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China ist die größte Twitter-Nation

 

Eine Zahl, die viele überraschen dürfte: Obwohl Twitter im chinesischen Netz gesperrt ist, hat der Kurznachrichtendienst in der Volksrepublik im weltweiten Ländervergleich die meisten Nutzer. Mehr als 35,5 Millionen Aktive zähltGlobalWebIndex. Das sind mehr als in den Vereinigten Staaten (33 Millionen) und Indien (rund 23 Millionen).

Und ja, Sie haben richtig gelesen. Die Rede ist nicht von Weibo, dem chinesischen Pendant zu Twitter. Dessen Nutzerzahl liegt sogar bei mehr als einer Viertelmilliarde.

Wer innerhalb der Volksrepublik versucht, Twitter in die Suchmaske einzugeben, stößt auf eine leere Seite. Genauso ist es bei Facebook, YouTube und Flickr. Über sogenannte VPNs (Virtual Private Networks) hingegen können sich Chinesen über eine bestimmte Software direkt in einen ausländischen Server einloggen. Die Anfragen an twitter.com kommen dann nicht mehr über einen chinesischen, überwachten Server, sondern über einen im Ausland. Das Prinzip funktioniert nicht nur bei Twitter, sondern bei allen anderen Seiten weltweit auch.

Die Zahl der Twitter-Nutzer in China gibt deshalb auch noch über etwas anderes Auskunft: wie viele Menschen insgesamt die Netzzensur umgehen und sich damit den Vorgaben des Staates widersetzen. 35,5 Millionen der insgesamt rund 600 Millionen Chinesen, die regelmäßig online gehen – das klingt im Verhältnis zunächst einmal nicht viel. In absoluten Zahlen ist das aber ein hoher Wert.

Dass alles zeigt auch: Trotz all der Kontrollmaßnahmen und Propagandainstrumente hat die Führung in Peking den Informationsfluss im Netz nicht mehr im Griff.

10 Kommentare

  1.   Jo Schwarz

    Vorher hier gelesen: http://www.buntgrau.de/index.php/2012/10/07/trotz-zensur-hat-china-die-meisten-aktiven-twitter-user/? Sieht fast so aus … [IRONIE AN]Danke für die Blumen und dass kein Backlink gesetzt wurde …[IRONIE AUS]

  2.   Oydenos

    Schwer vorstellbar, daß die gcfw nicht in der Lage sein soll, gewöhnliche VPN-Server zu blockieren; selbst Netzwerke wie TOR müssen zwischenzeitlich den eingehenden Datenstrom verschleiern um nicht binnen Minuten blockiert zu werden.
    Es freut mich also zu lesen, daß es in China 35 Millionen Beinahedissidenten gibt, die in der Lage sind ein System so aufzusetzen, daß das funktioniert.
    Und daß die Betreiber der gcfw unfähig sind, das Herunterladen entsprechender Softwarepakete zu unterbinden.
    Und daß sie trotz aller Überwachungsmaßnahmen nicht in der Lage sind, die gmail- oder yahoomail- Kommunikation so zu überwachen, daß das Empfangen der Daten der aktuellen Einwahlknoten problemlos möglich ist.
    Und so weiter und so fort.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich halte das mit den 35 Millionen für pure Propaganda.

  3.   logo

    Was ist denn nicht Propaganda für manche Leute? Es ist seit jeher Tradition in China, von oben unmögliche Ver- und Gebote zu bekommen und diese dann zu umgehen. Viele meiner chinesischen Freunde benutzen auch Facebook mit VPN und das stört auch keinen. Als ob die chinesische Regierung so einen riesen Wert darauf legen würde und alle VPNs blockieren würde, was stellen sich manche Leute denn vor?

