Das Fahrrad-Blog

Schöner radeln auf Rädern vom Schrottplatz

Von 28. November 2012 um 18:13 Uhr

© Lewis

Ein neues Rad der Marke Samstag ist immer alt – mindestens 40 Jahre, häufig ist es auch älter. Das sieht man den Velos jedoch nicht an. Genauso wenig wie ihre Herkunft. Ihr Erfinder Christopher Lewis baut sie aus mehreren Fundrädern zusammen, lackiert sie und macht aus ihnen Unikate. Neu sind nur Kleinigkeiten.

Der Begriff Retro erhält in Lewis’ Münchener Werkstatt eine ganz neue Bedeutung. Was er hier aufreiht und verbaut, hat die Gesellschaft längst ausrangiert. Markenräder von Victoria, Peugeot, Rabeneick und anderen Herstellern, deren Namen man seit Jahrzehnten mit Tradition und Qualität verbindet.

© Lewis

Sein erstes Schrottrad entdeckte Lewis auf einem frisch gepflügten Acker. “Es war ein altes Rad aus den 1950ern mit verbogenem Rahmen, ohne Bremsen, aber Luft in den Schläuchen und schönen Verzierungen am Rahmen”, erinnert er sich. Der bizarre Fundort irritierte den Künstler und Filmemacher. Er schob das Velo vier Kilometer heim und stellte es in sein Atelier. Das Rad brachte ihn zum Nachdenken: “Wie war es hierher gelangt? Was war seine Geschichte?” Erst später sei ihm klar geworden, dass es sich um eine soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys handele.

Von nun an fischte Lewis Überreste alter Radschönheiten aus Containern oder klaubte sie vom Straßenrand. Er war begeistert von ihren stabilen Stahlrahmen, begann sie zu zerlegen und die brauchbaren Einzelteile zu neuen Rädern zusammen zu fügen. Den Rahmen brachte er zum Pulverbeschichten, und er beauftragte einen Sattler, neue Bezüge für alte Sattelgestelle anzufertigen.

© Peter Wiesmeier

Zwei, drei Räder baute er so zusammen. Als Freunde fragten, ob sie die Räder kaufen könnten, zuckte Lewis zusammen. Aber aus seinem spontanen “Weiß nicht!” wurde recht schnell “Warum eigentlich nicht!”

Seit ein paar Monaten verkauft Lewis seine Unikate. Es sind Räder, nach denen man sich umdreht. Ihre Farben lassen die Passanten aufblicken. Details wie rote Pedale oder blaue Griffe sind helle Leuchtpunkte. Manchmal kombiniert Lewis alten mit neuem Lack, oder er legt den Rahmen frei und versiegelt die polierte Fläche mit Klarlack.

Mittlerweile verkauft er seine Räder unter der Marke Samstag. “Weil Samstag der Tag ist, an dem ungewöhnliche Ideen Platz finden”, sagt Lewis, “der Tag, an dem man auch ein bisschen spinnen darf.” Sein neuestes Projekt ist ein Rennrad für einen Manager in Monaco. Die Wunschfarbe des Kunden: weiß-beige. Ein strahlendes Rad passe gut an die Côte d’Azur, findet Lewis. Dazu Pedale und Züge aus Kupfer – das würde ihm gefallen, dem Kunden auch. Zwischen 800 und 1.800 Euro kosten in etwa seine Räder. Wenn er die Kunden intensiv berät, kann es auch teurer werden.

Christopher Lewis © Tobias Tschepe

Bei der Ausstattung greift Lewis auf seinen Fundus zurück. “Meist verbaue ich die Dreigang-Sachs-Schaltung”, sagt er. Ansonsten verlassen auch Eingangräder seine Werkstatt. Ab und an ersteigert er alte Griffe bei Ebay. Für seine Räder lehnt er den Onlinehandel jedoch ab.  Wer bei ihm ein Velo kauft, muss es auch probefahren.

Kategorien: Leute, Mode, Räder
Leser-Kommentare
  1. 33.

