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Agrar

Mit Chemie für die Artenvielfalt

Von 4. Dezember 2013 um 09:36 Uhr

Die Formel klingt sperrig und bürokratisch: “Ökologische Vorrangflächen”. Dahinter verbirgt sich jedoch eine simple Idee. Die EU will künftig Flächen schaffen, auf denen die Landwirte der Natur ein wenig Ruhe gönnen. Es sollen kleine Inseln enstehen, ein paar Hektar groß, auf denen Feldvögel, Wildkräuter und Bienen relativ ungestört leben können. Damit will die EU verhindern, dass immer mehr seltene Tierarten aussterben. Fünf Prozent ihrer Ackerflächen sollen Landwirte künftig unter einen solchen Schutz stellen. “Greening” nennt die EU-Kommission den Plan. Er soll bald Gesetz werden.

Doch nun gibt es Widerstand. Immerhin 23 Mitgliedsstaaten, darunter Frankreich, Polen, Italien und Spanien, haben einen empörten Brief nach Brüssel geschrieben. Darin wehren sie sich gegen eine Selbstverständlichkeit. Aus den ersten konkreten Formulierungsvorschlägen für das Gesetz geht hervor, dass Brüssel auf den Ökoflächen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln begrenzen und Dünger verbieten will. Die Flächen sollen schließlich dazu da sein, um die Natur und Artenvielfalt zu schonen.

Das sieht man in den Landwirtschaftsministerien in Paris oder Rom ganz anders. Die Ökoregel gehe gar nicht, heißt es in der Stellungnahme der 23 Länder. Die EU-Kommission verwässere damit eine politische Einigung, die die Agrarminister im Sommer getroffen hätten. Damals einigten sich die Mitgliedsstaaten auf die Grundzüge einer Agrarreform.

Dazu muss man wissen: Auf den Ökoflächen soll weiterhin Landwirtschaft erlaubt sein, vollkommen tabu sind sie nicht. Vor allem der Anbau von proteinhaltigen Pflanzen wie Mais soll möglich sein. Den 23 Staaten geht das schlicht nicht weit genug. Sie sagen: Wenn wir da schon anbauen dürfen, dann bitte auch ganz normal, mit Stickstoffdünger und Spritzpistole. Ihr Argument: Wenn sich die Kommission mit ihren Plänen durchsetze, würde “der konventionelle Anbau unmöglich gemacht”.

Kaum überraschend, dass Naturschützer gerade auf die Barrikaden gehen. “Werden Spritzmittel auf diesen fünf Prozent der Ackerflächen erlaubt, sind alle ernsthaften Bemühungen zu mehr Artenvielfalt in der Landschaft ausgehebelt”, sagt Josef Göppel, CSU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Deutschen Verbands für Landschaftspflege. Ganz absurd würden die Pläne der 23 Unterzeichnerstaaten, wenn man sich die Geldflüsse veranschaulicht. Denn die Ökoflächen sollen in den EU-Subventionen begünstigt werden und 30 Prozent der Direktzahlungen erhalten – um eben einen Anteil zur Artenvielfalt zu leisten. Mit Pestiziden und Stickstoffdünger wird das kaum möglich sein.

Die Bundesregierung zieht sich übrigens höflich aus der Affäre. Den Brief der 23 Aufständischen hat sie nicht unterzeichnet. Auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE heißt es lapidar: “Deutschland gehört dabei zwar nicht zu den Unterzeichnerländern, unterstützt jedoch die grundsätzliche Zielrichtung, wonach politische Einigungen des EP und des Agrarrats respektiert werden müssen und nicht im Rahmen der Rechtssetzung umgedeutet werden dürfen.”

Ein eindeutiges Nein klingt anders.

