Das Fahrrad-Blog

Radfahrer, die ewigen Regelbrecher?

Von 10. Mai 2013 um 12:05 Uhr
Zum Abbiegen sollen sich Radfahrer in der Fahrbahnmitte platzieren. © ADFC/Jens Schütte

Zum Abbiegen sollen sich Radfahrer in der Fahrbahnmitte platzieren. © ADFC/Jens Schütte

Radfahrer werden von Politikern und anderen Verkehrsteilnehmern gerne als notorische Regelbrecher dargestellt. Dabei nutzen die meisten Radfahrer auch das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel oder sie sind als Fußgänger unterwegs. Aber was macht Radfahrer zu vermeintlichen Störenfrieden auf der Straße, und welchen Anteil haben die übrigen Verkehrsteilnehmer?

Immer wieder sorgt die Frage für Streit, wer das Vorrecht auf der Straße hat, wenn parallel ein Radweg dazu verläuft. Was meinen Sie?

Autofahrer sehen Radler natürlich auf dem Radweg. Allerdings glauben viele Radfahrer, dass sie qua Gesetz auf der Fahrbahn fahren dürfen. Sind das alles Rowdies? Keineswegs. Seit 1997 sollen Radfahrer tatsächlich auf der Straße fahren – doch die Gesetzesänderung hat sich nicht herumgesprochen.

Daneben gibt es eine ganze Reihe solcher Regeln und Empfehlungen. Aber sie werden nicht eingehalten, weil sie kaum jemand kennt. Oder hätten Sie gewusst, dass Radfahrer in der Fahrbahnmitte unterwegs sein sollen, wenn rechts Autos parken? Der Grund ist einfach: Nur so reicht der Abstand aus, wenn sich eine Fahrzeugtür überraschend öffnet. Das Oberlandesgericht Hamm hat ebenfalls vor Jahren in einem Urteil festgelegt, dass Autofahrer beim Überholen mindestens 1,5 Meter Seitenabstand zum Radfahrer einhalten müssen. Werden auf den Rädern Kinder transportiert, beträgt der Abstand sogar zwei Meter.

Neue Verkehrsregeln lernen die meisten nicht mehr

Das Problem ist, dass viele die neuen Verkehrsregeln gar nicht lernen. In der Grundschule absolvieren Kinder ihre Fahrradprüfung, dann passiert lange Zeit nichts. Zehn Jahre später lernen die meisten jungen Erwachsenen für ihre Führerscheinprüfung und anschließend passiert gar nichts mehr. Dabei gibt es immer wieder neue Verkehrsregeln.

Von 1966 bis 2005 gab es noch die Fernsehsendung der 7.Sinn, eine Art Verkehrserziehung vor allem für Autofahrer und erwachsene Verkehrsteilnehmer. Sie behandelte neben Alltagssituationen auch psychologische Themen wie etwa Aggression im Straßenverkehr. Eine Neuauflage haben die Rundfunkanstalten nicht eingeplant, obwohl Politiker und Verkehrsexperten vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) und Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) dazu raten.

Aber es sind nicht nur die normalen Verkehrsteilnehmer, die Lücken bei den neuesten Regeln haben. Selbst Verkehrsplaner haben anscheinend Nachholbedarf, sagt VCD-Projektleiter Wasilis von Rauch. Die Infrastruktur mache es Radfahrern oft schwer, die Regeln einzuhalten. Bei der Planung von Kreuzungen werden sie häufig nicht bedacht, so fehlen beispielsweise immer wieder angemessene Abbiegemöglichkeiten oder Umleitungen an Baustellen. Eine Autospur, die abrupt an einer Baustelle endet, ist in Deutschland undenkbar. Für Radfahrer gehören solche Situationen zum Alltag. Aber was dann tun?

Ohne Umleitung kann der Radfahrer zwischen verschiedenen Regelbrüchen wählen: Entweder er fährt auf dem Bürgersteig oder in Gegenrichtung auf dem Radweg der anderen Seite oder auf der Straße, wo Autofahrer ihn nicht haben wollen. Natürlich, er kann auch Minuten lang schieben – was aber längst nicht jeder macht.

