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Erste Hilfe für die Radeinstellung

 
Fitting Box: Erste Hilfe für die Radeinstellung
Die richtige Einstellung des Fahrrads hilft, Schmerzen zu vermeiden. © Reidl

Wer viel und regelmäßig Rad fährt, weiß, wie er oder sie auf einem Rad sitzen muss, damit selbst auf einer längeren Ausfahrt nichts schmerzt oder einschläft. Wer selten fährt, weiß das nicht – und braucht einen Fahrradhändler, der das Rad richtig einstellt. Als Alternative hat die Firma Ergon die Fitting Box entwickelt. Das ist ein Erste-Hilfe-Kasten für die Radeinstellung. Mit einem Freund habe ich die Box ausprobiert.

Vor zweieinhalb Jahren hat sich Thorsten Wilrodt ein neues Rad gekauft, ein Tourenrad aus Stahl. Er ließ sich im Fachhandel beraten und wählte ein Modell der VSF-Manufaktur, das nicht mit den neuesten, dafür aber erprobten und bewährten Komponenten ausgestattet ist. Vor Jahren war Wilrodt viel mit dem Rad unterwegs und auch öfter auf Radreise. Am liebsten hätte er sein altes Rad, ein Steinweg, runderneuern lassen. Aber davon rieten ihm die Händler ab. Heute ärgert sich der sportliche Mittvierziger etwas darüber. Denn so bequem wie das alte Rad ist das neue nicht.

Das alte Steinberg vor dem neuen VSF-Rad. Das alte Rad war bequemer © Reidl
Das alte Lieblingsrad von Steinweg vor dem neuen VSF-Rad. Das alte Tourenrad war bequemer. © Reidl

Nach Karriere und Kinderpause wollte Wilrodt wieder mehr Rad fahren. Während der ausgiebigen Probefahrt im Viertel um den Radladen fühlte er sich sofort wohl. Der Händler hatte ihn auf dem Rad nicht vermessen, sondern ihm stattdessen angeboten, nach vier Wochen zur Inspektion zurückzukommen. In der Zeit war Wilrodt allerdings erst zwei Dutzend Kilometer gefahren und verschob den Termin auf später. Als er dann losfuhr, schliefen ihm während der ersten längeren Tour die Füße ein und ihm taten die Hände weh.

Seitdem versucht er, sein Rad zu perfektionieren. Die Fitting Box kam ihm gerade recht.

Fitting Box: Ersetzt nicht den Experten, hilft aber Laien bei der Grundeinstellung © Reidl
Kann die Fitting Box den Experten ersetzen? © Reidl

Die Box enthält alles, was man zur Einstellung braucht – bis auf das Werkzeug, um die Sattelstütze einzustellen. Mit einem Lot, Maßband, einer Wasserwaage und verschiedenen Schablonen werden die Höhe von Sattel und Lenker sowie der Abstand zwischen den beiden und weitere Maße ermittelt.

Im ersten Schritt geht es darum, die richtige Sattelhöhe herauszufinden. Dafür muss zuerst die Schrittlänge bestimmt werden. Dabei helfen eine Skizze und die genaue Erklärung in der Anleitung. Das ist noch einfach. Der nächste Punkt ist dagegen schon kniffliger. Die Schablone für die Sattelposition hält schlecht auf dem gewölbten Sitz. Wir befestigen sie mithilfe der Klebestreifen, dennoch sind wir nicht sicher, ob wir richtig messen. Das Ergebnis: Der Sattel muss ein wenig nach oben versetzt werden.

Schablone für die richtige Sattelposition © Reidl
Sattelschablone © Reidl
© Reidl
Schablone zum Messen von Abständen © Reidl

Im nächsten Schritt wird der Sattel in die Waagerechte gebracht. An sich ist das mit der beiliegenden Wasserwaage kein Problem. Allerdings ist die Sattelstütze eine Zumutung. Sie lässt sich nicht fließend, sondern nur stufenweise einstellen. Dann verstellt sich die vorgenommene Einstellung beim Festziehen der Schrauben. Das ist ärgerlich. Ein eigentlich einfacher Vorgang wird dadurch unnötig schwierig und langwierig – aber dafür kann die Fitting Box nichts.