    @ Christopher Lewis

    Ich wünsche mir für Sie sicher allen Erfolg den Sie sich selber auch wünschen, aber ich habe neben viel Lektüre auch genug technisches Verständnis um einschätzen zu lönnen das das, im weiteseten Sinn “Sachverständige” auch haben, die dann teilweise zu Libhabern alter Räder werden.
    Per se ist eine Aussage wie “40 Jahre alter Rahmen” nicht gerade das was man in eine Anzeige schreibt wenn man sein gebrauchtes Rad verkaufen möchte.
    Wer in dem Bereich auf Schnäppchen aus ist, und Kenner, der verhält sich haargenau so wie Autokäufer die auf Jahreswagen aus sind.

    Ich schenke Ihnen hier gerne eine “innovative Idee” von der mir zumindest nicht bekannt ist das die schon mal jemand hatte. Anders kann man das nun mal kaum ernsthaft sagen, denn vielleicht kennen Sie ja die Geschichte zur V-Break, die Shimano ja ziemlich eindeutig von Wiesmann kopierte und nach langer öffentlicher Diskussion fand Honda sowas bei sich im Keller und das war schon fast 50 Jahre älter und bei denen wußte gar keiner mehr das sie sowas mal erfunden hatten.

    Also, Zweigang mit Umwerfer, aber nur Umwerfer und hinten nur ein Ritzel. Da braucht man……
    Ein klein bisschen, zum selber tüfteln, lasse ich ungenannt.

  2. 34.

    Schön, zwar nicht wirklich neu, aber schön. Hier gibt es auch schöne alte Räder, vorzugsweise Bahnräder. http://kettenblatt.blogspot.de/p/featured-bikes.html
    Grüße aus Köln

    • 29. November 2012 um 13:54 Uhr
    • Kettenblatt Blog
  3. 35.

    Ich wohne im Moment in Saint Etienne, Frankreich, dem ehemaligen Hauptsitz von Manu(facture) France. Abgesehen von Waffen etc. wurden hier auch jede Menge einzigartige Fahrräder gebaut. Noch immer fahren einiger dieser alten Schmuckstücke durch die Straßen und es gibt eine Association die sich um den Erhalt der Fahrräder kümmert.
    Die Männer und Frauen die in dieser Association arbeiten sammeln und suchen alte Fahrräder und bauen diese von Grund auf wieder auf. Verwendet werden fast ausschließlich alte Teile und am Ende entsteht ein “neues-altes” Rad. Ganz ähnlich also wie es im Münchener Hinterhof passiert…

    Der einzige Unterschied ist wohl, dass die Fahrräder der Association für 40€-80€ verkauft werden und nicht für einen Neupreis.

    Das nenne ich vélo libre.
    Für mehr Informationen http://www.ocivelo.fr

    • 29. November 2012 um 18:18 Uhr
    • JoeDoe89
  4. 36.

    Durch die absonderlichen Farben in den 60 bis 90 bekommen doch die Räder erst ihren Charm.

    Und die Räder vor den 60ern umzulackieren ist echter Frevel.
    Von den Rädern gibt es nicht mehr allzuviel.

    • 29. November 2012 um 18:36 Uhr
    • Untoter
  5. 37.

    Und für alle, die mit solchen alten Klassikern gerne mal in den Radsport der alten Tage reinschnüffeln wollen gibt es http://www.klassikerausfahrt.de.

    • 29. November 2012 um 19:02 Uhr
    • Thaddy Robl
  6. 38.

    Es gibt hier weitere sehr interessante Informationen und Gespräche mit und über den Künstler:
    http://de.sevenload.com/sendungen/einfallsreich-tv/folgen/RSV0DzF-Christopher-Lewis

    • 29. November 2012 um 21:41 Uhr
    • DER EXPERTE ÜBERHAUPT
  7. 39.

    Das Motto lautet Re-cyclink

    • 29. November 2012 um 23:19 Uhr
    • Pa Rad e
  8. 40.

    So ein Radl hab ich auch.
    3 von e-bay zum Preis von jeweils etwas 15 EU und daraus eins gemacht.

    • 30. November 2012 um 10:44 Uhr
    • smojoe
  9. Kommentar zum Thema

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