Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Die Mär des unterbewerteten Yuan

Von 13. August 2012 um 10:21 Uhr

Zuweilen denke ich: Einige westliche Beobachter auf China bilden sich ganz schön was ein. Da wettern sie jahrelang gegen die Chinesen und behaupten, die chinesische Währung, der Yuan, sei unterbewertet. Die Volksrepublik würde sich auf diesem Wege Exportvorteile verschaffen. Dann hält die chinesische Zentralbank die chinesische Wirtschaft für robust genug und lässt den an den US-Dollar gekoppelten Yuan um ein Prozent schwanken; der Yuan wertet zum Dollar und Euro tatsächlich etwas auf. Der Westen glaubt, allein der Druck des Westens hätte Chinas Zentralbank dazu gebracht.

Vergangene Woche erörterte die staatliche Zeitung China Securities Journal in einem Artikel die Frage, welche Folgen es hätte, wenn der Wert des Yuan nach Jahren der Aufwertung wieder fällt. Prompt schlägt der Westen Alarm: China werte wieder gezielt ab.

Abgesehen davon, dass auch in den chinesischen Staatsmedien gerade in wirtschaftspolitischen Fragen inzwischen sehr viele unterschiedliche Einschätzungen und Forderungen kursieren und sie deswegen schon lange nicht mehr automatisch offizielle Politik darstellen – was für eine Vereinfachung. Schon den Vorwurf der angeblichen Unterbewertung halte ich für eine übertriebene Behauptung, die vor allem gerne von den angelsächsischen Medien lanciert wird, die von der eigenen industriellen Schwäche ablenken soll. Diesen Sektor haben die USA und die Briten in den vergangenen 20 Jahren mehr oder weniger selbstverschuldet sukzessive demontiert.

Ja, Produkte “Made in China” sind auf den Weltmärkten sehr viel günstiger als Produkte aus den USA, Großbritannien oder Deutschland. Aber dafür dem Yuan-Kurs die Schuld zu geben?

Richtig ist: Die Chinesen produzieren sehr viel günstiger als Betriebe in den etablierten Industrieländern. Und richtig ist auch, dass chinesische Arbeiterinnen und Arbeiter  immer noch sehr viel weniger Lohn erhalten als ihre Kollegen im Westen. Aber das hat vor allem mit dem Entwicklungsniveau des Landes zu tun und nicht so sehr mit der Höhe des Yuan.

Nach wie vor gibt es in der Volksrepublik ganze Landstriche, in denen die Menschen einen ähnlich niedrigen Lebensstandard haben wie vor 20 oder 30 Jahren. Der durchschnittliche Lohn liegt bei unter 100 Euro im Monat. Wenn Unternehmer aus aller Welt in diesen Regionen Produktionsstätten errichten, dann kommen sie genau aus diesem Grund. Denn läge das Lohnniveau auf der Höhe der USA würden sie wegbleiben. Erst mit zunehmender Entwicklung des industriellen und terziären Sektors, den Dienstleistungen, steigen die Lebenskosten und damit zumeist auch die Löhne. Dieser Prozess jedoch dauert. Und solange er anhält, haben diese Regionen aus Unternehmersicht diesen Kostenvorteil.

Chinas Zentralbank hat in den wirtschaftlichen Boomjahren 2010 und 2011 gesehen, dass es der Volkswirtschaft nicht schaden würde, den an den Dollar gekoppelten Yuan zu flexibilisieren. Die Hoffnung dabei: Schwankungen nach etwas mehr marktwirtschaftlichen Kriterien könnten vielleicht ein wenig mehr für Balance im Außenhandel sorgen.

Genau diese Flexibilisierung hat jedoch auch zur Folge, dass der Wert der Währung fällt, sollte es mit der Wirtschaft nicht mehr ganz so rund laufen. Genau das ist momentan der Fall. China verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres mit 7,6 Prozent sein schwächstes Wachstum seit drei Jahren. Da ist es kein Wunder, dass Investoren erwägen, nicht mehr ganz so viel Kapital in die Volksrepublik zu pumpen. Damit würde auch die Nachfrage nach der chinesischen Währung sinken.

