Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas neue Super-Ungleichheit

Von 21. Dezember 2012 um 11:07 Uhr

Es ist eine Zahl, die Chinas neue Führung aufschrecken muss. Der Economist zitiert eine neue Studie des chinesischen Forschungszentrums für Haushalt und Finanzen, der zufolge ausgerechnet die kommunistische Volksrepublik weltweit zu den Ländern mit dem größten Wohlstandsgefälle zählt.

Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Kluft zwischen Arm und Reich misst, hat demnach den höchst gefährlichen Wert von 0,61 erreicht (liegt der Wert bei null, herrscht völlige Gleichheit, bei 1 völlige Ungleichheit). Bislang waren die Chinesen von einem Wert von knapp 0,4 ausgegangen. Ein Wert über 0,5 ist sehr hoch und gilt vielen Soziologen als gefährlich. Eine hohe Ungleichheit, dafür gibt es zahlreiche Belege, bringt eine Menge sozialer Probleme mit sich. Laut dem Economist liegt die Ungleichheit nur in einem Land höher als in China: in Südafrika. Dort beträgt der Gini-Koeffizient 0,7.

Auch wenn die chinesische Führung aus Furcht vor Unruhen seit zehn Jahren keine Zahlen zur Ungleichheit veröffentlicht: Die staatlich kontrollierten Medien berichten ausführlich über die neuen Daten. Die englischsprachige Global Times bezeichnet den Wert von 0,61 als “alarmierendes” Zeichen. Große Teile der Bevölkerung würden vom Wirtschaftsboom der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht profitieren. Andere Zeitungen fordern die Regierung auf, Geringverdiener stärker zu unterstützen und die Bildung zu fördern. Das Forschungsinstitut selbst hingegen hält die Zahlen für nicht sonderlich ungewöhnlich.

Tatsächlich ist Super-Reichtum in China noch ein relativ neues Phänomen. Vor einem Jahrzehnt gab es noch so gut wie gar keine Dollar-Millionäre. 2006 lag die Zahl bei unter 100.000. Jetzt sind es aktuellen Berechnungen zufolge über 1,4 Millionen – mehr gibt es nur in den USA. Konkret heißt das: Die vielen Porsche Cayennes auf Chinas Straßen gibt es erst seit den vergangenen drei bis fünf Jahren. Dass viele von Chinas neuen Superreichen selbst noch nicht so recht wissen, wie sie mit dem vielen Geld umgehen sollen, lässt sich an ihrem Verhalten beobachten. Einige von ihnen etwa verlassen ein Armani-Geschäft mit gleich mehreren Dutzend Tüten in beiden Händen. Andere gehen wie noch vor zwanzig Jahren mit einer Plastikhandtasche auf Dienstreise. Darin befindet sich nicht mehr als ein paar Reisedokumente, eine Zahnbürste und eine Wechselunterhose.

Chinas plötzlicher Reichtum ist eine Erklärung für die hohe Ungleichheit. Der Gini-Koeffizient steigt, wenn die Reichen reicher werden, die Armen zurückfallen oder wenn beides geschieht. In China überwiegt der erste Fall. Das dürfte auch der Grund sein, warum der soziale Unmut in der Volksrepublik noch nicht ganz so drastisch ausfällt wie etwa in Südafrika oder in einigen Ländern Lateinamerikas, wo fast täglich wütende Banden durch die Städte ziehen und versuchen, vom Reichtum der wenigen etwas abzubekommen.

Aber wie lange noch? Der Unmut wird wachsen, wenn sich abzeichnet, dass sich die soziale Ungleichheit dauerhaft verfestigt, wenn die Superreichen sich einigeln, und die Aufstiegschancen für weniger Gutbetuchte kaum mehr möglich sind. So weit ist China bislang nicht. Noch überwiegt im Reich der Mitte der Glaube vom Tellerwäscher zum Millionär. Viel Zeit dürfte Chinas Führung aber nicht bleiben, diesen Glauben aufrecht zu erhalten.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 17.

    Wie sieht der Faktor wohl für die grösste Demokratie der Welt Indien aus?

    • 21. Dezember 2012 um 15:25 Uhr
    • Jogi
  2. 18.

