Das Fahrrad-Blog

Sicher radeln geht in jedem Land anders

Von 16. November 2012 um 11:37 Uhr

© ADFC/Jens Schütte

Die University of British Columbia an der kanadischen Westküste hat unlängst eine Studie vorgestellt, der zufolge sich das Unfallrisiko für Radfahrer bei einer guten Radverkehrsinfrastruktur halbiert. Die sieht in Kanada allerdings anders aus als in Deutschland.

Die Wissenschaftler haben die Ursache von 690 Fahrradunfällen in Toronto und Vancouver von 2008 und 2009 analysiert und sie zu 14 verschiedenen Straßentypen in Bezug gesetzt. Ihr Ergebnis: Am gefährlichsten für Radfahrer ist das Fahren auf Straßen mit am Rand parkenden Autos ohne jegliche Radwegeinfrastruktur. Dort ist das Risiko, von Autofahrern übersehen zu werden, etwa beim Öffnen der Türen oder beim Ausparken, am größten.

Das Unfallrisiko sinkt den Forschern zufolge auf die Hälfte, wenn es für Radfahrer eigene Wege gibt. Dazu gehören gekennzeichnete Fahrspuren auf Straßen ohne Parkmöglichkeit am Rand, Radrouten durch Wohngebiete oder eigene Radwege etwa durch einen Park. Das niedrigste Unfallrisiko herrscht auf Radwegen, die zwar entlang von Straßen verlaufen, aber durch einen Bordstein getrennt sind. Dort sinke die Unfallgefahr auf ein Zehntel, heißt es in der Studie. Die Autoren verweisen dabei auf die Vorreiterrolle von Ländern wie Dänemark und Deutschland.

Hierzulande geht der Trend allerdings weg von eigenen Radwegen. Angehenden Verkehrsplanern wird beigebracht: Radfahrer sollen sich mit Autofahrern die Straße teilen – dazu gibt es auf neuen Straßen in der Regel eine eigene Fahrbahnmarkierung für Radfahrer. Der Grund: Autofahrer sollen die Radfahrer sehen.

Untersuchungen in Deutschland haben gezeigt, dass der Anteil an schweren Radverkehrsunfällen an Knotenpunkten besonders hoch ist, wenn dort ein Radweg getrennt von der Straße verläuft. An Ampelkreuzungen, Einmündungen oder Fahrbahnquerungen übersehen Autofahrer leicht Radfahrer. Das ist nicht zwangsläufig die Schuld unachtsamer Autofahrer. Oft können die Fahrer die Velos nicht sehen, weil parkende Autos oder Baumreihen sie verdecken.

Um das zu ändern, wurde in den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) von 2010 festgelegt, wie zukünftig Radwege angelegt werden sollen. Zentrale Punkte sind: Wenn möglich, sollen Velos auf der Straße rollen; Kreuzungen sollen gut einsehbar sein.

Kreuzung im Zentrum von Kopenhagen © Reidl

Allerdings gibt es auch zahlreiche Radfahrer, die gar nicht auf der Fahrbahn unterwegs sein wollen. Vielen geht es wie Birgitte Tovborg Jensen, Kulturattaché der dänischen Botschaft in Berlin. Sie findet es gefährlich, dass sich in Berlin Bus- und Radfahrer eine Spur teilen. Ihr ist die Verkehrsführung in Kopenhagen lieber. Dort fährt sie auf breiten Radwegen, die parallel zur Hauptverkehrsstraße verlaufen, aber baulich oder farblich von der Autospur klar getrennt sind. Das gibt ihr Sicherheit.

Dabei weicht die subjektive Sicherheit von der objektiven oft ab. “Viele Radfahrer wechseln vor einem Kreisverkehr lieber auf einen Fußweg, weil sie sich dort sicherer fühlen. Dort passieren dann die Unfälle”, sagt Klaus Brandenstein, Sprecher der Unfallforschung der Versicherer. Objektiv seien Radfahrer im Kreisverkehr viel besser unterwegs.

Auch wenn die Verkehrsforscher verschiedener Länder je nach den räumlichen Gegebenheiten unterschiedliche Erfahrungen machen, so ist dies wohl allgemeingültig: Nur wenn sich die Menschen auf ihrer Fahrspur wohl fühlen, steigen sie regelmäßig aufs Rad.

Kategorien: Forschung
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die breiten Radwege in Kopenhagen mit den farblichen Markierungen an Kreuzungen sind sicher die beste Variante. In Deutschland aber (noch) nicht zu machen, weil kein Verkehrsplaner dem Fahrrad so viel Platz einräumt. Insofern ist es schon richtig, die Radfahrer auf die Straße zu holen, damit sie als Verkehrsteilnehmer überhaupt wahrgenommen werden. Zu jeder Zeit und nicht erst an der Kreuzung beim Rechtsabbiegen der Autos.

    • 16. November 2012 um 13:35 Uhr
    • TheSecretCoAuthor
  2. 2.

