Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas schmutzige Zukunft

Von 14. Januar 2013 um 12:35 Uhr

Am vierten Tag des großen Smogs hat die Stadtverwaltung in Peking reagiert. Für das gesamte Stadtgebiet gilt nun Alarmstufe Orange. Seit dem frühen Montagmorgen müssen 54 Fabriken im Stadtgebiet ihren Schadstoffausstoß verringern. 28 Großbaustellen haben die Arbeit eingestellt. Regierungsangestellte sind aufgefordert, ihre Autos stehen zu lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Tatsächlich ist der Schwefelgeruch am Montag nicht mehr ganz so durchdringend wie am Wochenende. Offiziellen Angaben zufolge lagen die Feinstaubwerte am Samstag zeitweise bei mehr als 700 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die US-Botschaft, die eigene Untersuchungen vornimmt und diese im Internet veröffentlicht, hatte zwischendurch sogar 884 Mikrogramm gemessen – was bei vielen nach nur kurzer Zeit unter freiem Himmel bereits Kopfschmerzen auslöste. Ein chinesisches Medium berichtet, dass sich die Zahl der Herzinfarkte seit dem vergangenen Freitag verdoppelt habe. Bestätigt wurde das von offizieller Seite nicht. Schon 20 Mikrogramm beeinträchtigen laut der Weltgesundheitsorganisation die Gesundheit. Werte über 300 gelten als gefährlich. Bei über 500 hören in China die öffentlich abrufbaren Messstellen auf zu zählen. Am späten Montagnachmittag schwirrten pro Kubikmeter noch 317 Mikrogramm Feinstaub durch die Luft.

Ein umfassendes Fahrverbot will die Regierung weiterhin nicht verhängen, weil sie meint, es bringe nur wenig. Womit sie recht hat.

Sicherlich würden weniger Autos auf den Straßen die Luftverschmutzung lindern. Die Ursache für Pekings Extremsmog der vergangenen Tage ist aber nicht der Autoverkehr, sondern die Industrie südwestlich von Peking in den Provinzen Hebei, Shanxi und Henan. In diesen ohnehin steppigen und sandigen Provinzen hat sich in den vergangenen Jahren Chinas Schwerindustrie angesiedelt. Stahl-, Chemie- und Maschinenwerke, vor allem aber Chinas gigantische Kohleindustrie sorgen dafür, dass fast das ganze Jahr über Feinstaubwerte von mehr als 300 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen werden. Ich bin im Oktober durch die Stadt Taiyuan gefahren, der Provinzhauptstadt von Shanxi. Trotz sonnigem Tag lag die Sichtweite bei weniger als 100 Metern. Die gesamte Stadt ist mit Staub bedeckt. Der Taxifahrer erzählte, den letzten klaren Sommertag habe er in seiner Kindheit erlebt. Der Fahrer war vielleicht 30 Jahre alt.

Lange Zeit war Peking für seine schlechte Luft selbst verantwortlich. Im Stadtgebiet gab es früher viel Schwerindustrie, die Menschen heizten und kochten mit Kohle. Das ist vorbei. Bereits zu den Olympischen Spielen 2008 hat die Stadtverwaltung die übelsten Dreckschleudern aus der Stadt verbannt. In den meisten Häusern wird nun elektrisch oder mit Gas geheizt. Umso mehr Kohlestaub werden nun in Shanxi, Hebei und Henan in die Luft geschleudert. Hinzukommt, dass Chinas Nordosten derzeit einen Rekordwinter mit Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad erlebt. Weil die Kohlekraftwerke auf Hochtouren laufen, steigt der Ausstoß von Schadstoffen weiter. Die Führung in Peking hat zwar begonnen, die Abhängigkeit von der Kohle zu verringern, aber mittelfristig wird sie weiterhin auf den Rohstoff setzen müssen.

Das Luftproblem hat sich nun verschärft, weil es vergangene Woche zu einem Wetterwechsel kam. Eine warme Luftschicht aus dem Südwesten schleppte die Abgase aus den Kohleprovinzen ins Stadtgebiet und traf auf eine bodennahe kalte Luftschicht, was wiederum den dichten Nebel verursachte. Zugleich liegt Peking geographisch ungünstig. Nördlich und westlich des Stadtgebiets erheben sich hohe Berge. Herrscht Nordwind – wie im Winter normalerweise üblich – ist Pekings Luft zwar eisig, aber auch klar. Kommen die Luftmassen vom Süden, bleibt der Schmutz in der Luft wie eine Glocke über der Stadt hängen.

