Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas Boom ist noch lange nicht zu Ende

Von 4. Januar 2013 um 10:10 Uhr

2013 wird auch für China ein schwieriges Jahr. Als größte Exportnation der Welt kann sich das Land nicht den Krisen in Japan, den USA und den Ländern Europas entziehen. Zwei schwache Quartale haben die Chinesen bereits hinter sich. Im Herbst betrug das Wirtschaftswachstum rund 7,6 Prozent – der niedrigste Wert seit dreieinhalb Jahren. Noch 2010 und 2011 war die Wirtschaft der Volksrepublik zweistellig gewachsen. Diese fetten Jahre sind vorerst vorbei, und doch bleibt China das Land, das die Weltwirtschaft antreibt.

Das hat vor allem politische Gründe. Deutschland wird die Krisenstaaten in Europa weiter dazu drängen, radikal zu sparen. Von Europa wird deshalb wenig zu erwarten sein. Auch die USA werden die Weltwirtschaft kaum ankurbeln. China hingegen wird als einzige große Volkswirtschaft auf eine expansive Ausgabenpolitik setzen und große Investitionsprojekte anschieben. Das wird nach Berechnungen der Weltbank dazu führen, dass Chinas Wirtschaft in diesem Jahr um 8,4 Prozent wachsen wird. Davon wird auch der Rest der Weltwirtschaft profitieren.

Erste Anzeichen für einen deutlichen Aufschwung in China gibt es bereits. Viele ausländische und chinesische Firmen verzeichneten im November und Dezember höhere Gewinne. Die Industrieproduktion steigt wieder, auch die Löhne werden 2013 weiter zulegen, sodass auch der Konsum anziehen dürfte.

Das alles zeigt: Trotz einer mittlerweile komplexen Volkswirtschaft hat Chinas Führung noch immer Zugriff auf die wesentlichen Stellschrauben der Wirtschaft. Gibt die Führung sieben bis acht Prozent Wirtschaftswachstum vor, werden diese Zielvorgaben erfüllt. China-Skeptiker machen es sich zu einfach, wenn sie diese Punktlandungen allein darauf zurückführen, dass Daten in China immer noch manipuliert würden. Die Erhebungen haben sich in den vergangenen Jahren professionalisiert und sind präziser geworden. Weder die Zentralregierung, noch die Forschungsinstitute und auch nicht die Provinzbehörden haben Interesse, mit gefälschten Zahlen zu hantieren.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat vor wenigen Tagen im Handelsblatt darauf verwiesen, dass China über Instrumente, Ressourcen, Anreize und das Wissen verfügt, um eine harte Landung für seine Wirtschaft zu verhindern. Offiziell versteht sich Chinas Führung weiter als “kommunistisch”. Tatsächlich legen deren Kader wirtschaftspolitisch einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag. Keynesianer gegen Neoklassiker – die ideologischen Debatten des Westens spielen in der Volksrepublik keine Rolle. Chinas Politiker handeln so, wie es die Wirtschaftslage gerade erfordert.

Derzeit stehen die Zeichen auf Expansion. Auch 2013 wird Chinas Führung massiv in die Infrastruktur investieren. Noch mehr Flughäfen, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszüge und Kraftwerke sollen entstehen, ebenso sozialer Wohnungsbau und der Aufbau eines umfassenden Gesundheitssystems. Vor allem haben die Chinesen verstanden, dass sie sich stärker auf qualitatives Wachstum konzentrieren müssen. Das heißt: Sie müssen weg von einer allzu starken Fixierung auf Exporte und hin zu einem höheren Verbrauch im Inland, was ihre Wirtschaft unabhängiger vom Rest der Welt machen würde. Das ist kein leichter Schritt.

Wie lange China die expansive Ausgabenpolitik durchhalten kann, und wie viele Staatsinvestitionen sich am Ende als Fehlschlag erweisen, lässt sich noch nicht absehen. In diesem Jahr wird die Konjunkturpolitik der Chinesen aber immerhin die Rohstoffpreise stabil halten, was wiederum Australien, Kanada sowie die afrikanischen und lateinamerikanischen Länder wirtschaftlich in Schwung halten wird. Zudem wird China jede Menge Investitionsgüter benötigen, sprich: Maschinen. Das wird auch Deutschland helfen.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Simpel: Diese 7,6 sind auf 3 Jahre zurück gerechnet auch ein zweistelliges Wachstum. Die Wirtschaft wächst folglich linear weiter, nicht exponentiell. Boomjahre vorbei, ich denke nicht, die fangen erst an.