Momentan liegen 100 Yuan bei rund 12,80 Euro, so hoch wie seit der Einführung des Euro vor zehn Jahren nicht. Wir wissen: Das hat mit der Schwäche des Euro zu tun. Da wirft nun auch niemand den Euroländern vor, sie würden ihre Währung mit Absicht gezielt unterbewerten.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Europaer würden mit allen Mitteln ihre Schwaeche anderen in die Schuhe schieben. Hauptsache sind die anderen schuld!

  2. 2.

    hahaha, lustig :-)

    Natürlich wirft niemand den Euroländern eine gezielte Unterbewertung vor, die Entscheidungsprozesse sind in Europa ja auch nachvollziehbar und der Währungskurs durch den markt gemacht. In einer Diktatur, in der niemand so genau weiß wie weit die Finger der Regierung denn nun reichen, sieht das halt etwas anders aus.

    • 13. August 2012 um 12:30 Uhr
    • p77a
  3. 3.

    “… wertet etwas auf” ist untertrieben. Die anderen werten recht deutlich ab. Der Euro hat seit 2008 um 24% gegenüber dem CNY an Wert verloren; der USD seit 2010 um 10%.

    • 13. August 2012 um 12:43 Uhr
    • alterego
  4. 4.

    “Nach wie vor gibt es in der Volksrepublik ganze Landstriche, in denen die Menschen einen ähnlich niedrigen Lebensstandard haben wie vor 20 oder 30 Jahren. ….”

    Nur hat das nicht viel zunächst mit dem “Gleichgewichtspreis” Preis einer Währung zu tun. Der ist eher an den Überschüssen verbunden, die Fremdwährungsanleihen angehäuft werden. Das Volumen dieser Portfolien ist das klarste Zeichen einer permanenten gezielten Unterbewertung.

    • 13. August 2012 um 13:08 Uhr
    • joG
  5. 5.

    Nö,
    den Vorwurf ihre Währung gezielt zu schwächen handeln sich die Chinesen ein, weil sie den Wechselkurs staatlich festlegen. Da das beim Euro nicht der Fall ist, wäre ein entsprecheder Vorwurf schlicht lächerlich.

    Wann eine Währung über- oder unterbewertet ist, darüber streiten sich die Ökonomen in aller Welt schon immer. Was im ersten Moment simpel klingt, ist bei näherer Betrachtung ein Problem. Welche Kriterien (z.B. Kaufkraft, Lohnstückkosten, Produktivität, Wirtschaftsdynamik, Inflation) in welcher Wichtung zu beachten sind, ist reine Ansichtssache. An dieser, meist von eigenen Interessen bestimmten Diskussion scheitert jeder Versuch einen staatlich vorgegebenen Wechselkurs, der alle Seiten zu frieden stellt, zu bestimmen.

    Da es dem eigenen Selbstverständnis einer Diktatur entgegen steht, eine andere als die eigene Meinung für richtig zu erachten und eine Währung ein nationales Symbol ist, wird China noch auf längere Zeit an einem staatlichen Wechselkurs festhalten. Das dies, weder für die chinesische Wirtschaft noch für die der Handelspartner von Vorteil ist, ist der Führung in China bekannt. Allein, ihr fehlt die Kraft, über ihren eigenen diktatorischen Schatten zu springen.

    Es bleibt abzuwarten was die anstehenden Neubesetzungen in den Staats- und Parteigremien ergeben. Bleibt es bei der diktatorischen Linie, dann ist ein weiterhin staatlicher Wechselkurs noch das beste Zeichen, da Peking für eine Freigabe des Wechselkurses mehr weltpolitisches Gewicht erwarten würde. Das jemals ein Krieg wegen eines Wechselkurses geführt wurde ist mir nämlich nicht bekannt, wegen des politischen Gewichts hingegen wüsste ich zig Beispiele.

  6. 6.

    naja, wenn ich das bisher richtig verstanden habe basiert die Kritik an der chinesischen Währungspolitik doch darauf, dass die Festsetzung des Wechselkurses ein Instrument ist, das mit einer fairen Preisbildung einfach nicht vereinbar ist. Und dass eine extrem auf Export ausgelegte Volkswirtschaft, die ein solches Mittel zur Verfügung hat, die Wechselkurse wohl kaum zu ihren Ungunsten manipulieren wird ist ja irgendwo logisch.

