Wir können's besser: Das Blog für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont

Für Greenpeace ist Kohle das neue Atom

Von 3. April 2013 um 17:06 Uhr
Theoretische Todesfälle durch Kohlekraftwerke, laut Greenpeace © Greenpeace 2013

Theoretische Todesfälle durch Kohlekraftwerke, laut Greenpeace © Greenpeace 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bilder, die Worte, sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Vor ein paar Jahren war es Atomkraft, heute ist es die Kohlekraft: Greenpeace hat eine Studie zu Gesundheitsgefahren von Kohlekraftwerken veröffentlicht, deren Grafiken in alarmierendem giftgelb gehalten sind. “Tod aus dem Schlot”, heißt es in der Studie plakativ. Im Auftrag von Greenpeace hat das IER, Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (dazu später noch ein paar Worte), Deutschlands 67 leistungsstärkste Kohlekraftwerke untersucht.

Das Ergebnis: Im  Jahr 2010 sollen deutsche Kohlekraftwerke wegen der Emission von Feinstaub und Schwermetallen zu theoretisch rund 3.100 Todesfällen geführt habe. Rund 700.000 Arbeitsstunden seien verloren gegangen, weil Arbeitnehmer durch Kohlekraftwerke erkrankten.

Aus Sicht von Greenpeace ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung natürlich naheliegend. 17 neue Kohlekraftwerke werden in den kommenden Jahren ans Netz gehen. Dagegen gilt es aus Sicht der Umweltschützer zu trommeln. Dass die neuen Meiler allerdings auch alte ineffiziente Kraftwerke ersetzen, unterschlägt Greenpeace gerne.

Sicher ist es richtig, auch die Energiewirtschaft zur Verantwortung zu ziehen, wenn es um Gesundheitsschäden geht. Für das Problem Feinstaub ist eben nicht nur der Verkehrssektor verantwortlich, sondern auch die konventionelle Energiebranche. Jedes Kohlekraftwerk, auch wenn es modernste Filteranlagen besitzt, emittiert nun einmal Schwefeldioxid, Stickoxide und Rußpartikel. Und dass Feinstaubemissionen gesundheitliche Folgen haben können, wurde in der jüngsten Vergangenheit immer wieder gezeigt, auch von der Weltgesundheitsorganisation und der OECD. Der IER-Studienautor Rainer Friedrich betont, dass der Zusammenhang zwischen Emissionen und Toten erst einmal ein rein statistischer, also nicht unbedingt kausaler ist (das erinnert doch auch an die Leukämie-Debatte bei Atomkraftwerken).

Trotzdem finde ich den Aufschlag von Greenpeace wenig gelungen, weil er mit Emotionen arbeitet. Hängen bleibt irgendwie der Eindruck: Wer in der Nähe von großen Kohlemeilern wie Jänschwalde (Brandenburg) oder Niederaußem (Nordrhein-Westfalen) lebt, der risikiert sein Leben.

Einmal davon abgesehen, dass die Auflagen strenger wurden, sich die Filtertechnologien in den vergangenen Jahren stark verbessert haben und somit die Emissionen stark gesunken sind: Die Diskussion über die Energieart Kohle sollte energiepolitisch geführt werden. Wer sich für die Energiewende entschieden hat, der muss auch Konsequenzen daraus ziehen, den Ausbau der Erneuerbaren fördern und das Energiesystem radikal umbauen. Neue Kohlekraftwerke sind langfristig “stranded investments”, wie Fachleute sagen: gestrandete Investitionen. Sie werden sich langfristig kaum rechnen, legen aber unseren Energiepark erst einmal für die kommenden Jahrzehnte auf Kohle fest. Smarter wären flexible Gaskraftwerke, die sich aber aktuell nicht rechnen. Also muss man die Energiemärkte neu strukturieren, von einem neuen Marktdesign sprechen hier die Fachleute. Angstmacherei hilft dabei nicht weiter.

Bislang war übrigens das Stuttgarter IER nicht unbedingt für kohlekritische Studien bekannt. Noch vor einem Jahr bescheinigte es in einer Studie der Braunkohle eine “hohe energiewirtschaftliche Bedeutung(…), um die energiepolitischen Ziele der Bundesregierung für die Sicherstellung einer umweltschonenden, zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung (zu) erreichen (…)”.

Auch spannend, wie sich Einschätzungen im Zuge der Energiewende so ändern können.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Diese “Studie” ist wirklich Chutzpe! Im Bericht wir erwähnt, dass die Ergebnisse auf der NEEDS-Methodologie basieren. Was die GP-Kerle ganz verschwiegen haben ist in dieser Zusammenfassung von NEEDS zu lesen:
    http://www.psi.ch/info/MediaBoard/Energiespiegel_20e.pdf
    Siehe u.a. Abb. 5 und Tab. 2!

    • 3. April 2013 um 18:01 Uhr
    • zamm
  2. 2.

    Und Strom kommt aus der Steckdose…

    …schön übrigens wie man erkennt dass Südbayern mit am wenigsten “belastet” ist nach diesem pixligen Schaubild.

    Warum wohl? Weil dort so wenige Menschen leben? Gar so wenig Industrie ansässig ist? Mitnichten (es ist das wirtschaftliche Kraftzentrum der Bundesrepublik). Sondern weil Bayern bisher komplett auf Atomstrom und Erneuerbare Energien gesetzt hat – noch bevor es die dem Namen nach gab. Wasserkraft und Atomkraft haben bis zum Atomausstieg rechnerisch den gesamten Stromverbrauch des Freistaates Bayern gedeckt.

    Natürlich hat Atomkraft ungeheure und unkalkulierbare Risiken. Aber für Klima und Luftqualität war sie nun einmal, da es noch keine Unfälle gab, ein wahrer Segen.