Die Alternative zum Fischmehl-Wahn

Von 12. November 2013 um 15:58 Uhr

Die Ökobilanzen von Aquakulturen sind tricky. Auf der einen Seite entlasten sie die natürlichen Fischbestände: Aufzucht statt Überfischung. Auf der anderen Seite werden wertvolle Mangrovenwälder gerodet und Antibiotika eingesetzt, wenn es sich nicht um Aquakulturen mit Ökolabel handelt. Und natürlich müssen die Fische gefüttert werden. Das passiert in der Regel mit Fischmehl – und zwar in gigantischen Mengen. Allein 20 Millionen Tonnen kleine Fische werden jährlich nur gefangen, um sie zu Fischmehl  zu verarbeiten. Das entspricht rund einem Viertel der weltweiten Fangmenge von Fischen und Meerestieren.

Das Fischmehl kommt etwa in der Lachszucht zum Einsatz. Ein Lachs von einem Kilo Lebendgewicht hat etwa ein Kilogramm Futter gefressen, davon etwa ein Drittel Fischmehl. Und um diese Menge Fischmehl herzustellen, braucht es etwa 1,2 – 1,5 Kilogramm Fisch.

Weil die Nachfrage nach Fisch aus Aquakulturen jährlich um etwa neun Prozent steigt, ist entsprechend Fischfutter auch begehrt. Für Länder wie Chile und Peru, in deren Gewässern jede Menge kleine Fische leben, die sich gut dafür eignen, ist es eine wichtige Einkommensquelle.

Und hier genau kommt Andreas Stamer aus der Schweiz ins Spiel. Der Mann arbeitet am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) im schweizerischen Frick. Weitab vom Meer hat Starmer vielleicht eine Alternative zum Fischmehl entdeckt: die Soldatenfliege, Hermetia illucens. Sie lebt in den Tropen, aber auch im Schwarzwald. “Ihr letztes Larvenstadium scheint von der Zusammensetzung her ideal geeignet für die Fischfütterung”, sagt Stamer. Das mit ihrer Hilfe produzierte Fischfutter hat also einen ähnlichen Proteingehalt. Die Fische wuchsen mit ihm genauso gut wie mit konventionellem Fischfutter. Und der Clou: Die Soldatenfliege liebt Lebensmittelabfälle aus der Biotonne und Kompost, sorgt also hier auch noch für weniger Abfall.

Stamer und sein Forschungsteam planen zurzeit im süddeutschen Raum eine Pilotanlage. Dort werden die kleinen Fliegenlarven gezüchtet, getötet, getrocknet und dann zu Insektenmehl verarbeitet, das auf einen Proteingehalt von 58 Prozent kommt. Auf EU-Ebene läuft ein Zulassungsantrag, Insektenmehl auch als Tierfutter einsetzen zu dürfen.

Stamer ist fest überzeugt, dass sich die Anlage rechnen wird, wenn sie einmal im großen Stil produziert. Lagen die Preise für Fischmehl vor etwa fünf Jahren noch bei etwa 500 Euro die Tonne, zahlen Fischzüchter inzwischen weit über das Doppelte. “Auf längere Sicht ist das Insektenmehl günstiger als Fischmehl”, sagt er.

Anmerkung 13.11.2013: Der Wissenschaftler heißt Andreas Stamer und nicht, wie ursprünglich geschrieben, Alexander Starmer. Ich habe einige Ergänzungen gemacht. Danke für die Hinweise, Herr Stamer.

Millionen gegen das Gentech-Label

Von 28. Oktober 2013 um 16:20 Uhr

Wer sich durch die Tabellen der Public Disclosure Commission in Washington klickt, einer Transparenzplattform für Lobbygeld, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Welche Millionensummen für Lobbying ausgegeben werden! Bestes Beispiel ist die jüngste Volksabstimmung im Bundesstaat Washington. Die Einwohner sollen über die erste verpflichtende Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in den USA entscheiden. Das fordert das Volksbegehren, die sogenannte Initiative 522. Bis zum 5. November läuft die Abstimmung.