    Schließe mich meinem Vorredner an. Die Kopenhagener Infrastruktur ist schon ziemlich großartig. Die gesamten Niederlande sollten wir auch nicht vergessen. Langfristig gesehen hoffe ich auch, dass die derzeitige deutsche “Radfahrer auf die Straße”-Lösung eine Zwischenlösung bleibt. Das ist in der Regel super für schnelle und erfahrere Radfahrer, aber bestimmt nicht für ungeübte, Kinder oder ältere unsichere Menschen – man muss sich hier nur mal mit Leuten unterhalten die nicht Radfahren, für die ist das ganz und gar nicht sexy… Das auf die Straße holen ist aber derzeit eine ganz gute Lösung um einigermaßen schnell überhaupt erstmal Infrastruktur zu schaffen und den Radverkehr sichtbar zu machen. Mehr politischer Wille für bessere Lösungen wäre aber auf lange Sicht wünschenswert.

    • 16. November 2012 um 16:25 Uhr
    • Tim
  3. 3.

    Das sehe ich auch so. Ich nutze selten den Radweg, weil er wie heute morgen auf 7 Kilometer 11 Autos stehen. Der Wechsel dann vom Radweg runter und wieder drauf, sehe ich nicht ein und birgt auch Gefahren.

    Auf der Straße bleiben und nicht verstecken. Wenn man erst plötzlich wahrgenommen wird vor der Kreuzung, ist das für viele Autofahrer überraschend. Ich selbst bin ja auch manchmal Autofahrer.

    • 16. November 2012 um 16:33 Uhr
    • rollinger
  4. 4.

    Die bei uns gängige Praxis, Radwege auf dem Gehsteig einzurichten, ist krimineller Leichtsinn. Die Fußgänger achten nämlich noch viel weniger auf Radfahrer als selbst die Autofahrer. Was gebraucht wird, ist eine Spur nur für Radfahrer, die für Autos und Fußgänger nicht so leicht zweckentfremdet werden kann.

  5. 5.

    Beim Skifahren gibt es eine Regel, die dem langsamsten Verkehrsteilnehmer stets den Vorrang erteilt. Der schnellste auf der Piste muss auf alle anderen Rücksicht nehmen und ist im Falle einer Kollision in der Schuld.
    Ich finde dieses Modell ließe sich (in einer sehr unmodernen Anwendung) sehr gut auf den Straßenverkehr anwenden: Radfahrer müssen Spaziergängern ausweichen, und nicht diese über den Haufen fahren, der Autofahrer, wissend, dass er der mächtigste, schnellste und damit auch gefährlichste ist, muss auf alle anderen Rücksicht nehmen und sich seiner Gefahr und Verantwortung für andere bewusst sein.
    Eine utopische Idee aus dem Alpenland.

    • 16. November 2012 um 18:42 Uhr
    • kilianj
  6. 6.

    keine Utopie, ich finde sowas großartig … Erklären Sie das aber einem Deutschen 300PS Fahrer, der fährt Sie bei der nächsten Gelegenheit über den haufen !

    • 16. November 2012 um 20:03 Uhr
    • Jonny
  7. 7.

    Wer es ernst meint mit Radverkehrs fördernden Maßnahmen, der sorgt für den Aufbau von einer streng getrennten Infrastruktur, d.h. ein Radweg muss möglichst getrennt von anderen Verkehrsformen verlaufen. Die Niederlande und auch Dänemark sind darum ein Walhalla für Radfahrer, weil diese Infrastruktur dort natürlich gewachsen ist. Deutschland hat da schon Nachholbedarf. D. darf sich Weltmeister nennen, wenn es um die Baukosten pro Autobahnkilometer geht.(Es soll Touristen geben, die nur nach Deutschland kommen um die teuerste Autobahn der Welt zu erleben). Die Baukosten pro km für ein Bundesweites Radwege Netzwerk fallen im Vergleich dazu geradezu mickerig aus. Nur der politische Wille (sprich: Das Geld) muss schon da sein.

    • 16. November 2012 um 22:56 Uhr
    • Uwe Klockmann
  8. 8.

    Bei diesen neuen Bemühungen für die Radfahrer habe ich die große Sorge, dass das Ganze letztendlich zu Einsparungen im ÖPNV führen soll. Das gefällt mir überhaupt nicht, denn das wäre ein großer Nachteil für unsichere Verkehrsteilnehmer wie Alte, Kinder und Behinderte und für Geringverdienerhaushalte ohne Auto. Außerdem sind Radfahrer stark der Witterung ausgesetzt, sodass sich diese ganzen Ideen auf die Sommermonate begrenzen. Bus und Bahn sind sicher, wetterunabhängig und (mit Abstrichen) zuverlässig, aber für manche Städte und Gemeinden lästig und teuer, sodass gespart wird, wo es nur geht. Das Fahrrad ist keine gute Alternative, denn Radfahren wird auch bei breiten Radwegen mit Ampeln und bei einer allgemeiner Helmpflicht gefährlich und unkomfortabel sein. Obwohl ich gutem Wetter sehr gerne Fahrrad fahre, bin ich gegen diese ausgeprägten Fahrradfördermaßnahmen.

  9. Kommentar zum Thema

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