    Das sollte uns vor Augen führen dass diese überstürzten Ausstiegsmanöver von zweifelhaftem Umweltnutzen waren. Sinnvoller wäre es wohl gewesen die Atomindustrie derart in die Pflicht zu nehmen dass die abgeschriebenen Meiler ständig strenger aufgerüstet werden müssen (irgendwann geben die Betreiber dann von selbst “auf” weil es sich nicht mehr rechnet) und zwischenzeitlich ein Großteil des Gewinns abgeschöpft wird steuerlich, dieser Gewinn wird dann direkt zweckgebunden in den Ausbau der Erneuerbaren Energien gepumpt. Und zuerst werden die alten Kohlekraftwerke abgeschaltet, dann die Atomkraftwerke.

    Was haben wir stattdessen? Technisch noch funktionsfähige abgeschriebene Atomkraftwerke müssen vom Netz, stattdessen bleiben die Kohlestromer am Netz und weil der Stromkunde alleine die enormen Lasten kaum direkt über eine Strompreisumlage schultern kann wird die Energiewende immer teurer und dementsprechend aus politischer Opportunität ausgebremst.

    So wird ein Schuh draus. Die Renaissance der Kohle in Deutschland ist ein Resultat der überstürzten Energiepolitik.

  3. 3.

    Das ist doch nicht neu!
    Mir war noch nie klar, weshalb ein AKW so gefährlich ist und Kohle nicht. Deshalb war der Ausstieg aus der Kernenergie nichts anders als Mord.
    Mir wird immer ganz übel, wenn ich das oberflächliche Geplapper der Politiker so höre.
    Aber wie dem auch sei, in einer stillen Stunde werde ich mal alle Todesfälle addieren, die im Zusammenhang von Umweltverschmutzung aller Kraftwerke gestorben sind. Wetten das sie Zahl deutlich höher ist als alle Todesfälle in Deutschland.

  4. 4.

    Die Studie ist auf der Greenpeace-Seite verfügbar.
    Es wurden keine tatsächlichen Krankheits- oder Todesfälle in Deutschland untersucht, sondern lediglich theoretisch ausgerechnet, wie hoch die Morbidität und Mortalität bei einer angenommenen (nicht: bei einer gemessenen!) Schädlichkeit und Bevölkerungsverteilung wäre.
    Reine Propaganda ohne Substanz von Greenpeace.

    • 3. April 2013 um 18:30 Uhr
    • Petra_H
  5. 5.

    Irgendwas braucht grünpeace doch als gegner, jetzt wo in die die atomenergie durch ist.

  6. 6.

    Richtig ist die Gesundheitskosten für Kohle anzusprechen!

    Ich bin mir auch nicht sicher, ob es sinnvoll ist nur auf Gas zu setzen – wir dürfen bei dem Umbau unserer Energieversorgung nicht den Fehler begehen nur auf die “Kosten” zu schauen, dabei werden “Risiken” sehr schnell übersehen:

    Wir wissen aus der Katastrophenforschung, dass Vulkanausbrüche und ähnliches zu Staubbedeckten Himmeln führen können. Für solche Extremsituation brauchen wir Notfallpläne. Ebenfalls für internationale Konflikte u.ä. – Eine Diversivizierte Energieversorgung für Notfälle! wäre auch in Form von Kohlekraftwerken sinnvoll – Kohle kann gut gelagert werden und der Unterhalt für Notfallkraftwerke sollte nicht übertrieben hoch sein.

    Eine andere Frage ist die Deckung der Energieversorgung für den Normalfall: Hier sollte klar das Ziel sein auf eine EE + Gas Versorgung umzusteigen – dafür braucht es aber endlich eine umfassende staatliche Regulierung. Sollte es zudem gelingen Kohle aus EE herzustellen und 100% der Abgase zu Filtern, wäre die Kohletechnologie nicht schlechter als Gaskraftwerke.

    Sicherlich ist die Greenpeace-Studie eine typische Angststudie – ABER – der Kern ist richtig: Kohlekraftwerke haben auch eigene Risiken und sind selbst mit modernster Technologie nicht “sauber” auch einmal vollkommen unabhängig von der CO2 Problematik.

    Wenn wir immer gesünder leben möchten, ist eben nicht nur eine gesunde Ernährung wichtig – sondern auch die Weiterentwicklung unserer Verkehrs- und Energieversorgungssysteme. DAS ist ja gerade die große Stärke von Wind und Sonne – keine “Abgase”!

  7. 7.

    Nicht nur greenpeace:

    In einem Bericht des “Health and Environment Alliance (HEAL)” wird festgestellt, dass Kohlenkraftwerke in Europa jährliche Folgekosten von 43 Milliarden Euro alleine im Gesundheitsbereich nach sich ziehen. Für Deutschland wird eine Zahl von über 6 Milliarden genannt. Das sind etwa 200 EUR pro Haushalt im Jahr.
    Das HEAL stellt deshalb die Energiepolitik in Europa infrage. Auch weil das Klima-Argument nach wie vor eine große Rolle spielt.

    Zwei Links dazu:
    http://www.dw.de/coal-fired-plants-cause-huge-health-bill-in-europe/a-16656805 (Text offenbar noch nicht in deutsch vorhanden)
    http://www.env-health.org/resources/projects/unpaid-health-bill

    • 3. April 2013 um 18:37 Uhr
    • rjmaris
  8. 8.

    War doch von vorn herein klar, das Kohle auch nicht besser ist…

    Da müsste man schon komplett auf Erneuerbare Energie setzen. Ist halt nur teuer, aber langfristig wesentlich Sinnvoller!

    • 3. April 2013 um 18:39 Uhr
    • Pater
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)