Das Fahrrad-Blog

Mein Reharad, ein cooler Flitzer

Von 25. Januar 2013 um 13:44 Uhr
Rabea vor zwei Jahren vor ihrem Pino © credit: Frank Dippel

Rabea vor zwei Jahren vor ihrem Pino © Frank Dippel

Frank Dippel fährt gerne Rad, und wenn er fährt, dann weit und schnell. Mit seiner Tochter Rabea heizt er mit Vergnügen Passstrassen hinunter. Die beiden radeln im Chiemgau oder gehen mit dem Fahrrad auf Städtetour.

Das können sie nur mit dem Stufentandem Pino. Denn die 14-Jährige kann aufgrund einer angeborenen Muskelschwäche nur kurze Strecken laufen und kurze Zeit pedalieren. Als Frontfrau muss sie beim Pino nicht dauerhaft treten. Das Rad hat vorne einen Freilauf. Das ist selten bei Tandems, aber eine perfekte Lösung für Kinder oder Menschen mit Handicap.

Die Auswahl an attraktiven Spezialrädern ist für diese Zielgruppe extrem klein, aber sehr fein. Hersteller wie Hase bauen Velos, die sich auf den ersten Blick kaum als behindertentauglich outen. Allerdings haben nur wenige Fachhändler die Tandems und Liegedreiräder überhaupt  im Programm.

Hase-Räder gehören zu den Topmodellen moderner Reha- oder Behindertenräder. Die Velos sehen aus wie hochwertige herkömmliche Tourenräder. Die Sonderausstattung für das jeweilige Handicap gibt es bei dem Waltroper Unternehmen nach Wunsch. Die Fahrer können bei den dreirädrigen Liegerädern wählen, ob sie mit den Füßen pedalieren wollen, mit den Händen kurbeln oder per Schulter lenken. Es gibt unter anderem einseitige Antriebe für Menschen mit halbseitiger Lähmung, Spezialpedale mit Wadenhaltern sowie einen so genannten Totpunktüberwinder – das ist ein Gummiseil, das die Pedale automatisch zurückholt.

Reharad von Hase © Hase

Reharad von Hase © Hase

Aufgrund ihres niedrigen Schwerpunkts sind Trikes bei vielen Menschen mit Einschränkungen beliebt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Reha-Dreirädern, die wie Citybikes mit zwei Hinterrädern aussehen, haben sie eine hohe Kippsicherheit. “Deshalb werden sie gerne von Leuten mit Gleichgewichtsproblemen gefahren”, sagt Paul Hollants von HP Velotechnik.

In der Szene ist HP Velotechnik eigentlich ein Synonym für schnelle, sportliche Trikes, die öfter Designpreise auf der Eurobike gewannen. Für Hollants ist das kein Widerspruch. “Menschen mit Handicaps muss das Fahren auch Spaß bereiten”, sagt er. Vielen Kunden sei es wichtig, dass die Reise- und Tourentrikes nicht nach “Reha-Fahrzeugen aus dem Sanitätshaus” aussehen, sondern schönes Design und Sportlichkeit ausstrahlen.

HP Velotechnik ist ein klassischer Reiseradhersteller. Aber mittlerweile hat das Unternehmen auch höhenverstellbare Sitze (von 26 bis 46 Zentimeter) oder Aufstehhilfen im Programm. “Für die Einstellung der seitlich angebrachten Stangen sind gut geschulte Händler wichtig“, sagt Hollants. Denn die zentimetergenaue Platzierung ist für Menschen mit Handicap entscheidend. Außerdem kann bei Rädern von HP Velotechnik ebenso wie bei den Hase-Rädern die gesamte Bedienung auf eine Lenkerseite gelegt werden.

Ein Scorpion mit senkrechter Aufstehhilfe oberhalb der Vorderräder © credit HP Velotechnik

Ein Scorpion mit senkrechter Aufstehhilfe oberhalb der Vorderräder © HP Velotechnik

Schönes Design, Leichtbau, hochwertige Komponenten, die die Handicaps ihrer Fahrer ausgleichen: Das alles sollten selbstverständliche Kriterien für moderne Reha- und Therapieräder sein. Die Technik und das Wissen sind vorhanden. Ein entsprechendes Angebot ebenso, auf das Betroffene zurückgreifen können. Schließlich erweitert es ihren Handlungsspielraum und vergrößert oftmals ihre Selbstständigkeit. Wie das aussehen kann, zeigt ein Blick auf die Webseite Radfahrlust. Dort sind gemeinsame Radausflüge von Multiple-Sklerose-Patienten beschrieben.

Je nach Ausstattung kosten die Räder von Hase oder HP Velotechnik zwischen 2.000 und 8.000 Euro (mit Motor). In Deutschland bezahlen die Krankenkassen die Reha- und Therapieräder für Kinder und Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr, bis auf den Selbstkostenanteil der Eltern. Voraussetzung ist aber, dass die Räder eine Hilfsmittelnummer haben. Diese bescheinigt den Behörden, dass das Rad den technischen Anforderungen für ein Behindertenfahrrad entspricht.

© credit: Hase

© Hase

Hase hat für sein Jugendrad Trix so eine Nummer, ein weiteres Kinder- und Jugendrad soll bald folgen.

Erwachsene erhalten in der Regel in Deutschland von der Krankenkasse keinen Zuschuss für Reharäder. Ausnahmen gibt es. Aber Länder wie Norwegen haben Deutschland in dieser Beziehung einiges voraus. Dort zahlen Krankenkassen auch für Erwachsene.

