Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas Finanzindustrie steht vor einer Revolution

Von 13. November 2012 um 11:15 Uhr

Es passiert nicht oft, dass ausländische Journalisten gleich mehrere ranghohe chinesische Banker auf einmal zu Gesicht bekommen. Am Sonntag war das der Fall. Am Rande des Parteitags der Kommunistischen Partei, auf dem Chinas neue Führung abgesegnet werden soll, bat die Finanzwelt des Landes zur Pressekonferenz. Auf dem Podium saßen Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochuan, der Vorsitzende der Kommission für Bankregulierung sowie die Chefs der Bank of China, der Construction Bank, der ICBC sowie der Agricultural Bank – die inzwischen vier größten Banken der Welt. Was die Herren mit ihrem Auftritt zeigen wollten: China steht in den kommenden Jahren vor einem gigantischen Umbau seines Finanzsystems.

So steht es auch in einem Report, den die britische Großbank HSBC vor Kurzem veröffentlicht und den das Wall Street Journal unlängst aufgegriffen hat. Die HSBC-Analysten gehen davon aus, dass sich das Reformtempo in Chinas Finanzsektor unter der neuen Führung beschleunigen wird. In dem Report ist gar von einer “Revolution” die Rede.

Für die Umwälzung gibt es Gründe: Der Reformdruck im Land steigt, Chinas neue Führung wird damit mehr zu tun haben als die alte. Viele der neuen Spitzenpolitiker besitzen mehr ökonomischen Sachverstand als jene der früheren Führung. Vor allem auf dem künftigen Premierminister Li Keqiang ruhen große Hoffnungen.

Der neue Premier will Chinas Binnenwirtschaft stärken und den Konsum ankurbeln. Chinas Volkswirtschaft soll unabhängiger werden vom Export. Die Löhne im Land steigen, die Industrieländer schwächeln – das alles wird die Exportquote ohnehin drücken. China will außerdem den Übergang von einem Schwellen- zu einem Industrieland wagen. Dafür müssen sich aber auch die Finanzstrukturen ändern.

Den größten Reformbedarf sehen die HSBC-Analysten im Bankensektor. Chinas Bankinstitute gehören zwar zu den größten der Welt – aber dafür gibt es Gründe: Sie finanzieren die Staatsunternehmen und den Staat. Im Gegenzug genießen sie jegliche Form der Rückendeckung, sobald sie in Schwierigkeiten geraten. Wettbewerb kennen die Banken nicht, sie handeln im Auftrag des Staates. Dieses System hat China beim gezielten Aufbau zur zweitgrößten Volkswirtschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten zwar große Dienste erwiesen. Nun aber offenbaren sich gravierende Mängel.

Ein zu schwacher Kapitalmarkt etwa. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieser dem Staat zu wenig Geld zur Verfügung stellen kann, um die gewaltigen Investitionen der kommenden Jahre zu finanzieren. Nach Berechnungen der HSBC-Analysten benötigen die Kommunen und Provinzregierungen in den nächsten zehn Jahren umgerechnet zwei bis drei Billionen Dollar, um die vielen Infrastrukturprojekte zu finanzieren, die im Zuge der weiter anhaltenden Landflucht in die Städte anfallen.

Dieses Geld ist bei den Chinesen angesichts einer Sparquote von 50 Prozent durchaus vorhanden. Doch die Bürger rücken mit ihrem Geld nicht heraus. Es fehlt ihnen an attraktiven Finanzprodukten, denen sie vertrauen.

Ein wichtiger Schritt, um das Kapital zu mobilisieren, ist der Aufbau eines Anleihemarktes. Erste Pilotprojekte für Kommunalanleihen gibt es zwar schon. Dem HSBC-Bericht zufolge soll es aber schon bald so viele Anleihen geben, das dieser Markt wirklich von nennenswerter Bedeutung ist. Die Analysten gehen davon aus, dass sich das Anleihevolumen in den kommenden fünf Jahren verdoppeln wird. Das dürfte den Bankensektor entlasten. Der müsste sich schließlich weniger um die Finanzierung der staatlichen Infrastrukturprojekte kümmern und könnte sich stärker um Konsumkredite und den Mittelstand kümmern.

