Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas neue Wutbürger begehren auf

Von 29. Oktober 2012 um 09:56 Uhr
Demonstranten in Ningbo © AFP/Getty Images

Demonstranten in Ningbo © AFP/Getty Images

Wütende Bürger, umgekippte Autos, ein Großaufmarsch der Polizei. Die Bilder, die dieser Tage tausendfach im Netz kursieren, sind auf den ersten Blick nichts Besonderes. Sie zeigen die Proteste in Ningbo, einer Hafenstadt im Osten des Landes, keine 100 Kilometer von Schanghai entfernt. Die Bürger gehen dort auf die Straße, um gegen den Bau einer neuen Raffinerie zu protestieren.

Solche Demonstrationen sind in China mittlerweile an der Tagesordnung. Jedes Jahr gibt es mehr als hunderttausend Demonstrationen, rechnete unlängst die Akademie für Sozialwissenschaften in Peking vor. Meist richtet sich der Volkszorn gegen Zwangsräumungen, umweltschädliche Großanlagen oder Behördenwillkür.

Was den Protest der vergangenen Tage besonders macht, ist der Ort: Ningbo ist eine besonders wohlhabende Stadt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt hier bei mehr als 1.000 Dollar im Monat – weit über dem Durchschnitt des Landes. Die Protestbilder und Kurznachrichten im Netz lassen deutlich erkennen, dass es sich bei den meisten Demonstranten um Angehörige einer Mittelschicht handelt, die immer souveräner auftritt.

Die Demonstranten hatten zunächst mehrere Tage lang friedlich gegen die geplante Anlage protestiert. Die Fabrik soll im dicht besiedelten Stadtteil Zhenhai entstehen und sie soll unter anderem das krebserregende Paraxylol produzieren. Dabei handelt es sich um einen Basisstoff, der auch zur Herstellung von Plastik verwendet wird. Um die Fabrik bauen zu können, sollen einige Tausend Menschen umgesiedelt werden. Auch dagegen richtet sich der Protest. Berichten zufolge setzte die Polizei in der Nacht zum Sonntag Wasserwerfer und Tränengas ein, um die Demonstranten auseinander zu treiben. Daraufhin eskalierte die Situation. Augenzeugen berichten von Demonstranten, die eine Polizeiwache mit Steinen bewarfen. Die Polizei wiederum schlug mit Knüppeln zu. Dutzende sollen verletzt worden, ein Mensch sogar gestorben sein.

Die Kommunistische Partei und die Behörden sind dieser Tage besonders nervös. Auf dem 18. Parteikongress wird erstmals seit einem Jahrzehnt ein Wechsel an Chinas Führungsspitze eingeleitet. Die Behörden haben zuletzt noch mehr kritische Internetseiten als sonst blockiert. Die Zensurbehörden achten sehr viel genauer auf kritische Einträge auf dem twitterähnlichen Kurznachrichtendienst Sina-Weibo.

Die Umweltproteste in Ningbo wussten die Behörden offensichtlich aber nicht zu verhindern. Das dürfte mit dem unterschiedlichen Protestspektrum zu tun haben. In den vergangenen Jahren waren es vor allem Bauern und Wanderarbeiter, die aufbegehrten. Ihr Protest war spontan und meist schnell vorbei. Chinas neue Wutbürger stammen aus der Mittelschicht, sie sind sehr viel professioneller organisiert. Sie nutzen die sozialen Netzwerke und wissen sich auch juristisch und über ihre Öffentlichkeitsarbeit besser zu wehren.

Die Behörden wissen das. Während einer Krisensitzung der Kommunistischen Partei am Samstagabend gaben örtliche Funktionäre zu, dass das Fabrikprojekt noch gar nicht formell genehmigt wurde. Und sie erklärten sich tatsächlich dazu bereit, den Bau der Raffinerie zu überdenken.

