Das Fahrrad-Blog

Halbzeit bei vier Wochen autofrei: Die Meuterei beginnt

Von 3. Dezember 2012 um 10:20 Uhr

© Reidl

“Ich will lieber selber fahren – der Sitz ist was für Kinder, die nicht radfahren können”, sprach die Sechsjährige, schnappte sich ihr Rad und ließ mich mitsamt dem e-Lastenrad stehen. “Das ist peinlich”, ruft sie und fährt an mir vorbei. Ich hätte es mir denken können. Smilla ist klein, zart, zäh und liebt das Radfahren. Sie fährt Bordsteine rauf und runter und übt im Wald das Fahren über Wurzeln. Für sie ist der Kindersitz eine Beleidigung.

Und nun? Bertolt Brecht fällt mir ein: “Ja, mach nur einen Plan / Sei nur ein großes Licht / Und mach dann noch ‘nen zweiten Plan/ Geh’n tun sie beide nicht.” Ich fühle mich ertappt. Außerdem stellt mich die kleine Meuterei meiner Tochter vor neue Probleme. Wie kriege ich sie heute Nachmittag mit ihrer Freundin zum Sport?

Sie ist nicht die einzige, die mein Projekt erschwert. In unserer autofreien Zeit wollen wir unseren Alltag möglichst normal weiterführen. Mein Mann pendelt jeden Tag nach Hamburg – per Bahn oder Rad. Das macht er immer. Er ist Triathlet und nutzt die Strecke von unserer Haustür bis zu seinem Arbeitsplatz, 26 Kilometer plus Fährfahrt, als Trainingseinheit. Am Ziel kann er sein Rad in einer Tiefgarage anschließen und in großzügigen Umkleiden komfortabel duschen. Deshalb war es nicht schwer, ihn von unserem Vorhaben zu überzeugen.

Bei Freunden ist das schon anders. “Mit der Bahn nach Hamburg, abends? Och, dann lass uns lieber in Buxtehude bleiben”, sagte meine Verabredung. Das ist neu. Wenn wir weggehen, sind wir immer in Hamburg unterwegs. Aber das Zeitargument sticht. Mit dem Auto fahre ich über Land und durch den Elbtunnel etwa 35 Minuten von meiner Haustür bis zum Kino in Hamburg-Ottensen. Auf dem angrenzenden Parkplatz gibt es immer einen freien Stellplatz. Das ist schnell und komfortabel. Mit dem ÖPNV sieht das ganz anders aus. Inklusive Fahrzeit zum Buxtehuder Bahnhof brauche ich etwa eine Stunde zehn Minuten bis zum S-Bahnhof Altona. Dann laufe ich weitere zehn Minuten zum Kino.

Zurück fahren die Bahnen am späten Abend nur noch stündlich, die letzte um kurz vor halb eins. Wer im Landkreis Stade wohnt, muss, je nachdem wo er in Hamburg unterwegs ist, lange vor Mitternacht aufbrechen. Also doch entweder Landei bleiben oder aufs Auto zurückgreifen? Wir werden sehen. Es ist nicht die einzige Verabredung in diesem Monat. Das nächste Mal bin ich mit einer Radfahrerin unterwegs.

Was bleibt: unser Müllproblem. Die Säcke mit den Gartenabfällen stehen immer noch dick und prall im Schuppen. Eigentlich wollten wir unseren alten Kinderanhänger ausleihen, einen dänischen Dolphin. Da hätte alles gut reingepasst. “Der braucht neue Mäntel”, erklärte der Freund, an den wir ihn weitergegeben haben. Also muss es anders gehen. Die Fläche des Lastenrad-Gepäckträgers ist für die Säcke zu schmal. Aber wir haben noch zwei leere Wasserkästen. Einer kommt an die Haken, den anderen klemmen wir mit Kabelbindern an den Gepäckträger. Die Zange zum Öffnen stecken wir ein. Die Kästen verbreitern die Auflagefläche des Gepäckträgers. Jetzt passt ein Sack mit Grünzeug aufs Heck. Mit vier Kisten fände auch der zweite Sack noch Platz.

