Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinesische Journalisten begehren auf

Von 8. Januar 2013 um 13:02 Uhr

Das hat es in einem chinesischen Medienunternehmen schon sehr lange nicht mehr gegeben. Mitarbeiter der Wochenzeitung Nanfang Zhoumuo (Südliches Wochenende) proben seit mehreren Tagen schon den Aufstand. Sie protestieren gegen den Propagandachef Tuo Zhen der wirtschaftlich so wichtigen Provinz Guangdong in Südchina und fordern ihn zum Rücktritt auf. Mindestens 100 von ihnen sind sogar in einen Streik getreten, sechs Redakteure haben auch formal Beschwerde eingereicht. Es ist das bislang größte Aufbegehren chinesischer Journalisten gegen die Staatsgewalt seit mindestens 20 Jahren.

Tuo hatte für die Neujahrsausgabe veranlasst, dass ein Leitartikel der Redaktion ausgetauscht wird, in dem es über die anstehenden Herausforderungen der Volksrepublik ging. Dai Zhiyong, Verfasser des Textes, plädierte für mehr Rechtsstaatsbewusstsein und persönliche Freiheiten. Übertitelt war sein Text mit einem Passus, den er von Chinas neuem KP-Chef Xi Jinping übernommen hatte: “Chinas Traum ist der Traum von einer konstitutionellen Politik”. Dem Propagandachef ging diese Kommentierung jedoch zu weit. Er ließ den Artikel durch einen von ihm selbst ersetzen, der allein aus Phrasendrescherei und Huldigungen der Kommunistischen Partei besteht.

Zensur gehört in China zwar zum Alltag einer Redaktion. Normalerweise erhalten Redakteure morgens Anweisungen, über welche Themen sie schreiben dürfen und über welche nicht. Kommentare werden häufig mit den staatlichen Propagandaabteilungen abgesprochen. Doch in diesem Fall ging Guangdongs Propagandachef auch für chinesische Verhältnisse sehr weit. Denn der Leitartikel war bereits redigiert, von der Chefredaktion abgesegnet und fertig für den Druck. Das heißt: Der Text bewegte sich im Rahmen der üblichen Kommentierung.

Die Mitarbeiter der im ganzen Land bekannten Zeitung sind sauer. Unterstützung erhalten sie von Millionen von Mikrobloggern aus dem ganzen Land. Viele von ihnen haben aus Solidarität ihr Profilbild durch das Logo der Zeitung ersetzt. Und auch namhafte Akademiker haben sich dem Protest angeschlossen und einen offenen Brief verfasst, in dem sie ebenfalls den Propagandachef zum Rücktritt auffordern. Der Protest kann live auf der Webseite der Hongkonger Zeitung South China Morning Post mitverfolgt werden.

Die Affäre ist zugleich eine Bewährungsprobe für die neue Führung unter Xi Jinping. Nur wenige Tage nach seiner Amtsübernahme hatte Xi einen freieren Umgang mit den Medien angekündigt. Das war bei dem Propagandachef von Guangdong aber offensichtlich nicht angekommen.

 

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Nunja, diese “Affäre” ist sicherlich keine Bewährungsprobe. Das Thema wird einfach ausgesessen und den beteiligten Redakteuren ihre Austauschbarkeit vor Augen geführt und gut ist.

    PS: Wird jetzt jeder Reissack, der in China umfällt von Herrn Lee kommentiert? Die meisten Ihrer Beiträge, Herr Lee, sind dafür, dass sie auf der Webpräsenz der ZEIT zu finden sind, ziemlich dünn und schwach. Oft widersprechen Sie sich selbst und scheinen die wahren Probleme Chinas nicht im Blick zu haben. Sie sind jedenfalls ein echter Chinese – meckern über Probleme in China, die Sie selbst nicht betreffen, weil Sie privilegiert sind, und genießen derweil die Vorzüge der Diktatur in Peking. Toll machen Sie das. Ganz toll.

    • 9. Januar 2013 um 00:04 Uhr
    • Seneca
  2. 2.

    @ Seneca:
    Ihr Vorwurf ist mir nicht nachvollziehbar. Zunächst handelt es sich bei den Protesten der Nanfang Zhoumou nicht um einen bedeutungslosen Sack Reis, der in China umfällt. Wenn seit Tagen Millionen Mikroblogger die Zensur in China öffentlich kritisieren, ist die Reaktion der neuen Regierung durchaus als Lackmustest zu verstehen.

    Abgesehen davon bin ich froh wenn Journalisten nicht nur von gesellschaftsrelevanten Problemen berichten, die sie persönlich betreffen. Gerade wenn sie priviligiert sind.

    • 10. Januar 2013 um 09:21 Uhr
    • Herrich
  3. Kommentar zum Thema

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