Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Nestlé will den Markt für chinesische Medizin erobern

Von 3. Dezember 2012 um 14:42 Uhr

Die Zeiten, in denen chinesische Kräutertrunks, Akupunkturnadeln und Qigong-Behandlungen im Westen als Hokuspokus galten, sind lange vorbei. Die Nachfrage nach Traditioneller chinesischer Medizin (TCM) ist auch in Deutschland groß. Nun steigt das Schweizer Lebensmittelunternehmen Nestlé in das Geschäft mit der traditionellen Heilkunde ein.

Vergangene Woche gab Nestlé bekannt, dass seine Gesundheitssparte mit dem Pharmakonzern Hutchison China Meditech (Chi-Med) des Hongkonger Industriemoguls Li Ka-Shing ein Joint Venture eingehen wird. Nutrition Science Partners Limited soll das neue Unternehmen heißen. Beide Partnern halten je die Hälfte der Anteile. Die Firma soll Medikamente auf Basis der traditionellen chinesischen Medizin herstellen.

Vorerst soll Nutrition Science Partners nur ein Präparat gegen Magen-Darm-Beschwerden vertreiben. Dass die chinesische Heilkunde bei solchen Beschwerden hilft, ist schulmedizinisch weitgehend nachgewiesen. Nestlé will es indes nicht dabei belassen. Der Konzern plant auch den Verkauf chinesischer Arzneimittel, die bei Stoffwechselstörungen oder neurologischen Krankheiten wie etwa Alzheimer Anwendung finden. Dass traditionelle chinesische Heilmethoden gegen diese Krankheiten helfen, wird erheblich stärker bezweifelt.

Die Tradition der Chinesischen Medizin reicht mindestens zweitausend Jahre zurück. Zu den sogenannten fünf Säulen der chinesischen Medizin zählen Kräutermischungen, Akupunktur, Massagetechniken, Bewegungsübungen wie Qigong und Tajiquan und eine Ernährungsweise, die sich in “heiß” und “kalt” unterteilt. Ein Vorteil, den die Anhänger der chinesischen Medizin anführen: Die Medikamente haben oft nur wenig Nebenwirkungen. Westliche Schulmediziner hingegen bestreiten ihre Wirksamkeit. Vieles sei auf Placeboeffekte zurückzuführen.

Dennoch wenden in vielen Ländern Europas immer mehr Ärzte Akupunktur und chinesische Massagetechniken an. In Deutschland erkennen die Krankenkassen Akupunktur bei chronischer Kniegelenkarthrose und bei Rückenschmerzen als Leistung an. Die Forschungsgruppe Akupunktur und Chinesische Medizin (FACM) hat heute rund 2.300 Mitglieder und ist damit einer der großen Ärzteverbände in Deutschland.

Nestlé geht es bei dem Geschäft weniger um Europa, als um den chinesischen Markt. Die Gesundheitsbranche in der Volksrepublik boomt. Im vergangenen Jahr wuchs sie um mehr als 30 Prozent. Rund ein Viertel der ärztlichen Behandlungen erfolgt nach traditioneller Art. Der laufende 12. Fünfjahresplan der chinesischen Führung sieht vor, dass bis 2015 jede Kreisstadt mindestens ein Krankenhaus unterhält, das sich nur der chinesischen Medizin widmet. Landesweit soll jedes Krankenhaus eine eigene TCM-Abteilung betreiben.

Der Schweizer Konzern erhält mit dem Deal auch Zugriff auf die geheime botanische Bibliothek für Traditionelle Chinesische Medizin von Chi-Med. Darin enthalten sind Informationen über mehr als 50.000 pflanzliche Extrakten von 1.200 Heilpflanzen. “Die neue Partnerschaft verschafft Nestlé Zugang zu einem der führenden Bibliotheken der traditionellen chinesischen Medizin”, verkündet Luis Catarell, der Chef der Nestlé-Gesundheitssparte. Man kann es auch so sagen: Rund 2.000 Jahre altes Wissen wandert in die Hände des Schweizer Weltkonzerns.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Da kann man davon ausgehen, dass Nestlé Jahrtausende altes Wissen was wie Wasser ein Allgemeingut ist, zu Geld macht.

