Das Fahrrad-Blog

Al Fritz, der Vater des Bonanza-Fahrrads, ist verstorben

Von 15. Mai 2013 um 12:48 Uhr
Schwinn Stin-Ray 5-Gang © Nels P Olsen

Schwinn Stin-Ray 5-Gang © Nels P Olsen

Bananensattel,  Hirschgeweihlenker und ein knallig orangefarbener Rahmen: So sahen in Deutschland die Fahrradträume vieler Kinder in den siebziger Jahren aus. Die Vorlage für die begehrten Bonanza-Räder hatte der Amerikaner Al Fritz geschaffen. Sein Sting-Ray war 1962 ein absolutes Novum in der Fahrradbranche. In den USA wurden die Räder laut Washington Post zwischen 1963 und 1967 fast zwei Millionen Mal verkauft und in Europa fleißig kopiert. Anfang Mai ist der Sting-Ray-Erfinder im Alter von 88 Jahren gestorben.

Angefangen hatte Al Fritz beim Fahrradhersteller Schwinn in der Werkstatt. Später wurde er Sekretär, dann Ingenieur und leitete anschließend die Entwicklungsabteilung des Unternehmens. Sein größter Coup war allerdings das Sting-Ray. Das coole Kinderrad hat ihn in Amerika und Europa berühmt gemacht. Er hatte sich die Inspiration dafür direkt bei seiner Zielgruppe geholt: den Kindern und Jugendlichen auf der Straße, wie die Washington Post in ihrem Nachruf schreibt.

In Kalifornien war es unter Schulkindern damals hip, gebrauchte 20-Zoll-Fahrradrahmen mit langen Lenkern und Sitzbänken im Stil von Harleys aufzumotzen. Fritz sah sich diese zusammengeschraubten Provisorien an und entwickelte daraus ein cleveres und stimmiges Fahrrad-Design. Das Resultat ist der bekannte Kindertraum mit Bananensattel, hoher Rückenlehne und dem Wichtigsten überhaupt: der Gang-Schaltung am Oberrohr, die man fast wie ein Auto schaltet. Das war ein Knüller für die Kinder. Eine Zeitlang beherrschten Sting-Rays und ihre Nachbauten sogar den US-Markt: Ihr Anteil lag bei 60 Prozent aller Fahrradverkäufe, so die Washington Post.

Nach Deutschland schwappte der Trend etwas später. Ich kann mich noch gut an die Jungs erinnern, die in den siebziger Jahren in unserer Siedlung auf ihren Bonanza-Rädern herumkurvten, Spielkarten in den Speichen und Wimpel an der hohen Lehne. Für kein Geld der Welt hätten sie ein Mädchen auf ihren Rädern fahren lassen.

Nachbau aus England von Raleigh © Dontpanic

Nachbau aus England von Raleigh © Dontpanic

In Deutschland baute Kynast die Kopie des Sting-Ray, die von Versandhändlern unter dem Namen Bonanza verkauft wurde. Optisch unterscheiden sich die Räder sehr. Den deutschen und britischen Nachbauten fehlte die geschwungene Eleganz der Rohre. Außerdem hatten das amerikanische und auch das britische Modell unterschiedlich große Vorder- und Hinterräder. Allerdings war die Gabel des deutschen Modells motorradähnlicher.

Heute gilt der Sting-Ray-Rahmen als Vorläufer für moderne BMX Bikes. Aus dem Grund wurde Erfinder Fritz im Jahr 2010 in die BMX Hall of Fame für seinen – ungewollten – Beitrag zum Sport aufgenommen. In diesem Jahr soll angeblich zum 50. Geburtstag des Sting-Rays eine eine Jubiläumsversion auf den Markt kommen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Auch ich habe mein orangenes 3-Gang Bonanzafahrrad geliebt. Danke Al Fritz.

    • 15. Mai 2013 um 20:05 Uhr
    • wolki
  2. 2.

    jetzt sterben die almählich Konstrukteure der Sonderräder. Letztens ist schon der Entwickler des Moultons Zerlegerades gestorben, auch der des Bromtons ist in diesem Jahr gestorben.

    Mögen sie in Frieden ruhen

    • 15. Mai 2013 um 23:14 Uhr
    • Hanseat
  3. 3.

    Das Bonanzarad hatte noch Stil – und vor allem: Charakter!

    • 16. Mai 2013 um 10:55 Uhr
    • Acqua
  4. 4.

    “Die Bonanza-Fahrräder prägten die 1970er Jahre”
    .
    War das wirklich so “prägend” für ein ganzes Jahrzehnt?
    Ich erinnere mich nicht, je so ein Teil auch nur gesehen zu haben . Und ich war ein erwachsener Mensch in den “1970er Jahren”.
    Wieso muss die J. immer (noch) so übertreiben? Reicht die Wahrheit nicht?

  5. 5.

    Bonanzaräder wurden weniger von erwachsenen Kindern als von Jugendlichen gefahren. Daher kommt hier wahrscheinlich bei einigen Lesern die Verwunderung. Ein guter Freund von mir hatte damals mit 15 Jahren so ein Fahrrad mit 3 Gang – Schaltung.
    Es war so interessant, daß nach der Schule eine ganze Horde Jugendlicher bei ihm aufkreuzte und das Fahrrad ausprobierte….

    Insofern.. Respekt an den Erfinder!

    • 16. Mai 2013 um 13:19 Uhr
    • Jens Schwoon
  6. 6.

    Schwinn war auch bei den ersten MTB weit verbreitet, weil die Pioniere der MTBs alte Schwinn Cruiser mit Vollballoon Reifen für ihre ersten Versuche verwendeten. Die Räder stammten aus den 30er Jahren und hatten äußerst robuste Felgen. Sie hatten zudem ein genial schönes Rahmendesign.
    Eine ziemlich kultige Marke, würde ich sagen, sieht doch das Original Bonanza Rad um Welten besser aus als die fade, nüchterne, deutsche, Kopie.

  7. 7.

    • 20. Mai 2013 um 11:46 Uhr
    • Rock Torpedo
  8. Kommentar zum Thema

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