“Was kann man Fahrradfahrern an Umweg zumuten, ohne dass sie sich als Radfahrer diskriminiert fühlen?”, fragt von Rauch. Soll das Fahrrad als gleichberechtigtes Verkehrsmittel dem Auto auf der Straße gleichgestellt werden, müsste hier dringend eine Antwort gefunden werden.

Straßenbauliche Fehlplanungen zwingen Radler zu Verkehrsdelikten

Ohne Frage gibt es Radfahrer, die bei Rot die Straße überqueren. Und einige wird man auch mit den radfahrerfreundlichsten Regeln nicht davon abhalten können, sich nicht an die Straßenordnung zu halten. Aber viele Verkehrsregeln berücksichtigen Radfahrer nicht ausreichend. Es wäre Zeit, dass die Bundesregierung hier nachbessert. Für den VCD ist das die Basis für ein besseres Miteinander im Verkehr – und mehr Verkehrssicherheit. Die Kür ist es dann, innovative Wege auszuprobieren. Als Beispiel nennt von Rauch ein interessantes Projekt aus Frankreich: Dort ist es Radfahrern seit 2012 an bestimmten Kreuzungen erlaubt, an einer roten Ampel rechts abzubiegen oder, sofern keine Rechtsabbiegerspur existiert, geradeaus zu fahren. Die Radfahrer müssen dabei nur die Vorfahrt der anderen Verkehrsteilnehmer beachten. Die Idee war, dass durch die Regelung der Radverkehr flüssiger und zügiger rollt und die Staus an Kreuzungen zurückgehen. Vor der landesweiten Einführung wurde die neue Regelung zwei Jahre lang in den Städten Bordeaux, Nantes und Straßburg getestet.

Den Aufschrei, den eine solche Regelung hierzulande auslösen kann, kann ich mir gut vorstellen. Das Verständnis für Radfahrerbelange muss erst entstehen. Zu lange waren Velos Randerscheinungen im Verkehr. Ihre Rolle als gleichberechtigtes Verkehrsmittel müssen sie sich erst noch erstreiten.

Update: Einige Leser haben mich auf eine Doppelung hingewiesen sowie auf ein fehlendes Wort, beides wurde korrigiert, vielen Dank!

Kategorien: Infrastruktur, Recht, Stadt
Leser-Kommentare
  1. 1.

    An der Stelle darf man auch noch das leidige Thema Batterielicht erwähnen: Laut Gesetz ist die nur für Rennräder bis 11kg zugelassen. Natürlich sind die aktuellen Batterielichter deutlich besser als die ollen Dynamofunzeln, funktionieren auch bei Regen und gehen seltener kaputt. Daher benutzt die mittlerweile praktisch jeder – illegal.

    • 10. Mai 2013 um 12:57 Uhr
    • Peter
  2. 2.

    “Die Radfahrer müssen dabei nur die Vorfahrt der anderen Verkehrsteilnehmer beachten.” Und das können sie jetzt schon nicht. Schön an der Ampel an allen Autos vorbeiquetschen und ab in die erste Reihe. Es wird grün und schon hat man wunderbare Situationen, die den Verkehr so richtig “angenehm” machen. Und wehe man schimpft – da kann man schon mal doof schauen, wenn die 75-Jährige Omi ein Hasserfülltes Gesicht zieht und einen zur Schnecke macht… Warum sollte ich mich wie jedes andere Verkehrsmitglied auch brav hinten anstellen, wenn ich völlig wackelig (manchen müsste das Fahrradfahren verboten werden, so unsicher, wie die sind – Autofahrern ebenso) an allen vorbei fahren kann, die ja stehen bleiben müssen…

    Auf dem Land mag das funktionieren – in der Stadt gelten andere Gesetze. Bekommt man wohl nur in den Griff, wenn die Fahrradfahrer einen Fahrradweg bekommen.

    • 10. Mai 2013 um 13:12 Uhr
    • Toni
  3. 3.

    Es gibt noch viele weitere Themen.

    Bin oft mit dem Kinderanhänger unterwegs und mir fällt dazu Folgendes ein: Umlaufsperren an Bahnübergängen und an Zufahrten zu Radwanderwegen sind mit Kinderanhänger absolut (!!) unpassierbar.

    Man wird gezwungen, die Straße zu nutzen.

