Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Peking kämpft gegen Mikroblogger und Pingpongbälle

Von 6. November 2012 um 12:44 Uhr

Die Bewohner von Peking sind es gewohnt, dass die Behörden alle paar Monate die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen. Während des nationalen Volkskongresses im Frühjahr gelten strenge Sicherheitsregeln, ebenso wie zum Jahrestag des Tiananmen-Massakers am 4. Juni. Oft kommt es vor, dass die Polizei ohne größeren Anlass ihre Präsenz verstärkt. Dann stehen Soldaten auf jeder Brücke, an jeder Kreuzung und vor jedem großen Gebäude.

Das ist jetzt, kurz vor dem 18. Parteitag von Chinas regierenden Kommunisten am Donnerstag, nicht anders. Und dennoch toppt der Sicherheitsapparat alles bislang Dagewesene.

Rund 1,4 Millionen Bürger haben Pekings Behörden angeheuert, damit sie neben den vielen Polizisten und Soldaten für einen reibungslosen Ablauf in der Stadt sorgen. Amnesty International berichtet von mindestens 130 Oppositionellen, die seit September verhaftet oder unter Hausarrest gestellt sind. Einige wurden gezwungen, Peking für die Zeit des Parteitages zu verlassen.

Zu dem Sicherheitskonzept gehört auch, dass Taubenzüchter ihre Vögel nicht mehr aus dem Schlag lassen dürfen. Immerhin könnten die Vögel subversive Botschaften überbringen. In vielen Geschäften sind keine Küchenmesser mehr erhältlich. Der Transport von gefährlichen Gütern, etwa Tankwagen mit brennbarer Flüssigkeit, sind in der Stadt bis auf weiteres verboten. Taxifahrer sind verpflichtet, auf den Rücksitzbänken die Fensterkurbeln abzuschrauben. Fahrgäste könnten Pingpongbälle aus dem Fenster werfen, auf denen unerwünschte Botschaften stehen.

Auch virtuell haben Chinas Sicherheitsbehörden aufgerüstet. Seit mehr als einer Woche ist das Internet im ganzen Land außerordentlich langsam. Netzexperten vermuten, dass die Zensoren spezielle Filter aktiviert haben, die den Datenfluss im chinesischen Netz hemmen. Die Behörden sollen auch gegen Nutzer vorgehen, die über sogenannte Virtual Private Networks (VPN) – Entsperrdienste aus dem Ausland – die “Große Firewall” umgehen.

Auch die VPN werden zum Ziel von Attacken. Die Nutzungsprotokolle der Dienste zeigen, welcher Methode sich die staatlichen Zensoren bedienen: Wenn sie einen VPN-ähnlichen, geschützten Datenstrom entdecken, mischen sie regelmäßig falsche Datenpakete dazwischen. Der Netzwerkrechner im Ausland verschluckt sich daran und schließt meist die Verbindung. Der Effekt: Der Datenfluss wird unzuverlässig und lückenhaft. Viele Nutzer geben diese Methode daher entnervt auf.

Chinas paranoide Führung sieht im Internet und vor allem in den sozialen Netzwerken eine neue Gefahr. Quantitativ hat sie damit sicherlich Recht: Waren beim letzten Parteikongress 2007 gerade einmal 200 Millionen Chinesen online und die sozialen Netzwerke noch wenig verbreitet, liegt die Zahl der Nutzer nun bei mehr als einer halben Milliarde. Vor allem Blogs und die Twitter-ähnlichen Kurznachrichtendienste sind sehr weit verbreitet und werden trotz der staatlichen Zensuranstrengungen eifrig zum Austausch regierungskritischer Botschaften genutzt. Sie haben inzwischen sogar einen größeren Verbreitungsgrad als die vielen Tageszeitungen im ganzen Land, die alle mehr oder weniger staatlich zensiert werden.

