Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Das System ist Schuld

Von 4. Juni 2013 um 11:50 Uhr

Es sind so viele Dinge, die beim Unglück von Jilin wütend machen. Auf Chinas Kurznachrichtendienst Sina-Weibo bricht sich die Empörung Bahn: darüber, dass zum Zeitpunkt des Unglücks alle Fabriktore verschlossen waren, weshalb sich gerade einmal 100 der Arbeiter ins Freie retten konnten. 100 von 300. Darüber, dass 120 von ihnen im Inneren der Geflügelfabrik des Unternehmens Jilin Baoyuanfeng Poultry erstickten, weil man sie nicht herausließ. 80 Arbeiter wurden verletzt.

Chinas Blogger zitieren Mitarbeiter der Firma, die die Fabrik betrieb: Die Schlachterei sei völlig überfüllt gewesen, die Fluchtwege mit sperrigen Gegenständen blockiert. Rettungskräfte kommen zu Wort, sie sagen, der Aufbau der Fabrik sei so kompliziert gewesen, dass Hilfe oft zu spät kam. Die Gänge seien viel zu schmal gewesen für die vielen Menschen, die ins Freie drängten.

Der Fabrikbrand fand in Chinas Nordostprovinz statt, doch er bewegt das ganze Land. Schon seit dem Unglück von Bangladesch im April debattiert China über den mangelnden Arbeitsschutz in den heimischen Fabriken. Unternehmer und Behörden, damals von Journalisten befragt, antworteten, die Lage habe sich deutlich gebessert. Alle hätten aus dem Brand in einem Nachtclub in der südchinesischen Stadt Shenzhen vor fünf Jahren gelernt. Damals starben 44 Menschen in den Flammen.

Doch in Wahrheit reißt die Kette der Unglücke in China nicht ab. Erst vor zwei Wochen kamen in der ostchinesischen Provinz Shandong zwölf Menschen bei einer Explosion in einer Sprengstofffabrik ums Leben. Eine Woche zuvor starben 27 Bergarbeiter bei einer Gasexplosion in einer Kohlemine im Südwesten des Landes. Schon lange aber sind in China nicht mehr so viele Menschen gestorben wie nun in Jilin. Glaubt man den chinesischen Medien, ist es das schwerste Feuerunglück in China seit mehr als zwölf Jahren.

Dabei gibt es in China eigentlich Arbeitsschutz- und Brandbestimmungen, die den Empfehlungen der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) entsprechen. Und auch die staatlich kontrollierten Zeitungen reagieren inzwischen sehr sensibel auf das Thema. Immer wieder berichten sie von Fabrikarbeitern, die auf Versäumnisse beim Arbeitsschutz aufmerksam machen. Mehrfach wurden Unternehmen durch den öffentlichen Druck gezwungen, für besseren Arbeitsschutz zu sorgen.

Es hat offensichtlich nicht gereicht. Chinas Führung gibt sich wütend. “Schlechtes Bewusstsein für Sicherheit und unzureichende Aufsicht sind Ursache vieler dieser Unglücke”, klagt Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua in einem scharfen Kommentar. Und weiter heißt es: “Die Unglücke sind auch Ergebnis des Wunsches der Unternehmen, Profite auf Kosten der Sicherheit zu machen, und der Faulheit von Funktionären, die ihre Verantwortung nicht erfüllen.”

Selbst Chinas neuer Staatspräsident Xi Jinping meldet sich aus dem fernen Costa Rica zu Wort, wo er sich derzeit auf Staatsbesuch aufhält. Persönlich wies er an, “die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen”. Den Verantwortlichen des ausgebrannten Schlachthofes haben die Behörden vor Ort auch schon festgenommen.

Aber die Probleme liegen im System begründet. Die Aufrufe der Zentralregierung für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz verpuffen auf lokaler Ebene. Vetternwirtschaft zwischen Fabrikbesitzern und verantwortlichen Aufsichtsbehörden sind ein Grund. Ein anderer ist das Fehlen unabhängiger Arbeitnehmervertretungen, die sich um bessere Bedingungen kümmern könnten. Wenn man sie denn ließe.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das Fehlen unabhängiger Arbeitnehmervertretungen ist sicher eine wichtige Bedingung. Diese Vertreter müssen aber auch über die notwendige Bildung verfügen, um die Interessen derer, die sie vertreten, durchsetzen zu können.

