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Fischerei

Das millionenschwere Geschäft der Piratenfischer

Von 14. Dezember 2012 um 16:25 Uhr

Update Montag, 17.12.2012: Das Unternehmen Doggerbank hat sich heute bei mir gemeldet. Es besteht auf der Feststellung, dass eine illegale Fischerei nicht stattgefunden habe. Hier deren Schreiben:

 Die „Maartje Theodora“ wurde am Dienstag Abend (11. Dezember 2012) während ihrer Fangfahrt routinemäßig von der französischen Küstenwache kontrolliert und danach in den Hafen von Cherbourg beordert, wo das Schiff am Morgen des 12. Dezember 2012 ankam. Seitdem wird die „Maartje Theodora“ dort von den Behörden festgehalten.

·         Am Bord des Schiffes befanden sich gefangene Makrelen, Stachelmakrele und Heringe. Alle Fische wurde im Rahmen der dem Schiff zugeordneten Fangquoten gefangen. Das Schiff und der Schiffseigner besitzen ausreichende Quoten für die gefangenen Fische. Eine illegale Fischerei hat somit nicht stattgefunden.

·         Es ist üblich, dass diese Schiffe mehr als eine Spezies im Rahmen einer einzelnen Fangfahrt fischen. Jede Fangfahrt dauert zwischen vier und sechs Wochen.

·         Die Fangfahrt begann in den Gewässern westlich der Shetland-Inseln mit dem Fang von Makrelen. Die europäische Gesetzgebung verlangt dafür eine Maschengröße zwischen 55 und 69 Milimeter. Die „Maartje Theodora“ hat eine Maschengröße von 58 Milimeter benutzt, die sich im Rahmen der erlaubten Größenordnung befindet.

·         Im weiteren Verlauf der Fahrt hat das Schiff Holzmakrelen westlich von Irland gefangen. Die europäische Gesetzgebung verlangt dafür eine Maschengröße zwischen 32 und 54 Milimeter. Die „Maartje Theodora“ hat eine Maschengröße von 52 Milimetern benutzt, die sich im Rahmen der erlaubten Größenordnung befindet. Allerdings hat der Kapitän des Schiffes irrtümlicherweise statt „52 Milimeter“ „55 Milimeter“ in das elektronische Logbuch eingetragen und damit einen administrativen Fehler begangen. Diese Daten wurden automatisch an die Fischereibehörden in Deutschland übermittelt.

·         Einige Tage danach hat die „Maartje Theodora“ schließlich Heringe im Englischen Kanal gefangen. Die europäische Gesetzgebung verlangt dafür eine Maschengröße zwischen 32 und 54 Milimeter. Die „Maartje Theodora“ hat eine Maschengröße von 45 Milimetern benutzt, die sich im Rahmen der erlaubten Größenordnung befindet.

·        Alle Behörden wurden ordnungsgemäß über die gefangenen Mengen Fisch, deren Zusammensetzung sowie über das Fanggebiet und die eingesetzten Netze unterrichtet. Alle sich an Bord befindlichen Fischarten haben das erforderliche Mindesmaß und es wurden zu keinem Zeitpunkt zu kleine oder unzulässige Maschenöffnungen verwenden.

Über die Doggerbank-Gruppe
Die Doggerbank-Gruppe besteht aus dem Mutterunternehmen, der Doggerbank-Seefischerei GmbH mit Sitz in Bremerhaven, seinen Tochterreedereien mit Sitz in Rostock und der Euro-Baltic Fisch Verarbeitungs GmbH auf Rügen, einer der modernsten Fischverarbeitungsanlagen der Welt. Insgesamt arbeiten ca. 700 Menschen für die Doggerbank-Gruppe in Deutschland.

Und hier mein Blogeintrag vom Freitag, 14.12.2012:

Es klingt nach einer kleinen Räuberpistole, die am Donnerstag vor der Küste der französischen Bretagne passierte. Nach Informationen der Nachrichtenagentur afp hat die französische Polizei dort einen der weltgrößten Fischtrawler gestoppt.

Der Vorwurf: Die “Maartje Theadora” habe illegal gefischt. Statt die Netze nach Makrelen auszuwerfen, sei sie irgendwann auf Stachelmakrele umgestiegen – ohne das den Behörden zu melden. Um noch mehr Fang zu ergattern, habe sie zwei Fangnetze zusammengelegt.

