Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Warum China den US-Wahlkampf dominiert

Von 26. Oktober 2012 um 08:32 Uhr

Sie würden ja gern. Aber irgendwie klappt es nicht so recht. Sowohl Präsident Barack Obama als auch sein Herausforderer Mitt Romney haben in diesem US-Präsidentschaftswahlkampf mehrmals versucht, China an den Pranger zu stellen. Bei der dritten und letzten Debatte vor den US-Wahlen kündigte Romney am Montagabend lautstark an, als Präsident werde er eine härtere Haltung im Handelskonflikt mit China einnehmen und die Volksrepublik ganz offiziell als “Währungsmanipulator” brandmarken. Immerhin würden die USA Jobs verlieren, weil Peking “nicht nach den gleichen Regeln spielt”. Obama wollte ihm nacheifern. Ja, sagte er. China sei in der internationalen Gemeinschaft ein “Gegenspieler”. Zugleich aber relativierte er: China sei “ein Partner, sofern es sich an die Regeln hält”.

So angesagt China-Bashing in den Vereinigten Staaten derzeit ist – irgendwie klappt es mit der Volksrepublik als Feindbild nicht. Und das hat konkrete Gründe.

Seit über einem Jahrzehnt ist die USA mit ihrem Krieg gegen den Terrorismus im Nahen Osten und Afghanistan beschäftigt. Nahezu unbemerkt ist China in der gleichen Zeit zum zweitgrößten Handelspartner der Vereinigten Staaten aufgestiegen. Die größte und die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt treiben inzwischen Handel in einem Umfang von fast einer halben Billion Dollar, ein Antrieb für die gesamte Weltwirtschaft. Ganze Wirtschaftszweige in den USA sind heute von China abhängig.

Vor allem eine nicht unwesentliche Branche in den USA profitiert massiv vom Geschäft mit der Volksrepublik: die Landwirtschaft. China kann bereits seit einigen Jahren seine gigantische Bevölkerung nicht mehr aus eigener Kraft versorgen. Vor allem Weizen, Mais und Soja führen die Chinesen ein, die sich diese Importe wiederum erst leisten können, seitdem der Wohlstand gestiegen ist. Die USA ist inzwischen Chinas größter Agrarimporteur.

Zwar hat Romney, der “hart gegen China” vorgehen will, recht, dass viele Jobs in den USA wegen des Aufstiegs Chinas verloren gegangen sind. Nach Angaben des Economic Policy Institute haben die USA auf diese und ähnliche Weise seit 2001 rund 2,8 Millionen Arbeitsplätze an China verloren. Romneys früherer Arbeitgeber Bain Capital hat im übrigen selbst dazu beigetragen, indem das Unternehmen amerikanische Firmen abgewickelt und nach China ausgelagert hat, um dort niedrigere Löhne zahlen zu können.

Das alles ist aber nichts im Vergleich zu der Zahl von Jobs, die verloren gingen, wenn Romney es tatsächlich Ernst meint mit einem Handelskrieg gegen China.

Obama wiederum prahlte in der zweiten TV-Debatte damit, er persönlich habe dafür gesorgt, dass China die amerikanische Autozuliefererbranche nicht weiter mit billigen Reifen überflute. Seine Regierung habe 2009 Strafzölle gegen das chinesische Unternehmen Pneus eingeführt. Die Kollegen vom österreichischen Nachrichtenmagazin Profil schreiben zu Recht allerdings von einem “zweifelhaftem Erfolg” und zitieren eine Rechnung des Wirtschaftsforschungsinstituts Peterson Institute for International Economics. Zwar hätten die Zölle 1.200 amerikanische Arbeitsplätze gerettet. Allerdings hätten amerikanische Konsumenten insgesamt auch rund 1,1 Milliarden Dollar mehr für ihre Reifen zahlen müssen.

China wiederum wehrte sich und erhob ein Strafzoll auf Geflügelteile aus den USA. Das bescherte amerikanischen Farmern einen Exportausfall von rund einer Milliarde Dollar. Was Obama in der TV-Debatte ebenfalls nicht erwähnte: Den Strafzoll auf die Reifen hat die USA im September stillschweigend wieder auslaufen lassen.

Jeder, der sich ein wenig mit den amerikanisch-chinesischen Beziehungen beschäftigt und auch die Chinesen selbst, gehen davon aus, dass sowohl Obama als auch Romney nach dem Wahlkampf verbal gegenüber China wieder abrüsten werden.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Mal abgesehen vom Feinbild, ein schöner Beitrag darüber, dass Politiker sich mehr ähneln als man glaubt, auch wenn sie unterschiedlich etikettiert sind.

  2. 2.

    Exte Ironie
    China ist der fleißigste Amerikasschuler))

  3. 3.

    Das Problem wird sich in den kommenden Jahren von selbst lösen. Die chinesische Mittelschicht steigt, immer mehr Menschen wollen Luxus. Irgendwann werden es sich die chinesischen Unternehmen nicht mehr leisten können, so geringe Produktionskosten zu haben und müssten die Produkte teurer weiterverkaufen. Das chinesische Leben wird europäische Grundzüge annehmen, zumindest in der Lebensqualität.
    Sollte Indien allerdings eine ähnliche Entwicklung, wie China in den letzten Jahrzehnten hinlegen, werden sie zum “Neuen China” und können den Markt mit Billigwaren überfluten.

  4. 4.

    China heute ist ein reines Kapitalismusprodukt!!