Einfacher ist dagegen das Messen der richtigen Entfernung von Lenker und Sattel. Mit den beiliegenden Schablonen geht das leicht und schnell. Hier zeigt sich: Bei Wilrodts Rad fehlen vom Vorbau bis zum Sattel zwei Zentimeter. Das hat er vor einigen Wochen selbst gespürt – er wusste ja von früher, wie gut sich ein Rad anfühlen muss – und den Lenker gedreht. Das sieht merkwürdig aus, ist ihm aber egal: Er kann damit besser fahren. Denn dadurch hat er Länge gewonnen und seine Sitzposition verbessert.

Was der Radhändler selbst ohne jegliche Vermessung hätte sehen müssen: Die ergonomischen Griffe mit den Barends sind für Wilrodt unsinnig. Er ist über 1,90 Meter groß und hat dementsprechend große Hände, in die die Hörnchen gar nicht passen, weil sie viel zu klein sind.

Zwischenlösung: Gedrehter Lenker für mehr Fahrkomfort © Reidl
Zwischenlösung: Gedrehter Lenker für mehr Fahrkomfort © Reidl
Die Barends sind zu klein  © Reidl
Die Barends sind zu klein. © Reidl

Hätte Thorsten Wilrodt die Fitting Box beim Kauf erhalten, hätte er schnell selbst feststellen können, was nicht stimmt. Ein längerer Vorbau hätte ihm lästiges Ausprobieren und Ärger erspart – und außerdem Schmerzen verhindert. Die verderben nämlich den Spaß am Radfahren, und am Ende steigt man gar nicht mehr aufs Rad.

So richtig zufrieden ist Wilrodt nach dem Einstellen dennoch nicht. Er hat sich von der Box mehr erhofft und findet die Anleitung und die Schablonen zu ungenau.

In der Tat: Oft ist man sich unsicher, ob man wirklich richtig misst. Ohnehin muss man fürs Abmessen und Einstellen auf jeden Fall zu zweit sein. Dennoch hat die Arbeit mit der Fitting Box gezeigt, dass einige Punkte stimmen, etwa die Lenkerhöhe. Jetzt muss der Experte ran. Das bestätigt auch Lothar Schiffner von RTI Sports, das die Box in Deutschland vertreibt: „Die Box ersetzt nicht die Einstellung durch den Experten.“

Die Anleitung hilft Laien bei der Grundeinstellung. Das Feintuning, das wichtig ist, wenn man viel fährt, ist damit nicht möglich.

Wilrodt hat jetzt eine Vorstellung davon, woran es hakt. Mit dem neu eingestellten Rad muss er nun eine längere Strecke fahren und mit den Erfahrungen zurück zum Fachhändler. Damit das neue Rad irgendwann wirklich ähnlich komfortabel wird wie das alte.

25 Kommentare

  1.   Nur_mit_Muskelkraft

    Warum nun alle Welt meint, ein Sattel sei nur richtig eingestellt wenn er waagerecht mit der Wasserwaage ausgerichtet ist wissen nur die Götter. Kleiner Tipp von meinem Urologen: Eine leicht nach vorne geneigte Position beugt – vor allem bei sportlicher Sitzposition mit Sattelüberhöhung – Durchblutungsmangel durch Druckbelastung im Genitalbereich vor und lässt einen problemlos (auch ohne Spezialsattel und Kissen in der Hose) Kilometer um Kilometer fressen.


  2. wie praktisch, dass die abgebildeten Ergon-griffe mit zum Lieferumfang der Kiste gehoeren – oder ist es lediglich ein wenig Werbung?


  3. ich hab mir die ergon – box auch vor kurzem gekauft und ganz ähnliche erfahrungen gemacht: es ist schon besser eingestellt als vorher aber die einstellmöglichkeiten meines rades waren zum teil gar nicht ausreichend, sodass z.b. mein lenker – sattel – abstand immer noch zu kurz ist.

    gerade beim lenker werden wohl viele leute dieses problem haben. da hätte ich mir ein paar kompromiss – tipps von ergon gewünscht: wo sollte es auf jeden fall passen und wo kann man abstriche machen?