Ein solches Genfood-Label wollen große Lebensmittel- und Agrarkonzerne verhindern. Laut PDG haben die Gegner inzwischen mehr als 21 Millionen Dollar investiert. Am stärksten engagiert sich der amerikanische Verband der Lebensmittelhersteller, die Grocery Manucaturers Association (GMA). Dem Spitzenverband der Lebensmittelindustrie gehören Firmen wie Coca-Cola, Nestle und Syngenta an. Die GMA investiert insgesamt fünf Millionen US-Dollar in TV-Spots, Anzeigen und Netzkampagnen, um die geplante Kennzeichnung zu verhindern. Ihre Befürchtung: Die Kennzeichnungspflicht stigmatisiert Genfood. Dabei würde Genfood zur Linderung der weltweiten Lebensmittelknappheit beitragen und dafür sorgen, dass die Lebensmittelpreise stabil bleiben.

Ähnlich argumentieren, kaum überraschend, auch die großen Konzerne in der Branche, die ebenfalls zu den Großspendern gehören: Der weltweit größte Agrartechnik-Konzern Monsanto hat bereits 4,5 Millionen Dollar gespendet. Der deutsche Bayer-Konzern ist mit seiner Sparte Cropscience mit knapp 600.000 Dollar dabei.

Natürlich sammeln auch die Unterstützer der Transparenz-Initiative Millionen ein, allerdings in sehr viel kleinerem Ausmaß, nämlich gerade einmal knapp sechs Millionen US-Dollar. Firmen wie die Biomarkt-Kette Wholefoods und der Bio-Seifenspezialist Dr. Bronners (nein, den kannte ich auch noch nicht) fordern die Kennzeichnung, um für mehr Transparenz zu sorgen.

Setzen sich die Befürworter des Labelings durch, wäre es die erste Genfood-Kennzeichnung in den USA. Die USA würden dann mit dem europäischen Standards gleichziehen – und auch mit dem entscheidenden Manko, dass etwa Milch, Fleisch und Käse nicht gekennzeichnet werden, wenn das Tierfutter gentechnisch verändert ist (und weil die Tiere größtenteils gentechnisch verändertes Soja essen, würden auf zahlreichen Produkte dann zukünftig ein “Enthält Gentechnik”-Stempel prangen).

Wie die Entscheidung Anfang November in Washington ausgeht, ist noch völlig offen. In Kalifornien, wo die Amis für gentechnikfreie und ökologisch produzierte Produkte recht aufgeschlossen ist, scheiterte die Abstimmung vergangenen Herbst.

Gekauft und weggeschmissen

Von 22. Oktober 2013 um 14:47 Uhr
Wie viel Salat landet im Müll? © Tesco

Wie viel Salat landet im Müll? © Tesco

 

 

 

 

 

 

 

Als ich diesen Report der britischen Supermarktkette Tesco las, musste ich daran denken, wie ich selbst Salat wasche. Auch bei mir landen die labbrigen Salatblätter im Müll. Offenbar bin ich mit solchen Wasch-Putz-Wegschmeiß-Gewohnheiten nicht allein. Für den Report Tesco and Society hat der britische Konzern en detail aufgelistet, wie viele Lebensmittel an welcher Stelle weggeschmissen werden. Es ist das erste Mal, dass ein Lebensmittelhändler so tiefe Einblicke in die Mülltonnen gewährt. Unterstützt wurde die Aktion von dem Regierungsinstitut Wrap (Waste and Resources Action Programm).

Tesco hat die 25 am häufigsten verkauften Produkte aus seiner Lebensmittelabteilung über die komplette Lebenszeit analysierst, vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Verbraucher. Bei Salat ist das Ergebnis besonders beeindruckend: 68 Prozent gehen insgesamt verloren. Mehr als zwei Drittel aller Salate werden also weggeschmissen: 17 Prozent sind es im Anbau, 15 Prozent in der Verarbeitung, ein Prozent im Verkauf – und eben 35 Prozent in der Küche des Verbrauchers.