  2. 2.

    Wenn so unverhohlen auf die Fleischtöpfe des Wirksamkeitsanspruchs spekuliert wird wie hier beschrieben, sollten Firmen wie Nestlé doch auch den Mut haben, eine Arzneimittelzulassung anzustreben.

    Wer wünscht sich Nahrungs- oder Nahrungsergänzungsmittel, die “irgendwie” “fast” so gut sind wie Arzneimittel, aber halt eben keine sind (auf deutsch gesagt: deren Wirksamkeit eben NICHT nachgewiesen ist)? Der Ausbau dieser Grauzone zwischen Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel dürfte die Volksgesundheit kaum, die Nestlébilanzen aber erheblich verbessern.

    Der Verweis auf 2000 Jahre altes Wissen tröstet mich da ja gar nicht, ganz im Gegenteil.

    Schönen Tag noch
    postit

    • 3. Dezember 2012 um 17:24 Uhr
    • postit
  3. 3.

    Ich mag den Laden irgendwie nicht.
    Irgendwie beängstigend, wenn ein Konzern so viel in den Händen hält…

    • 3. Dezember 2012 um 17:39 Uhr
    • Sven88
  4. 4.

    Placebissimo
    Die Schulmediziner sind placebo-phob. Krampfhaft versuchen sie die Placebo-Wirkung als lächerlich darzustellen. Aber der Patient denkt: Ich nehme, was hilft! Und das soll möglichst nicht mit einer nebenwirkungsträchtigen Chemisierung der Körpers einhergehen. Dabei sind diese Zwangs-Chemikanten selbst bedauernswerte Opfer ihrer eigenen Placeboisierung: Ihnen wird vorgegaukelt, nur Isopropyl-dimethyl-phenyl-pyrazolon-barbitursaures-methylamino-propanol-hydrochlorid-racemat-nucleosid-adenosin hülfe und von diesem, ihnen früh eingeimpften Placebo leben sie. Wachet auf, ruft uns die Stimme, kann man Ihnen da nur zurufen!

    • 3. Dezember 2012 um 17:44 Uhr
    • benissimo
  5. 5.

    Ausgerechnet Nestle

    bricht den Danmm zwischen westlicher, sog. “Schulmedizin” und der TCM??

    Es scheint als ob Nestle begriffen hat, dass auf diesem ganzen “wissenschaftlich nicht nachgewiesenem” Bereich des Heilwesens Milliarden umgestzt werden. (Die Wirksamkeit dürfte dabei nicht die erste Bedeutung haben.)
    “Die Medikamente haben oft nur wenig Nebenwirkungen. Westliche Schulmediziner hingegen bestreiten ihre Wirksamkeit. Vieles sei auf Placeboeffekte zurückzuführen.”
    Merkwürdig nur, dass diese “Placeboeffekte” so auffälig oft in der sog. “Alternativmedizin” auftreten? Wenn alles doch angeblich nur eine Folge des Zugfalls, der Einbildung und der “Spontanremission”ist.

  6. 6.

    Da hat Nestlé ein glückliches Händchen und wird sich eine goldene Nase verdienen!

    • 3. Dezember 2012 um 22:17 Uhr
    • OIKOS
  7. 7.

    Medikamente?
    Oder meinen Sie Nahrungsergänzungsmittel?

    • 3. Dezember 2012 um 22:56 Uhr
    • alterego
  8. 8.

    Hört sich nach einem lukrativen Geschäft an das Wissen ist der ALLGEMEINHEIT zur Verfügung zu stellen und hat meiner Ansicht nach nichts in den Händen eines nach wirtschaftlichen Aspekten handelndem Konzern zu suchen

    • 4. Dezember 2012 um 12:22 Uhr
    • Richard
  9. Kommentar zum Thema

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