Das mag alles irgendwie kleinklein klingen, relativiert sich aber, wenn man sich die Zahlen anschaut. 4.000 Tonnen Fisch hatte die “Maartje” an Bord. Fast die Hälfte davon soll illegal gefangen sein, so der Vorwurf. Es wäre der bisher schwerste Verstoß gegen Fischereirecht in Frankreich – und das durch eine deutsche Reederei, durch Doggerbank Seefischerei aus Rostock (die wiederum zum niederländischen Fischkonzern Parlevliet gehört).

In dem Fall geht es um richtig viel Geld: Der Fang sei geschätzt mindestens zwei Millionen Euro wert. Der Reederei droht ein Bußgeld von 22.500 Euro sowie die Beschlagnahmung des Fangs.

Die Reederei weist die Vorwürfe zurück, hält sich aber in der Erklärung offenbar ein Hintertürchen offen: Der Reederei lägen “derzeit keine Anzeichen für eine signifikante Verletzung des Fischereirechts” vor. Vielmehr sei die Größe der Maschen fehlerhaft ins Logbuch eingetragen worden.

Der Vorfall rückt endlich mal wieder das Thema Überfischung in den Fokus. Es sind riesige, schwimmende Fischfabriken, die dort draußen auf den Meeren unterwegs sind – und eben offenbar nicht immer die Rechtsvorschriften einhalten (Greenpeace führt übrigens eine Datenbank zum Thema Piratenfischerei).

Wie der Fangwert zeigt, ist es schnell ein lukratives Millionengeschäft – von dem der Fischkonsument in der Regel kaum etwas ahnt. Daher ist es jetzt umso wichtiger, dass die Vorwürfe schnell aufgeklärt werden – und harte Strafen im Ernsthaft verhängt werden. 22.500 Euro Strafe klingen da meiner Ansicht ganz schön lächerlich.

 

Kennzeichnung von Fisch: von wegen Frischfisch

Von 17. September 2012 um 13:34 Uhr
© Peter Parks /AFP/GettyImages

© Peter Parks /AFP/GettyImages

Das EU-Parlament hat vergangene Woche einen wichtigen Schritt für mehr Transparenz beim Fischkauf getan -  aber sorry: So richtig reicht das nicht aus. Am Freitag verabschiedete das Parlament in erster Lesung den Stevenson-Bericht. Er ist ein kompliziertes Dokument, es geht um die Organisation der Märkte, die Förderung von regionalen Erzeugergenossenschaften und und und. Aber er enthält auch einen Abschnitt über die bessere Kennzeichnung von Fischereiprodukten.

Der zuständige Berichterstatter, der Schotte Struan Stevenson, schwärmte vergangene Woche, dass zukünftig auf jeder Fischpackung stehen werde, wo der Fisch gefangen wurde und wann er angelandet wurde:

“Consumers will also benefit from new requirements that will require producers to provide enhanced information on their product labels, such as date-of-landing for fresh fish products.”

Nun gibt es aber in der Fischereiwelt zwei unterschiedliche Zeitrechnungen. Es gibt das Fangdatum und es gibt das Anlandedatum. Die beiden können manchmal um Wochen auseinanderliegen. Große Trawler fahren ja nicht jeden Abend wieder zurück in den Hafen und landen ihren Fang an, sondern verbringen manchmal Wochen auf See. Sie frieren den Fisch ein und bringen ihn erst später an Land.

Wann der Fisch nun tatsächlich aus dem Meer gezogen wurde, das erfährt der Verbraucher auch zukünftig nicht. Dass das Anladedatum und nicht das Fangdatum verpflichtend auf der Packung stehen soll, ist wohl eine entscheidende Bedingung, damit der Ministerrat dem Gesetzesentwurf zustimmen wird. (Freiwillig dürfen Unternehmen allerdings natürlich das Fangdatum angeben.) Verarbeitete Produkte wie Thunfisch in Dosen sind von den Kennzeichungspflichten übrigens ausgenommen. Hier erfährt der Käufer auch zukünftig noch nicht einmal das Fanggebiet.