Peking war am Wochenende übrigens nicht Chinas dreckigste Stadt. Auf unterschiedlichen Ranglisten der problematischsten Städte rangierte es nur auf Platz 12 oder 13. In Shijiazhuang südwestlich der Hauptstadt lag der Feinstaubwert zeitweise bei mehr als 1.000 Mikrogramm.

Kategorien: Umwelt
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Luftgüte wird beim Feinstaub mit Milligramm pro Kubikmeter angegeben. Bitte diese Masseinheit richtigstellen.

    Für eine Einstufung zur Belastug gibt es im europäischen Raum den Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter. Dieser soll nur in 10 Prozent der Tage (exakt: 35 Tagen pro Jahr) überschritten werden. Danach sind mittel- und langfristige Massnahmen einzuleiten.

    Ich empfehle aber eine Einstufung mit Schwefeldioxid und Staub als Dreistundenmittelwert vorzunehmen, wenn es sich um Smog handelt. Das ist dann fachlich richtig.

    Richard WERNER

    • 14. Januar 2013 um 14:58 Uhr
    • Richard Werner
  2. 2.

    Erzählen Sie das mit den noch dreckigeren Städten (12 allein in China?) doch mal dem Herrn Zand vom Spiegel – der bezeichnete Peking als eine der dreckigsten Städte weltweit.

    Passt zwar sehr schön zur aktuellen Lage, auch zu den gefotoshopten Bildern in der Presse, hat aber mit der Realität wenig zu tun.

    Wie vieles, was in der deutschen Presse über China verbreitet wird.

  3. 3.

    nun dises problem läst sich nicht einfach so unter den Teppich kehren… erstens ist die Politelite genauso gezwungen die dreckige Luft zu atmen wie der Betler am Strassenrand und zweitens könnte dies der Wirtschaftsmacht eine gesundheitliche Katastrophe bescherren, die ihr eine Generation von Astmatikern und anderen an chronischen Atemwegskrankenheiten leidenden Menschen beschert. Dies würde sich Langfristig nicht gut auf das Wirtschaftswachstum auswirken, da dei Gesundheitskosten steigen würden.

    Wachstum um jeden Preis hat seinen Preis

  4. 4.

    vor einigen jahren war ich mal für gut 6 monate in china, genauer in lu zhou bei chengdu.
    an 9 von 10 tagen herrschte höllischer smog mit leichtem niesel-sprühregen.
    im freien brannten nach 10 minuten die augen und ein dauerhusten stellte sich ein.
    wie gesagt, das war vor ca. 8 jahren und schon damals unerträglich.
    nochmal würde ich nicht hinfahren.

    bin gespannt, wie und wann sich bei dieser gesellschaftsform protest formiert, der nicht mehr so leicht ignoriert werden kann wie der der bauern, deren land geraubt wird.

    • 14. Januar 2013 um 15:25 Uhr
    • wauzi
  5. 5.

    Verschiedene Länder in Europa und anderswo hatten einst eine dreckige Zukunft. Nun ist China an der Reihe. The song remains the same.

    • 14. Januar 2013 um 15:34 Uhr
    • Conte
  6. 6.

    “In den meisten Häusern wird nun elektrisch geheizt”

    Na prima. Der Wirkungsgrad ist ja auch völlig egal. Nicht zu fassen das man in China anscheinend wirklich genauso erstmal Blödsinn macht, wie in der westlichen Welt.

  7. 7.

    @5
    Mit Verlaub, in China ist die alte westliche Welt zu fast 50% wirtschaftlich beteiligt. Wieso sollte man etwas anderes erwarten, wenn es noch nicht einmal die eigenen Leute sind??

  8. 8.

    Super, ich hatte schon Angst wir kriegen unsere fetten Autos in China bald nicht mehr los. Irgendwie müssen wir ja unsere Arbeiter und Europa bezahlen.

  9. Kommentar zum Thema

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