Auffällig ist, wie sich die Abfallmengen in den unterschiedlichen Produktionsstufen unterscheiden.

 

Wie viel Brot landet im Müll? © Tesco

Wie viel Brot landet im Müll? © Tesco

 

 

 

 

 

 

 

Brot etwa schmeißt der Handel viel mehr weg als Obst und Gemüse. Vier Prozent sind es allein bei Tesco. Äpfel werden bereits zu einem großen Teil bei der Ernte aussortiert, gleich elf Prozent landen auf dem Müll. In der Regel ist der größte Lebensmittelverschwender der Verbraucher, zwischen zehn und 35 Prozent der Lebensmittel schmeißt er am Ende weg.

Solche Zahlen summieren sich auf. Erst am Montag warnte die Welternährungsorganisation FAO, dass jedes Jahr rund ein Drittel der Lebensmittel weggeschmissen wird. Das macht jährlich 1,3 Milliarden Tonnen aus – zum Vergleich: Ein klassischer VW Golf wiegt etwa eine Tonne. Zwei Milliarden Menschen könnten eigentlich jedes Jahr davon ernährt werden. Es sind außerdem enorme Werte, die im besten Fall in der Biotonne landen. Im Schnitt schmeißen wir jährlich Lebensmittel im Wert von 750 Milliarden US-Dollar weg.

Was tun? Auch wenn Tesco zu dem Schluss kommt, als Händler eigentlich das kleinste Problem in der Kette zu sein, hat sich der Konzern einiges vorgenommen. Salate will er etwa nicht mehr in Megapacks verkaufen, damit der Konsument nicht gleich den kompletten Packungsinhalt wegwirft, wenn gerade mal ein Salatkopf schwächelt. Die Einkaufswege der Bananen will er verbessern, damit nicht zu viele Früchte im Lager vor sich hin reifen. Die Zulieferer, also die Apfelbauern, sollen weniger Pestizide einsetzen und stattdessen auf ökologische Unkraut- und Insektenbekämpfung setzen.

Am effektivsten wäre es wohl, beim Verbraucher anzusetzen. Das ist zumindest die Haltung des deutschen Landwirtschaftsministerium. In der Kampagne “Zu gut für die Tonne” ruft es seit einigen Monaten Verbraucher dazu auf, weniger Essen wegzuschmeißen.

Die Zahlen aus Großbritannien erzählen aber auch eine andere Geschichte. Das betont der Filmemacher Valentin Thurn, der vor zwei Jahren erstmals die große Lebensmittelverschwendung in dem Kinofilm Taste the waste dokumentierte und inzwischen ein Essensmüll-Fachmann ist. Addiert man die Lebensmittelverschwendung im Bereich Anbau, Verarbeitung und Handel, dann sind diese Anteile fast ebenso groß wie die des Verbrauchers. “Ein Großteil des Essens wird weggeschmissen, bevor es den Verbraucher überhaupt erreicht”, sagt Thurn. Die Studie sei eine Ohrfeige für Ilse Aigner, die dem Verbraucher in ihrer Informationskampagne den schwarzen Peter zuschiebe. “Bei der Lebensmittelverschwendung kommen wir nur voran, wenn wir begreifen, dass es nicht einen Bösewicht gibt, sondern dass es sich um eine geteilte Verantwortung handelt.”

Kategorien: Agrar, Essen, Konsum

Deutschland verschwendet Land

Von 18. September 2013 um 13:02 Uhr

Kaum ein Land in Europa geht derart verschwenderisch mit seiner Fläche um wie Deutschland, sagen Fachleute. Neben dem Lidl entsteht gleich ein Aldi, daneben am besten noch ein Fressnapf – und Parkplätze müssen auch her. Für Einkaufszentren, aber auch für Straßen, Windparks, Grünanlagen oder neue Wohngebiete werden täglich etwa 80 Hektar Fläche verbraucht, so das Umweltbundesamt. Das entspricht etwa einer Fläche von 116 Fußballfeldern, die täglich verloren geht. Zum Vergleich: In Großbritannien sind es gerade einmal 15 Hektar am Tag.