Kategorien: Umwelt
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Arbeiterproteste und Umweltproteste müssen unterstützt werden. Schon allein aus Eigeninteresse. Denn steigende Löhne und Umweltauflagen in China stabilisieren das Gleichgewicht des weltweiten Handels. Es gibt der Industrie im Westen mehr Luft zum Atmen, der duch die chinesischen Dumpingspreise generiert wird. Ausserdem erhöht er den Lebensstandard in Chian und erhöht die Kaufkraft, wovon wieder unser Export profitiert.

    Steigt der Wohlstand, steigt auch die Wahrscheinlichkeit für politischen Wandel.

    Arbeitskämpfe unterstützen ist nicht die Priorität deutscher Aussenpolitik, da sie natürlich der produzierenden Industrie nicht passt. Das ist aber falsch und kurzsichtig, da gerade die Industrie mittelfristig von der steigenden Nachfrage aus China profitiert.

  2. 2.

    überall beobachtbarer und erwartungsgemäßer Weg vom Manchester Kapitalismus zur umweltgerechten Neuzeit, ist genügend Kapital selbst erwirtschaftet worden, hat sich eine breite Mittelschicht etabliert, kommen sekundäre Anliegen zum Vorschein, hier allerdings in Rekordtempo .. mal sehen, was die KP daraus macht, unendlich den Deckel drauf halten kann sie nicht, zumal geschwächt durch derzeitige Korruption und Verlust des neuen Kronprinzen Xi Jinping ..

    darum meine Bitte, beendet die Entwicklungshilfe und treibt Handel mit Afrika und anderen dritte Weltländern .. in null komma nix sind das Staaten mit dem größten Wachstum und können ihre Probleme selber lösen

    Entwicklungshilfe ist sanfter Rassismus!

    • 29. Oktober 2012 um 11:54 Uhr
    • apollo23
  3. 3.

    提到底是个小孩谁的确不过来问了解到来说明亮的吧一个人子们有一个叫声调到底是

    • 29. Oktober 2012 um 12:01 Uhr
    • 对他
  4. 4.

    Ja bei uns werden die “Wutbürger” zusammengeknüppelt. China ist eben eines der demokratischten Länder der Welt zudem mit der höchsten Streikquote. Der Michel sollte sich an diesem politischen System ein Beispie nehmen. Die Partei dient eben den Massen…..

    • 29. Oktober 2012 um 12:01 Uhr
    • OECD2012
  5. 5.

    Es wäre schon ein großer Schritt wenn die Medien dieses unsägliche Wort “Wutbürger” weglassen würden…

  6. 6.

    ich freue mich immer wieder berichte zur politischen situation aus dem ausland zu erhalten und insbesondere aus china.

    aber:
    bei uns in europa heißen wutbürger , welche autos umkippen : chaoten und krawallmacher . sie randalieren !!

    aber: in china sind es wutbürger!

    P.s.
    am wochenende hat es in leipzig ein demo gegeben mit über 1000 menschen!
    u.a. gegen rassismus und neofaschismus!

    und wo bleibt da der beitrag! (vielleicht nicht so wichtig!)
    danke

    • 29. Oktober 2012 um 12:21 Uhr
    • rommmel
  7. 7.

    Das wird ein Spaß wenn die KP von den Ergebnissen ihrer eigenen “Arbeit” überrollt wird. Man kann nur hoffen das es mancheinem Organ hier genauso geht ;)

    • 29. Oktober 2012 um 12:30 Uhr
    • deDude
  8. 8.

    Politisch ist man wohl weiterhin ganz zufrieden, es muss eine konkrete Behörden- Verfehlung vor Ort geschehen um eine solche Demonstration auszulösen. Aber wer weiss, vielleicht ändert sich das noch. Chinas Bürger, Pardon Genossen dämmert womöglich dass sie sich nicht (mehr) alles gefallen lassen müssen- für die Staatselite eine nicht ungefährliche Lage.

    • 29. Oktober 2012 um 12:32 Uhr
    • Minando
  9. Kommentar zum Thema

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