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Gammelfleisch aus Maos Zeiten

 

Der große Milchpulverskandal in China ist mittlerweile fast sieben Jahre her. Damals panschten chinesische Produzenten giftiges Melamin in das Milchpulver für Säuglinge. Bis heute trauen viele Eltern der heimischen Milchindustrie nicht über den Weg und beziehen das Milchpulver für ihre Kinder deshalb aus dem Ausland. Nun wird China erneut von einem Lebensmittelskandal heimgesucht. Dieses Mal handelt es sich um zum Teil 40 Jahre altes Gammelfleisch.

Die Zollbehörde der südchinesischen Stadt Changsha hat eine Ladung von 800 Tonnen Gammelfleisch beschlagnahmt. Teile einer Lieferung, die die Behörden in der Provinz Guangxi sichergestellt haben, waren seit den frühen 1970er Jahren tiefgefroren. Das Fleisch ist also teilweise noch zu Lebzeiten des Gründers der Volksrepublik, Mao Zedong, abgepackt worden. Noch ist unklar, wo die Ekel-Ware ursprünglich herkommt. Doch vermutlich haben Schmuggler sie über Hongkong und Vietnam ins Land gebracht.

Die Aufdeckung des Fleischskandals ist Ergebnis von groß angelegten Ermittlungen gegen Lebensmittelsünder. Chinas Regierungschef Li Keqiang hatte im März bei seiner Rede zur Lage der Nation strenge Lebensmittelkontrollen und ein hartes Durchgreifen gegen Pfuscher angekündigt. So gesehen verbirgt sich hinter dieser Ekel-Meldung die gute Nachricht, dass die Behörden jetzt genauer hinsehen.

In der Tat reißt die Reihe der Gammelfleisch-Nachrichten in China nicht ab. So war erst im vergangenen Jahr aufgeflogen, dass die Shanghaier Firma Husi Food Filialen von McDonald’s, KFC und Starbucks mit altem Gammelfleisch beliefert hat. In Supermärkten und Straßenrestaurants sind Ratten-, Fuchs- und Marderfleisch aufgetaucht. Schweinefleisch wurde mit Paraffinwachs überzogen.

Über den jüngsten Fund sind aber selbst die hartgesottenen Lebensmittelkontrolleure in China geschockt. Chinesische Zeitungen berichten von Zollbeamten, die sich vor Ekel fast übergeben mussten. Vor allem aber das Ausmaß ist schockierend: 100.000 Tonnen Fleisch seien von Polizei und Zoll in den vergangenen Monaten landesweit sichergestellt worden, heißt es. Das gefrorene Hühner-, Rind- und Schweinefleisch soll einen Wert von umgerechnet 430 Millionen Euro haben.

Den Ermittlern zufolge haben Schmuggler offenbar über Jahrzehnte hinweg billiges Fleisch aus dem Ausland bezogen, beispielsweise in Indien und Brasilien. Um den chinesischen Einfuhr- und Lebensmittelkontrollen auszuweichen, ist ein Großteil der Ware wahrscheinlich über Hongkong eingeführt worden, wo die Grenzkontrollen lasch sind, oder über Vietnam.

Doch das ist nicht alles: Um zusätzlich Geld zu sparen, haben die Schmuggler das Fleisch oftmals in einfachen Last- statt in Kühlwagen transportiert und danach wieder eingefroren. Manchmal sei diese Prozedur mehrmals wiederholt worden. Insgesamt haben die Behörden in den vergangenen Monaten landesweit 14 Schmugglerbanden das Handwerk gelegt, die so oder so ähnlich vorgegangen sein sollen.

Stellt sich die Frage: Was denken solche Händler, wenn sie solche Mengen an Gammelfleisch verkaufen? Denn nachhaltig ist dieses Geschäftsmodell sicherlich nicht. Doch gerade in den südchinesischen Provinzen Hunan und Sichuan, wo die Fahnder jetzt besonders viel Gammelfleisch gefunden haben, ist die Küche sehr würzig. Die Schärfe überdeckt häufig den stechenden Geruch oder sauren Geschmack des verdorbenen Fleischs. Die häufig auftauchenden Magenprobleme nach dem Verzehr können in diesen feucht-heißen Regionen unterschiedliche Gründe haben.

Denn nicht nur beim Fleischhandel wird in China häufig gepfuscht. Auch in Peking finden sich Kneipen, in denen gefälschter Rotwein aus Industriealkohol, Lebensmittelfarbe und Zucker angeboten wird. Garküchen sammeln das bereits benutzte Bratöl und verwenden es wieder. Erst vor Kurzem hatte ein Fall in der ostchinesischen Stadt Hangzhou für Aufsehen gesorgt: Ein Restaurantbesitzer färbte Abalone-Muscheln und Gänsefüße mit Chemikalien, um sie auf den Tellern frischer aussehen zu lassen. Sämtliche Gäste mussten wegen Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden.

18 Kommentare

  1.   peak_me

    seit 1970?
    Das Zeug hat ja schon archäologischen Wert. Einige Ereignisse auf diesem Planeten verschlagen mir die Sprache und dieses gehört dazu; faszinierend und erschreckend zugleich.


  2. Fleisch noch von vor Tschernobyl, ohne Hormonspritzen, Antibiotika und sonstige Chemikalien, die die industrialisierte Landwirtschaft so zu bieten hat!
    Vergammelt, aber bio!


