Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Volkswagen wird den Chinesen zu stark

Von 18. März 2013 um 17:12 Uhr

Eigentlich läuft es für Volkswagen in China großartig. Von mehr als neun Millionen weltweit verkauften Autos ging im vergangenen Jahr fast ein Drittel an Chinesen. Bis 2018 will das Wolfsburger Unternehmen die Stückzahl in der Volksrepublik noch einmal um zwei Millionen erhöhen. Damit nicht genug: In den kommenden Jahren sollen zehn neue Werke entstehen, allein sieben davon im Reich der Mitte. Doch ein zunächst rein technisches Problem zeigt nun, wie schwer sich der drittgrößte Autokonzern der Welt mit dem chinesischen Markt und mit der Führung des Landes tut.

Am Wochenende hat Volkswagen bestätigt, aufgrund von Getriebeproblemen würde eine bisher unbestimmte Zahl von Autos zurückgerufen. Wie viele und um welche Modelle es sich handelt, konnte der Sprecher des Konzerns nicht beantworten. Das chinesische Staatsfernsehen CCTV berichtet von einer halben Million Fahrzeuge.

Probleme gibt es mit den Direktschaltgetrieben der Typen DQ200 und DQ250. Sie sollen eigentlich die Vorteile einer automatischen Gangschaltung mit denen eines Schaltgetriebes verbinden. Mit dem Antippen eines Wahlhebels etwa am Lenkrad öffnet die erste Kupplung, gleichzeitig schließt die zweite, sodass manuell in den nächsten Gang geschaltet wird. Das Fußpedal entfällt. Allerdings beklagen chinesische VW-Fahrer bereits seit einiger Zeit, dass diese Technik nicht reibungslos funktioniert, sondern zu unkontrolliertem Beschleunigen oder Abbremsen führt.

Nach Ansicht chinesischer Autoexperten reagiert VW viel zu spät auf diese Kritik. Bereits Anfang 2012 hatten sich die Beschwerden gehäuft. Deutsche VW-Manager spielten das Problem damals herunter. Doch die chinesischen Verbraucher ließen sich kaum besänftigen. Vor allem in den sozialen Netzwerken war die Wut auf den Konzern groß. Blogger warfen VW Arroganz vor, der Konzern behandle chinesische Autokäufer zweitklassig.

Rückruf soll freiwillig erfolgt sein

VW reagierte im vergangenen Mai: In Absprache mit den beiden chinesischen Joint-Venture-Unternehmen versprach der Konzern, die Garantie für die Direktschaltgetriebe auf zehn Jahre oder bis zu 160.000 Kilometer zu erweitern.

Am Freitag nun griff das Staatsfernsehen das Problem erneut auf, passenderweise am Tag des Verbraucherschutzes. Die Mängel seien auch nach einem Jahr noch nicht behoben, hieß es in der beliebten Sendung “3.15″. Das chinesische Amt für Qualitätsaufsicht legte am Samstag nach: Es forderte Volkswagen auf, unverzüglich sämtliche defekte Autos zurückzurufen. Die Anordnung saß, noch am selben Tag kündigte der Konzern die Rückrufaktion an.

Volkswagen selbst behauptet, der Rückruf sei freiwillig und nicht auf Druck der Behörden erfolgt. Die im vergangenen Jahr veranlasste Serviceaktion sei “ausgezeichnet” gelaufen und von den Kunden auch angenommen worden. Bei 90 Prozent aller Fahrzeuge habe VW inzwischen neue Software aufgespielt. “Volkswagen hat und wird weiterhin eng mit den zuständigen Stellen zusammenarbeiten”, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

VW war in der Modellpolitik für China nachlässig

Dass ein so erfolgreicher Konzern wie Volkswagen die Getriebeprobleme aber auch nach über einem Jahr offensichtlich nicht in den Griff bekommt, wirft Fragen auf. Hat der drittgrößte Autobauer der Welt den chinesischen Konsumenten tatsächlich unterschätzt? Möglich, es wäre nicht das erste Mal. Nachdem VW in China bis in die 1990er-Jahre hinein Marktanteile von über 80 Prozent hielt, war der Absatz 2004 schon einmal massiv eingebrochen. Die Modellpolitik war dafür zumindest mit ein Grund: Damals dachte man offenbar, die Chinesen könne man immer noch mit einem Modell aus den späten 1970ern abspeisen, dem Santana. Er war sogar noch mit einem Kassettenradio ausgestattet, obwohl CD-Player auch in China längst Standard waren.

Hinter dem jüngsten Fernsehbeitrag auf CCTV könnte allerdings auch der chinesische Staat stecken. Offiziell gibt das natürlich niemand zu. Aber es ist kein Geheimnis, dass Volkswagen einigen in der chinesischen Führung mittlerweile zu stark geworden ist. Die bombastischen VW-Partys während der Pekinger Automesse im vergangenen Jahr betrachteten einige Staatsmedien bereits mit Argwohn und mahnten mehr Bescheidenheit an.