Die Bundesregierung will diesen Flächenfraß beenden. Bis zum Jahr 2020 sollen es nur noch 30 Hektar pro Tag sein, also fast die Hälfte. Denn der unbedachte Flächenkonsum hat seine Folgen: Weiter…

Unsere durstige Mode

Von 13. Juni 2013 um 13:51 Uhr

Die Zahlenliebhaber des Statistischen Bundesamts haben sich in diesen Tagen ein ungewöhnliches Thema vorgenommen. Wie viel Wasser steckt in unserer Kleidung? Nach Brandkatastrophen in Bangladesch und teilweise unerträglichen Arbeitsbedingungen ist es ein weiterer Aspekt, um über Mode und unseren Konsum noch einmal nachzudenken.

Erstmals haben die Statistiker nun umfassend berechnet, wie viel Wasser wir eigentlich indirekt importieren, wenn wir Kleidung kaufen, die aus dem Ausland stammt (und wer bei H&M shoppt, der weiß, dass der Großteil importiert wird). Dafür haben sie sich die Wasserbilanz von Baumwoll-Kleidung und die Handelsstatistiken angeschaut.

Wasserherkunft © Statistisches Bundesamt

Wasserherkunft © Statistisches Bundesamt

Die Fachleute kommen für das Jahr 2010 auf einen Nettoimport von 6.371 Millionen Kubikmetern Wasser. Um das einmal einzuordnen: Das ist mehr als doppelt so viel, wie alle privaten Haushalte in Deutschland in dem Jahr verbraucht haben, fürs Kochen, Duschen oder Waschen, so die Statistiker. Unsere T-Shirts und Jeans, sie sind wahnsinnig durstig.

Der Wasserverbrauch ist deshalb wichtig, weil Wasser in den Produktionsländern ein knappes Gut ist. Je nach Standort müssen die Baumwollplantagen sehr stark künstlich bewässert werden (dieses Wasser nennt man “blaues Wasser”, im Unterschied zum natürlichen “grünem” Wasser, dem Regenwasser).

Ganz anschaulich zeigt das diese Grafik: Indien kann seine durstigen Baumwollpflanzen vor allem mit Regenwasser versorgen, Usbekistan zapft dagegen Grundwasser, Flüsse und Seen an. Rund 8.500 Liter sind nötig, um ein Kilo Biobaumwollfasern herzustellen.

Welche Folgen das hat, zeigt bekanntlich der Aral-See in Usbekistan, einst der viertgrößte Binnensee der Welt. Er ist inzwischen zu großen Teilen eine Salzsteppe – wegen der massiven Wasserentnahme für die Baumwolle, die dort auch “weißes Gold” genannt wird.

Was tun? Der Klassiker wäre Mode aus Biobaumwolle zu kaufen. Doch bei der Wasserbilanz hilft das kaum weiter, bei Bio geht es vor allem darum, wie die Pflanzen angebaut werden, wie viel Dünger und Pestizide nötig sind. Auch die Biobaumwolle ist durstig. Allerdings gibt es natürlich unterschiedliche Arten der Bewässerung. Überschwemmung der Felder oder gezieltes Bewässern. Davon weiß der Käufer allerdings kaum etwas, selbst wenn er bei H&M zum T-Shirt aus Biobaumwolle greift.

