Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Lieber Smog im Filter als in der Lunge

Von 15. Januar 2013 um 16:12 Uhr

Irgendwann vergangenen Oktober war es in Peking schon einmal so trübe. Die US-Botschaft, die auf ihrem Dach die aktuelle Luftverschmutzung selbst misst und stündlich twittert, vermeldete einen Wert um die 400. So viel Mikrogramm potenziell schädlicher Feinstaubpartikel kleiner als 2,5 Mikrometer schwirren im Schnitt in einem Kubikmeter Luft.

Ab einem Wert von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Alles über 300 gilt als gefährlich. Die Teilchen sind so winzig, dass sie die Lunge durchdringen können und das Risiko für Krebserkrankungen in Herz und Lunge erhöhen. Ab 500 hört das Messgerät der US-Botschaft auf zu zählen. Im Oktober ging ich zum nächsten Elektronikgeschäft und kaufte für umgerechnet rund 300 Euro einen Luftreiniger aus Schweden, der laut Beschreibung angeblich 99,97 Prozent der fiesen Partikel in einem Raum herausfiltert. Auf das Gerät setzte ich auch am vergangenen Wochenende meine Hoffnung.

Seit die Luftverschmutzung in Peking am Wochenende neue Rekordwerte erreichte, sind die Geräte in der gesamten Stadt so gut wie ausverkauft. Auf Taobao, dem chinesischen Gegenstück zu eBay, werden sie bereits für umgerechnet 1.000 Euro und mehr versteigert. Pekings Behörden zufolge lag der Wert des Feinstaubindex am Wochenende zeitweise bei über 700. Die US-Botschaft hatte zwischenzeitlich sogar 884 Mikrogramm gemessen. Wenn auch nicht mehr ganz so extrem hält der Smog auch am Dienstag noch an.

Anders als in der jüngeren Vergangenheit haben bei diesem Smog die chinesischen Medien dieses Mal ausführlich über den extremen Dunst berichtet. Das ist ein gutes Zeichen. Schrieben die staatlich kontrollierten Zeitungen an vergangenen Smogtagen lediglich von “dichtem Nebel”, wird nun immerhin vor den gesundheitlichen Folgen gewarnt: Schlaganfälle, Herzerkrankungen, Atemwegserkrankungen, Geburtsschäden oder Lungenkrebs. Für all diese Leiden klettert das Risko nach oben.

Trotz dieser Gefahren wirken die Pekinger erstaunlich gefasst. Die Stadtregierung hat zwar ihre Angestellten dazu aufgefordert, ihre Autos stehen zu lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Leerer waren die Straßen aber nicht. Auf den vier großen Ringstraßen staute sich der Verkehr wie an jedem Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend. Und auch in den Gassen sah ich die Pekinger im Freien herumwuseln, als handele es sich bei dem nach Schwefel riechenden Nebel bloß um Abenddämmerung. Spielende Kinder waren am Sonntag auf den Straßen in Smogschwaden ebenfalls anzutreffen – viele ohne Mundschutz.

Die waren in Drogerien übrigens ausverkauft. Ich selbst bekam nur die günstigen aus Japan im Dreierpack, die im Gesicht so schlecht sitzen, dass meine Brillengläser beschlugen, während ich atmete. Ein Zeichen, dass sie kaum etwas bringen und mich die Außenluft kaum gefiltert erreicht hat.

Nur was tun? Auf einer chinesischen Webseite stieß ich auf die Empfehlung: Milch trinken. Das würde die Giftstoffe im Körper binden. Das mag auf den Magen zutreffen. Wie das tierische Eiweiß aber Feinstaub in der Lunge binden soll, wird auf der Seite nicht erklärt. Seriös ist etwas anderes.

Bleibt als unmittelbarer Schutz nur der Luftreiniger – auch wenn wissenschaftlich gar nicht erwiesen ist, ob er wirklich hilft. Ein Blick auf den austauschbaren Filter beantwortet mir diese Frage aber: ganz dunkel – nach nicht einmal halbjährigem Betrieb. Und besser, dieser Dreck klebt am Filter als in meiner Lunge.

