Das Fahrrad-Blog

Köln will Radverkehr, Hamburg zögert

Von 1. Februar 2013 um 11:16 Uhr
© Reidl

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Immer mehr Menschen wollen Rad fahren – und zwar auf guten Wegen und Straßen. Wie politischer Wille deren Ausbau vorantreibt oder ausbremst, zeigte sich in dieser Woche geradezu lehrstückhaft in Hamburg auf der Diskussionsveranstaltung “Warum kann Hamburg nicht Fahrrad?”. Die Patriotische Gesellschaft hatte den Fahrradbeauftragten der Stadt Köln eingeladen sowie Hamburgs Fahrradexperten aus Politik, Verwaltung und Verbänden.

Eins vorweg: Köln ist weit davon entfernt, ein Vorbild für städtischen Radverkehr zu sein. Als ich vor 20 Jahren dort lebte, herrschte noch Fahrrad-Steinzeit. Mittlerweile gibt es dort zwar über weite Strecken eine moderne, sich selbst erklärende, zusammenhängende Radinfrastruktur. Aber auch weiterhin brauchen viele Straßen, wie Kreuzungen dringend eine Lösung für Radfahrer. Mal endet ein Radweg abrupt, mal sind Fahrradschutzstreifen unpassierbar, weil sie von parkenden Autos versperrt werden.

Köln hat jedoch den politischen Willen, das Personal und ein Zielkonzept, um das zu ändern. Die Stadtverwaltung hat vor zweieinhalb Jahren grob für jede einzelne Straße definiert, was diese an Radinfrastruktur braucht, berichtete Kölns Fahrradbeauftragter Jürgen Möllers. Dazu wurde in einem Verkehrsmodell aufgeführt, wie viele Autos täglich durch jede Straße fahren. Mithilfe des Modells wird die jeweilige Maßnahme festgelegt: ein separierter Radweg, ein Radweg auf der Fahrbahn oder keine Extras. 20 bis 30 Prozent der Straßen in der Domstadt brauchen eine eigene Veloinfrastruktur.

70 Straßen werden in Köln jährlich saniert. Ist eine an der Reihe, wird im Modell nachgeschaut, welche Radverkehrsmaßnahme dort für die betreffende Straße festgelegt wurde.

Bevor nun zum Beispiel eine Straße einen neuen Belag bekommt, wird das Team des Fahrradbeauftragten informiert. Der entscheidet, ob im Anschluss an die üblichen Sanierungsarbeiten ein Schutzstreifen auf die Straße gepinselt wird, ob die Straße ein Fahrrad-Piktogramm bekommt oder die Fahrbahn rot gekennzeichnet wird. In sehr schmalen Straßen lässt Möllers die Mittelmarkierung weg und einen Schutzstreifen aufbringen. Messungen hätten ergeben, dass die Geschwindigkeit dort um drei bis fünf km/h sinke, sagte er. “Das ist günstig und effizient.”

Es fördert aber auch den Flickenteppich. Jetzt kann man darüber streiten, was besser ist: auf das Stückwerk verzichten oder wann immer sich die Gelegenheit bietet, den Radverkehr dorthin bringen, wo er hingehört.

Hamburg verzichtet lieber öfter. Auf der Veranstaltung beschwerten sich die Radfahrer im Publikum, dass sie häufig vergessen werden, wenn in der Hansestadt Straßen saniert werden.

Vielleicht sollte die Hamburger Stadtverwaltung ihre Bürger öfter fragen, was sie wollen. Vor vier Jahren gab es in Köln einen Bürgerhaushalt. Die Bürger konnten mitbestimmen, für welche Dinge Teile der frei verwendbaren Haushaltsmittel ausgegeben werden sollten. Jeder dritte Kölner wollte mehr Radverkehr. Daraufhin wurden drei weitere Stellen im Büro des Fahrradbeauftragten geschaffen.

Jetzt sind sie dort zu sechst und über eine Telefon-Hotline erreichbar. Das kommt gut an, wie Möllers berichtete. Die Bürgerkontakte hätten sich in den vergangenen fünf Jahren von 300 auf 1.800 gesteigert. Statt zehn Fahrradabstellanlagen pro Jahr werden heute 200 bis 250 beantragt.

“Haben wir auch eine Hotline?”, fragte Martin Huber, der Leiter des Amts für Verkehr und Straßenwesen in Hamburg, vom Podium herunter seine Fahrradbeauftragten. Nein, die gibt es nicht. Ebenso wenig wie ein Zielkonzept für jede Straße. Es gibt eine Radverkehrsstrategie. Aber die wird eher schleppend umgesetzt. Seitdem auch noch das Ziel gestrichen wurde, den Radverkehr bis 2015 auf 18 Prozent zu steigern, leidet die Glaubwürdigkeit der Strategie.

Neben der Infrastruktur ist das Verkehrsklima in vielen Städten ein Dauerbrenner. Seitdem die Pflicht zur Benutzung von Radwegen weggefallen ist, kommt es immer wieder zu Missverständnissen zwischen Auto- und Radfahrern. Um diese auszuräumen, wurde im Büro des Kölner Fahrradbeauftragten ein Verkehrsschild entwickelt, das Autofahrern den Sachverhalt erklärt. Sie werden vorübergehend aufgestellt.