    China der schlafende Riese hat sehr lange sich nicht gerührt, bis die Kapitalisten kamen und die Menschen dort bedrohten durch immer dieselbe Art und Weise. Lobbyismus, angeblicher Freiheit und billigen Geschenken durch mehr Luxus für die, die dem Kapitalismus huldigen. Die Folge ist, die guten menschlichen Werte werden untergraben und ins Negative pervertiert.
    Die Chinesen waren in der Masse damit nicht einverstanden und haben sich gewehrt durch die Kulturrevolution. Die Kulturrevolution verfolgte ein einfaches und sehr brutales Ziel, töte jeden der eine kapitalistische Gesinnung hat, es entstand ein Staatsmonopolkapitalismus wie der in den USA.
    Die Amerikaner haben vorher jeden getötet der ihrer Entfaltung genannt Freiheit im Wege stand zum Beispiel die Indianer also im Grunde dasselbe.
    Diese beiden heute Gleichen beugen sich nun misstrauisch!! Die Folgerung ist wenn China nicht bedroht worden wäre, wäre China vielleicht heute das Zentrum für Frieden oder anderes. Gewalt erzeugt immer Gewalt dadurch leben wir Weltweit in einem ewigen gewalttätigen System welches uns dem Zugang zum Paradies versperrt.
    Das Paradies ist die gewaltfreie Welt und die Achtung jedes Lebens und der Schöpfung an sich. Durch das Verfolgen von negativen und gewalttätigen Zielen wie dem Kapitalismus hat sich die Menschheit von den Kapitalisten verlocken lassen und aus dem Paradies ausgesperrt.

  5. 5.

    Ich glaube die größte Angst der USA ist ihre Dominanz im globalen Handel zu verlieren. Stichworte: Petrodollar, IWF, Weltbank.

    China strebt ja schon länger eine stärkere Rolle des Yuan an und der IWF denkt mittelfristig über eine Ablösung des Dollars als Leitwährung nach. In Frage kommen würde der “SDR”, ein Mittelwert aus den Währungen aller beitrittsländer.

    Auch die BRICS Staaten kommen immer weiter vorran in den Planungen für alternative Wege zum US-dominierten Finanzsystem.

    Auch im Entwicklungsbereich prescht China vorran mit alternativen Entwicklungskrediten in Konkurrenz zu Weltbank und IWF.

    Auch der Iran spielt hier eien Rolle mit dem Ausbau des Ressourcenhandels abseits des Dollars und westlicher Börsen.

    Die wahre Macht der USA ist die Dominanz über das Bank- und Kreditsystem. Wird das gebrochen, werden für die USA mittelfristig die gleichen regeln gelten wie für andere Länder und die Staaten werden an ihrer immensen Verschuldung zusammenbrechen.

  6. 6.

    Oben erwähnte Strafzölle haben also die Konsumenten fast eine Million Dollar pro temporär bewahrtem Arbeitsplatz gekostet. Über 90% des Geldes dürfte also eben nicht den Arbeitern zugute gekommen sein. Unternehmergewinne, Lobbyistenhonrare, “Spenden” an Politker.

    Was bleibt ist die gelegenliche Ehrung eines chinesischen Dissendenten (Nobelpreis, Ehrendoktor usw.) als billiger Nadelstich, auf den die chinesische Führung etwas verschnupft, aber nicht wirklich ernsthaft reagiert.

    Man braucht sich gegenseitig. Einen Handelskrieg will keiner, schon gar keinen richtigen Krieg zwecks “regime change”. Ohnehin ist die militärische Schlagkraft nicht ausreichend, um einen solchen in Ländern jenseits der Grösse von Grenada umzusetzen.

    • 26. Oktober 2012 um 15:53 Uhr
    • zappp
  7. 7.

    Aber China schafft es irgentwie die Arbeitsmarktpolitik so auszurichten, dass die Mittelschicht wächst. Man muss den Chinesen schon anerkennen, dass sie ziemlich effektiv versuchen eine Mittelschicht aufzubauen die mittelfristig den Konsum ankurbeln kann.
    Der direkte Vergleich zwischen China und Indien z.B. zeigt, dass die Chinesen – trotz ihrer demokratischen Defizite – es irgentwie schaffen Hunger und Armut effektiv zu bekämpfen.

    China lenkt die durch den Export eingenommenen Überschüsse ziemlich geschickt in Infrastruktur und Lohnerhöhungen.

    Während in Indien die Profite versickern in einer ultrareichen Oberschicht oder direkt ins Ausland gehen, versteht es China deutlich mehr vom gestiegenen Reichtum im Land zu behalten.

    Und wenn das wirklich funktioniert, dass China eine Mittelschicht aufbaut die mittelfristig hochwertige Produkte aus Europa oder den USA importiert, dann funktioniert ja die Globalisierung irgentwie.

  8. 8.

    Die US-Kapitalisten stehen doch schon lange in Kooperation mit den chinesischen Kapitalisten. Nicht zuletzt hat der wirtschaftliche Aufstieg Chinas mit der bedingungslosen Profitorientierung und dem Auslagern von Fertigungsstandorten in das Billiglohnland China zu tun. Wären nicht die Produkte aus China, der Wohlstand vieler US-Bürger würde dramatisch sinken. Das wissen auch die US-Kapitalisten. Weil sie aber das eigenen Land derart ausgebeutet haben, hängen sie jetzt unweigerlich am Tropf Chinas, da der Lebensstandard ansonsten dramatisch sinken würde und es nicht bloss bei 50 Millionen Essensmarkenbezügern bliebe. Die chinesischen Kapitalisten haben schnell gelernt, jetzt werden sie ihren Mentoren gefährlich. Und genau das ist das Problem der US-Wirtschaftspolitik. Der Kapitalismus hat das Sowjetsystem besiegt, scheitert abeer an der eigenen Substanzlosigkeit.

  9. Kommentar zum Thema

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