Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas Urbanisierung wird zum Alptraum

Von 7. Mai 2013 um 10:33 Uhr

Diesmal ist es die Furcht vor einer Steuer, die die Bürger zum Immobilienkauf treibt. 20 Prozent Kapitalgewinnsteuer wird ab Anfang April auf sämtliche Wohnungsverkäufe in China fällig. Eigentlich ein Mittel gegen die Überhitzung: Chinas Führung will den Handel mit Immobilien unattraktiver machen. Doch Chinas Bürger fürchten, dass die Steuer bald auf die Preise geschlagen wird – und kaufen noch einmal panikartig ein.

Zwar wird die Steuer derzeit nur in Peking eingetrieben. Dennoch treiben die Panikkäufe die Immobilienpreise seit Anfang des Jahres weiter in die Höhe. Am stärksten stiegen die Preise in Peking und Guangzhou – plus drei Prozent in drei Monaten. In Schanghai und Shenzhen sind die Häuser und Wohnungen immerhin um 2,2 und 2,3 Prozent teurer geworden. Und im ganzen Land stiegen die Immobilienpreise im vergangenen Jahr um neun Prozent, in Hongkong sogar um 25 Prozent.

Dabei sind die Preise in Städten wie Peking und Shanghai schon heute unverhältnismäßig hoch. Umgerechnet zwischen 3.000 und 4.000 Euro kostet ein Quadratmeter in Chinas Hauptstadt. Der Durchschnittsverdienst in Peking liegt bei weniger als 800 Euro. Auch die Mieten sind drastisch gestiegen.

Das Absurde: Viele Wohnungen stehen leer. Sie gehören Investoren, die sie selbst gar nicht bewohnen. Und weil die Nebenkosten in China gering sind, hegen sie auch nur wenig Ambitionen, sie zu vermieten. Solange die Nachfrage anhält und der Preis steigt, fühlen sie sich reich – auch wenn sie konkret gar nicht daran verdienen. Viele Immobilien in China dienen den Eigentümern allein zur Spekulation.

Das hat Chinas Führung offensichtlich nicht gewollt. Unter dem Schlagwort der Urbanisierung will sie in den kommenden 20 Jahren jährlich zwischen 10 und 20 Millionen Menschen vom Land in die Städte holen. Derzeit lebt gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in einer Stadt – viel zu wenig für eine entwickelte Volkswirtschaft, finden chinesische Ökonomen. In Zukunft sollen es 85 Prozent sein. Das sei nötig, damit die Menschen auf dem Land über einen ähnlich hohen Lebensstandard verfügen wie die Menschen in den Städten. Das Unterfangen ist gigantisch. Im ganzen Land werden Hunderttausende neue Wohnhäuser hochgezogen.

Chinas große Urbanisierung hatte bereits die Vorgängerregierung in die Wege geleitet. Doch Chinas neues Staatsoberhaupt Xi Jinping hat kurz nach seiner Amtseinführung bekräftigt, an den ehrgeizigen Urbanisierungsplänen festzuhalten und den “chinesischen Traum” beschworen. Im Mittelpunkt sollen Wohlstand, Patriotismus und Innovation stehen.

Doch angesichts der rasant gestiegenen Immobilienpreise sehen viele Chinesen diesen Traum in weite Ferne gerückt. Der Unmut reicht weit in die chinesische Mittelschicht. Wer nicht vor zwei, drei Jahren eine Wohnung gekauft hat, muss jetzt fürchten, keine bezahlbare Wohnung mehr zu finden.

Das Projekt Urbanisierung, es entpuppt sich für viele Chinesinnen und Chinesen als Alptraum.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wie waers mit einer Steuer nur auf leerstehende Wohnnungen, damit koennte man dieses Problem des Leerstandes (zur Spekulation) begegnen.

  2. 2.

    Man will halt so sein wie Amerika und scheint die Amis eingeholt zu haben – siehe Detroit.

  3. 3.

    Solche flankierenden Gesetze feheln eben in China
    (Steuer auf Leerstand) das ist das Problem und zeigt gleichzeitig
    wie wenig das alles noch mit Sozialismus geschweige denn Kommunismus zu tun hat.

  4. 4.

    Wieso wird jede Nachricht aus China in eine Polemik verflacht? Aus: “Die Regierung baut Wohungen in gigantischem Ausmaß um auf die hohe Nachfrage zu reagieren” wird ein “Alptraum”. Es handelt sich um Marktversagen. Der Staat hat das Problem nicht verursacht, er bekämpft es massiv.

    • 7. Mai 2013 um 13:28 Uhr
    • Sikkimoto
  5. 5.