Schon jetzt erwirtschaftet Chinas Privatsektor rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Hier werden die Hälfte der Steuern gezahlt, hier arbeiten 80 Prozent aller Angestellten. Bei der Kreditvergabe werden kleine und mittelständische Unternehmen dennoch eher stiefmütterlich behandelt.

Der Grund: In China galt bisher ein Einheitszinssatz, was den Wettbewerb zusätzlich geschwächt hat. In Volkswirtschaften mit weitgehend freien Zinsmärkten müssen kleine, risikoreichere Unternehmen zwar höhere Zinsen in Kauf nehmen. Sie kommen aber an Geld heran. Nicht aber in China. Hier erhalten Banken bei der Kreditvergabe immer den gleichen Zinssatz. Deswegen geben sie ihr Geld lieber an renditesicherere Großunternehmen oder Staatsunternehmen, für die der Staat bürgt. Kleine Unternehmen erhalten oft überhaupt keinen Kredit. Die Aufhebung des Einheitszinses würde zu mehr Wettbewerb im Bankensektor führen.

Chinas Zentralbank hat in den Sommermonaten bereits mit der Liberalisierung des Zinssatzes begonnen. Die neue Führung dürfte diesen Prozess noch beschleunigen, schreiben die HSBC-Analysten.

Für die größte Aufmerksamkeit im Ausland dürfte nach Ansicht der HSBC-Analysten die vollständige Konvertierbarkeit des Renminbi sorgen. Auch hier hat die bisherige Führung die Weichen gestellt. Sie hat begonnen, die Landeswährung zu internationalisieren. China handelt bereits mit einer Reihe von Ländern im Renminbi und nicht mehr wie bis vor Kurzem in Dollar. Elf Prozent des China-Handels wird bereits in Renminbi abgewickelt.

Die Analysten gehen davon aus, dass sich dieser Anteil in den nächsten drei Jahren auf mehr als 30 Prozent erhöhen wird. Damit wäre der Renminbi nach dem Dollar und dem Euro die weltweit drittmeist gehandelte Währung. Spätestens in fünf Jahren, so die Analysten, ist der Renminbi dann vollständig konvertierbar. Behalten die HSBC-Analysten recht, wird Chinas Führung die Kontrolle über einen Großteil des bisher staatlich gelenkten Finanzsektors verlieren. Die Zeit dafür ist gekommen.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    China wird all das machen, was in Europa aus ideologischer Motivation und Unkenntnis über das wirklich nötige Maß hinaus eingeschränkt wird.

    China will auch im Finanzsektor die Nr. 1. werden, und so wenig, sich die USA reinreden lassen, werden sich die Chinesen reinreden lassen.

    Diese Entwicklung passiert nicht von heute auf morgen. Vielleicht erst in der Sonderwirtschaftszonen, aber über kurz oder lang in ganz China. Die alten Kräfte des Kommunismus werden langsam zurückgedrängt, weil sie den Anforderungen einer modernen Volkswirtschaft nicht entsprechen können.

    Indikativ dafür ist z.B. die Erlaubnis von Algotrading – gegen den Trend.

    Es wird also nicht ausbleiben, dass auch in China selbst, sowie zwischen China und der Welt, ein aktiver hochvolumiger “Finanzmarkt” entsteht, der natürlich ein Vielfaches des Volumens der mit ihm verknüpften Realwirtschaft haben wird. Das ist unabdingbar, da die meisten effektiven Instrumente derivativer Natur zu den “Underlyings” der Realwirtschaft sind. Auch hier ist das asiatische Volumen an de Plätzen Hongkong und Singapur ein Vorbote.

    Europa hängt sich, ideologisch motiviert, gerade selbst ab. Es verdammt sich in die Bedeutungslosigkeit, je mehr unsinnige Schranken man sich auferlegt. Ein gutes Beispiel ist auch die Hysterie und Diffamierung von Spekulation.

    Mit der “Sparkassenideologie” jedenfalls kann man als Exportnation international eher auf der Bedeutungsstufe von Burkina Faso agieren.

    Zusammen mit dem Linksruck in Europa bestätigt diese Information aber die These der zunehmenden Angleichung der Systeme, vielleicht mit dem Endziel, diese irgendwann, bei Erreichen der Kompatibilität, zusammenzuführen.

  2. 2.

