Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas schrumpfendes Arbeitsheer

Von 21. Januar 2013 um 11:26 Uhr

Der Tag kam früher als erwartet. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes ist die Zahl der Chinesen im erwerbsfähigen Alter im vergangenen Jahr erstmals zurückgegangen – um 3,45 Millionen Menschen. “Wir sollten diese Entwicklung genau beobachten”, sagte Ma Jiantag, der Chef des Statistikamtes am vergangenen Freitag. Experten hatten die Zäsur erst für das Jahr 2015 erwartet. Nun sinken in China die Chancen, dass die Wachstumsraten so hoch bleiben wie in der Vergangenheit. Oder?

Richtig ist: Die Volksrepublik nähert sich in großen Sprüngen einem Entwicklungsstadium, das Demografie-Experten seit Langem vorhergesagt haben. China vergreist – eine Folge der Ein-Kind-Politik, die die chinesische Führung 1979 als vorübergehende Maßnahme zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums eingeführt hatte. Auf insgesamt derzeit 1,3 Milliarden Menschen in China kommen rund 190 Millionen Menschen, die älter als 60 sind. Ungefähr jeder siebte Chinese befindet sich im Rentenalter. Dieser Anteil wird in den kommenden Jahren deutlich steigen, bis 2040 auf rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Im Gegenzug wird der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung jährlich um drei Millionen Menschen sinken.

Keine guten Nachrichten. Denn die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass eine Wirtschaft nur solange wächst, wie auch der Anteil der Erwerbstätigen steigt. Denn mehr Menschen konsumieren und produzieren auch mehr – und sorgen deshalb für mehr Wirtschaftsleistung. Sinkt der Anteil der Arbeitskräfte an der Bevölkerung, dürfte es mit den hohen Wachstumsraten schnell vorbei sein. Endet also Chinas Boom?

Die Antwortet lautet: Nicht innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahren, und sicherlich nicht aufgrund der demografischen Entwicklung. Denn was China von Industrieländern mit alternder Bevölkerung unterscheidet, ist die anhaltende Urbanisierung. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Menschen, die in China in Städten leben, um 21 Millionen Menschen auf insgesamt rund 712 Millionen angestiegen. Das sind jedoch nach wie vor nicht einmal 52,57 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: In Deutschland leben 89 Prozent der Bevölkerung in Städten und Ballungszentren.

Chinas Führung will, dass die Bauern im Land einen ähnlich hohen Lebensstandard erreichen wie die Menschen in den Städten. Dafür muss der Anteil der ländlichen Bevölkerung stark sinken und die Anzahl der Stadtbevölkerung steigen. Die Führung in Peking will in den kommenden Jahren rund 400 Millionen weitere Chinesen von Bauern zu Stadtbewohnern machen. Pro Jahr ziehen also etwa 10 bis 20 Millionen Menschen vom Land in die Stadt.

Wenn nun wegen der demografischen Entwicklung und der Ein-Kind-Politik jedes Jahr insgesamt drei Millionen weniger Erwerbsfähige vorhanden sind, stehen dieser Zahl damit immer noch jährlich zwischen 10 und 20 Millionen vom Land gegenüber, für die neue Arbeitsplätze in den Städten geschaffen werden müssen. Das geringere Arbeitskräftereservoir mindert also in den kommenden Jahren eher den Druck auf die chinesische Führung, als das der Wirtschaft wirklich die Arbeiterinnen und Arbeiter ausgehen.

Hinzu kommt die Produktivität. Sie steigt in China wie in allen Industriestaaten. Ein Beispiel für Deutschland: Ein Bauer ernährte im Jahr 1900 noch rund vier Menschen, heute sind es rechnerisch etwa 133. Das Rechenbeispiel lässt sich auf eine Wirtschaft mit hohem Industrieanteil übertragen und wird im Übrigen auch in der deutschen Renten-Debatte zu wenig berücksichtigt. Nicht allein von der Zahl der Arbeitskräfte hängt es ab, ob eine Wirtschaft wächst, sondern auch von der Produktivität, also dem effizienten Einsatz von Maschinen.