    Erst vor kurzem meine ich gelesen zu haben, dass der städtische Bevölkerungsanteil erstmals den ländlichen überholt hat, allein den Zahlen nach eine unglaubliche Urbanisierung – Menschen kommen in die Städte, die Wirtschaft braucht Räumlichkeiten und wächst nach wie vor rapide, die Ein-Kind-Politik steht auf der Kippe…
    Stellt sich die Frage wie weit die Spekulation tatsächlich vor der wachsenden Nachfrage herrennt, bzw. ob das nicht doch in einem gerechtfertigten Maß bleibt, und Wohnraum nicht doch auch real inklusive Spekulation in ausreichendem/wirtschaftlich gesundem Maße mangelt…

    • 7. Mai 2013 um 13:38 Uhr
    • 可为
  6. 6.

    Wo ist jetzt das Berichtenswerte?
    1) Wo ist bitte die Relevanz für jemanden, wenn die Grundstückspreise in Peking hoch sind? In China ist ein Sack Reis umgefallen :P
    2) Woran erkennt man, dass die Menschen “panikartig” kaufen? Kaufen da Menschen, die viel zu wenig Kohle haben, oder kaufen Investoren geziehlt Wohnungen?

    Btw: In Deutschland ist die Eigenheimquote doch auch im Vergleich zum Europäischen Durchschnitt sehr sehr gering. Auch hier kann sich fast keiner leisten, eine Wohnung zu kaufen oder ein Haus zu bauen. Die meisten Menschen leben in Miete. Der Horror.

  7. 7.

    Wenn Sie diesen Artikel für irrelevant halten, warum haben Sie ihn dann gelesen. Ich persönlich finde jedes Bundesligaspiel deutlich irrelevanter.

    Dieser Artikel informiert uns nämlch über das Entstehen einer gewaltigen Immobilienblase in China: Man kauft, läßt leerstehen und spekuliert auf Wertsteigerung. Es steigt aber nicht der Wert, sondern nur der Preis, den zu zahlen einige momentan bereit sind. 9 % und gar 25 % in einem Jahr ist kaum mit realen Faktoren zu begründen.

    Die Preise sind vielen zu hoch, um kaufen zu können? Kein Problem, liebe chinesischen Kaufinteressenten. Wartet einfach ab. Irgendwann wird es einen Impuls geben, der eine gewisse Anzahl von Spekulanten zum Verkauf bewegt. Dann gibt es plötzlich ausreichend Wohnungen am Markt, der Preis sinkt, die anderen Spekulanten verfallen in Panik, der Preis stürzt ab. Aus.

    In Deutschland gibt es lägst auch ehr als nur einige regionale Blasen in Metropolen. Selbst in mittleren Städten sind die Preise sogar in unattraktiven Lagen völlig überhöht. Ich beobachte seit einigen Jahren den Markt in Kiel und in Lübeck. In Lübeck hat es selbst in einem eher unattraktiven Vorstadtgebiet in den letzten fünf Jahren Steigerungen von ca. 40 % gegeben. Absurd. Das wird zuende sein, sobald die Euro-Hysterie zurückgeht.

    • 7. Mai 2013 um 15:19 Uhr
    • @ Creedinger
  8. 8.

    Nun weile ich gerade ein Jahr in China (und versuche immer noch das Land zu verstehen).
    Es gibt u. a. einen kulturellen Hintergrund den “wir” in Deutschland so extrem nicht kennen. Wenn ein Mann hier heiraten moechte, ist es fast unabdingbar mindestens ein Auto und wenn moeglich auch eine Wohnung zu besitzen.
    Da es in diesem Land eine Menge heiratswilliger Maenner gibt koennen die Spekulanten sich bequem zurueck lehnen und abwarten.
    Um das “Gesicht nicht zu verlieren” nehmen hier einige Familien gewaltige Schulden in kauf.
    Und wie wir Deutschen nun mal sind, haben wir schnell einen “Ratschlag” zur Hand. Ich habe mir dieses Mittlerweile abgewoehnt denn, wir haben in Deutschland genug eigene Problemchen mit denen wir uns zuerst befassen sollten.
    Ich bitte um etwas mehr Respekt im Umgang mit anderen Voelkern und Kulturen. Auch wenn das manchmal schwer faellt.
    Aber es kehrt sich so schoen vor der Tuer anderer ;o)
    Ich bitte die umschriebenen Umlaute zu entschludigen. Mir steht hier “nur” eine englische Tastatur zur Verfuegung. Kulturelle Unterschiede und so… :o)
    Mit freundlichen Gruessen aus dem Land des Laechelns
    Bjoern

    • 8. Mai 2013 um 02:58 Uhr
    • Uncle B
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)