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Tierversuchsfreie Kosmetik ist nur der erste Schritt

Von 11. März 2013 um 17:30 Uhr
Weiße Ratten in einem Versuchslabor in China (Archiv); China Photos/Getty Images

Weiße Ratten in einem Versuchslabor in China (Archiv); China Photos/Getty Images

Glückwunsch an die EU! Dieser Montag ist ein wirklich entscheidender Tag für den Tierschutz. Von heute an sind in Europa Tierversuche für Kosmetika und ihre Inhaltsstoffe komplett untersagt. Das Verbot gilt auch für importierte Stoffe.

Das Besondere ist: Obwohl es für manche Tiertests noch keine Alternativen gibt, hat die EU-Kommission auf dem Verbot bestanden. Kein Einknicken gegenüber der Industrie diesmal. Für Tierschützer wie etwa den Tierschutzbund und der EU-weiten Kampagne Say no to cruel cosmetics ist das ein großer Erfolg. Dabei, und das ist das Paradoxe, schließt die neue Regelung Tierversuche keineswegs völlig aus. Grund ist ein juristisches Schlupfloch.

Der Bundesverband der Tierversuchsgegner schätzt, dass ein Großteil der Inhaltsstoffe von Kosmetika gar nicht unter die EU-Kosmetika-Richtlinie fällt. Für sie ist vielmehr das ganz normale Chemikalienrecht (REACH) relevant. Das bedeutet, dass diese Stoffe nicht prinzipiell tierversuchsfrei sein müssen. Ganz im Gegenteil, das Chemikalienrecht sieht in manchen Fällen noch immer explizit Tierversuche vor. Von “Toxikologischer Prüfung zur Sicherstellung der menschlichen Gesundheit” ist dann die Rede.

Unter anderem müssen teilweise Chemikalien mit Tierversuchen getestet werden, um ins EU-weite Chemikalienregister REACH aufgenommen zu werden. Zum Teil sind diese Stoffe sogar schon zugelassen. Trotzdem schreibt REACH die erneute Prüfung vor. Die Tierschutzakademie warnte schon vor einem “Massengrab für Versuchstiere“.

An den mehr als zwölf Millionen Tierversuchen in der EU haben die Versuche für Kosmetik nur einen Anteil von 0,02 Prozent, so die Organisation Ärzte gegen Tierversuche. In allen Fällen, die nicht unter die neue Kosmetik-Richtlinie fallen, sei es sogar ziemlich schwer, auf Tierversuche zu verzichten, kritisiert Kristina Wagner vom Deutschen Tierschutzbund. Unternehmen müssten erst einmal nachweisen, dass die tiertestfreie Alternative genauso gut sei wie ein Tierversuch.

Eine überflüssige Hürde. “Das ist ein Relikt und lässt sich nur damit erklären, dass Tierversuche über Jahrzehnte zur Tradition gehörten”, sagt Wagner. Die Vorschriften sind aber schon seit Jahren immer strenger geworden, deshalb waren Industrie und Wissenschaft gezwungen,  Alternativen zu suchen.  Heute gibt es die laut Wagner: Statt Kaninchen das Fell zu rasieren, Substanzen aufzutragen und die Reaktion der Kaninchenhaut abzuwarten, testen Firmen manche Substanzen inzwischen etwa an künstlich gezüchteten menschlichen Hautzellen. Solche Tests seien “wissenschaftlich weitaus relevanter” als zu versuchen, die Reaktion von Kaninchenhaut auf den Menschen zu übertragen, sagt Wagner.

Ob die Zahl der Tierversuche in letzter Zeit wegen REACH gestiegen ist, könne man noch nicht sagen, antwortete die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag. In Deutschland jedenfalls steigt die Zahl der Versuche. Das zeigen aktuelle Zahlen auf den Seiten des Bundesverbraucherministeriums, dessen Hausherrin Ilse Aigner (CSU) ja auch fürs Tierwohl zuständig ist. Im Jahr 2011 wurden an rund 2,9 Millionen Tieren Versuche gemacht: Blutentnahmen, Operationen oder Medikamententests. Das ist ein Plus von 1,9 Prozent zum Vorjahr – und die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr.