    Ich denke mal ganz plump gesagt dass China sich im Moment die Rosinen aus der globalisierten Wirtschaft pickt (Wirtschaftsboni für unterdurchschnittliche Lohnkosten) und die Risiken (mögliche Währungsschwankungen exportorientierter Wirtschaft) und die damit verbundenen Probleme umgeht. An sich ja clever und nachvollziehbar – aber halt einfach nicht “fair”.
    Dummerweise ist “das Spiel Globalisierung” halt eins, in dem es keine ausreichenden Regeln gibt und jeder “Mitspieler” Fairness selbst definiert..

    • 13. August 2012 um 13:13 Uhr
    • tnie
  7. 7.

    Wenn Markwirtschaft funktionieren soll, dann müssen sich auch die Wechselkurse frei, den Marktkräften entsprechend bewegen können. Ist das der Fall, tragen sie wesentlich zu einem Ausgleich der zwischen den Ländern bestehenden Wettbewerbsunterschiede bei. Leider gibt es immer wieder Staaten, die das nicht wollen, und daher den Wechselkurs ihrer Währung poltisch manipulieren.

    • 13. August 2012 um 13:20 Uhr
    • alterego
  8. 8.

    Vieles beschrieben, aber nicht das Wesentliche!

    “Richtig ist: Die Chinesen produzieren sehr viel günstiger als Betriebe in den etablierten Industrieländern. Und richtig ist auch, dass chinesische Arbeiterinnen und Arbeiter immer noch sehr viel weniger Lohn erhalten als ihre Kollegen im Westen. Aber das hat vor allem mit dem Entwicklungsniveau des Landes zu tun und nicht so sehr mit der Höhe des Yuan.

    Nach wie vor gibt es in der Volksrepublik ganze Landstriche, in denen die Menschen einen ähnlich niedrigen Lebensstandard haben wie vor 20 oder 30 Jahren. Der durchschnittliche Lohn liegt bei unter 100 Euro im Monat. Wenn Unternehmer aus aller Welt in diesen Regionen Produktionsstätten errichten, dann kommen sie genau aus diesem Grund. Denn läge das Lohnniveau auf der Höhe der USA würden sie wegbleiben. Erst mit zunehmender Entwicklung des industriellen und terziären Sektors, den Dienstleistungen, steigen die Lebenskosten und damit zumeist auch die Löhne. Dieser Prozess jedoch dauert. Und solange er anhält, haben diese Regionen aus Unternehmersicht diesen Kostenvorteil.”

    Das Finden wir, in mehr oder weniger schlimmer Form, in allen Staaten der Welt! Auf der einen Seite Armut, und auf der anderen Seite, Extremen Reichtum.

    China hat den Yuan, muss sich daher seine Exportüberschüsse, in Fremdwährung bezahlen lassen!

    Frage: Wann sind die Importländer von Chinesischen Produkten so Arm (Überschuldet), das Sie sich keine Chinesischen Produkte mehr leisten können?

    Das selbe Problem hat auch Deutschland, und tritt im Euroraum in den Fokus der Betrachtung!

    Ist ja schön für die Reichen, das sie ihr Kapital überall (Global) in der Welt Investieren können, um die höchste Rendite zu erzielen.

    Wird es nicht mal Zeit, das sich alle Zivilisierten Staaten dieser Welt zusammensetzten, um Ungleichgewichte zwischen den Staaten abzubauen? Das zu einer wirklichen Internationalen Arbeitsteilung kommt, wozu auch ein Technologietransfer gehört, damit die Staaten Regeln einführen können, um allen Bürgern Ihres Landes die Teilhabe am Wohlstand zu Ermöglichen?

    Wir brauchen keine Globalplayer, die die Staaten dieser Welt gegeneinander Ausspielen, so wie Heute!

    Arbeitspapier ab Kommentar 53:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-08/libor-zinsen-manipulation-london?commentstart=49#comments

    Nur ein Vollgeldsystem gibt den Staaten die Möglichkeit, Reichtum zu Beschränken, und allen Bürgern eines Staates, Teilhabe am Reichtum zu Ermöglichen!

    Übersetzten und Kopieren, anderen Menschen zum Lesen geben, alles erlaubt mit diesem Kommentar.

    Mfg genius1

    • 13. August 2012 um 13:21 Uhr
    • genius1
  9. Kommentar zum Thema

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