    Die Dinger sind außerdem einfach nur überflüssig und gefährlich. Hat man so eine Umlaufsperre erstmal passiert (ohne Anhänger…), ist man geneigt hopphopp schnellschnell über die Gleise zu fahren, ohne vorher nochmal geschaut zu haben, ob ein Zug kommt. Kindern geht es erst recht so, es gab schon töfiche Unfälle. Eigentlich sollen die Sperren ja der Sicherheit dienen…

    Dann habe ich gehört, mit Kinderanhänger (zumindest in der Doppelsitzversion) braucht man keine Radwege zu nutzen, weil sie zu breit sind? Stimmt das? Und wenn ja – wer von den Autofahrern weiß das??

  4. 4.

    Die Qualität des Lichts hat nicht viel mit der Stromquelle zu tun. Also zu behaupten das Licht wäre besser nur weil der Strom aus der Batterie kommt lässt zu viel außer acht.
    Z.B. daß es die verschiedensten Batteriebetriebenen Fahrradbeleuchtungen gibt, zu viele davon bieten eine (oder nur eine) Blitzfunktion, die hoch eingestellt wird und dank der Lichtblitze entgegenkommenden Verkehrsteilnehmern keine Möglichkeit gibt auch auf die Lichtverhältnisse einzustellen. Kurz gesagt, man ist faktisch blind, wenn einem Nacht ein Blitzendes Fahrrad entgegen kommt. “Legal, illegal, scheißegal” ist eben nur solang toll, solang man nur in der eigenen Perspektive denkt. Klar, mit stroboskopischer Fahrradbeleuchtung wird man kaum übersehen, aber welche Auswirkungen das auf Andere haben kann, nicht mein Problem.

    • 10. Mai 2013 um 13:16 Uhr
    • Taranis
  5. 5.

    Batterielicht ist leider nicht das NonPlusUltra – zu viele vergessen einfach, dass die Batterien wieder geladen oder getauscht werden, und fahren mit entsprechenden “Funzeln” durch die Gegend.
    “olle Dynamofunzeln” – da gibt es heute sehr gute Lösungen, eine der besten der letzten Jahre war der Nabendynamo, kaum Mehrgewicht, wetterunabhängig, Standlichtfunktion und in Verbindung mit Qualität eine einmalige Leuchtkraft, die auch von Battarieleuchten nicht übertroffen wird.

    • 10. Mai 2013 um 13:18 Uhr
    • Dieter
  6. 6.

    > Natürlich sind die aktuellen Batterielichter deutlich besser als
    > die ollen Dynamofunzeln, funktionieren auch bei Regen und
    > gehen seltener kaputt.

    Die Zeit der “ollen Dynamofunzeln” ist nun wirklich seit vielen Jahren vorbei. Moderne dynamobetriebene LED-Leuchten sind extrem hell und gehen auch so gut wie nie kaputt. Und die Nabendynamos, die heutzutage in fast in jedem Rad verbaut werden, funktionieren auch problemlos bei Regen.

    > Daher benutzt die mittlerweile praktisch jeder

    Nach meiner Erfahrung verwenden nur ein Bruchteil der Radfahrer Batterieleuchten.

  7. 7.

    Kerrekturlesen

    Bitte Korrekturlesen oder spinnt meine Kiste heute total.

  8. 8.

    Das Problem liegt vor allem daran, dass Radfahrer, wenn sie denn auf der Straße fahren, kein oder kaum, Bewusstsein für die Fahrsituation der Autofahrer haben. Wenn ich z.B. auf einer Straße, die mit 60 km/h ausgeschildert ist, einen Radfahrer überholen muss, weil dieser trotz vorhandenem Radweg auf der linken Spur fährt ( mit Kind ), dann rate ich doch zu einem Fahrradführerschein.

    Und wenn Fahrradfahrer und Autofahrer auch noch auf der Straße als gleichberechtigt geführt werden, wie oben beschrieben, dann MUSS ein Führerschein für Fahrräder her, sonst sehe ich keinerlei Anlass mehr auf Fahrradfahrer Rücksicht zu nehmen.

    • 10. Mai 2013 um 13:20 Uhr
    • Lyonel P
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)