    Dass die Bürger “mit ihrem Geld nicht heraus” rücken liegt auch daran, dass sie auch einiges für’s Altenteil zurücklegen müssen, denn eine Rentenversicherung wie wir sie kennen gibt es nicht. Denn ob der eigene Nachwuchs das mal übernimmt ist, darauf wird sich wegen der Ein-Kind-Politik wohl kaum jemand verlassen, und da die Rücklagen angesichts der galloppierenden Inflation auch schnell schwinden können bleibt wohl kaum etwas übrig, was man aufs Spiel setzen könnte. Von daher wird die Bankenreform wohl nicht ausreichen, wenn nicht auch eine umfassende Reform des Rentensystems folgt.

    • 13. November 2012 um 14:02 Uhr
    • Joe
  3. 3.

    Zu dumm, dass diese wirtschaftliche Revolution wohl nicht mit einer demokratischen Revolution einhergehen wird.
    Was die Radikalisierung der Finanzbranche angeht kann man wohl nur hoffen, dass es sich im Rahmen halten wird. Es gibt sicher keinen Grund, die gleichen Fehler, die wir begangen haben dort zu wiederholen.

    • 13. November 2012 um 14:16 Uhr
    • FloH48
  4. 4.

    Sehr geehrte/r Tangens alpha,

    als ich Ihren Kommentar las, spürte ich das Verlangen, Ihrem Standpunkt etwas entgegenzusetzen.

    Die Transition des chinesischen Finanzmarktes vom streng regulierten hin zum weniger regulierten Finanzmarkt ist kein Akt der Vernunft, sondern das Ergebnis der insgesamt repressiven politischen Haltung Chinas.

    Ich denke, dass die Realwirtschaft immer die Orientierung für jeden Finanzmarkt sein sollte. Das hat zwar zum Nachteil, dass Kapital eher sperrlich vorhanden ist, führt aber zu einem ausgegelichenen und gesunden Wachstum. De facto können kaum bis keine Finanzblasen entstehen.

    China hat sich durch seine politische Kultur selbst unter Druck gesetzt: Die chinesische Bevölkerung erfährt immer mehr über die so genannte westliche Kultur. Sie will partizipieren – politzisch und wirtschaftlich. Um die politische Legitimation zu behalten, muss die politische Führung natürlich diese Bedürfnisse so befriedigen, dass sie selbst an der Macht bleibt.

    Aus diesem Grund macht die KP versprechen zur Entwicklung des Landes, um die entsprechende Legitmation (für das Volk zu sorgen) aufrechtzuerhalten.

    Ich denke, wir sollten unsere Entwicklung nicht vergessen. Die europäische Wirtschaft und Industrialisierung hat sich pragmatisch mit einer engen Verbindung zwischen Banken und Industrien entwickelt. Die Probleme der Finanzkrisen sind Probleme des 20./ 21. Jahrhundert. Meiner Meinung nach sind diese Krisen auf Fehl- und Trugschlüsse zurückzuführen, deren gravierende Verirrung mit denen von Religionen gleichzusetzen sind.

    China sollte also seine Industrien behutsam aufbauen und bestehende Regulationen nur langsam aufheben. Wahrscheinlich wird das nicht passieren. Schade eigentlich.

    • 13. November 2012 um 15:11 Uhr
    • VorwaertsEuropa
  5. 5.

    @ #1
    “Europa hängt sich, ideologisch motiviert, gerade selbst ab. Es verdammt sich in die Bedeutungslosigkeit, je mehr unsinnige Schranken man sich auferlegt. Ein gutes Beispiel ist auch die Hysterie und Diffamierung von Spekulation.”

    Ich halte das aus 2 Gründen für Falsch:
    1. Das Modell was sich in China emporreformiert, ist eine skrupelose Plutokratie, in der das Kapital alle bedeutenden Gesellschaftlichen Entscheidungen trifft ohne auf irgendwelche sozialen Belange Rücksicht zu nehmen und die Gesellschaft in wenige Systemprofiteure und viele Systemverlierer aufteilt.
    Auch wenn das vielleicht derzeit v.a. für Chinesen ein verlockendes Modell ist, da im freien Kapitalismus prinzipiell JEDER Reich werden und zu den Profiteuren zählen kann.
    Nur eben nicht ALLE.
    Eine sozialdarwinistische, totalitäre Warengesellschaft die – lassen wir die Operetten-Demokratie mal weg – vorrangig durch Geld gesteuert wird, d.h. v.a. durch die, die (viel) Geld besitzen, halte zumindest ich für nicht erstrebenswert.

