Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Der größenwahnsinnige Hafenbaumeister China

Von 10. Juli 2013 um 11:52 Uhr

Noch belegt Schanghai den Spitzenplatz als größte Hafenstadt der Welt. Zehn Hafenanlagen verteilen sich entlang der Flüsse Jangtse und Huangpu über das Stadtgebiet. Der Tiefseehafen Yangsha, rund 30 Kilometer vom Zentrum entfernt, kommt noch hinzu. Pro Jahr werden in der Stadt rund 32 Millionen Standardcontainer (TEU) umgeschlagen. Zum Vergleich: Die größten deutschen Häfen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven zusammen erreichen mit rund 17 Millionen TEU nicht annähernd dieses Handelsvolumen.

Etwa 550 Kilometer nördlich an der ostchinesischen Küste will man Schanghai dennoch übertrumpfen. Die chinesische Stadt Tsing­tau ist dabei, ihren Hafen auszubauen. Bis zum Jahr 2020 soll er in der Lage sein, jährlich mit gigantischen 42 Millionen TEU zu handeln. Bisher gibt es in Tsing­tau 81 Schiffsanlegeplätze, 112 weitere sind geplant. Zusätzlich besitzt der Hafen von Tsing­tau noch Kapazitäten für den Umschlag von Öl und Eisenerz. Gehen die Pläne auf, würde  die ehemalige deutsche Kolonie Tsing­tau Schanghai bald überholen.

Es sind nicht die einzigen chinesischen Städte, die um die Spitzenplätze im Hafengeschäft wetteifern, trotz zuletzt schwächelnder Wachstumsraten.

Sieben der derzeit zehn weltgrößten Häfen befinden sich in China. Neben Schanghai und Tsing­tau sind das die Häfen von Hongkong, Shenzhen und Guangzhou am Perlflussdelta im Süden des Landes, Schanghais Nachbarstadt Ningbo am Jangtse-Delta und die Stadt Tianjin vor den Toren Pekings. Hinzu kommen Hafenstädte, die außerhalb Chinas kaum jemand kennt: Wenzhou, Xiamen, Dalian, Yantai, Nantong, Bohai, Shantou. Sie alle wollen in Zukunft mindestens 20 Millionen Standardcontainer im Jahr handeln können.

Auch wenn hinter jeder dieser Hafenstädte eine Küstenprovinz steht, die mehr Einwohner zählt als Deutschland: Die Ausbaupläne sind ambitioniert. Und sie bergen Risiken. Schon seit einiger Zeit leiden fast alle chinesischen Häfen unter Überkapazitäten. Ihre Anlagen sind bei Weitem nicht mehr voll ausgelastet. Vor allem das Perlflussdelta im Süden des Landes mit seinen vielen Fabrikanlagen macht derzeit einen schmerzhaften Strukturwandel durch. Der ist politisch gewollt. Die politische Führung will weg von der exportorientierten Billigindustrie, hin zu mehr Dienstleistungen und einer Stärkung des Binnenmarktes. Doch je weniger für den Export produziert wird, desto überflüssiger ist der Ausbau der Häfen.

Am Jangtse-Delta ist die Lage ähnlich wie am Perlfluss. Mit den gigantischen Anlagen von Schanghai und Ningbo befinden sich hier gleich zwei Tiefseehäfen in unmittelbarer Nachbarschaft. Hinzu kommen weitere große Umschlagplätze in Hangzhou und Nantong, die untereinander konkurrieren. Auch in dieser Region wächst der Export nicht mehr mit zweistelligen Raten. In vielen Lagerhallen stapeln sich die Waren.

Das trifft auch die Werftindustrie bemerkbar. Sie zählt neben der Automobilindustrie und dem Stahlsektor derzeit zu den Branchen mit den größten Überkapazitäten. Erst vor wenigen Tagen protestierten ehemaliger Arbeiter vor den Werkstoren von Rongsheng Heavy Industries, einem der größten Schiffbauer in der Volksrepublik. Das Unternehmen hat rund 8.000 der einst 28.000 Mitarbeiter vor die Tür gesetzt und verhandelt mit der chinesischen Regierung um Staatshilfe.

Dennoch setzt China weiter auf den Ausbau der Häfen, und zwar nicht nur im eigenen Land. Mithilfe chinesischer Hafenbetreiber entsteht derzeit in Sri Lankas Hauptstadt Colombo der größte Tiefseehafen Südasiens. In Nicaragua soll ein chinesischer Investor einen Konkurrenzkanal zum Panama-Kanal bauen, inklusive zweier Tiefseehäfen. Und ebenfalls mit chinesischer Beteiligung entsteht im kenianischen Lamu der größte Hafen Afrikas.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Drei Mal so viel Einwohner wie die EU, davon leben viele die Küste entlang runter, zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, größter Exporteur der Welt, größter Hersteller und Exporteur aller möglichen Volumenfressenden Alltagsprodukte…

    Das das “größenwahnsinnig” ist glaube ich erst wenns am Ende wirklich nicht funktioniert … das angekündigte Scheitern bleibt bei China in letzter Zeit nämlich immer aus…

    • 10. Juli 2013 um 16:50 Uhr
    • KommentiererX
  2. 2.