Aktuell liegt der Marktanteil in China bei etwas über 20 Prozent – Tendenz steigend. Doch die Führung will auch die landeseigenen Automarken etablieren. Und der Einfluss des Staates ist groß.

Noch wird Volkswagen gebraucht, um auch in Chinas unterentwickelten Provinzen wie etwa Xinjiang oder Sichuan eine Automobilindustrie aufzubauen. Doch wie lange noch? Wer hoch fliegt, könnte tief fallen – vor allem in der Volksrepublik.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    ……..Bescheidenheit ist nicht des Deutschen Stärke :-) Mertk hierzulande zwar kaum jemand, wohl aber in den Ländern, in denen der Kommunismus die Menschen dazu (zwangs-)erzogen hat. Vielleicht lern manch so einer davon, schadet ja nicht.

    • 18. März 2013 um 17:39 Uhr
    • momo
  2. 2.

    Wer sich mit dem Teufel ins Bett legt, muss sich nicht wundern, wenn er gehörnt aufwacht … es hat halt auch der Pakt mit dem Teufel seinen Preis.

    Und was ist mächtiger als ein gut geführter diktatorischer Staatskapitalismus, der unsere Regeln ad absurdum führt.

    • 18. März 2013 um 18:27 Uhr
    • Zeugma
  3. 3.

    ” Damals dachte man offenbar, die Chinesen könne man immer noch mit einem Modell aus den späten 1970ern abspeisen ”

    In Mexico mit dem Käfer und in Brasilien der T2 Bus hat es ja auch geklappt.
    Apropo Brasilien, war da nicht eine Verordnung von einem Gericht das VW dort 400.000 zurück rufen muß.

    Was ist den daraus geworden ?

    http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/brasilien-gericht-verdonnert-vw-zu-rueckruf/7621354.html

    Ich denke das VW`s Jahre dort gezählt sind.

    • 18. März 2013 um 18:41 Uhr
    • scoty
  4. 4.

    Ich frage mich jedoch warum ein DQ250, welches Europa- und Weltweit millionenfach problemlos funktioniert gerade ausschließlich in China so drastische Probleme haben soll dass eine Rückrufaktion nötig wird? Kann sich jetzt jeder seinen Teil denken, aber am Getriebe wird es nicht liegen…

    • 18. März 2013 um 18:46 Uhr
    • stebo
  5. 5.

    Wenn man diese anscheinend hausgemachten Qualitätsmängel VW’s etwas intensiver betrachtet, kann man sich des Eindrucks nichtr verwehren, dass Herrn Winterkorns’s Entlohnung doch etwas zu hoch ausgefallen ist. Klasse, nicht auschließlich nur Masse, sollte dessen Devise sein. Sonst könnte es schneller als gedacht zu einer Kehrtwende im angepeilten Aufstieg zur Nr. 1 im weltweiten Automobilbau für VW kommen.

    • 18. März 2013 um 19:55 Uhr
    • charly k
  6. 6.

    @scoty

    Im Gegenteil. Der Amarok wurde extra für den Südamerikanischen Markt gefertigt.
    Er wird dort sicher ein Erfolg. Für China plant VW einen kleinen Lastwagen, was vernünftig ist, denn Fahrzeuge aus Kleinbetrieben wir die Regierung niemals zurückpfeifen lassen.
    VW hat eine vernünftige Führung. Ja, ich weis, man glaubt das nicht bei all dem was in der deutschen Politik erlebt. Aber VW ist clever genug sich an schnell ändernde Marktlagen anzupassen. UND….sie bauen schlicht gute Autos und das macht Ihnen offensichtlich niemand wirklich gut nach.

  7. 7.

    Jeder zu optimistisch in China investierte Cent ist verlorenes Geld.
    Wenn VW 7 werke in China errichtet sollten sie die Kosten schon mal als Abschreibung einplanen. In China ist ma nur so lange willkommen wie das Land einen Nutzen daraus ziehen kann und dann wird man abserviert !

    • 18. März 2013 um 21:02 Uhr
    • JOAX
  8. 8.

    “…Hinter dem jüngsten Fernsehbeitrag auf CCTV könnte allerdings auch der chinesische Staat stecken. Offiziell gibt das natürlich niemand zu. Aber es ist kein Geheimnis, dass Volkswagen einigen in der chinesischen Führung mittlerweile zu stark geworden ist. Die bombastischen VW-Partys während der Pekinger Automesse im vergangenen Jahr betrachteten einige Staatsmedien bereits mit Argwohn und mahnten mehr Bescheidenheit an….”

    Haben Sie hierfür irgendwelche Beweise? Sieht so vernünftiger Journalismus aus?
    Wird hier nicht wieder einmal Stimmung gemacht!?

    Ein Unternehmen hat massive Produktprobleme, nicht zum ersten Mal, und hier wird munter drauf los spekuliert und vom eigentlichen Problem abgelenkt.

    • 18. März 2013 um 21:09 Uhr
    • IndependentWave
  9. Kommentar zum Thema

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