Zwei Anmerkungen noch dazu:

1. Nach Informationen der Grünen-Fraktion im EU-Parlament zahlt die EU Subventionen, damit Fisch nach der Anladung gelagert werden kann, wenn der Marktpreis zu niedrig ist und einen bestimmten Schwellenpreis unterschreitet. Eine solche klassische Marktintervention ist natürlich total absurd, weil eine solche Zahlung das Preissignal komplett aushebelt. Da lohnt es sich, einmal nachzuhaken.

2. Ab wann ist eigentlich der Konsument überfordert von zu vielen Informationen? Auf dem zukünftigen Label soll das besagte Anlandedatum stehen, das Fanggebiet, die Fangart und der Flaggenstaat des Schiffes. Aber wer kann diese Informationen wirklich richtig einordnen und bewerten? Sollte ich einen Fisch kaufen, der von Fischern auf einem Schiff gefangen wurde, das in Ecuador registriert wurde, um Steuern und Sozialabgaben zu sparen? Hilft das dem Konsumenten in irgendeinerweise? Ich bezweifele das.

 

Indien macht´s vor: So gelingt besserer Waldschutz

Von 7. September 2012 um 14:28 Uhr

Was haben Fische und Bäume gemeinsam? Mhh, auf den ersten Blick erst einmal wenig, oder? Wenn man sich aber mit Jean-Marie Baland, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der belgischen Universität Namur, unterhält, wird vieles klarer. Wirtschaftswissenschaftler vergleichen Fischbestände und Wälder gern miteinander, weil es sich bei beiden um erneuerbare Ressourcen handelt. Und weil beide gern geplündert werden, wenn man freien Zugang gewährt. Die Folgen sind Überfischung und Raubbau.

Auf einer Fachkonferenz der Universität Kiel, die sich eigentlich mit nachhaltiger Fischerei beschäftigte, hat Baland jetzt eine interessante Studie zum Thema Natur- und Klimaschutz und Waldmanagement vorgestellt. Mehrere Jahre lang hat er kleine Dörfer mitten im Himalaya in Indien und Nepal untersucht, eine Langzeitstudie angefertigt. In beiden Ländern ist Raubbau in den sensiblen Wäldern des Himalayas ein großes Problem. Hier geht es nicht um riesige Planierraupen, die Wälder plattmachen. Sondern um den alltäglichen Brennholzbedarf der lokalen Bevölkerung.

Copyright: Jean-Marie Baland

Copyright: Jean-Marie Baland

Das Holzsammeln hat über die vergangenen Jahre dazu geführt, dass die Bäume in den untersuchten Regionen inzwischen aussehen wie gerupfte Hühnerbeine: In den unteren Bereichen sind sämtliche Äste abgeschlagen, nur oben kann sich noch ein einsames Laubbüschel halten. Das hat Folgen für Natur und Klima: Geschwächte Bäume können schlechter Erde halten, Erosion droht, Erdrutsche und Lawinen.

Immer wieder hat Baland in der Region die Anwohner befragt und die Qualität der umliegenden Wälder untersucht. Wie oft gehen sie Holzholen, wie entwickeln sich Baumkronen? Spannend ist: Die reine Anzahl der Bäume ist insgesamt  gar nicht so schlecht. Aber sie sind in einem verheerenden Zustand, wachsen verkrüppelt, sind schlecht verwurzelt: short run overexploitation nennt Baland das. Die Menschen brauchen das Feuerholz fürs Kochen und Heizen, immer tiefer dringen sie in die Wälder ein und schlagen Äste ab. Immer länger sind sie unterwegs. Für ein Bündel Holz waren es vor 25 Jahren noch etwas mehr als zwei Stunden, jetzt sind es schon knapp vier Stunden.

Was also tun? Glaubt man dem Belgier, gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann entweder den Bedarf verändern. Wenn die Menschen dort mit Gas kochen und heizen würden, könnte das bis zu ein Fünftel der benötigten Holzmenge ersetzen, hat Baland errechnet.

Oder: Man führt lokale Besitzrechte ein (auch ein beliebtes Instrument in der Fischerei). In Indien hat man das schon vor Jahrzehnten mit den sogenannten Van Panchayats gemacht. Das ist eine Art lokale Selbstverwaltung, die ihre Ursprünge noch in den Zeiten der britischen Kolonialisierung hat.