Kategorien: Agrar, Konsum, Nachhaltigkeit

Der weltweite Dünger-Wahnsinn

Von 22. Mai 2013 um 13:49 Uhr

Als ich mir heute die aktuelle Studie Bodenlos – Negative Auswirkungen von Mineraldüngern in der Tropischen Landwirtschaft der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und des WWF ansah, musste ich an meine Heimat Norddeutschland denken. Die Studie macht auf die weltweite Überdüngung der Böden aufmerksam: Noch nie wurde weltweit so viel Dünger ausgebracht (nun gut, das ist wenig überraschend, noch nie mussten ja auch so viele Menschen auf der Welt ernährt werden). Gerade in Asien und Afrika gilt Dünger als einzige Möglichkeit, um die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern und sich von teuren Nahrungsmittelimporten unabhängiger zu machen.

Innerhalb von 50 Jahren hat sich die Düngemittelproduktion verfünffacht, so die Studie. Sie liegt inzwischen bei mehr als 160 Millionen Tonnen im Jahr. Vor allem China hat den Düngereinsatz radikal gesteigert, inzwischen verbraucht es ein Drittel der weltweiten Menge.

Welche Folgen ein exzessiver Düngereinsatz hat, weiß man in Landkreisen wie Vechta oder Cloppenburg, den Hochburgen deutscher Massentierhaltung. Dort schrammen die Nitratwerte im Grundwasser immer wieder an den Grenzwerten knapp vorbei, es wurde schlicht überdüngt. Inzwischen versuchen die Landwirte dort, das Problem in Griff zu bekommen. Denn mit eintönigen Monokulturen wie Mais, die man schlicht mit Gülle übergießen kann, ohne dass sie eingehen, ist niemandem langfristig geholfen.

Die neue Studie warnt nun vor den Düngerexzessen in Afrika und Asien, also in Regionen, wo die Landwirtschaft extrem anders aussieht, aber ähnliche Probleme drohen. Die Regierungen einiger afrikanischer Staaten geben teilweise bis zu 70 Prozent ihrer Agrarhaushalte für die Subvention von Düngern aus. Mit nur mäßigem Erfolg, so die Autoren der Studie: Die Erträge mit Dünger ließen sich nicht nachhaltig und langfristig steigern.

Stattdessen habe der Düngereinsatz fatale Folgen. Für die Natur, aber auch die lokalen Wirtschaftsstrukturen: Auf der einen Seite laugten die Dünger langfristig die Böden aus, Stickstoff lasse sie versauern und der Humus werde abgebaut. Auf der anderen Seite gerieten gerade die kleineren Bauern in die Schuldenfalle. In 40 Jahren hätten sich die Düngerpreise um mehr als 250 Prozent gegenüber Nahrungsmitteln verteuert. Solange die Preissteigerungen beim Dünger nicht im Verhältnis stehen zu den Preisen, die sie für ihre Agrarprodukte erzielen können, machen sie ein Minus. Die Bauern geben einen großen Teil ihres Budgets für Dünger aus, die Zwischenhändler bauen sich Oligopole auf, die Kleinhändler werden verdrängt.

Was tun? Die Böll-Stiftung und der WWF sind radikal: Sie fordern das komplette Aus für die Subventionierung von synthetischen Düngern und eine Stärkung biologischer Düngungsarten, also von Kompost, tierischem Dünger, Gründüngung. Das mag auf den ersten Blick unrealistisch und nach zäher, jahrelanger Aufklärungsarbeit klingen. Doch wenn am Ende wirklich die profitieren, die derzeit unter den hohen Mineraldüngerpreisen leiden, also die Kleinbauern, könnte das der richtige Weg sein.

Kategorien: Afrika, Agrar

Was für ein zäher Kampf gegen Überfischung

Von 15. Mai 2013 um 17:57 Uhr

Es ist ein zähes, schleppendes Hin und Her mit dieser EU-Fischereireform, oder? Jüngster Auftritt: Die Fischereiminister in der EU. 36 Stunden verhandelten sie, bis heute morgen. Mit welchem Ergebnis? Das Ergebnis ist ein ausgefeiltes SowohlalsAuch. Ja, die Überfischung soll beendet werden, aber bitte nicht so schnell und so drastisch, wie das EU-Parlament es vorhat. Statt etwa den Rückwurf von ungewolltem Fisch (Beifang) komplett zu verbieten, wird es jetzt Ausnahmen geben (fünf Prozent möchten die Agrarminister, immerhin keine sieben mehr, die sie ursprünglich gefordert hatten). Kaum überraschend, dass sich SPD-EU-Parlamentarierin Ulrike Rodust schon enttäuscht zeigt. Sie habe sich mehr erwartet.

