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Die Ökonomie der Jäger und Sammler

 
Ein Perlpilz © Federico Gambarini/dpa
Ein Perlpilz © Federico Gambarini/dpa

Geboren bin ich in Ostfriesland – und da macht man vieles (ja ja, Teebeutel-Weitwurf), aber eines nur selten: Pilze sammeln. Hier in Berlin und Brandenburg ist das anders. Das zeigen schon die Websites Pilz Ticker Brandenburg und Pilzforum.eu, auf der Pilzefans die besten Locations handeln. Mein Wald, in dem ich am Wochenende mit der Familie unterwegs war, gehört definitiv nicht dazu. Die Bilanz: kein einziger Pilz, dafür Zecken.

Eine Studie hat sich nun so umfassend wie nie zuvor der Pilz- und Beerenleidenschaft in Europa angenommen. Das niederländische Team hat erstmals zahlreiche Statistiken und Studien ausgewertet, wer in Europa eigentlich wildes Obst, Gemüse und Tiere sammelt. Das Ergebnis: Ich pirsche nicht allein. 14 Prozent der Europäer sind regelmäßig im Wald unterwegs und sammeln selbst. Mindestens 100 Millionen Europäer essen zudem regelmäßig wild food, wie die Autoren das essbare Waldangebot nennen.

In Europas Wäldern werden rund 150 Arten von Beeren, Pilzen und Früchten regelmäßig gesammelt. Zählt man alle auch nur regional vorkommenden Arten zusammen, kommt man auf rund 600. Dazu werden 38 Tierarten gejagt. Das mag auf den ersten Blick viel klingen. Aber schaut man sich die Relationen an, dann ist der ökonomische Wert vernachlässigbar. Vielmehr steht der Erholungsfaktor im Vordergrund und die Verbundenheit zur Natur, sagt Nynke Schulp, eine der Autorinnen der Studie.

Auffällig sind vor allem die regionalen Unterschiede. Vor allem in Osteuropa habe die Sammelkultur im Wald Tradition, sagt Schulp. Das könnte auch mit der Einkommenssituation der Bevölkerung in Zusammenhang stehen. Allerdings ändere sich gerade die Bedeutung: Das allgemeine Wirtschaftswachstum sorge dafür, dass immer weniger Menschen im Wald Früchte oder Pilze sammeln. Wer jemals in Schweden Urlaub gemacht hat, der weiß außerdem aus eigener Erfahrung: Die Skandinavier lieben das Beerensammeln. In Italien wird gerne gejagt, in den Niederlanden dagegen kaum. Wer Pilze sammelt, der macht das übrigens gerne in der Nachbarschaft, am liebsten in einem Umkreis von fünf Kilometern.

Die Studie zeigt außerdem: In den Wald zieht es in der Regel ältere Menschen. Darum wird oft die These vertreten, bald werde kaum noch jemand im Wald fürs Sammeln unterwegs sein. Schließlich leben auch immer mehr Menschen in Städten, der Bezug zur Natur gehe verloren. Doch nach Ansicht von Schulp ist das nicht so einfach: Gerade die Industrialisierung und Verstädterung treibe die Menschen wieder in den Wald, ist sie überzeugt. Vor allem die urban professionals würden den Charme des Sammelns gerade wiederentdecken. Auch die zunehmende Migration von Menschen von Ost nach West könne dazu führen, dass wieder mehr im Westen gesammelt wird.

Damit noch mehr Menschen den kulturellen Wert des Waldes erfahren können, plädiert Schulp für eine abwechslungsreiche Natur und leichten Zugang zu Wäldern und Flächen. Im Umkehrschluss würde das auch bedeuten: weg von der hochindustrialisierten Landwirtschaft.

14 Kommentare

  1.   Tset

    Die Kommentarfunktion ist hin!


  2. “14 Prozent der Europäer sind regelmäßig im Wald”

    Wurde diese Statistik vom ADAC in Zusammenarbeit mit dem ZDF erstellt?