    Eigentlich ist es in den Familien schon so, die Eltern sind autoritär und die Kinder lernen damit ‚umzugehen‘, bzw. es zu umgehen. Jeder weiß es, es ist einfach so, später im Leben sind es nicht die Eltern sondern der Staat, na und? Man kennt es nicht anders und hat kein Problem damit…

  4.   Hazzl

    Nach meiner Erfahrung wird sogar eine ungetarnte ssh-Verbindung durch die GCFW nicht geblockt. Technisch ist die Durchtunnelung daher nicht schwierig. Natürlich kann ich nicht nachvollziehen, ob man mit Besuch von der Staatssicherheit rechnen muss, wenn man soetwas regelmäßig benutzt. Ich halte es aber durchaus für plausibel, dass 5% der chinesischen Internet-Nutzer irgendein VPN aufgesetzt haben.

  5.   Oydenos

    Ach so ist das also; die gcfw ist also nur eine potiemkin’sche.
    Danke für die Info. China ist also eine lupenreine Demokratie.
    Die Führung achtet also die Meinungsfreiheit der Bürger.
    Bei Orwell hieß solcher Mist Neusprech. Da ist Meinungsfreiheit dann die Freiheit von eigener Meinung.
    scnr.

  6.   kaizendesign

    Im Grunde ist Zensur ein dummer alter Zopf, der zwar die Ängste einer Machtelite widerspiegelt, jedoch nicht erforderlich ist. Denn auch bei uns hier im Westen ist man nicht gegen Propaganda gefeit und sieht alles durch die westliche Brille.

    Wir urteilen nämlich selber nach eingefahrenen Schemata, etwa: „In China gibt es eine Diktatur ohne Menschenrechte“ oder „In Syrien sind die Rollen klar verteilt“. Wir empören uns über Mißstände, machen aber beim weltweiten Ressourcengeschacher mit. Freilich haben wir als Konsumenten oder Mitarbeiter wenig Einfluß, etwas daran zu ändern. China ist inzwischen die Werkbank der Welt geworden, da es nie einfacher war, Unternehmer zu sein. Man muß nur eine Produkt- und Vermarktungsidee haben und kann diese sich dann in entsprechender Auflage in China produzieren lassen. Investitionen gehen nur in Marketing, nicht in Produktionsanlagen. Um Arbeitssicherheit und Umweltschutz muß man sich auch nicht kümmern.

    Auch ist nicht gesagt, daß in China keine Freiheitsrechte herrschen. Auf der Ganzen Welt gibt es in etwa eine 1000 US$-Grenze: Wer mehr zur Verfügung hat, kann das, was ihn bedrückt, zum Ausdruck bringen und hat eine gewisse Handlungsfreiheit. Wer darunter liegt, hat nicht viel zu sagen. So haben auch bei uns Geringverdiener wenig Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die sogenannten „Bildungsfernen“ keine Aufstiegschancen.

    Auch in den anderen aus westlicher Sicht angeprangerten „Menchenrechtssündern“, etwa im Iran, in Pakistan, in afrikanischen Staaten, zieht sich diese 1000 US$-Grenze durch die Gesellschaft und ein gewisser weltlicher Lebensstil ist auch dort ohne größere Hürden zu führen. Die anderen werden halt durch Gängeleien, sei es diktatorischer oder religiöser Art, in Schach gehalten.

    Zudem hatten ja auch im Rahmen des Arabischen Frühlings sogar grüne AA-Mitarbeiter zugegeben, daß das Thema „Menschenrechte“ im Prinzip ein Feigenblatt für die westlichen Medien war.

