Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Die Milchpulverschmuggler aus China

Von 11. März 2013 um 15:19 Uhr

Vier Jahre ist es her, dass in China fast 300.000 Neugeborene wegen Melamin im Milchpulver erkrankten. Sechs Babys starben damals durch die gepanschte Milch. Heimische Hersteller hatten Melamin in ihr Milchpulver gemischt, um einen höheren Eiweißgehalt vorzutäuschen. Heute, sagen die chinesischen Behörden, habe der Skandal keine Bedeutung mehr. So gut wie alle getesteten Milchpulverprodukte aus heimischer Herstellung seien bedenkenlos.

Chinesische Eltern kaufen trotzdem lieber Milchpulver im Ausland – und zwar so viel, dass Milchpulver inzwischen weltweit knapp wird. “Aufgrund der enormen Nachfrage aus Asien und besonders aus China” seien einzelne Produkte zeitweise nur schwer erhältlich, bestätigt Milupa. Stefan Stohl, der Sprecher von Deutschlands größtem Milchpulverhersteller, sagt, er habe Hinweise darauf, dass inzwischen sogar Großhändler die Bestände von deutschen Supermärkten und Drogerien aufkauften.

Besonders dramatisch ist der Milchpulvermangel in Hongkong. In der Sonderverwaltungszone gelten andere Handelsgesetze als in der Volksrepublik, und es heißt, die Lebensmittelkontrollen seien dort auch verlässlicher. Seit Monaten sind die Regale für Babynahrung in Hongkong deshalb wie leergefegt.

Inzwischen hat die Regierung die Ausfuhr von Milchpulver radikal begrenzt. Maximal zwei Dosen dürfen Reisende in die Volksrepublik China seit dem 1. März mit über die Grenze nehmen. Regelverstöße werden mit Geldstrafen von umgerechnet maximal 50.000 Euro oder mit maximal zwei Jahren Haft geahndet. Trotz der harten Strafen haben Zollbeamte bereits in der ersten Woche 45 angebliche Milchpulverschmuggler aufgegriffen.

Das Milchpulver wird in China zu horrenden Preisen weiterverkauft. Auf Taobao, dem chinesischen Pendant zu Ebay, kostet eine Dose aus deutscher Herstellung umgerechnet bis zu hundert Euro. Zum Vergleich: In Deutschland ist eine 800-Gramm-Dose Aptamil Pre von Milupa für rund 15 Euro erhältlich.

Milupa will darauf reagieren und im Werk Fulda bald mehr produzieren. Es werde aber ein wenig dauern, ausreichend Kapazitäten aufzubauen, sagt Sprecher Stohl. Schließlich werde nach hohen Qualitätsstandards produziert. Chinesischen Eltern wird das gefallen.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ist die Brust geben so sehr ausser Mode gekommen oder kennt man das dort gar nicht??!?

    • 11. März 2013 um 16:48 Uhr
    • nuckler
  2. 2.

    Wer mal bei taobao schau, wird sehen, daß die Preise bei BIS ZU 100€ liegen. Dies sind aber nur absolute Ausnahmen – üblicherweise werden um ca. 200-250 Yuan (ca. 25-30 €) verlangt.

    • 11. März 2013 um 16:55 Uhr
    • Detlef
  3. 3.

    Die Begrenzung von 2 Dosen wird sicherlich regelmaessig ueberschritten.
    Da muss man in Hongkong nur am Wochenende zum Mannings(Drogerie) gehen und schon kann man sehen, wieviel die Leute kaufen, die hier mit den Bussen aus Shenzhen und co. ankommen fuer 1-Tages-Shoppingtouren.

    Grüße aus Wan Chai, HK

    • 11. März 2013 um 17:01 Uhr
    • ct87
  4. 4.

    Wie schade, dass die Chinesen nicht ihrer eigenen Kultur trauen, denn Jahrtausende sind sie ohne Milchpulver ausgekommen.
    Die natürlichste Nahrung für einen Säugling ist nun einmal Muttermilch. Und im Grunde gibt es keinen Grund, Kuhmilch oder gar Milchpulver in die Nahrung einzubauen. Nicht nur bei den Chinesen sind Kinder traditionell ohne Kuhmilch aufgewachsen. Viele Asiaten vertragen überhaupt keine Kuhmilch.
    Allerdings gilt es heute in Asien leider als Status, Milch und Milchprodukte zu sich zu nehmen.
    Milch und Milchpulver weltweit zu verbreiten, war ganz sicher allein das Ziel der Lebensmitteilindustrie und ist niemals aus humanitären Gründen so gewesen.

    • 11. März 2013 um 19:09 Uhr
    • Journalistin_BS
  5. 5.

    Ich dachte immer, Milchpulver und Kindernahrung sind zwei verschiedene Sachen!!
    Oder soll damit die nächste Milchpreiserhöhungs-Runde der deutschen Molkereien und Landwirte eingeläutet werden

  6. 6.

    100€ für Milchpulver? Das ist saftig. Mich interessiert, warum nicht ganz klassisch gestillt wird?

  7. 7.

    woran liegt es wohl, dass in China solche Unmengen an Milchpulver benötigt werden.
    primär kann man doch davon ausgehen, dass eine Frau im Wochenbett ausreichend Muttermilch produziert, um ein, oder auch zwei Kinder zu nähren.
    in Deutschland, und auch im europäischen Ausland, ist absolut üblich, ein Kind in den ersten 6 Lebensmonaten voll zu stillen.
    scheinbar ist die Besinnung auf die natürlichste Art der Ernährung eines neugeborenen noch nicht im Reich der Mitte angekommen.
    die Menschen haben wohl mehr Vertrauen in die großen Lebensmittelkonzerne als in natürliche Vorgänge.
    da aber auch in Deutschland noch Ende der siebziger Jahre ein Großteil der Neugeborenen mit Ersatznahrung ernährt wurden, und sich erst dann die Erkenntnis durchsetzte, dass es auch anderen Möglichkeiten gibt, habe ich auch für die chinesischen Säuglinge noch Hoffnung.

    • 11. März 2013 um 20:01 Uhr
    • pirol
  8. 8.

    “Milchpulverschmuggler”

    Das dieses weiße Zeugs doch immer so beliebt sein muss…

  9. Kommentar zum Thema

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