  3.   homayun

    auch mir kommt diese zahl spanisch vor

  4.   Mhoffsc

    Die 14% würden mich nicht wundern. Wer häufiger im Wald ist weiß, dass der Waldspaziergang von allen Bevölkerungsgruppen gern und oft gemacht wird.

    So sie denn können.

  5.   sternschnuppe

    wenn sie im wald unterwegs sind lernen sie sehr viel über die natur

    sie sehen sich die bodenbeschaffenheit an und können rückschlüsse ziehen

    und generell ist so ein waldspaziergang immer ein erholungsfaktor mit den darin vorkommenden früchten und pilzen als genußfaktor

    und die beeren die sie im wald sammeln, können geschmacklich nie mit den gezüchteten verglichen werden

    und wenn sie einfach nur mal den vöglen lauschen auch da lernen sie jede menge

  6.   jabba

    Endlich mal wichtiger, investigativer Journalismus zum Themenkomplex im unmittelbaren Umfeld unserer Gesellschaft und dem aktuellen Zeitgeist dieser Generation.

    Anmerkung am Rande:
    Gestern ist in China ein Sack Pilze umgefallen. Niemand hat’s gemerkt.


  7. Prima Idee – statt Maisfeldern einen Gürtel von halbhohen, offenen Wäldern um die Städte anlegen. Mit Wildpferden und so, um den Wald offen zu halten, und mit vielen Obstbäumen (Apfel, Kirschen, Pflaumen und Birnen wachsen auch wild hier, Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren sowieso). Und warum nicht auch Gärten?

    Da bräuchte ich dann nicht mehr so weit fliegen, um Natur und Wildnis zu erleben, das rentiert sich also auch für die Umwelt. Ausserdem wäre es paradiesisch. Können wir uns doch leisten – machen wir’s! aj

  8.   dbddhkp

    Die Westdeutschen haben seit Tschernobyl das Pilze- und Beerensammeln aufgegeben. Die Angst saß tief. Bis vor ein paar Jahren war ich immer der gefühlt Einzige im Grunewald, der im Herbst regelmäßig sammeln ging…..sonst nur Jogger, Radler, Reiter.
    In den letzten paar Jahren hat sich das sehr geändert, wie vieles in Berlin. Es ist voller geworden im Grunewald, besonders abseits der Wege, regelrechte Trupps sind unterwegs mit Körben, man trifft viele Osteuropäer an, die kennen sich aus. Die allermeisten Deutschen sind leider komplett supermarktgeschädigt und haben keine Ahnung, dass fast alles in Wald und Flur essbar und gesund ist, nicht nur ein paar gängige Beeren oder Pilze. Sogar den Waldmeister gibts seit ein paar Jahren als Topfpflanze im Supermarkt – wasn Irrsinn. Für die Holländer trifft übrigens dasselbe zu, deren Verhältnis zum Wald ist traditionell das rationalste und unterkühlteste in ganz Europa. Die lieben mehr die See.


  9. Zu dem Umkreis von 5km: Das wär’ wirklich schön, aber die Berliner Horden, die bei uns in der Umgebung in jedem Herbst in die Wälder einfallen, um Pilze zu suchen, die sind mindestens 25km unterwegs. Und die legen diese Entfernung gern mit dem Auto zurück – auch die Entfernung zwischen zwei Pilzen (wenn kein Baum im Weg ist).

  10.   Test

    Ich versuche seit gestern als registrierter Nutzer einen Kommentar zu posten, aber er wird nicht angezeigt. Wenn ich es nochmal versuche, dann belehrt mich wordpress, dass ich diesen Kommentar schon mal gepostet hätte.

    Der Kommentar wird nicht gelöscht, er erscheint erst gar nicht.

    Ist das ein technischer Fehler oder bin ich auf einer schwarzen Liste?