    2. Ihren “Linksrutsch” in Europa kann ich nicht erkennen; vielmehr versucht die EU durch Reformprogramme, also Schleifen sozialer Errungenschaft und v.a. Konsessionen die über Jahrzehnte dem Faktor Kapital abgerungen wurden, den Transformationprozess zu einer reinen “marktgerechten Demokratie” zu vollziehen; die EU also sehrwohl (kapitalistisch) Wettbewerbsfähig bleiben will.

    Europa muss sich die Frage stellen; ob es den Kapitalismus beibehalten will und dementsprechend Demokratie und Sozialstaat abwickelt und die Gesellschaft teilt; ODER den Kapitalismus mittelfristig abzuschaffen und durch ein anderes Gesellschaftssystem zu ersetzen, was nicht den Prämissen der Markt- und Kapitallogik unterliegt und sich daher dem Wettbewerbsdruck, mit anderen kapitalistischen Staaten/Föderationen, z.B. wo Arbeitnehmer am rechtlosesten sind, so nicht mehr stellen muss.

    Reformierbar, zu bändigen, ist der Kapitalismus nicht wirklich.
    Denn jede soziale Errungenschaft, jede Arbeitslosenversicherung, jedes Arbeitsschutzgesetz, jede demokratische Mitbestimmung der Reproduktion, schadet dem Profit, schwächt die Wettbewerbsfähigkeit.
    Kapitalismus ist mit Demokratie oder einer sozialen Gesellschaft nicht vereinbar; allenfalls mit dessen Simulation.

  6. 6.

    @ tangens #1: “in Europa aus ideologischer Motivation eingeschränkt”

    Genau richtig! Deutsche und Russen sehen sogar wirtschaftliche Fragen stets ideologisch. Amerikaner und Chinesen vergessen
    selbst bei ideologischen Fragen nie das Business.

  7. 7.

    Koennte es sein, das nach einem harten Reset, sei es nun durch einen WK 2 oder durch eine kommunistische Revoltion wirtschaftsliberal gepraegte Volkswirtschaften eine Entwicklung durchlaufen, deren Anfangsphasen mit “Wirtschaftswunder” beschrieben werden und deren Endphase sich durch 500% Gesamtverschuldung bezogen auf das BIP auszeichnen (siehe Japan)? Koennte es sein, das parallel zur BIP und Schuldenentwicklung ein wenig beachteter Konzentrationsprozess ablaeuft, der die Sache regelmaessig zum Absturz bringt, weil durch ihn nicht nur ein Schuldenabbau verunmoeglicht wird, sondern auch die in einer arbeitsteiligen Wirtschaft notwendige gesellschaftliche Kohaesion soweit aufgeloest wird, dass es unweigerlich wieder zu einem harten Reset kommen muss?
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/11/ist-es-vorstellbar.html

  8. 8.

    Ich kann Teraodon nur beipflichten.
    1) Mag sein, dass ich das durch meine kulturelle Brille in selbstgefälligem Lichte sehe, aber wieso scheinen sich die wirtschlaftichen Entwicklungen weltweit immer nach dem gleichen Muster abzuspielen?
    2) Warum versteht anscheinend kein Mensch, dass der Terminus “Reichtum” in Bezug auf einen kleinen Planeten im Univerusm keine Rolle spielt? Jeder muss seinen Beitrag leisten und je mehr Menschen wir werden, desto weniger Gesamtarbeitszeit muss der Einzelne investieren – wenn wir alle das clever planen…

    3) Einen habe ich noch: Für mich sind Gesellschaften, deren Produktivkräfte wenig verdienen, aber deren Musiker, Banker und Sportstars die – es tut mir leid – außer Tönen, Zahlen und Zuschauerimpressionen sonst nichts als “heiße Luft” produzieren (vor allem Banken sind 90% der Zeit mit Selbstverwaltung /-Legitimation beschäftigt) und horrende Summen verdienen, im Niedergang begriffen.

    Wieso schließt das den Kreis zu meiner ersten These?

    • 14. November 2012 um 10:50 Uhr
    • Elaborateur
  9. Kommentar zum Thema

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