Jetzt geht es also in die nächste Runde: Ende Mai müssen sich Parlament und Ministerrat auf einen Kompromiss einigen. Dieser Kampf gegen Überfischung, er dauert und dauert. Es geht, wie immer, am Ende ums Geld und um Jobs. Gerade Spanien blockt eine ehrgeizige Reform. Und warum? Der spanische Agrarminister Miguel Arias Cañete hat heute kein Blatt vor den Mund genommen:

Spain is risking the activity of more than 10,500 vessels and over 41,000 jobs in a very serious economic situation.

Kategorien: Agrar, Nachhaltigkeit

Wiesenhofs Privathof-Hühner dürfen in den Wintergarten

Von 8. März 2013 um 16:26 Uhr
Masthähnchen in Stall in Andrup/Emsland, © Carmen Jaspersen/dpa

Masthähnchen in Stall in Andrup/Emsland, © Carmen Jaspersen/dpa

Wiesenhof, das ist bislang der Inbegriff von industrieller Geflügelmast. PHW aus dem niedersächsischen Rechterfeld, das Unternehmen, zu dem Wiesenhof gehört, ist Marktführer in Deutschland. Im Jahr produzieren die Niedersachsen rund eine halbe Million Tonnen Hähnchen- und Putenfleisch. Kein anderes Unternehmen mästet und schlachtet so viel Geflügel wie PHW. Der Konzern kommt auf einen Umsatz von rund 2,2 Milliarden Euro. Solche Großindustrien haben ihre Schattenseiten: Nach Hygieneskandalen hat McDonald´s im vergangenen Jahr Wiesenhof gar ausgelistet.

Anfang des Jahres hat Wiesenhof nun ein neues Hühnchen auf den Markt gebracht: das Privathuhn. Es ist kein richtiges Bio-Huhn (hier müssen ja besonders strenge Anforderungen an Haltung, aber auch an das Futter erfüllt werden), aber auch kein Massenhaltungshuhn. Der Deutsche Tierschutzbund hat das Privathof-Huhn mit seinem Einstiegssiegel ausgezeichnet, also der niedrigsten Kategorie – aber immerhin.

Privathof-Hähnchen haben mehr Platz im Stall, sie wachsen langsamer und bekommen gar in  einem überdachten Wintergarten Platz für den Auslauf. Dazu gibt es Strohballen, Picksteine und Sitzstangen.

Warum das alles? “Mit unserem Privathof Tierwohlkonzept versuchen wir, eine Alternative zur konventionellen Aufzucht zu vermarkten”, sagt der Chef des Geflügelkonzerns, Peter Wesjohann, im Interview mit ZEIT ONLINE. “Wichtig ist aus unserer Sicht, dass wir zu einem akzeptablen Aufpreis ein möglichst großes Mehr an Tierwohl generieren.”

Wiesenhof ist ganz zufrieden mit dem neuen Huhn. 44 Geflügelzüchter mästen in Deutschland inzwischen im Auftrag von PHW nach den Privathof-Standards. Wesjohann hofft, mit dem Privathuhn auf einen Marktanteil von drei bis vier Prozent zu kommen. Nach den BSE-Skandalen habe man bei den Biohühnern den Absatz verdreifacht. “Seitdem geht es stetig nach unten”, sagt Wesjohann. ”

Das Problem ist natürlich der Preis. Wesjohann rechnet vor, dass der Kostenunterschied zu einem Hähnchen aus konventioneller Haltung bei bis zu  70 Prozent liege. Die Edelteile, also Brust und Keule, wird er sicherlich gut zu einem höheren Preis verkaufen können. Die Frage ist nur: Was passiert mit dem Rest? Landet  der am Ende in einem Chicken-Burger,  in Geflügelwürstchen oder gar im Ausland?