Ein Renten-Problem hat China aktuell dennoch: Die Rentensätze sind  zu niedrig. Rund 170 Euro im Monat beträgt die durchschnittliche Rente in der Stadt. Die Menschen auf dem Land verfügten bis vor Kurzem noch über keine staatliche Altersvorsorge, sondern mussten darauf setzen, dass ihre Nachkommen sich um sie kümmern. Nun liegt die Rente bei mageren 35 Euro, was viel zu wenig ist. Das aber ist kein demografisches Problem – sondern eines der Verteilung.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Diese Debatten übersehen eins: Jede Population, ob Mensch ob Tier, hat eine Wachstumsgrenze. Europa ist überbevölkert. Deswegen sinkt die Geburtenrate. Das ist nun wirklich ein einfaches Exempel. Natürlich wird unsere Population nicht durch Kindersterblichkeit gesteuert, sondern es erlöschen einfach Voraussetzungen für Nachkommenschaft. Es ist wie in der Disko: Wenn es nicht zu eng ist, gibt es eine gute Chance eine Bekanntschaft zu machen. Wird es zu eng, steigt der Stress und die Chancen sinken. Es wird gesoffen, Männer tanzen dann mit Männern, Frauen mit Frauen. (Ende des Gleichnisses) Die Ein-Kind-Politik sollte China einfach vor der biologischen Schranke bewahren.
    Leider leider hält sich in Deutschland der Mythos vom 80-Mio-Volk. 30-50 Mio wäre aber viel besser für die/den Einzelne(n).

  2. 2.

    “Doch anders als im Westen wird die Demografie den chinesischen Boom kaum dämpfen”
    Das ist ja auch schon deshalb nicht möglich, weil es “im Westen” – sagen wir einmal, in der deutschen Wohnbevölkerung – auch gar keinen Boom gibt. In ganz Euro-Land nicht. Wenigstens keiner, der der europäischen Bevölkerung zu gute käme. (Nur vernachlässigbat wenigen.)

    Und schönen Gruss an “die meisten Ökonomen”.
    “Denn die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass eine Wirtschaft nur solange wächst, wie auch der Anteil der Erwerbstätigen steigt”
    Das ist offensichtlich in dieser Plattheit Unsinn, wie man in DE gut beobachten kann. Denn die Wirtschaft wächst, wenn die Leute Geld verdienen und es ausgeben. Nicht, wenn sie wie unsere Aufstocker den anderen Geld wegnehmen. Da wächst ja auch nicht DIE Wirtschaft, sondern nur “die Export-Wirtschaft. Und das seit 10 Jahren.

    • 21. Januar 2013 um 15:50 Uhr
    • Chali
  3. 3.

    @swetowed: ist Ihnen diese These in einer viel zu vollen Disco eingefallen?

    • 21. Januar 2013 um 16:41 Uhr
    • Ximer
  4. 4.

    Lustiger Witz – im Westen wird der Boom eingeschränkt wegen mangelnder Arbeitskräfte. Ich hab keine Ahnung, wie man so etwas schreiben kann, was vollkommen neben der Realität liegt. Mit 48 bin ich in der IT-Branche schon “zu alt” obwohl ich noch bis 67 arbeiten müsste.

    • 21. Januar 2013 um 16:42 Uhr
    • gw1200
  5. 5.

    Wo liegt der Haken wenn die Bevölkerungspyramide oben etwas breiter wird? Einen Nachteil gibt es doch da erst, wenn ich staatliche Rente und Gesundheitsversorgung habe – ansonsten dürfte das der Wirtschaft doch eher weniger ausmachen…

    • 21. Januar 2013 um 17:07 Uhr
    • 可为
  6. 6.

    “Ein Bauer ernährte im Jahr 1900 noch rund vier Menschen, heute sind es rechnerisch etwa 133. Das Rechenbeispiel lässt sich auf eine Wirtschaft mit hohem Industrieanteil übertragen und wird im Übrigen auch in der deutschen Renten-Debatte zu wenig berücksichtigt.”

    Das ich das noch erlebe: Ein solcher Satz in der ZEIT. Den hätte man allerdings vor 8-9 Jahren mal dem Herrn von der SPD mit der sauerländischen Volksschulbildung, die angeblich ausreicht, um das Thema Demgrafie und Rente gänzlich zu durchdringen, hinter die Ohren schreiben sollen.