In dem indischen Bundesstaat Uttarankhand hatten 45 von 83 untersuchten Dörfern ein lokales Forstgremium. Es ist eine freiwillige Institution der Menschen vor Ort. Wer mitmacht, bekommt das exklusive Recht, in dem Wald Holz für den Eigenbedarf zu sammeln. Und der Besitz scheint sich positiv auszuwirken: Insgesamt ist der Zustand der Wälder in den Van Panchayats viel besser als in den staatlichen Forsten. Diese werden zwar auch gemanaged, aber zu viel höheren Kosten: eine teure, zentrale Verwaltung muss ja unterhalten werden.

Baland betont, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen dem Zustand der Wälder und dem Einkommen der Bevölkerung:

“Pressure on the resource will increase due to increases in income and in the number of households in the villages.”

Wer reicher wird, der upgraded eben auch seine Lebensgewohnheiten. Statt einer warmen Mahlzeit gibt es dann zwei, mehr Feuerholz ist nötig. Die Herausforderung ist, dieses Wachstum auch lokal möglichst umwelt- und ressourcenschonend hinzubekommen. Wie das möglich ist, zeigen die Erfahrungen mit den Van Panchayats in Indien.

 

Chinas Problem mit der Chemiekeule

Von 6. September 2012 um 07:21 Uhr
Copyright: Philippe Huguen/AFP/GettyImages

Copyright: Philippe Huguen/AFP/GettyImages

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) veröffentlicht ja manchmal wirkliche Perlen. Diesmal ist es der Global Chemical Outlook, der die Folgen des weltweiten Chemikalieneinsatzes untersucht. Die UNEP warnt davor, dass immer deutlicher werde, wie sehr Wirtschaftswachstum und Chemieeinsatz korrelieren: Je stärker die Wirtschaft wachse, desto schneller und unkontrollierter werde zur Spritzpistole gegriffen. Das Problem: Bislang ist viel zu wenig über die möglichen Risiken für Mensch und Natur bekannt.

“Communities worldwide – particularly those in emerging and developing countries – are increasingly dependent on chemical products, from fertilizers and petrochemicals to electronics and plastics, for economic development and improving livelihoods,” said UN Under-Secretary General and UNEP Executive Director, Achim Steiner.

“But the gains that chemicals can provide must not come at the expense of human health and the environment. Pollution and disease related to the unsustainable use, production and disposal of chemicals can, in fact, hinder progress towards key development targets by affecting water supplies, food security, well-being or worker productivity.”

Dem Report zufolge (nach UNEP-Einschätzung übrigens die erste umfassende Bewertung überhaupt) sind aktuell 140.000 verschiedene Chemikalien weltweit auf dem Markt. Nur ein Bruchteil von ihnen ist bislang einer umfassenden Risikobewertung unterzogen worden.

Dabei wird der Einsatz von Chemikalien, gerade in der Landwirtschaft, laut UNEP in den kommenden Jahren rasant steigen. Gerade die hohen Raten Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern sind offenbar ohne stärkeren Chemieeinsatz kaum zu haben.

Welche Folgen das haben kann, zeigt ein Blick nach China.  Zwischen 2000 und 2010 wuchs dort die Chemikalienproduktion jährlich um etwa 24 Prozent – im gleichen Zeitraum waren es in Deutschland dagegen nur fünf bis acht Prozent. 42 Prozent der weltweiten Textilchemikalien-Produktion werden in China verwertet – so viel, wie nirgendwo anders.

Das hat Greenpeace zum Anlass genommen, einmal die chinesische Textilindustrie zu durchleuchten und in der Detox-Kampagne eine Produktion ohne gefährliche Chemikalien zu fordern. Noch immer ist es ja so, dass der Einsatz der Chemikalien in China relativ unkontrolliert passieren kann.

So ist etwa Nonylphenol in der EU verboten, in China ist der Einsatz laut Greenpeace nicht geregelt, es wird als Tensid in Waschmitteln genutzt. Am Ende wirken sich solche Textilchemikalien auf Mensch und Natur aus: Schwermetalle und organische Chemikalien werden nur langsam abgebaut und landen in der Nahrungskette. UNEP zitiert in dem Report eine Studie, welche die Schäden des Chemieeinsatzes auf die chinesische Fischerei auf allein 634 Millionen US-Dollar schätzt. Und zwar jährlich.