Getestet wird vor allem an Mäusen, in vielen Fällen für die Krebsforschung. Dass die Zahlen steigen, zeigt, wie viel trotz des Kosmetika-Versuchverbots noch zu tun ist.

Kategorien: Innovation, Konsum, Tierschutz
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Jährlich werden 11 Millionen Versuchstiere in der EU meist unnötig für Forschung , Medizin und Industrie gequält. In erster Linie Hasen, Hunde, Katzen, Meerchweinchen,Affen und Ratten. Dabei GIBT es Alternativen.

    Die In-vitro- Forschung (in vitro steht für „im Reagenzglas“) hat sich in den letzten Jahren zu einem eigenen Wissenschaftszweig mit einer ungeahnten Vielfalt an Möglichkeiten, Erkenntnisse an schmerzfreier Materie zu gewinnen, entwickelt. Und das Potential ist dabei längst noch nicht ausgeschöpft. Ein großer Teil der Tierversuche kann schon heute durch solche modernen Systeme, wie z.B. Zellkulturtechniken, ersetzt werden. Das zögerliche Anwachsen von alternativen Methoden liegt vor allem an – mangelnden Fördermaßnahmen von Seiten der EU – und der nationalen Politik. ECVAM (European Centre for the Validation of alternative Methods), jene Organisation die maßgeblich an der Entwicklung und Validierung von Alternativmethoden beteiligt ist, erhält leider denkbar wenig Unterstützung.

    Ja da gibt es noch VIEL zu ändern!

    • 11. März 2013 um 18:56 Uhr
    • Waldengelwurz
  2. 2.

    Zitat 1.: “. Dabei GIBT es Alternativen.

    Die In-vitro- Forschung (in vitro steht für „im Reagenzglas“) hat sich in den letzten Jahren zu einem eigenen Wissenschaftszweig mit einer ungeahnten Vielfalt an Möglichkeiten, Erkenntnisse an schmerzfreier Materie zu gewinnen, entwickelt”

    Das ist billige Propaganda. Für viele Tierversuche gibt es eben keine Alternative. Z.B. Mausmodelle in der Alzheimer- und der Parasitenforschung.

    Natürlich wird da nicht alles mit der Maus gemacht, ob die Wirkstoffe generell an die Nervenzellen binden kann man prima in vitro testen. Aber ob die durch die Blut-Hirnschranke gelangen, und welche Wirkung sie am Gesamtsystem haben, kann man nur mit einem kompletten Tier (oder Menschen) testen.

    Gut, man natürlich in Frage stellen, das man Anti-Alzheimer-Medizin braucht.

    Aber dann muss man konsequent auch die Medikamente verbieten, die bei der Forschung im Ausland an Tieren entdeckt wurden.

    Und ich garantiere ihnen, das wird nicht passieren. Die Leute die hier vorher Forscher mit Todesdrohungen bedacht haben, werden wie die blöden Anti-Alzheimer-Medikamente aus tierverbrauchender Forschung kaufen, wenn die Demenz erstmal anklopft.

    • 11. März 2013 um 19:15 Uhr
    • Philipp G.
  3. 3.

    Die Debatte zur Richtlinie (und das entsprechende Lobbying) fand vor 10 Jahren statt. Schoen, wenn jemand eine Meinung zu EU-Politiken hat, Ahnung von den Ablaeufen waere aber noch besser.

    • 11. März 2013 um 19:22 Uhr
    • Ronald Gruenebaum
  4. 4.

    In-Vitro ist keine Lösung und wird es auch nicht sein!