Ein unmittelbares Opfer der Internetpolizisten gibt es bereits: Ein Gericht in der südwestchinesischen Stadt Kunming hat am Donnerstag einen 27-jährigen Betreiber eines Internet-Cafés zu acht Jahren Haft verurteilt. Er soll ein Online-Forum organisiert haben, in dem die Teilnehmer unter anderem über Reformen und Demokratie diskutiert haben. Die Richter werfen ihm “Untergrabung der Staatsgewalt” vor.

Kategorien: Allgemein, Netzökonomie
Leser-Kommentare
  1. 1.

    paranoid ist wohl noch ein freundlicher Ausdruck für diese Verhältnise,da scheint die nackte Panik zu regieren
    wenn das mal gut geht auf Dauer,oder sich das Land eines Tages in einen einzigen Platz des himmlischen Friedens verwandelt
    unglaublich

    • 6. November 2012 um 16:18 Uhr
    • reineke
  2. 2.

    …”Chinas paranoide Führung”………

    da hat sich der autor “ganz schön weit raus gelehnt” !

    ….ob das deutsche arbeitnehmer gern anhören würden, wenn die chinesen jetzt sich betriebe in deutschland kaufen und arbeitsplätze sichern ?

    einfach flach und frech !
    Bildniveau……………

    • 6. November 2012 um 16:20 Uhr
    • rommmel
  3. 3.

    Lieber Vorrednern, in Deutschland hat ein Artikel in der Zeit mit den Interessen deutscher Arbeitnehmer oder Arbeitgeber zunächst ein Mal nichts zu tun.

    • 6. November 2012 um 16:51 Uhr
    • larse
  4. 4.

    “auf den Rücksitzbänken die Fensterkurbeln abzuschrauben.”

    Das erinnert mich an die Vorbereitungen als Georg Bush in 2005 Mainz besuchte, da wurden 5000 zusätzliche Polizisten aus anderen Ländern angekarrt und die Gullideckel zugeschweißt.
    http://www.stern.de/politik/deutschland/mainz-vor-dem-b-day-bush-schliesst-kanaldeckel-und-schulen-536863.html

  5. 5.

    Dass die Chinesen eine Demokratie wollen, ist verständlich – und auch ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass es in China bereits eine Mittelschicht gibt, die Zeit hat, sich über Politik Gedanken zu machen.
    Demokratie heißt Volksherrschaft.
    Wenn ich so herumschaue, so ist dies am ehesten in der Schweiz und in Island verwirklicht. Beide Länder sind sehr klein, das große China wird daher wahrscheinlich deren Modell für seine Gegebenheiten anpassen müssen.
    Ein paar Anregungen sind vielleicht auf
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069Buch/2069D_17.html
    (Suchbegriff: Macht unmittelbar beim ,Volk
    TKS = TeleKommunikationsSystem )
    Ein Übergang von einer Einparteien-Herrschaft zu Demokratie bedarf einer flächendeckenden Vorarbeit – vor allem sofort umsetzbare Entwürfe -, anderfalls endet das wahrscheinlich im Chaos und China wird wieder Spielball fremder Mächte.
    Dass es Staaten gibt, die China gerne im Chaos hätten und die dafür einiges Geld ausgeben, das ist bekannt und dass dadurch die Chinesische Regierung manchmal möglicherweise überreagiert ist bedauerlich.
    Übereifrigen und vorschnellen Demokratisierern würde sogar ich als überzeugter Demokrat misstrauen, denn damit kann mensch ein Land in ein tödliches Chaos stürzen – einige Beispiele dafür gibt es ja schon.
    Dass die derzeitige Regierung auch Angst vor der Bevölkerung hat, ist gut, denn dadurch muss sie etwas für die Bevölkerung tun – und wenn ich China mit Indien vergleiche, so glaube ich, dass die chinesische Regierung mehr fürs Volk tut als die ‘demokratische’ indische.
    Ich bin zuversichtlich, dass China seinen Weg zur Demokratie finden wird, China hat ja Erfahrung mit Systemwechseln.

    • 11. November 2012 um 11:27 Uhr
    • Heinz Göd
  6. Kommentar zum Thema

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