Eine gute Gelegenheit, um Spezialräder anzuschauen, sie auszuprobieren und im direkten Vergleich zu testen, ist die Spezialmesse in Germersheim am 27. und 28. April. Nähere Informationen gibt es hier.

Hier eine Auswahl der Hersteller, die außergewöhnliche Räder für Menschen mit Handicaps bauen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
Anthrotech ist seit 20 Jahren mit einem ausgereiften Liegedreirad auf dem Markt. BeneCYKL baut Handbikes und Anhänger, in denen Jugendliche bequem Platz finden. bimobil Klitsch stellt ein faltbares Dreirad her. Bobtecbaut Liegeräder. Die Tandems von COMPACT-tandem haben sehr kurze Rahmen, die Fahrer sitzen nah beieinander. Die Fahrradwerkstatt baut ein Stufendreirad. Ergodynamik Busch vertreibt verschiedene Räder für Menschen mit Handicap und passt die Räder an. Junik, Juliane Neuß baut Räder für Kleinwüchsige und hat einen Laufrad-Tretroller entwickelt. PF Mobility hat Dreiräder im Programm, die Fahrer sitzen nebeneinander. Tandemhersteller sind unter anderem Zweipluszwei, Haas, Bernds Tandems.

Nicht auf der Messe, aber interessant sind Rahmenbauer wie Thomas Veidt, er hat sich auf Räder für Kleinwüchsige spezialisiert. Einen Bericht über Veidts Arbeit gibt es hier auf ZEIT ONLINE.
Außerdem verkaufen Kalle Kalkhoff und Michael Kemper Pedersenfahrräder. Diese werden laut Kalle Kalkhoff gerne von Menschen mit Beinprothesen gefahren.

 

Kategorien: Fahrstil, Leute, Räder, Recht, Termine
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Alle diese Fahrräder sind auch ohne Handicap praktisch und nachdem, wer hier damit herumfährt, hat wohl die Mehrzahl der Nutzer keins! Das Pino zum Beispiel wird auch gern von Paaren gefahren, die (ähnlich groß sind und) gerne einmal die Sitzposition wechseln möchten. Außerdem ist es mit einer (schnell einzuwechselnden) Kinderkurbel ein wunderbares Familienfahrzeug. Dass ein Anhänger sich gegebenenfalls zu zweit leichter zieht, kommt dazu…
    Was die Trikes (Scorpion, Kettwiesel) betrifft: Man muss kein Problem mit dem Gleichgewicht haben, um deren Fahrstabilität zu schätzen zu wissen. Trikes sind sehr “windschnittig”, und außerdem ziemlich sicher bei Glatteis… Wichtig ist, dass man sich sichtbar macht, weil “in deren Höhe” niemand mit Radfahrern rechnet! Manche Modelle gibt es mit einer extremen Gangabstufung, so dass man in jeder Geschwindigkeit bergauf fahren kann, wenn’s mit einem Normalrad schon kipplig würde.
    Diese Fahrräder vorwiegend in die Kategorie “Therapiefahrzeug” zu stellen, ist also etwas einseitig; ich würde sagen, dafür taugen sie eben auch.

  2. 2.

    Das Hase-Trike “Kettwiesel” wurde von der AOK und vom medizinischen Dienst nicht als Hilfsmittel für unsere Tochter (frühgeburtlich bedingte Cerebralparese) anerkannt, weil es ein attraktives Fahrzeug ist. Das Gericht schloss sich der Aussage der AOK an, das Fahrzeug würde dem Spaß dienen; es sei ein Fun-Gerät und kein Behinderten-Hilfsmittel. Dass es mit damals 2.300 EUR ähnlich teuer ist wie ein konventionelles Dreirad, was für unsere Tochter wegen der kippeligen Art gar nicht geeignet ist, das interessierte niemanden. Das Gericht war nur so gnädig, uns die Klickpedalen mit passenden Schuhen mit 150 EUR zu bewilligen.

    • 27. Mai 2013 um 09:30 Uhr
    • Ulrich Mandel
  3. 3.

    Hallo Herr Mandel,
    das Kettwiesel ist auch ein Spaßfahrrad.
    Das Trix (im wesentlichen Baugleich) hat eine Hilfsmittelnummer und wird m.E. sehr häufig anerkannt.
    Informieren Sie sich besser noch einmal bei einem fundierten Fachhändler.
    Viel Erfolg!

    • 27. Mai 2013 um 11:55 Uhr
    • Christian
  4. 4.

    Ich kann hierzu nur sagen, für mich gäbe es kein anderes Rad mehr, die Akzeptanz ist nur leider noch nicht sehr hoch. Fahrradwege sind oft zu schmal und sichere Abstellplätze zum “Parken” gibt es auch noch nicht. Leider habe ich eins der ersten antrotech Räder mit Motor. Der Motor ist aber zu schwach um mich gut über Steigungen zu bringen und auch auf Waldwegen bin ich sehr gehandicapt. Mir den neuen Motor anzuschaffen, kann ich leider nicht, da ich aus gesundheitlichen Gründen, sehr geringes Einkommen habe. Hier wäre es schön für Menschen mit Handicap mal eine Möglichkeit zu schaffen, dass auch in Deutschland die Kassen dieses Rad bezuschussen. Wir können ja schließlich nicht alle nach Norwegen auswandern.

    • 27. Mai 2013 um 12:41 Uhr
    • Iris Fichtner
  5. Kommentar zum Thema

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