Auf dem Weg zur Deponie kommt die Ernüchterung. Das Schutzblech am Vorderrad ist etwas kurz. Weil der Weg so matschig ist, spritzt der Dreck bis zu den Knien. Hier muss ein Schmutzfänger angebracht werden. Motor und Unterrohr sind völlig verdreckt.

Dafür ist die Lastverteilung großartig. Das Gewicht im Heck spürt man nicht. Ganz anders ist das auf einem herkömmlichen Rad. Für einen direkten Vergleich habe ich mit meinem normalen Rad – immerhin ein solides Reiserad – einen Teil des Einkaufs erledigt und zwei Satteltaschen im Supermarkt ordentlich bepackt. Der Unterschied ist gravierend. Das Lastenrad manövriere ich souverän mit vier gefüllten Taschen, ohne das Gewicht überhaupt wahrzunehmen. Mit meinem Rad spüre ich die Zulast sehr präsent beim Lenken. Dagegen pedaliert sich der Transporter hybrid ohne Gepäck fast schon zu leicht, wenn einem der Motor hilft.

Nach zwei Wochen Testlauf beginnt in unserer Familie die Diskussion über die Grenzen und Möglichkeiten des Lastenrads. Mir gefällt die Lösung mit dem langen Heck gut, allerdings fehlen mir noch ein paar Extras, die ich beim nächsten Mal vorstellen werde. Mein Mann hat dagegen ganz andere Favoriten. Er entwickelt sich gerade zum Fürsprecher der klassischen Lastenräder wie dem Long John, den niederländischen Bakfiets oder der dänischen Christiania Bikes.

Andrea Reidl und ihre Familie wollen vier Wochen ohne Auto auskommen – in einer Kleinstadt (hier stellt sie ihren Selbstversuch vor: Teil 1Teil 2). Sie bloggt regelmäßig über ihre Erfahrungen.

Kategorien: Abgefahren, E-Bike
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Schöne Serie! Die jetzt auftauchenden Probleme entsprechen auch meiner Erfahrung. Ich bin in der oberbayerischen Provinz aufgewachsen und war dank meines Fahrrads (und meiner Sportlichkeit) immer einer der mobilsten – bis dann plötzlich alle einen Führerschein hatten und ich immer irgendwie hinterherhinkte. Insofern kann ich mir die ganze Fahrrad-Renaissance auch ganz wunderbar gemeinsam mit der Re-Urbanisierung vorstellen (durchaus mit autarken und sehr attraktiven Neo-Stadtteilen kombinierbar), weniger jedoch auf dem Lande, so wie wir es kennen (geographisch, kulturell, sozioökonomisch…). Da stehen uns vermutlich größere Strukturwandel bevor, als wir uns derzeit vorstellen können.

    • 3. Dezember 2012 um 10:59 Uhr
    • maksibec
  2. 2.

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, maksibec.
    Zur Re-Urbanisierung hatten wir kürzlich auf ZEIT ONLINE einen ausführlichen Artikel, der Sie interessieren dürfte:

    http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Stadt-Mobilitaet

    • 3. Dezember 2012 um 13:50 Uhr
    • Matthias Breitinger
  3. 3.

    Unsere Familie hat seit Jahren kein Auto. Was man nicht hat, kann man auch nicht vermissen. Sport Frei!

    • 3. Dezember 2012 um 13:51 Uhr
    • Paselk Mathias
  4. 4.