Was also tun? Die Detox-Kampagne und das öffentliche Anprangern von Greenpeace sind ein Weg: Große Modemarken wie Nike, Adidas und H&M haben zugesagt, bis 2020 auf gefährliche Chemikalien in der Textilproduktion zu verzichten.

Die UNEP setzt vor allem auf einen besseren regulatorischen Rahmen. Es müssen Umweltgesetze her, Behörden sollten sich besser vernetzen, Verantwortungen zwischen staatlichen Institutionen, Herstellern und Konsumenten müssten besser geklärt werden. Gerade Entwicklungsländer sollten auf Prävention setzen, den Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft reduzieren und lieber sichere Alternativen bewerben statt am Ende teuer Umweltschäden zu beseitigen. Dass das alles kostet, weiß auch Steiner von der UNEP:

“To harness the economic benefits of sound chemicals management, closer cooperation and better planning is required between government ministries, public and private sectors, and others in the chemicals supply chain. This requires broad and ambitious efforts, underpinned by strategic financing.”

Fischer wehren sich gegen Missbrauch bei Ökostrom-Vergütung

Von 30. August 2012 um 11:05 Uhr

Fischtreppen sind ja eigentlich eine feine Sache. Sie ermöglichen Flussfischen einen Umweg um ein Wasserkraftwerk, damit sie am Ende nicht in der Turbine geschreddert werden oder ihnen der Weg versperrt ist.

Auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschäftigt sich mit solchen Dingen. Wer nämlich ein Wasserkraftwerk betreibt, der kann eine höhere Vergütung für jede produzierte Kilowattstunde Ökostrom geltend machen, wenn er “Maßnahmen zur ökologischen Verbesserung” einbaut. Und das können eben zum Beispiel Fischtreppen sein. Ein lukratives Grünes Geschäft für beide Seiten, möchte man meinen: für die Natur und den Wasserstromlieferanten, der einen Ökobonus kassiert.

In Bayern ist das Thema besonders relevant, schließlich hat kein anderes Bundesland mehr Wasserkraftwerke (rund 4.250 Anlagen). Der Landesfischereiverband in Bayern hat jetzt die ersten Missbrauchsfälle mit dem Ökobonus aufgedeckt. Denn offenbar gibt es Umweltgutachter, die allzu leichtfertig die “ökologische Verbesserung” attestieren.

Ein wirklich dreister Fall ist etwa ein Plastikrohr von zehn (!) Zentimetern Durchmesser an einem kleinen Wasserkraftwerk am Senkelbach in Augsburg. Eigentlich soll es helfen, dass Fische an der Turbine vorbei vom Staubecken oben ins Unterwasser gelangen können. Doch das Rohr ist natürlich viel zu klein, schwer auffindbar und nichts für große Fische. Und es endet auch noch zwei Meter über dem Becken. “Nicht funktionsfähig” attestiert Johannes Schnell vom Landesfischereiverband. Ein Umweltgutachter sah das anders und attestierte “ökologische Verbesserung”.

Für den Betreiber hat sich das Plastikrohr gelohnt. Dank des Gutachtens erhält er neben der Grundvergütung von 7,67 Cent nun auch vier Cent Ökobonus für jede Kilowattstunde. Geht man davon aus, dass die Anlage rund 1,8 Millionen Kilowattstunden  im Jahr produziert und die Vergütung 20 Jahre gewährt wird, dann, schätzt Schnell, erhält der Betreiber durch das Plastikrohr einen Mehrerlös von 826.000 Euro insgesamt.

Das sind Summen, die inzwischen dazu führen, dass sogar Netzbetreiber gegen die Gutachten klagen. So etwa die  Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom aus Halle/Saale. In fünf Fällen wehrte sie sich gegen leichtfertig ausgestellte Umweltgutachten, jedes Mal bekam sie vor Gericht beziehungsweise einer Clearingstelle Recht.

Glaubt man Fischfreund Schnell, dann ist die Anlage in Senkelbach zwar ein Negativrekord.

“Aber es gibt den begründeten Verdacht, dass es hier einen systematischen Missbrauch gibt.”