Das ist ein Anfang. Besser geht immer, aber Köln ist auf einem guten Weg.

Hamburg war 2011 Umwelthauptstadt. In Trailern schmückte sich die Hansestadt mit ihren vielen Radfahrern. Jetzt muss sie Geld investieren, um diesem Titel auch gerecht zu werden.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was Köln angeht, ist er aber ganz anderer Meinung: http://www.radfahren-in-koeln.de/.

    • 1. Februar 2013 um 12:51 Uhr
    • J, Schmidt
  2. 2.

    Für mich, in Wien lebend, ist das Radfahren in meiner Heimatstadt Köln geradezu paradiesisch. Dort lege ich die meisten Wege mit dem Rad zurück, während es in Wien einer gehörige Portion *Todessehnsucht* bedarf.
    .

  3. 3.

    Sollen sie doch. Ich hab’s eh’ schon wg. der Parkgebühren aufgegeben in die Stadt (Düsseldorf oder Krefeld) zu fahren. Speziell in Krefeld sieht es auch schon lange entsprechend aus.
    Leerstand und Ramschläden! Da dürfen dann gerne die Anwohner mit dem Fahrrad um den Block fahren.

    • 1. Februar 2013 um 13:58 Uhr
    • K. Krause
  4. 4.

    Eine halbe Stunde auf dem Fahrrad im Innenstadtbereich der Stadt Essen, reicht aus, um festzustellen, dass die Kölner Verhältnisse paradiesisch sind! Auch wenn ich einmal die Woche fast mein Leben auf zwei Rädern lasse!

  5. 5.

    Sehr richtig Frau Reidl.

    Nur dass etliche Radfahrer das nicht mitbekommen oder nicht mitbekommen wollen. Als Fussgänger lebt man da gefährlich, wo man geht und Radfahrer fahren dürfen. Aber dann wird schnell auf die Autofahrer verwiesen.

    Kurz gesagt, Ich mag keine Menschen, die sich für die besseren Menschen halten. Und davon gibts in Köln eine Riesenmenge. Da können noch so viel Radwege und Möglichkeiten sein. Der Kölner Radfahrer ist erts zufrieden, wenn nur er darf. Und das scheint sich zu steigern, je mehr Möglichkeiten er hat. Wie die Raser, wenn die Strasse ausgebaut wurde.

    • 1. Februar 2013 um 14:23 Uhr
    • TDU
  6. 6.

    Interessant, was Herr Möllers da zum besten gegeben haben soll.
    Von der “über weite Strecken modernen, sich selbst erklärenden, zusammenhängenden Radinfrastruktur” bekomme ich hier nichts mit. Und ich fahre täglich in Köln Fahrrad.
    Übrigens: seit dem Urteil des BVwG zur Radwegebenutzungspflicht vor 2 Jahren hat man in Köln 40 km Radwege “auf Radwegebenutzungspflicht geprüft” (sic!) – anstatt, wie es die StVO vorsieht, die Straßen auf Gefahrenlagen nach §45.9 zu prüfen. Köln hat übrigens ca. 520 Km Radwege, man mag sich also selbst ausrechnen, wie lange es dauern wird, bis hier die Forderungen des Gesetzes erfüllt sind. Solange werden wir hier also noch über Stolper- und Todesfallen geschickt, die ohne System oftmals im Nichts enden. Unterstützt wird diese Polizik von einer repressiven Polizei.
    Mir persönlich ist es übrigens herzlich egal, wenn es irgendwo anders *noch* schlimmer ist als in Köln …
    Das sind Dinge, die Herr Möllers vermutlich nicht vorgetragen hat, oder?

    Marco Laufenberg – http://www.radfahren-in-koeln.de

    • 1. Februar 2013 um 14:28 Uhr
    • Marco
  7. 7.

    Ausbau von Radwegen in Köln, schön und gut. Wenn sie denn auch genutzt werden. Ein paar Jahre in Köln gelebt haben mir gezeigt, wie man sich Radfahrer verziehen kann. Über das auf dem Radweg parkende Auto musste ich schmunzeln. Ich habe solche Situationen so wahrgenommen, dass sich direkt eine Meute von Radfahrern gebildet hat und man jeden Moment denken konnte, jetzt wird Lynchjustiz am bösen Autofahrer vorgenommen. Das Stadt hat übrigens immer Ordnungswidrigkeiten seitens Autofahrer strikt belegt, in der Fußgängerzone hingegen haben sich die lieben Beamten aber eher von Radfahrern überfahren lassen als derartige Verstöße zu ahnden.

  8. 8.

    @marco
    In Köln ist durchaus nicht alles perfekt. Im Frühjahr 2012 bin ich mit zwei Fahrradexperten durch Köln gefahren und ich kann mich nur wiederholen: Es gibt noch Handlungsbedarf, aber es gibt auch viele gute Lösungsansätze und über weite Strecken eine sehr gute Infrastruktur für Radfahrer. Die endet zwar oft unvermittelt im Nichts, aber in Köln passiert wenigstens etwas und die Stadt hat eine Vorstellung davon, wo es hingehen soll.

    • 1. Februar 2013 um 15:22 Uhr
    • Andrea Reidl
  9. Kommentar zum Thema

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