  2. 2.

    Deutschlands Holzweg des eisenern Sparens wird Europa langfristig in eine noch stärkere Krise führen.
    Man tilgt keine Schulden allein durch Sparen, sondern in den man mehr Einnahmen als Ausgaben erwirtschaften kann, um damit die Schuld zu begleichen. Das auch Sparen zur Lösung beitragen kann, ist okay. Aber wenn Sparen dafür sorgt, dass der Output und notwendige Investitionen ausbleiben, wird das Sparen langfristig nicht einmal die Zinsen tilgen können.
    Ich hoffe Europa sieht das bald ein und folgt den Weg China in die Expansion der Märkte, bevor es in seine Bedeutungslosigkeit versinkt.

  3. 3.

    Vor einigen Monaten berichtete Herr Lee, dass die chinesischen, massiven Investitionen in Immobilienbau die chinesischen Banken in eine bald platzende Blase getrieben hätten. Was ist daraus geworden? Haben die Investitionen in andere Bereiche dazu geführt, dass die Wohnungen nun doch gebraucht, gemietet und bezahlt werden?

    Dann wäre Spanien das genaue gegensätzliche Spiegelbild Chinas. Auch dort wurde viel gebaut, viel Menschen nahmen Kredite für Haus- und Wohnungskäufe auf, dann überzog ganz Europa mit einem Spardiktat, viele Spanier mit Kredit wurden arbeitslos, konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen, das brachte die Banken in Bedrängnis, was dazu führte, dass Spanien teils in vorauseilendem Gehorsam noch mehr sparte und noch mehr Leute mit Krediten in Bedrängnis brachte.

    Gott sei Dank, bewahren uns die hausfrauischen Grundtugenden der Frau Merkel davor, daraus übereilt die falschen Schlüsse zu ziehen. Wir glauben, dass es gut ist, wenn das Geld in den Depots der Superreichen auf Investmentchancen lauert. Denn wenn diese Investments tatsächlich stattfinden, tatsächlich mal im Realmarkt geschehen und dann auch noch in Europa liegen, wird auch der kleine Mann in Spanien ein Stückchen davon abbekommen. Da sind wir sicher. Da können wir ruhig abwarten.

    Nur Geld, das gespart wird, ist gutes Geld. Das wissen die Chinesen, Gott sei ihnen gnädig, nur nicht.

  4. 4.

    “Deutschland wird die Krisenstaaten in Europa weiter dazu drängen, radikal zu sparen.”
    Es ist nicht Deutschland, welches die Krisenstaaten zum Sparen drängt, sondern es sind die Märkte. Deutschland weigert sich nur der Vergemeinschaftung der Schulden zu zustimmen.

    “Offiziell versteht sich Chinas Führung weiter als “kommunistisch”. Tatsächlich legen deren Kader wirtschaftspolitisch einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag. Keynesianer gegen Neoklassiker – die ideologischen Debatten des Westens spielen in der Volksrepublik keine Rolle. Chinas Politiker handeln so, wie es die Wirtschaftslage gerade erfordert.”
    Das jetztige Konjunkturprogramm dient einzig dem Machtwechsel in der politischen Führung abzusichern und nicht die richtigen Antworten auf die derzeige Wirtschaftslage zu geben. Noch Mitte 2012 haben die offiziellen Stellen weiter Konjunkturprogramme abgelehnt, mit der Beründung, dass sie kontraproduktiv wären.

    • 4. Januar 2013 um 13:40 Uhr
    • Spinoza
  5. 5.

    „Tatsächlich legen deren Kader wirtschaftspolitisch einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag. Keynesianer gegen Neoklassiker – die ideologischen Debatten des Westens spielen in der Volksrepublik keine Rolle“ .. genau dieser ´Pragmatismus-Leitfaden´ sollte einmal von einem Wirtschaftsjournalisten untersucht werden. Ist Pragmatismus selbst schon wieder Ideologie? Aber ohne Vor-ab Diskussion bestimmter wirtschaftstheoretischer Grundbegriffe wird es nicht gehen. China hat z.B. davon profitiert, sich nicht an unser wirtschaftsliberales Credo des Freihandels, des Patentschutzes usw. zu halten. Natürlich auch davon, dass es bis heute verstanden hat, einige Vorzüge der Planwirtschaft mit Vorzügen der kapitalistischen Marktwirtschaft zu verbinden.

