Wir können's besser: Das Blog für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont

Bilanzen aufhübschen mit CO2

Von 12. Februar 2013 um 16:11 Uhr

Mit Grünen Geschäften hat Arcelor Mittal erst mal wenig zu tun. Das Unternehmen ist der größte Stahlproduzent der Welt, mehr als 310.000 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen weltweit. Die Produktion des Stahls verursacht eine ganze Menge CO2. Zwar wird der Stahl anschließend auch für Windräder und andere Umwelttechnologien gebraucht. Klimaschutz ist Arcelors Kerngeschäft jedoch bislang sicher nicht.

Wer einen Blick in die jüngsten Geschäftszahlen wirft, der entdeckt dort ein interessantes Detail: Im vierten Quartal 2012, heißt es dort, hat der Konzern eine große Menge CO2-Emissionsrechte verkauft. Das war für den Luxemburger Konzern kein schlechtes Geschäft – die Einnahmen lagen bei knapp 150 Millionen US-Dollar:

4Q 2012 EBITDA of $1.3 billion includes $0.2 billion from sale of carbon dioxide (CO2) credits.

Arcelor hat angekündigt, das Geld in Energieeffizienz-Projekte zu investieren. Für’s erste aber hat der Konzern mit dem Cash seine Jahresbilanz aufgehübscht. Von “boost its balance sheet” spricht der Energiefachinformationsdienst ICIS. Das Unternehmen hatte wegen der Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr einen operativen Gewinn von 7,1 Milliarden US-Dollar bekanntgeben, ein Drittel weniger als noch im Vorjahr.

Was sagen die Zahlen aus?  Selbst wenn der Preis für CO2-Rechte gerade bei 4,16 Euro je Tonne vor sich hin dümpelt (ursprünglich lagen die Hoffnungen der Politik bei einem Preis von 30 Euro/Tonne): Für manche Konzerne sind die CO2-Rechte ein Bombengeschäft. Das zeigt auch die aktuelle Studie “Klimagoldesel” des BUND und der britischen Organisation Sandbag. Sie kommt zu dem Schluss, dass deutsche Unternehmen rund 85 Millionen Tonnen CO2-Zertifikate zu viel haben, also bunkern. Das entspreche etwa dem jährlichen CO2-Ausstoß Österreichs. Insgesamt wären diese Rechte derzeit rund 340 Millionen Euro wert.

Kein schlechter Schatz in den Bilanzen.

Was für die Unternehmen gut ist, ist für den Klimaschutz natürlich fatal. Die Grundidee des Handels mit CO2-Zertifikaten geht ja so: Das CO2 wird erstmals bepreist. Wer es ausstößt, braucht ein Emissionsrecht. Entweder strengt er sich an und mindert seine Emissionen. Oder er kauft sich eben ein Emissionsrecht. Wenn nun, wie aktuell, viel zu viele Rechte auf dem Markt sind, dann sinkt der Preis. Und niemand macht mehr richtigen Klimaschutz, weil es sich nicht lohnt.

Das alles wird leider nicht besser. Die EU vergibt ja die CO2-Verschmutzungsrechte, anfangs sogar umsonst. Und während an einigen Stellen inzwischen die Daumenschrauben angedreht werden (Stromunternehmen müssen in der sogenannten dritten Handelsperiode nun ihre Rechte komplett kaufen), gibt es weiterhin Branchen, die Verschmutzungsrechte umsonst erhalten, selbst wenn es zurzeit viel zu viel gibt. Dazu gehört — kaum überraschend – auch die Stahlindustrie.

Die EU-Kommission will den Preisverfall bekämpfen. Sie plädiert für eine künstliche Verknappung der Rechte. Rund 900 Millionen Tonnen CO2-Rechte sollen zurückgehalten werden, von backloading spricht die Fachwelt. Kommende Woche wird der Umweltausschuss des Europaparlaments sich damit beschäftigen. Der Industrieausschuss hat – ebenfalls kaum überraschend – bereits dagegen plädiert.

Fachleute sind sich  einig, dass auch 900 Millionen Tonnen CO2 zu wenig sind. Die Deutsche Emissionhandelsstelle plädiert für mindestens 1,5 Milliarden Tonnen, die dauerhaft vom Markt genommen werden müssten.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    das wäre doch ein prima Geschäft für die EU: statt die Emissionsrechte zu verschenken sollte sie diese Verkaufen und einen kontinuierlich steigenden Mindestpreis sowie eine kontinuierlich sinkende Maximal-Menge öffentlich bekannt geben. Sie könnte auch zuviel gekaufte Zertifikate zum Mindestpreis zurück kaufen. Verschenken braucht sie eigentlich nix.

    • 12. Februar 2013 um 21:37 Uhr
    • ASasse
  2. 2.