    Was sollen sie denn sonst machen mit dem gigantischen Bilanzüberschuss? Bei den Amis anlegen? Der Schäferturm war ein Witz dagegen. Es ist relativ unwichtig, ob derartige Investitionen sich rentieren. Die Wachstumszahlen liegen noch immer über denen des sog. dt. Wirtschaftswunders. Schwächelnd? Das ist m.E. sehr irreführend formuliert.

    • 10. Juli 2013 um 16:55 Uhr
    • ZaphodDaizi
  3. 3.

    Weg vom Billigexporteur, hin zur Stärkung des Binnenmarkts und zum Aufbau des Binnen-Lebensstandards, da wächst etwas heran, das in 20 Jahren die EU und die USA gemeinsam alt aussehen lässt. Da macht es sehr wohl Sinn, die Häfen bis 2020 als Import-Export-Schnittstellen auszubauen, um diese Wirtschaftspower global zu verbinden.
    Manchmal friert es mich richtig, wenn ich sehe, wie die Chinesen langfristig steuern und denken. Wir dagegen haben Politiker, die 2 Jahre lang dem Wähler nach dem Mund reden und die anderen zwei Jahre zeigen, dass sie keine Ahnung haben, weil sie aufgrund Ihres Redetalents gewählt worden sind. (Ausnahmen gibt es immer)

    Da würde es mich nicht wundern, wenn der “Export” unseres Demokratie-Modells ins Stocken gerät, weil das “Chinesische Modell” offenbar erfolgreicher sein wird. Und irgendwann fällt es in all dem Wirtschaftsgigantismus nicht mehr auf, wenn jährlich tausende ohne rechtsstaatliches Gerichtsverfahren hingerichtet werden. Schauder.

    Wir brauchen ein Konzept, das das Schielen nach der Wählergunst unterbindet und uns kompetente Entscheider bescheert, dabei aber die Rechtsstaalichkeit wahrt und das demokratische Prinzip.

  4. 4.

    Wir brauchen ein Konzept, das das Schielen nach der Wählergunst unterbindet und uns kompetente Entscheider bescheert, dabei aber die Rechtsstaalichkeit wahrt und das demokratische Prinzip.

    Das funktioniert nicht, die Stabilität der Demokratie fusst darauf, dass sie eine Möglichkeit bietet die Unfähigen so schnell auszutauschen, dass sie garnicht die Fähigkeit zu langfristigem Planen der Macht entwickeln, da sie sie sonst an sich reissen. Vermutlich wäre es sinnvoller den Ausgangspunkt nicht in der Anpassung unseres Systems zu suchen, sondern den Ausgangspunkt beim chinesischen zu setzen. Das gewählt wird ist eigentlich kontraproduktiv, da die Bürger zu wenig politische Kompetenz haben – man müsste also einen stabilen Weg zum Rechtsstaat suchen, während irgend ein anderes System als Mehrheitswahl die Fähigsten und nicht die Populistischsten an die Schalthebel bringt…

    • 10. Juli 2013 um 18:57 Uhr
    • KommentiererX
  5. 5.

    Ich würd ja noch verstehen, wenn man Chinas Investitionen in große Infrastrukturprojekte in erster Linie unter Umweltaspekten kritisieren würde. Also, dass für unnötige Häfen zuviel Natur zerstört würde.

    Aber nein, hier wird in erster Linie der vermeintlich volkswirtschaftliche Schaden dieser Überkapazitäten kritisiert. Dabei kann sich China es durchaus leisten seine Bilanzüberschüsse in Infrastruktur “aus Halde” zu legen.

    Klar, könnten sie vielleicht die Investitionen noch gezielter und sinnvoller anlegen. Aber wir sollten uns mit Kritik da sehr zurückhalten. Was wird hier nicht alles unnötig in Überkapazitäten an Geld gesteckt – etwa in den Ausbau des x-ten Regionalflughafens. Und dies wird mit Schulden und aus eh zu knappen Steuern finanziert!

    China mag Fehler machen – aber wenn dieses Schwellenland “erwachsen” wird, dann passiert so etwas nun auch mal. Und ob es wirkliche Fehler sind, werden wir eben erst in einigen Jahren wissen.

    • 10. Juli 2013 um 20:01 Uhr
    • reniarr
  6. 6.

    @Redaktion: welcher Umschrift des Chinesischen folgen Sie ? Wenn es Pinyin ist, dann sollten Sie Shanghai und Qingdao verwenden, zumal Siembeimallen anderen Städtenamen der offiziellen Umschrift folgen …

    • 10. Juli 2013 um 20:30 Uhr
    • Khkwm
  7. 7.

    Wenn man den Weltmarkt in Zukunft mit Automobilen überschwemmen will muss man diese auch zum Käufer schaffen können. Von den Bodenschätzen über die Infrastruktur bis zum Produkt-Alles in chinesischer Hand.

    • 11. Juli 2013 um 01:02 Uhr
    • kapitän
  8. 8.

    Passend zu teilen der Deutschen Handelsmarine die vor Singapur liegt weil sie nicht gebraucht wird da die Kapazitäten nicht da sind kommen jetzt unbenutze Häfen in China. Frei nach dem Motto das Wachstum hört eh nie auf… Manchmal wollen die Zeichen einfahc nicht gesehen werden.

    • 11. Juli 2013 um 04:12 Uhr
    • Hanshummel
  9. Kommentar zum Thema

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