    Sicherlich ist es richtig, dass man mit IV-Techniken den Einfluss einer Substanz auf spezielle Zellen (Leber, Haut, Herz, etc.) ausgezeichnet testen kann. Aber das ist bei weiter nicht ausreichend.
    Es geht um den Einfluss auf einen *lebenden* Organismus, also um das sehr komplexe stoffwechsel-technische, nervliche und hormonelle Zusammenspiel ganz vieler Organe. (z.B. Einfluss auf die Keimbahn, Sauerstoffaufnahme, etc.)
    Außerdem lassen sich IV keine psychoaktiven Effekte nachweisen (Appetitlosigkeit, Depression/Antriebsschwäche etc.) Es gibt viele Substanzen, die so etwas verursachen und noch mehr unentdeckte. Mit IV schaut man da in die Röhre.

    Letztlich verhält es sich ja doch so: Ich kann ja für einen Auto Crash-Test auch nicht alternativ die Komponenten einzeln an die Wand werfen und dann ernsthaft glauben, das spätere Auto sei sicher.

    Aber es ist ja jedem – oder hier besser jeder – freigestellt, Kosmetika zu nehmen oder eben nicht. Jede Frau entscheidet für sich, ob sie bereit ist, auf Kosten von Tierleben zu versuchen “besser” auszusehen. Und da das Thema ja nicht neu ist, sondern schon seit einigen Jahren (10?) diskutiert wird, kann auch keine wirklich sagen, sie wüsste von nix. Wir leben im Zeitalter des Internets!

    Gut ist es, dass auf die Verwendung von Tierversuchen zu Unbedenklichkeit hingewiesen wird. Und sicherlich sind viele Versuche vielleicht eher unnötig. Aber kein Hersteller wird schon aus Produkthaftungsgründen seine Sorgfaltspflicht bei der Herstellung verletzen und deshalb prüfen, so gut er kann.
    Aber wer das nicht will, der soll eben das Produkt nicht verwenden. Dann sieht frau halt aus, wie Gott sie geschaffen hat! Aber das will ja auch keiner!

    Ich hätte auch kein Problem, dass es ein eigenes TV-Frei-Label gibt, Aber selbst die größte Gut-Frau wird ein Produkt ablehnen auf dem steht: “Dieser Kajal ist ohne Tierversuche hergestellt. Verwendung daher auf eigene Gefahr. Kann evtl. in Einzelfällen Augenkrebs auslösen”.

    • 11. März 2013 um 19:32 Uhr
    • schulte
  5. 5.

    Sehr geehrter Waldengelwurz,

    ihr Beitrag ist realitätsfern. Zugegeben, die Methoden von Zellkulturen sind in vielen Fällen eine gute Alternative, jedoch müssen Pharmazeutika systemisch getestet werden, da Zellkulturen aus Leberzellen oder sonstigen Organen nicht wiederspiegeln was in einem komplexen Organismus passiert. Diese können also nur als Vorstufe oder Ersatz dienen.

    Jeder Tierversuch an Wirbeltieren muss in der Forschung einige Genehmigungsebenen durchlaufen in denen Tierschutzbeauftragte, Regierungspräsidien, Ethikräte usw. über den Einsatz von Tieren entscheiden. Hier muss immer auch nachgewiesen werden das dieser Einsatz nicht durch in-vitro Methoden ersetzt werden kann.

    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin absolut gegen unnötige Tierversuche für Kosmetika, aber für den wissenschaftlichen Erkenntnissgewinn gibt es in manchen Bereichen keine Alternative. Ich bin mir sicher das in akut lebensbedrohlichen Situationen die mit Hilfe von im Tierversuch getesteten Pharmazeutika gelöst werden kennen, sich doch bei den meisten Tierversuchsgegnern die Meinung schlagartig ändert.

    • 11. März 2013 um 19:38 Uhr
    • tsnud
  6. 6.

    Die Städte Tübingen und Freiburg sind Hochburgen der Tierversuche.
    Hat aber deren grünen Oberbürgermeister und Wähler aber nie besonders tangiert.

    • 11. März 2013 um 19:41 Uhr
    • doppelte standards
  7. 7.