    • 4. Januar 2013 um 14:48 Uhr
    • orgalo
  6. 6.

    “Das wird nach Berechnungen der Weltbank dazu führen, dass Chinas Wirtschaft in diesem Jahr um 8,4 Prozent wachsen wird. Davon wird auch der Rest der Weltwirtschaft profitieren.”

    Aber China brauchte bereits um 2005 ein offizielles Wachstum von 8%, um den bis dahin erreichten status quo aufrecht zu erhalten.
    Was also bedeuten würde, die erwarteten Wachstumsraten genügen dazu nicht mehr länger. Insofern sehe ich in China nicht die Wirtschaft als problematisch, sondern eher die innenpolitische Situation. Sollte die sich destabilisieren, sieht es nicht gut aus.

    “In diesem Jahr wird die Konjunkturpolitik der Chinesen aber immerhin die Rohstoffpreise stabil halten, was wiederum Australien, Kanada sowie die afrikanischen und lateinamerikanischen Länder wirtschaftlich in Schwung halten wird.”

    Chinas Expansion wird womöglich die Rohstoffpreise steigen lassen. Und das wird dazu führen, daß China einen größeren Teil seiner Reserven hier wird investieren müssen.
    Und irgendwann läuft das Ganze sowieso vor die Wand, denn egal, wieviel Geld die Chinesen ausgeben: mehr Ressourcen haben wir damit weltweit auch nicht. Für die kommunistischen Pragmatiker gelten die Grenzen des Wachstums wie für alle anderen auch, sei es Brasilien, Rußland oder Indien.

  7. 7.

    @Spinoza

    “Es ist nicht Deutschland, welches die Krisenstaaten zum Sparen drängt, sondern es sind die Märkte. Deutschland weigert sich nur der Vergemeinschaftung der Schulden zu zustimmen.”

    Es sind nicht die Märkte, es ist das Eurokorsett, das von den Deutschen geschnürt ist, das den Märkten den Ansatzpunkt lieferte.

    England, Amerika oder auch Japan sind ähnlich und mehr verschuldet als unsere Sorgenländer. Außerhalb einer Währungsreform sind die Nationalbanken aber handlungsfähig.

    Erst seit Draghi die Bazooka zeigte, und sagte, dass er nicht zögern werde, beliebig zu munitionieren, wurde den Märkten der Hebel genommen.

    So verlockend einfache die Erklärungsformeln der Konservativen auch sein mögen, so falsch sind sie leider auch oft.

    Vergegenwärtigen Sie sich, dass Sie Schulden nur abbauen können, wenn sie irgendwo anders Vermögen abbauen. Derzeit wird das Vermögen der Wenigbesitzenden angegangen, das reduziert die Binnennachfrage, das vergrößert die BIP-bezogene Schulden. Wenn schon Vermögen abgebaut werden soll, sollte das vernünftigerweise dort geschehen, wo es sich nicht auf die Nachfrage auswirkt. Das aber passiert nicht.

    Mir kam fast ein Lachanfall, als gestern in der Tagesschau halb traurig, halb geängstigt verkündet wurde, dass die PKW-Neuanmeldungen in China nun die in Europa übersteigen. Dazu wurde der Chart eingeblendet, der zeigte, dass seit 2008 die Neuanmeldungen in Europa sinken und in China (den Staatsinvestitionisten) fleißig steigen.

    Die Informationen liegen vor, alleine sie befinden sich diametraler zur Ideologie.

  8. 8.

    @ Thomas Gern

    Einen Immobilienboom hat es in vielen chinesischen Städten zwar gegeben. Und viele der neugebauten Wohnblöcke stehen leer Um “eine bald platzende Blase” handelt es sich aber nicht – zumindest bislang nicht. Denn genau das unterscheidet China von Spanien oder auch den USA: Chinesen haben ihre Wohnungen nicht so übertrieben auf Pump gekauft. Das heißt: Selbst wenn die Immobilienpreise abrupt fallen sollten, wird keine Kreditblase platzen, die die Leute und Banken in den Ruin treiben würden. Der Schaden bliebe also begrenzt.

    Und ja: Trotz sicher einiger Fehlinvestitionen werden alles in allem noch mehr neue Wohnungen angesichts der weiter fortschreitenden Urbanisierung benötigt. http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-03/china-urbanisierung

    • 4. Januar 2013 um 15:17 Uhr
    • Felix Lee
  9. Kommentar zum Thema

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