    “Noch überwiegt im Reich der Mitte der Glaube vom Tellerwäscher zum Millionär. Viel Zeit dürfte Chinas Führung aber nicht bleiben, diesen Glauben aufrecht zu erhalten.”
    Das ist exakt auch meine Befürchtung, wenn nämlich die Millionen hart Arbeitender eines Tages feststellen, dass sie trotz aller Arbeit und Anstrengung nicht aus dem Dreck kommen, wird es einen Aufstand geben. Damit hat China schon 2×1000 Jahre Erfahrung; Missernten, Miss- und Günstlingswirtschaft und schon gab es einen Bürgerkrieg und nicht selten war der siegreiche Bauerngeneral der nächste erhabene Kaiser – und eineige 100 Jahre später wiederholte sich das Ganze.

    • 21. Dezember 2012 um 19:21 Uhr
    • NicolaiP
  3. 19.

    Es ist wie überall auf der Welt, denn NWO will es so.
    Bei uns wird es wenig Bürgerkrieg geben, weil wir als Volk schon zu alt sind.
    Außerdem hält uns die gleichgeschaltete Presse in “Ruhestellung”.
    Wir können nur abwarten, denn irgendwann geht WWIII auch hier los.
    Alles ist so in der Planung.
    Fröhliche Weihnachten und viel Schnee, der sicher noch kommt. Das Klima kühlt sich ab, nicht auf.
    Tyll Ruhtenberg

    • 21. Dezember 2012 um 21:28 Uhr
    • Tyll Ruhtenberg
  4. 20.

    Hat unsere Regierung Angst vor dem Gini-Koeffizienten und deshalb den Armutsbericht getürkt?

    • 21. Dezember 2012 um 21:58 Uhr
    • genrik
  5. 21.

    @9, es geht bei der größe darum, dass sie hier Urumchi mit Peking verrechnen, während man sich bei uns wohl kaum vorstellen könnte Rom mit Moskau zu vergleichen. Und ja, umso mehr Arme ich dazustecke, desto weiter verschiebt sich das ganze. Würde man die Statistik auf ganz Europa anwenden, wäre die Aussage hinter der Zahl nur, dass Dtld, Fr und GB am meisten Geld haben. Gleiches Bild in China, die Aussage hier ist nur, dass Menschen auf dem Land viel weniger haben, als in den Boom-Städten an der Küste. Es heisst aber nicht, dass reich und arm sich täglich begegnen.
    Die Lebensrealitäten an der Kasachischen Grenze, und in Shanghai sind Welten auseinander, und ich bezweifle, dass man sich dort an den anderen anstösst…

    • 22. Dezember 2012 um 10:38 Uhr
    • 可为
  6. 22.

    Ein Leitartikel bei Reuter erkennt in der Politik der zwei
    Geschwindigkeiten die größte Gefahr für Chinas Innenpolitik. Aber ist das nicht genau, was viele Politiker jetzt für Europa vorschlagen?

  7. 23.

    Sehr geehrte Zeit-Redakteure/innen,
    bitte gewöhnen sie sich ab immer (nur) Absolutwerte zu nennen. Dies ist hochgradig irreführend. Beispiel:
    China und die vielen Dollarmillionäre:
    Deutschland einen ANteil von ca. 1,16% Dollarmillionäre (World Wealth Report 2012), China gerade 0,10%
    Auch beliebt bei CO2 Vergleich China als “böse” dazustellen wegen den hohen Absolutzahlen, aber: D 9,58 Tonnen pro Kopf, China 5,31 (2008, Weltbank)
    Auch Zahlen zur USA dürften, ob Lob oder Tadel, direkt höchstens mit der EU als ganzes verglichen werden, sonst bitte Prozentualwerte zumindest mitliefern.

    • 4. Januar 2013 um 12:52 Uhr
    • Kontra Absolutzahlen
  8. 24.

    Es wird schon bald einen neuen Mao geben,da bin ich mir sicher.
    Die wenigen,die die neue Elite in China ausmachen,interessieren sich nicht
    für die Vergiftung der Umwelt.Aber gerade diese Vergiftung der Flüsse und der Luft,
    betrifft die Abermillionen, die nicht oder nur wenig vom neuen Wirtschaftsboom profitieren.
    Dadurch wird das Leben auf dem Land erschwert,Fische in den Flüssen sind mit Schwermetallen vergiftet oder schon tot.Wasser kann aus den Flüssen nicht mehr zum trinken genommen werden.Billige Wohnungen in den Städten sind abgerissen und dafür neue Hochhäuser für Reiche gebaut worden! Alle diese Bedingungen,die die Menschen vor der grossen Industralisierung nicht so kannten,werden zu einem Aufstand der Massen führen,der dann nicht mehr kontrollierbar sein wird!

    • 10. März 2013 um 15:22 Uhr
    • Kanitverstan
  9. Kommentar zum Thema

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