Eine Gesamtübersicht der Missbrauchsfälle gibt es bislang nicht. In einem Leitfaden listet der Verband aber einige weitere Fälle auf. Die auf 20 Jahre hochgerechneten Erlössteigerungen durch die Gutachten schwanken nach Kraftwerk zwischen rund 34.000 Euro und mehreren Millionen Euro. Und das sind wohlgemerkt Gelder, die am Ende alle Stromkunden per EEG-Umlage zahlen.

“Seitens der Wasserkraftbranche waren bisher keine Bestrebungen zu erkennen, fragwürdige Fälle oder offensichtlichen Missbrauch beim EEG branchenintern zu überprüfen oder zu korrigieren”, so Schnell.

Interessant sind vor allem die volkswirtschaftlichen Dimensionen des Problems. Denn der Ökobonus ist gerade für  Wasserkraftanlagen mit einer geringen Leistung attraktiv. Wer ein kleines Kraftwerk betreibt, der kann die Vergütung um fast 50 Prozent steigern. Dabei liefern diese kleinen Anlagen  nur acht Prozent der bayrischen Wasserstromproduktionen.

Thunfisch, geangelt mit Samthandschuhen

Von 23. August 2012 um 12:30 Uhr
Fischer mit Handangeln, Copyright: Naturland

Fischer mit Handangeln, Copyright: Naturland

Manchmal kommt man ja in der Küche um die Dose Thunfisch nicht drumherum. Schaut man sich die Packungen an, dann ist da viel von “delfinfreundlichem Fang” die Rede. Das heißt aber noch lange nicht, dass er wirklich auch aus einem intakten Bestand stammt und man mit seinem Kauf nicht zur Überfischung beigetragen hat.

Immer mehr Anbieter bringen daher Thunfisch mit einem Ökosiegel auf dem Markt. Die wichtigsten Zertifizierer hierzulande sind das Marine Steward Council (MSC) und Naturland. Sie garantieren Fischkonsum mit gutem Gewissen. Bei Naturland spielen, im Unterschied zu MSC, auch soziale Kriterien wie Krankenversorgung für die Fischer und Schulausbildung für deren Kinder eine Rolle.

Ein Bio-Fischanbieter arbeitet mit etwa mit einer Thunfisch-Fischerei auf den Malediven zusammen. Es ist wohl die ineffizienteste, dafür aber umweltverträglichste Fischerei überhaupt: Die Fischer angeln den Thunfisch einzeln mit Bambusangeln. Beifangprobleme? Unbekannt.

Der Inselstaat hat sich in den vergangenen Jahren auf Leinenfang spezialisiert. Mehr als 570 traditionelle maledivische Boote, die Dhonis, sind dort unterwegs. Die Fische werden vor Ort verarbeitet, das stärkt die heimische Wirtschaft.

Umweltverbände wie Greenpeace unterstützen solche Initiativen.  “Wir favorisieren die Angelruten-Fischerei”, sagte mir Greenpeace-Experte Thilo Maack in einem Gespräch, “sie ist eine der selektivsten und damit umweltverträglichsten Fischereien überhaupt.”

Auch das Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung findet Angelroutenfischerei gut, betont allerdings, dass sie nicht per se die beste Methode sei. “Leinenfischerei ist gut, aber reicht nicht aus”, sagt Rainer Froese, Meeresbiologe am Helmholtz-Zentrum. “Auch wenn man den letzten Fisch mit Samthandschuhen fängt – es bleibt der letzte Fisch.”

Wichtig ist also nicht nur die Fangmethode, sondern auch, wie es dem Bestand geht. Für die Malediven sieht das ganz gut aus. Nach Einschätzung des jüngsten Berichts der Indian Ocean Tuna Commission ist der Bestand des Skipjack-Thunfisches vor den Malediven groß genug und nicht zu hart befischt.

