEFA-Cup, aber zur Europa- und Weltmeisterschaft darf ich kein Spiel verpassen. Am liebsten schaue ich zusammen mit Freunden oder in Kneipen, bei warmem Wetter auch gerne unter freiem Himmel. Zur EM und WM verwandeln sich in Berlin ganze Straßenzüge in Freiluft-Fußballkinos. Kein Café oder Restaurant, dass nicht einen Fernseher nach draußen gestellt hätte. Aber daran ist ja momentan nicht zu denken.
Doch es gibt in Berlin gerade eine Ausstellung, die Fußball-Banausen wie mir dabei helfen soll, sich trotzdem schon jetzt auf „unsere“ WM im nächsten Jahr einzustimmen. Kunst und Fußball? Ich war mehr als skeptisch. Das Werbeplakat zur Ausstellung mit dem „Kaiser“ drauf, der zwei Orangen zwischen sich und einer Wand balanciert, schuf dem nicht wirklich Abhilfe. Trotzdem besuchte ich die „Rundlederwelten“-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Einmal schnell durchhuschen, die Klischees rund um den Ball betrachten und wieder weg, so hatte ich mir das vorgestellt. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Ich war über zwei Stunden in der Ausstellung, amüsierte mich über uralte Plattencover verschiedenster Fußballlieder (gerne von den Spielern selbst gesungen), bestaunte unsere Frauennationalmannschaft in Miniatur (wie gerne hätte ich mit denen gespielt) und schoss enthemmt (weil ohne Publikum) auf die Torwand aus dem „Aktuellen Sportstudio“. Ich sah mir Videos von gruseligen Spielen im Nebel an und ekelte mich vor einem Kunstwerk namens „Linker Verteidiger, rechtes Bein“, einem synthetischen Rohdiamanten, der aus einem amputierten Bein hergestellt wurde. Der Spender des Beins soll ein passionierter Fußballspieler und Raucher gewesen sein. Auch gefallen hat mir die bespielte Rauminstallation mit einer aus der Nase blutenden Frau, die in ihrem Büro die Weltmeisterschaft zu organisieren schien, aber doch etwas desorientiert wirkte. Habe mich aber nicht getraut, sie anzusprechen.
Das Beste daran: es gab keine grölenden Fußball-Fans, die vor dem Eingang noch schnell ein Bier gezischt hätten. Und als ich nach der Ausstellung noch durch den herbstlichen Tiergarten schlenderte, bekam ich richtig Lust, selber das runde Leder zu kicken. Auf dem Rasen vor dem Reichstag ist das inzwischen ja leider verboten. Das war den Volksvertretern wohl doch zuviel der Nähe zum Volk.

Rana Göroglu