    Ich kenne Buxtehude nicht, aber Google sei dank weiß ich, dass es da ein Kino gibt. Warum gehen Sie nicht einfach dahin?
    Diese Serie kommt mir vor wie eines dieser Bücher, das gefühlt jeder zweite Vater in Elternzeit über seine Erlebnisse schreiben muss. Oder all die Artikel von Journalisten, die vier Wochen vom Hartz-IV-Satz zu leben versuchten.
    Kinder zu haben, aber kein Auto – und zwar für mehr als vier Wochen – ist die Realität von sehr vielen Familien in diesem Land. Und die meisten haben keine Luxusfahrräder, die ihnen die Wege erleichtern.
    Wenn man mal ein kleines bißchen über den eigenen Tellerrand schaut, könnte man sich die Frage stellen, ob dieses “Experiment” überhaupt eines ist. Und sich überlegen, ob es nicht informativer wäre, Familien zu besuchen, die langfristig ohne Auto leben, denn die haben im Laufe der Jahre bestimmt die kreativeren Lösungen gefunden.

    • 3. Dezember 2012 um 14:10 Uhr
    • S.W.
  5. 5.

    Kopf hoch und weiter so. Ich freue mich auf den nächsten Teil.

    Der Weg des geringsten Widerstandes hat die Welt bisher nur in die Auto-Abhängigkeit getrieben.

    Longjohn oder Bullitt ist sicher auch eine spannende Lösung, oder eine Ergänzung. Zum Anschaffungspreis und den Folgekosten eines PKWs kann man sich ja locker eine ganze Gararage voll von Rädern kaufen und danach regelmäßig in den Urlaub fahren.

    Achso, der Teaser auf zeit.de ist vielleicht etwas plakativ geworden. “Die Familie begehrt auf” könnte auch dem Privatfernsehen entsprungen sein :)

    • 3. Dezember 2012 um 14:10 Uhr
    • Ralph
  6. 6.

    Zwei Wochen? Donnerknall!
    Wir haben drei Jahre auf’s Auto verzichtet, seit wiederum drei Jahren haben wir wieder eines. Wir haben vier Kinder (14, 12, 6, 3 Jahre alt) und wohnen zwar am Stadtrand, aber außerhalb der zehnminütigen Busanbindungen.

    In einem Jahr werde ich meinen derzeitigen Job ändern können, dann werden wir wieder autofrei leben können.
    Der wahre Luxus!

    LG
    Ichsachsjanur

  7. 7.

    Liebe(r) S.W.

    Familien mit Kindern, aber ohne Auto kenne ich jenseits der Großstädte Berlin und Hamburg keine. Ich glaube auch nicht, dass das die “Realität von sehr vielen Familien in diesem Land” ist.

    Wenn man nicht gerade in der Großstadt wohnt, ist es eigentlich üblich, sich ein Auto anzuschaffen – spätestens dann, wenn das erste Kind auf der Welt ist.

    Insofern ist meines Erachtens der Eindruck falsch (den auch andere Kommentatoren hier im Blog schon geäußert haben), das, was Frau Reidl mit ihrer Familie ausprobiert, sei schon längst gängige Praxis in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft.

    • 3. Dezember 2012 um 14:17 Uhr
    • Matthias Breitinger
  8. 8.

    man fragt sich immer welche Menschen da im Eltunnel im Stau stehen, wofür mal wieder stundenlang die Atmosphäre zugepustet wird,
    um von Buxtehude nördlich der Elbe ins Kino zu gehen, wirklich?
    wurde dafür mit Mrd–Aufwand der Tunnel gegraben und ständig saniert?

    gut, spät abends ist nicht die Rush Hour der Pendler, dennoch übles Beispiel,
    die ganze Serie ist im Grunde kontraproduktiv,
    Land-Stadt-Pendler mit Kindern die überall hin müssen,
    Hausversorgung die jede Woche Sonderfahrten erfordert,
    im späten Herbst bei schlechter Wetterlage begonnen,
    extra alles zum Abgewöhnen anscheinend,

    für diese Zielgruppe sei nun wirklich das Auto zugesprochen und gut ist,
    aber bitte nicht meckern wenn irgendwann mal Benzin 5 Euro der Liter ;)

    • 3. Dezember 2012 um 14:22 Uhr
    • Slater
  9. Kommentar zum Thema

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