    Die ganze Perversion dieses Systems zeigt sich vor allem dort, wo Unternehmen wie Arcelor auch noch kostenlose Emissionsrechte für wegen der Krise stillgelegte Anlagen erhalten. Hochöfen und Stahlwerk im belgischen Lüttich sind seit Jahren “vorübergehend” stillgelegt und der Staat muss die Beschäftigten mit Kurzarbeitergeld durchfüttern, während Arcelor die Emissionsrechte für diese Anlagen verscherbelt und dreistelligen Millionenbeträge in die eigene Tasche steckt.

  3. 3.

    Was für eine Schnapsidee, Verschmutzungs’Rechte’ zu verschenken, zu verkaufen.

    Eine VerschmutzungsAbgabe wäre sinnvoller gewesen – natürlich incl.
    einer Vorlaufzeit für die Umstellung – , diese Abgabe hätte man schrittweise erhöhen können, mit der Folge, daß sauberer arbeitende verschmutzungsfreiere Unternehmen sich einen Marktvorteil sauberer erarbeitet hätten.

    Merwürdig, bei solchen Gesichten bleiben die ‘Selbstreinigungskräfte des Marktes’ immer außen vor, da will und muß das Kapital gepampert werden.

    • 12. Februar 2013 um 22:41 Uhr
    • produbio
  4. 4.

    Das Kaufladenspiel klappt alsö nicht. Und jetzt wird bürokratisch nachgebessert um “den Plan zu erfüllen”. Warum kommt mir das bloss so bekannt vor? Wo kann ich jetzt schon den Antrag auf Zuteilung eines Oeko-Trabi stellen? Die 10 Jahre Wartezeit nehm ich ja in Kauf.

    • 12. Februar 2013 um 22:41 Uhr
    • M.Weber
  5. 5.

    Sie könnten einfach eine Firma gründen, in ihrem Freundeskreis sammeln gehen und für 4000 Euro 1000 Tonnen CO2-Rechte kaufen.
    Und damit für immer aus der Wirtschaft verschwinden lassen.
    Natürlich nur, solange Sie die im nächsten Boom nicht verkaufen.

    Es ist ja schon mehrfach beschrieben worden:
    Die Krise verringert den CO2 Ausstoss erheblich.
    Deshalb werden die Veschmutzungsrechte billiger.
    Aber der nächste Wirtschaftszyklus kommt bestimmt.
    Und das ist der AUgenblick in dem sich die CO2-Zertifikate beweisen werden. Sind sie zu teuer (und der Preis wird schnell steigen) werden Unternehmen nach CO2-verbrauchsarmen Produktionslösungen suchen (natürlich nur solange nicht einige Länder aussteigen, wenn plötzlich keine CO2-Zertifikate mehr da sind).

    • 12. Februar 2013 um 23:31 Uhr
    • lib-dem
  6. 6.

    Naja, jedem der sich mal mit Umweltökonomie beschäftigt hat war klar das es so kommt. Beim “grandfathering”, so nennt sich das Verfahren in denen die Rechte zu Anfang den Unternehmen gemäß ihres vergangenen Verbrauchs zugeteilt werden, führt die Einführung von Zertifikaten sogar dazu dass Unternehmen einen Anreiz haben die Umwelt noch verstärkt zu verschmutzen. In der Vorlesung war die Methode als ökonomisch schlechteste aber politisch am leichtesten durchzusetzende präsentiert. Nun, dass sich unsere Politiker den leichtesten Weg wählen überrascht niemanden mehr, oder?

    • 13. Februar 2013 um 00:12 Uhr
    • Lyaran
  7. 7.

    Ist das Ziel der Verschmutzungsrechte nicht, den co2-Ausstoß durch Verknappung zu begrenzen? Die Anzahl der Rechte war schon immer so gewählt, dass insgesamt der Reduzierung des co2-Ausstoßes Rechnung getragen wurde. Wirtschaftskrise, Rückbau von Anlagen, alles Parameter, die die schlauen EU-Politiker außer Acht gelassen haben.
    Halten wir fest, Umweltziel erreicht, aber nicht das eigentliche Ziel, wieder mehr abzuzocken vom Bürger. Denn, mal ehrlich, wer bezahlt denn die hohen Kosten der Zertifikate?

    Da muss man nun wieder unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes ran, der Bürger ist ja so doof, dem man man alles verkaufen.

  8. 8.

    Wie hier bereits beschrieben wurde, ist das eigentliche Problem nicht das “Verschenken” sondern die aktuelle Wirtschaftskrise.
    Wenn man jetzt große Mengen Zertifikate in der Krise vom MArkt nimmt und die Konjunktur springt ein Jahr später an, explodiert der Preis. Ich bezweifle das sich die meisten Industrien daran anpassen können.
    Dann bleibt nur die Möglichkeit mehr Zertifikate in den MArkt zu pumpen oder die Industrie gewaltsam abzuwürgen, samt Konjunktur. Man sollte sehr vorsichtig mit diesem Instrument sein.

    • 13. Februar 2013 um 09:36 Uhr
    • tobmat
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)