    @Nur_mit_Muskelkraft: die waagerechte position des sattels ist laut ergon nur die „grundeinstellung“. wer druck im genitalbereich verspürt soll den sattel nach vorne etwas neigen. zum richtigen ausmessen und einstellen ist die waagrechte position aber durchaus sinnvoll.

  4.   Rudolf Waurich

    Hier wird doch das Pferd bzw. Rad vom Schweif her aufgezäumt. Wenn man zu einem ‚richtigen‘ Fahrradhändler geht, wird man VOR dem Kauf vermessen, und dann werden die passenden Komponenten (ganz wichtig ist u.a. der wenig beachtete Vorbau) rausgesucht, und dann wird der passende Rahmen komplettiert. Daß es das nicht für 2,50€ gibt, ist klar, aber lieber einmal gekauft, und richtig. Ich habe mittlerweile von ‚meinem‘ Händler das dritte Mountainbike und ein Reiserad, meine Frau ein Reise/Stadtrad und alle passen perfekt, ohne hinterher irgendwelche Klimmzüge zu machen.


  5. Was ich nicht verstehe: Der beschriebene Kunde hätte gar nicht nach den idealen Dimensionen zu suchen brauchen, denn er hatte ja ein Rad, das ihm von den Abmessungen her ideal passte. Warum nicht als Näherung einfach das ausmessen und ein neues in exakt diesen Maßen bestellen?
    Bei einer so ungewöhnlichen Größe wie 1,90 sollte man lieber eben doch nicht nach einmal um den Block fahren und „Sie können ja in vier Wochen zum einstellen vorbeikommen“ ein Rad kaufen. Na, hinterher ist man schlauer.


  6. Langsam sollte es auch beim letzten angekommen sein, dass dieser ganze Fahrrad-Körper-Vermessungs-Blödsinn totaler Quatsch ist. Als grobe Richtwerte okay, zu mehr taugt es dann aber nicht. Die Leute haben verlernt auf ihren Körper zu hören. Man muss sich auf dem Rad wohlfühlen. Fahren, gucken wo es wehtut, probieren, einstellen und das ganze von vorne. Menschliche Körper sowie deren Muskelaufbau sind so unterschiedlich wie Fahrradrahmen, da kann ich nicht stur nach vorgegebenen festen Werten einstellen.

  7.   Rüdiger

    Captain here: fast alle Zeitschriften am Kiosk haben eine Online seite. Dort gibt es Rubriken (z.B. Werkstatt) in denen die Einstellungen am Rad erklärt werden. Egal ob Tourer, Renner o. MTBler, da werden sie geholfen. Google-Universität!
    @dhein987: Die Komfortbox von Ergon hat einen empf. VK von ~30€, da sind keine Griffe drin. Die Kosten teilweise deutlich mehr….
    Kette rechts.

  8.   Nur_mit_Muskelkraft

    @AfterYou: Dann belassen es 95% bei dieser „Grundeinstellung“. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die Anatomie von 95% der Bevölkerung das befürwortet.

  9.   dermaster

    Vielleicht hilft das noch weiter:
    Juliane Neuß

    http://blog.zeit.de/fahrrad/2012/11/01/ergonomisch-korrekt-radfahren/

    wir haben ihr Buch gelesen, haben dementsprechend unsere Räder eingestellt und sind schon seit fast drei Jahren mit dem Rad auf Weltreise…
    (vielfaltderwelt.wordpress.com)


  10. Das ist auch zweischneidig: Dabei kann sich der Druck auf die Handgelenke erhöhen, mal abgesehen von dem (für mich) unangenehmen Gefühl, immer nach vorn zu kippen.

    Stellt man hingegen die Sattelspitze dezent höher rutscht man mit den Sitzknochen freiwillig etwas nach hinten und landet genau dort wo man hingehört: Auf der breitesten Stelle des Sattels.

    Ansonsten mal bei den Liegerädern gucken. Sieht gewöhnungsbedürftig aus, für lange Touren gibt es aber kaum etwas Besseres.