  3. Ich wette das Datum ist der 01.01.1970 und ergab sich aus dem Reset einer Etikettierungsmaschine.

  4.   paul

    die chinesen müssen noch lernen wie man verdeckter bei solchen schumeleien vorgeht. das macht man im westen viel profesioneller und diskreter. kapital über alles!


  5. Das bedeutet aber doch, dass das Fleisch seit 40 Jahren im Umlauf ist und es nicht zu größeren Krankheitsausbrüchen kam. Wie ist das möglich? Haben die Behörden gnädig drüber weggesehen oder ist wirklich nichts passiert? Aus eigener Erfahrung warne ich übrigens auch davor, Klamotten direkt aus China zu kaufen (etwa über Ebay). Auch dieses Zeug kann so voller Chemie sein, dass man Kopfschmerzen bekommt. Ich habe das Teil nicht ein einziges Mal getragen, sondern gleich weggeschmissen, weil ich Angst hatte, dass sich meine Haut auflöst. Geiz ist nicht immer geil. Und wenn viele immer schreien, dass China DIE Wirtschaftsmacht der Zukunft ist, sehe ich das ganz anders. Die werden bald sehr viel Geld investieren müssen, um dort überhaupt noch wohnen zu können. Erde, Luft und Wasser müssen extrem belastet sein. Armes, reiches China.

  6.   atlatl_roadkill

    Hm – in meiner Zivizeit haben die Leute in der Essensausgabe (denen wir Zivis immer irgendwie sympathisch waren) uns öfter mal gewarnt, dass zB das Hack in der Bolognese von jahrealtem TK-Fleisch kam, das weit hinten in irgendeiner Kühltruhe wiedergefunden worden war… Oder dass der Heringsstip am Mo aus dem Hering vom Freitag davor gemacht war.
    Aber das ist schon mal ne andere Qualität.

    Andererseits: wenn das Mao-Fleisch die ganze Zeit tiefgefroren war – why not? Gibt auch Leute, die sich Spießchen aus Eiszeit-Mammut aus der Tundra machen…

  7.   halolounge

    Hätte man die Kühlkette nicht während des Transportes unterbrochen, durchaus vorstellbar das dieses Fleisch noch immer zum Verzehr geeignet, sprich keimfrei, im Verkauf gelandet wäre. Jedoch ..in der Praxis dreht sich mir bei dem Gedanken buchstäblich der Magen um. Und das von jemandem der in der Kältetechnikbranche tätig ist.

    Man denke nur an all die tiefgekühlten Backwaren in Deutschland, die schon seit Jahren ihr Dasein in solch unnatürlicher Umgebung fristen, und an den unzähligen Aufbackautomaten im Lande als frische Lebensmittel beworben werden.
    Mmmh lecker !

    Meine Empfehlung die durchaus unterhaltsame Lektüre zu diesem Thema von Alexander Gorkow – Mona

  8.   TYFT

    “Die Chinesen essen alles was Beine hat, nur nicht Tisch und Stuhl.”
    Jetzt mal ehrlich: bei dem was alles in China hergestellt wird sollte doch so eine Mitteilung nicht wirklich überraschen. Alleine was hier an Plagiaten hergestellt wird ist volkswirtschaftlich gravierend.
    Dann ist es halt mal Zeug, das Fleisch sein könnte. Und das die Chinesen in punkto Lebensmittelvariationen sehr kreativ sind, entnimmt man hierzulande jeder besseren SPEIsekarte eines chinesischen Restaurants.
    Alors: Nouvelle Mauvais Cuisine?
    Vielleicht die neue Diarrhoe-Diät als Extremform der Bulimie? Bad-Low-Carb?
    Warum das Zeug denn wegwerfen! Kulturrevolutioniertes Fleisch! Also Fleisch ohne Einflüsse moderner, segensreicher Futterzusätze! Quasi, die Mutter aller Bio-Fleisch-Masse! 100.000 Tonnen Fleisch fehlen jetzt dem hart plagatisierenden Chinesen, Hungersnöte werden womöglich die Herstellung von Mobilfunkprodukte gefährden. Wanderarbeiter werden sich wundern über den fehlenden Inhalt in ihren Wantans!
    Unglaublich!
    Jede Art von Bandenbildung ist kein spontanes Werk, sondern zeugt von einer zeitlich gereiften Organisation. Bedeutet, der Handel mit Pseudo-Fleisch geht schon länger. Die amtlich zugreifenden Zollbeamten von heute sind die zaudernden Zöllner von gestern. Aber, wieso wird das ausgerechnet jetzt erst festgestellt?

  9.   TYFT

    Ach ja:
    Ich hatte mal so was wie eine Begegnung der dritten Art bei der Bundeswehr:
    eine EPA mit Herstellungsdatum vor meiner Geburt. Dank der Konservierungsstoffe werde Ich sicher über hundert Jahre alt werden.


  10. Es ist schon erstaunlich wie solche ‘Meldungen’ ohne weiter nachzudenken wiederholt und weiter verbreitet werden. Dummbatze gibt es offenbar überall.
    In der chinesischen Presse kann man auch regelmäßig Berichte über UFO Sichtungen und andere paranormale Ereignisse lesen.
    Wer weiss, wie die Zensur in China arbeitet, wundert sich da schon nicht mehr.