Aus Sicht von Tierschützern ist der Privathof natürlich nur eine Marketingaktion. Wesjohann verweist auf den Verbraucher, der eben nicht bereit sei, mehr Geld für Hühnerfleisch auszugeben. Es ist die Standardrechtfertigung der Landwirte: Der Kunde will es eben billig. Und das heißt konventionell – spricht industriell.

Das Problem ist nur: Der Preis für die konventionelle Zucht wäre eigentlich viel höher, wenn es strengere Haltungsvorgaben für Geflügelzüchter gebe. Während Schweinemäster und Legehennenbetreiber gesetzliche Vorgaben haben, gab es bis vor einigen Jahren nur Selbstverpflichtungen der Branche. Inzwischen macht zwar die EU Vorschriften, doch die sind lascher als das, was es bisher gab. Sehr aufschlussreich ist ein Papier des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz:

“Die neuen Vorgaben ermöglichen deutlich höhere Besatzdichten. (…)  Ob bei diesen Besatzdichten ein ungestörtes Ruhen der Tiere, wie nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Legehennenhaltung vom 06.07.1999 gefordert, noch möglich ist, ist zumindest fraglich. (…) In jedem Fall werden die neuen gesetzlichen Regelungen eine weitere Intensivierung der Haltung von Masthühnern ermögliche. (…)

M. E. machen es aber immer intensivere Haltungsbedingungen mit hohen Besatzdichten sowie die extrem leistungsfähige Genetik heutiger Broilerlinien, die naturgemäß mit einer höheren Anfälligkeit der Masthühner einhergeht, dem Tierhalter immer schwerer, ohne bzw. mit einem geringen Arzneimitteleinsatz auszukommen.”

Verkürzt gesagt: Bio-Hühner (und auf dem Weg dorthin auch die Privathof-Hühner) sind nicht zu teuer. Sondern die konventionell gemästeten Hühner sind einfach zu billig. Der günstige Preis funktioniert nur zu Lasten der Tiere (oder/und der Löhne). Würde es strengere gesetzliche Anforderungen an das Tierwohl geben, dann würde auch der Preis steigen. Und dann könnte es dem Verbraucher auch leichter fallen, gleich auf das “Original”-Biohuhn umzusteigen.

CO2 ist doch nicht der Superdünger

Von 28. Februar 2013 um 19:16 Uhr
Vertrocknete Maiskolben in Colorado, Sommer 2012, © John Moore/Getty Images

Vertrocknete Maiskolben in Colorado, Sommer 2012, © John Moore/Getty Images

Dieses Working Paper ist mal eine komprimierte Analyse: Auf gerade einmal zwölf Seiten räumen Frank Ackerman und Elisabeth A. Stanton mit einigen Glaubenssätzen über die Folgen des Klimawandels für die Agrarwirtschaft auf. Ackerman ist Umweltökonom an der Tufts-Universität in Massachusetts/USA und hat bis vor Kurzem für das Stockholm Environment Institute gearbeitet.

Konsens ist, dass der Klimawandel sich auf die Produktivität in der Landwirtschaft auswirkt. Wie genau, das ist allerdings unklar. Bisher war die Lehre recht optimistisch: Mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre fördert das Wachstum. Schließlich werden Pflanzen besser mit Co2 versorgt, dem Stoff also, den sie für die Photosynthese brauchen. Außerdem verlängern sich durch längere Wärmeperioden die Anbauphasen gerade in höheren Regionen.

Doch so einfach ist es nicht, schreiben die Wissenschaftler. Weiter…

Kategorien: Agrar, Essen, Klima