  7.   Oydenos

    Daß auch bei uns in D es nicht ausreicht, recht zu haben, sondern man es sich auch leisten können muß, recht zu bekommen, bestreite ich gar nicht.
    Und daß es auch hier zu Lande möglich ist, sich seine Gesetze zurecht biegen zu lassen kann (siehe z.B. das Meldegesetz, dessen zurechtgebogene Fassung um ein Haar rechtskräftig geworden wäre, in nur 57 Sekunden; ob die Revision von dem Mist wirklich besser wird/wurde ist durchaus fraglich), wenn man nur genug Kohle zur Verfügung hat, um zu lobbyieren, bestreite ich auch nicht.
    Und daß unsere Außenpolitik in weiten Bereichen vor Heuchelei nur so trieft, vor allem wenn es um Wirtschaftsinteressen geht, werde ich jetzt auch nicht anzweifeln.
    Aber hier werden Rauchern nicht die Nasen abgeschnitten, wie das schon am Hindukusch und in Nordafrika geschah und ich bekomme für dieses Posting keinen Besuch vom Staatsschutz, womit ich in China und wenigstens 100 anderen Ländern rechnen würde.


  8. Wieso reden eigentlich immer alle von der bösen chinesischen Propaganda? Das gibt es in jedem Land. Oder glaubt ihr, dass Artikel wie „Chinas Wirtschaftswachstum ist Schuld an der Euro-Krise“ und „Ahmadinedschad will die Bombe!“ seriöse Berichterstattung sind? Wohl kaum. Jedes System nutzt die Medien für ihre propagandistischen Zwecke. Und dass das auch funktioniert kann man daran erkennen, dass sogar die Journalisten glauben, was sie selbst zu Papier bringen :-)


  9. Gerade, weil die chinesische Regierung die Daten nicht unter ihrer Kontrolle hat, habe ich einen passenden Artikel dazu verfasst:

    Tipp an die chinesische Regierung: Lasst FACEBOOK in euer Land, dann erledigt sich die Überwachung von selbst

    Die Wichtigkeit von Sicherheit variiert von Kontinent zu Kontinent, von Nation zu Nation, von Regierung zu Regierung. Es gibt viele Regierungen, denen es besonders am Herzen zu liegen scheint, auf „ihr“ Volk „aufzupassen“. Schließlich sei die Welt doch viel besser und geschützter, wenn der Staat rund um die Uhr überwacht, kontrolliert und betraft.
    Zwei global sehr bedeutende Regierungen sind an dieser Stelle exemplarisch hervorzuheben: zum einen die Regierung der USA, zum anderen die Regierung der VR China. Paradoxerweise kann die chinesische Regierung punkto Überwachung von dem Land der unendlichen Freiheit lernen, wie effiziente Überwachung funktioniert. Mit freundlicher Unterstützung von Marc Zuckerberg. Er gibt den Menschen „Sicherheit“. Die Armee Zuckerberg vertraut auf ihren Führer und dessen System. Viele der potenziellen Kriminellen veröffentlichen ihr intimstes Innenleben mit Text, Bild und Ton. Dies alles lässt ein ziemlich genaues Profil von Personen erstellen.
    Mittlerweile gibt es auf offizieller Ebene sogar Polizisten die Ermittlungen über dieses Netzwerk öffentlich durchführen. Offiziell werden die Chatverläufe aller NutzerInnen per Maschine ausgelesen und bei Verdacht an MitarbeiterInnen von FACEBOOK zur Prüfung weitergeleitet. Auf inoffizieller Ebene hat sich der Geheimdienst enorm Arbeit gespart. Ich möchte wetten, dass sich durch FACEBOOK die Produktivität des amerikanischen Geheimdienstes um das x-fache erhöht hat!
    Das hört sich doch endlich mal nach einem geeigneten Überwachungsinstrument an, was sogar von der Bevölkerung unterstützt wird. Es hört sich nach einem Instrument an, was jegliche Systemkritiker ausfindig machen kann und diese in ihrer Arbeit behindern kann.
    Warum lasst ihr, als chinesische Regierung, FACEBOOK nicht endlich in euer Land?

  10.   abstracto

    Es ist wirklich beruhigend solche Statistiken zu lesen, wenn man sich überlegt was im chinesischen Web alles zensiert wird.
    Da soll die Bevölkerung mit dem umgehen der Zensur mal klarstellen, dass es einfach nicht mehr zeitgemäß ist, social-network-Seiten zu zensieren.