    Wer es heute aber zu Bildung bringt, gehört schnell zum Kreis der Vetternwirtschafter.

    Daher werden wohl die Enkel der Verlierer der Kulturrevolution, also die heutigen Wanderarbeiter, dies aus eigener Kraft und gegen das Bildungsbürgertum schaffen müssen. Die 2. Hälfte des 19.Jhd zeigt, wie schmerzhaft dies in Europa war.

    • 4. Juni 2013 um 14:22 Uhr
    • Gwerke
  2. 2.

    Nee, Herr Lee, zu allererst bräuchten wir mal kräftig was auf die raffgierigen Finger von Unternehmern, in deren Fabriken die Notausgänge verrammelt werden.

    Wenn man da nur heftig genug draufhaut, spricht sich das rum, und die Fluchtwege bleiben offen.

  3. 3.

    Was für ein Schwachsinnsartikel ! Nichts als billige Hetze gegen China !
    China ist wirtschaftlich überlegen und einfach leistungsfähiger. Und dann müssen die Propagandaorgane – Zeitung wäre wohl falsch ausgedrückt – gegen das überlegene Gesellschaftssystem Stimmung machen, so wie es das Merkel-Regime erwartet.
    Da wird ein Fabrikbrand propagandamässig ausgequetscht – bis zum letzten Tropfen. Die überschrift dieses “artijeks” sagt ja schon alles: “Das System ist schuld”. Ja, ja der böse Kommunismus. China ist so dreist und macht eine eigenständige Politik, zum Vorteil seiner Bürger und dazu sehr erfolgreich.
    Also muss die chinesische Regierung und das “System” bekämpft werden.
    Deutschland, schäme dich !

    • 4. Juni 2013 um 22:37 Uhr
    • jupie
  4. 4.

    @popsnoman:
    Was für eine arrogante “Argumentation”. Ich glaube nicht, dass es Ihnen oder Deutschland zusteht, irgendwo “draufzuhauen”. Hauen Sie doch lieber auf Missstände in Deutschland drauf, derer gibt es genug, anstatt sich über China auszulassen, von dem Sie nur durch westliche manipulierte Berichte Pseudo-Kenntnisse haben.
    Ausserdem wundert mich Ihre Herangehensweise an Probleme. Probleme lösen durch “draufhauen” ! Hmm, machen Sie das immer so ? Mein Beileid !
    Ich hatte zum Glück gute Eltern.

    • 4. Juni 2013 um 23:03 Uhr
    • jupie
  5. 5.

    kurze Anmerkung.

    “Der Fabrikbrand fand in Chinas Südprovinz statt, doch er bewegt das ganze Land.”

    Jilin liegt im Nordwesten Chinas. Ansonsten lese ich sehr gerne Ihren Blog. Weiter so!

    • 5. Juni 2013 um 03:32 Uhr
    • Patrick
  6. 6.

    Danke für den Hinweis auf den Verschreiber. Ist korrigiert.

    • 5. Juni 2013 um 08:46 Uhr
    • Felix Lee
  7. 7.

    Jetzt habe ich Ihren Verschreiber mit einem meinerseits verbessert und Nordwesten geschrieben. Aber das Endergebnis zaehlt ;-) Natuerlich Nordosten wie sie es richtig geaendert haben.

    • 5. Juni 2013 um 09:17 Uhr
    • Patrick
  8. 8.

    @jupie: Ihr Posting, besonders der Teil mit den Eltern, ist eine Frechheit.

    Und falsch verstanden haben Sie mich auch.

    Sprechen Sie mal mit jemand, der in Deutschland Betriebsbegehungen macht, und frage sie den, was passiert, wenn man in einem Betrieb verschlossene Notausgänge vorfindet.

    Dann setzt es empfindliche Strafen (vulgo: es gibt was auf die Finger)

  9. Kommentar zum Thema

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