    @Waldengelwurz
    Ich hätte eine Bitte: Posten Sie NICHT wenn sie keine Ahnung haben!

    Tierversuche sind in der Medizin einfach nötig, weil eine Zellkultur kein Organismus ist!
    Im Körper kommt es zu Stoffwechselvorgängen (z.B. Acetylierung usw. in der Leber)
    , das kann man noch in einer Zellkultur simulieren, die darauffolgende Verteilung/Anreicherung/ Elimination usw. nicht.

    zum Verständnis:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Biotransformation
    als Beispiel
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diallyldisulfid
    oder:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Tularämie
    “Die Diagnose der Erkrankung wird im Tierversuch gestellt….Der serologische Erregernachweis ist schwierig, da Kreuzreaktionen, z. B. mit dem Erreger von Typhus, möglich sind.”

    Dieser ganze TierschutzWAHN (als unveränderliche ganzheitliche Weltanschauung) hat dazu geführt das elementare Forschung in Deutschland unterbunden wird.
    Mit direkten folgen für UNSERE Gesundheit, ein Beispiel sind Nanopartikel (Substanzen die als ungefährlich eingestuft werden z.B. Titan(II)-oxid) werden heute im Gehirn nachgewiesen. Mit Tierversuchen hätte man das früher feststellen können. Was es dort macht weiß man nicht.

    Und solche Aussagen wie:
    “Das zögerliche Anwachsen von alternativen Methoden liegt vor allem an – mangelnden Fördermaßnahmen von Seiten der EU…”
    sind absoluter Nonsens.
    Und wenn 10x so viel Geld in die Forschung gesteckt wird, es ist einfach nicht möglich so komplexe Systeme wie eine Herzaktion zu simulieren.

    Keine Polemik, nur gerechtfertigte Kritik!
    Grüße Ihre Labormaus

    P.S.: Schauen Sie mal auf Ihre Zahnpasta was da drin ist.

    • 11. März 2013 um 20:04 Uhr
    • Labormaus
  8. 8.

    Selbstverständlich ist es schrecklich für Tiere wenn sie als Testversuche dienen ,doch ich verwefe einmal ein : wie Gedenken alle Kritiker sollten die Kosmetikfirmen und Chemiefirmen ihr Produkte dann testen?Etwa an Menschen ? Was machen sie dann, wenn sich herausstellt, dass das Produkt tödliche Nebenwirkungen hat. Hm ja was haebn wir dann : ups ein Mensch ist ums Leben gekommen weil er ein Medikament nicht vertragen hat !! Also ehrlich denken Sie man muss für Tests unschuldige Menschenleben riskieren oder lieber Tierleben die ersetzbar sind. So hart das jetzt klingt aber Menschenleben sind meiner Meinung nach unersetzbar hingegen Tiere können leichter zu ersetzen sein, als Menschen !!! Wie also sollte man mögliche Nebenwirkungen herausfinden, ohne Menschen und Tiere zu gefährden. Gar nicht währe Ihre Antwort oder aber denken Sie doch mal an die unschuldigen Tiere ! Wenn jedoch ein Produkt auf den Markt kommt, bei dem sich herausstellt Menschen reagieren allergisch darauf könnte, wenn es wirklich schlimm ist nicht nur Nebenwirkungen auf diese Paar Menschen haben. Es könnte Arbeitsplätze gefährden, Familien in den Ruin treiben und Firmen insolvent gehen lassen . Sollen wir also wirklich in die Steinzeit zurück oder in die Zeit vor der Industrialisierung zurück. Nein ich glaube nicht, da waren ja die hygienischen Bedingen hundsmiserabel !! Doch jedem seine Meinung, nur sollte man vielleicht wirklich mal darüber nachdneken was all das für langwierige Folgen hat. halt moment jetzt kommt der Kommentar : Als ob das nicht gemacht wird oder mir werden irgendwelche Beleidigungen entegengeworfen …

    • 11. März 2013 um 21:00 Uhr
    • Llilo
  9. Kommentar zum Thema

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