Kategorien: Umwelt
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ursachen und nicht Symptome sollte man bekämpfen,Industrieanlagen und nicht Kleinkinder mit Filter ausrüsten,dem öffentlichen Nahverkehr mehr Bedeutung beimessen
    Wirtschaftswunder gibt es nicht umsonst,siehe Ruhrpott in den 50ern

    • 15. Januar 2013 um 18:36 Uhr
    • reineke
  2. 2.

    Die Chinesen sind ja auch nicht mehr ganz bei Trost.
    Oder wie laesst sich erklaeren das man freiwillig und ohne Atemschutz in so einer Athmosphaere seine Kinder draussen spielen laesst.
    Aber das passt zu dem Bild das ich mir waehrend der letzten 7 Jahre in China von den Chinesen machen konnte. Im Grunde ist denen vieles schei**egal.

  3. 3.

    ganz im gegensatz zu uns, die wir ja nicht unseren konsumwahn dort produzieren lassen. die scheißen auf gesundheit, weil wir nicht bereit sind mehr zu zahlen für vernünftige Produktion und viele dort kaum eine wahl haben.
    und autos finden die geil, weil es dank uns ein zeichen von wohlstand geworden ist…

    • 16. Januar 2013 um 07:50 Uhr
    • alsti
  4. 4.

    Zunächst der ganz offensichtliche Widerspruch:
    “Ab 500 hört das Messgerät der US-Botschaft auf zu zählen.”
    “Die US-Botschaft hatte zwischenzeitlich sogar 884 Mikrogramm gemessen”

    Und: “Ich selbst bekam nur die günstigen aus Japan im Dreierpack [...].” Das klingt nach den üblichen chinesischen Abneigungen gegenüber Japan.

    Die Problematik der Luftverschmutzung in China ist interessant. Dieser Artikel hat mich hingegen nicht überzeugt.

    • 16. Januar 2013 um 09:03 Uhr
    • Loh
  5. 5.

    Smog – die Umweltverschmutzung in den Metropolen dieser Welt wird immer mehr und das liegt vor allem auch an der “Landflucht” der Leute und das hier manch Staat mit dem Hinterland wohl nicht so zu rande kommt und hier immer noch wohl Jahrhunderte dazwischen liegen und auch kaum Wirtschaft vorhanden ist, um die Leute auf dem Land zu halten, damit sie Jobs haben.

    Wie vorgehen gegen den Smog – die “Krankheit” der Neuzeit – was sagen die Experten zu diesem Thema und die mediziner! Sonne der Quell des Menschen und Wasser der Quelle allen Lebens samt Sauerstoff – wie sieht die Zukunft aus – das wir uns in Glaskuppeln bewegen und das eigene Leben draussen endet??

    Es wird Zeit hier diese Thematik anzugehen und das geht uns alle an. Die Weltbevölkerung explodiert und es wird knapp auf unserem schillerenden blauen Planeten mit den natürlichen Ressourcen.

  6. 6.

    Der chinesischen Regierung sind Millionen Smog-Tote völlig egal. Es macht diesen Typen nichts aus, ihre eigene Bevölkerung zu vergasen.
    Man denkt dort wohl: Es läuft doch genug Menschen Material bei uns rum.

    Das letzte Kohlekraftwerk in China wurde erst vor drei Wochen in Betrieb genommen, das nächste folgt in ein paar Tagen. Das interessiert dort nicht. Wieso halten sich überhaupt noch Ausländer freiwillig vor Ort auf? Muss wohl an der Geldgier liegen – Smog frißt Hirn!

    Ausschwitz – Entschuldigung ich meine Peking – ist seit 15 Jahren eine einzige, sich immer weiter verdichtende Gaskammer.

    Aber vielleicht wollen ja die Chinesen so nur ihr Überbevölkerungs-Problem lösen. Dann wären sie viel cleverer als wir alle glaubten.

    Für den Fall hätte ich noch einen Tip für die Chinesen. Baut noch mehr Autos und Kohlekraftwerke und verzichtet auf alle Umweltprojekte die ihr sowieso nicht macht.

    In Deutschland sagen manche Menschen: “Besser ihr als wir”. In China heißt es wohl: “Lieber wir als ihr”. Wirklich nett von Euch.

    • 21. Januar 2013 um 00:17 Uhr
    • U. Beimer
  7. Kommentar zum Thema

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