    Noch was zum Artikel: Mir scheinen die reinen Kennziffern-Vergleiche zwischen z.B. Deutschland und China doch etwas zu zweidimensional auf den Zusammenhang von Bevölkerunsgentwicklung + Landflucht und Prosperität abzuheben. Ich denke, dass andere sozioökonomische Faktoren wie weltwirtschaftliche Verflechtung/Exportüberschüsse, Bildungsniveau, Arbeitsethos, Umweltstandards, Gesundheitsquoten, Niveau der Gleichstellung von Frau und Mann etc. pp weitreichende Einflüsse auf das quantitative Wachstum einer Volkswirtschaft haben, vom qualitativen Wachstum ganz zu schweigen.

    Es ist der alte Fluch der Lehrbuchökonomie, dass die Modelle immer sehr gut unter der Annahme festgelegter Randbedingungen und ausreichender Komplexitätsreduktion funktionieren, dann aber – oh Wunder – mit der Realität soviel zu tun haben wie eine Modelleisenbahnladschaft mit der Schweiz.

    Grüße vom homo sociologicus

    • 22. Januar 2013 um 13:31 Uhr
    • Bouchon
  7. 7.

    Modelleisenbahn

    “Ein Bauer ernährte im Jahr 1900 noch rund vier Menschen, heute sind es rechnerisch etwa 133. Das Rechenbeispiel lässt sich auf eine Wirtschaft mit hohem Industrieanteil übertragen und wird im Übrigen auch in der deutschen Renten-Debatte zu wenig berücksichtigt.”

    Das ich das noch erlebe: Ein solcher Satz in der ZEIT. Den hätte man allerdings vor 8-9 Jahren mal dem Herrn von der SPD mit der sauerländischen Volksschulbildung, die angeblich ausreicht, um das Thema Demgrafie und Rente gänzlich zu durchdringen, hinter die Ohren schreiben sollen.

    Noch was zum Artikel: Mir scheinen die reinen Kennziffern-Vergleiche zwischen z.B. Deutschland und China doch etwas zu zweidimensional auf den Zusammenhang von Bevölkerunsgentwicklung + Landflucht und Prosperität abzuheben. Ich denke, dass andere sozioökonomische Faktoren wie weltwirtschaftliche Verflechtung/Exportüberschüsse, Bildungsniveau, Arbeitsethos, Umweltstandards, Gesundheitsquoten, Niveau der Gleichstellung von Frau und Mann etc. pp weitreichende Einflüsse auf das quantitative Wachstum einer Volkswirtschaft haben, vom qualitativen Wachstum ganz zu schweigen.

    Es ist der alte Fluch der Lehrbuchökonomie, dass die Modelle immer sehr gut unter der Annahme festgelegter Randbedingungen und ausreichender Komplexitätsreduktion funktionieren, dann aber – oh Wunder – mit der Realität soviel zu tun haben wie eine Modelleisenbahnladschaft mit der Schweiz.

    Grüße vom homo sociologicus

    • 22. Januar 2013 um 13:39 Uhr
    • Bouchon
  8. 8.

    Die Frage, wie sich die demographischen Verschiebungen in China in den nächsten Jahren auswirken werden, wird viel diskutiert. Einig ist man sich über die langfristigen Belastungen, die die Alterung für die (im Aufbau begriffenen) Sozialsysteme bedeutet. Wie sich aber die Zahl der verfügbaren Erwerbstätigen entwickelt, wird weniger einheitlich beantwortet. Der sich veringernden Gesamtzahl von erwerbsfähigen Personen stehen die für den nächsten 5-Jahresplan forcierten Urbanisierungsbestrebungen gegenüber, wie sich auch in diesem Interview herauslesen lässt: http://blogs.wsj.com/chinarealtime/2013/01/04/what-worker-shortage-the-real-story-of-chinas-migrants/?mod=WSJBlog

    Einen weiteren Blogbeitrag zum Thema Demographie in China findet man unter: http://rotervorhang.de/rotervorhang/?p=171

  9. Kommentar zum Thema

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