 

Kategorien: Bioware, Fischerei, Meer

EU-Kommission will Tiefseefischerei verbieten

Von 24. Juli 2012 um 17:59 Uhr
Schwarzer Degenfisch ist ein beliebter Tiefseefisch in Südeuropa. © Lutter/WWF

Schwarzer Degenfisch ist ein beliebter Tiefseefisch in Südeuropa. © Lutter/WWF

Man man man, Maria Damanaki ist ehrgeizig. Die EU-Fischereikommissarin will im Nordostatlanik ein Fischereiverbot für die Tiefsee durchsetzen. In einem Vorschlag zur Neuregelung der Tiefseefischerei fordert sie ein komplettes Verbot für Grundschleppnetze und Stellnetze ab 1000 Metern, für manche Fischereien in der Region sogar schon ab 500 Meter. Den Fischern will sie eine Übergangsfrist von zwei Jahren gewähren.

Chapeau, sagen selbst die Umweltschützer – die oft ja vieles an der EU-Kommission zu bekritteln haben. Sie sorgen sich seit Jahren um das sensible und bislang kaum erforschte Ökosystem in der Meerestiefe. De facto wird der Meeresboden mit Grundschleppnetzen einmal umgefräst. Stephan Lutter vom WWF:

“Der Kommissionsvorschlag kann die Fischerei revolutionieren, indem er die destruktivste aller Fischereimethoden in der sensiblen Tiefsee abschafft. Das wäre ein echter Durchbruch für den Schutz der Meeresumwelt und ein Vorbild für die weltweite Fischerei.”

Der Vorschlag der EU-Kommissarin ist revolutionär, weil es bislang kein umfassendes Verbot für die Tiefseefischerei in der Region gibt, sondern nur einen Flickenteppich an Schutzgebieten. Umweltschützer müssen um jedes Gebiet, in dem strengere Standards herrschen sollen, oftmals jahrelang Kämpfe ausfechten.

So vielleicht auch in diesem Fall. Jüngst grätschte der ehemalige französische Landwirtschaftsminister und aktuelle Binnenmarktskommissar Michel Barnier seiner Amtskollegin in die Beine und stoppte ihr Vorhaben zwischenzeitlich. Seine Motive sind offensichtlich: Er sorgt sich vor allem um das Geschäft der französischen Supermarktkette Intermarche. Der Konzern besitzt mehrere Trawler, die gerade in der Tiefsee fischen. Kaum überraschend, dass Barnier bereits Klientelpolitik vorgeworfen wird.

Das wird umso deutlicher, wenn man sich ein aktuelles Q&A der EU-Kommissarin anschaut. Darin bewertet sie die wirtschaftliche Bedeutung der Tiefseefischerei. Demnach machen Tiefseefische wie der Granatbarsch oder der Schwarze Degenfisch gerade einmal ein Prozent der gesamten Anlandungen aus der Region Nordostatlanik aus. Auch die Jobs sind, wenn man das große Bild vor Augen hat, aus Sicht der EU-Kommission vernachlässigbar:

” The Commission believes that the overall economic importance of deep-sea catches is small.”

Ob Damanaki sich allerdings gegen die Fischereinationen Spanien, Portugal und Frankreich durchsetzen kann, ist unklar. Umweltschützer hoffen jetzt auf eine breite Unterstützung im EU-Parlament.

 

 

 

UN-Umweltorganisation empfiehlt tatsächlich Tiefsee-Bohrungen

Von 26. Januar 2012 um 23:41 Uhr

Ich muss gestehen: Ich ahnte nichts Böses. Die Pressemitteilung der Umweltschutzorganisation der Vereinten Nationen (Unep) klingt ja wirklich ganz passend für mein Blog: “Green Investments in the Marine Sector Can Bring a Tide of Economic and Social Benefits“, oder?

40 Prozent der Weltbevölkerung leben demnach maximal 100 Kilometer vom Meer entfernt. Die Ozeane bilden für sie, gerade in ärmeren Ländern und den kleinen Inselstaaten, die Lebensgrundlage.

Doch immer öfter ist diese in Gefahr. Jetzt geht es nicht nur um die Klassiker, um Überfischung und Übersäuerung der Weltmeere. Sondern auch um zerstörte Mangrovenwälder und Korallenriffe. Die Studie Green Economy in a Blue World will daher zeigen, wie sich beides verbinden lässt: Meeresschutz und grünes Wachstum.

“Oceans are a key pillar for many countries in their development and fight to tackle poverty, but the wide range of ecosystem services, including food security and climate regulation, provided by marine and coastal environments are today under unprecedented pressure”, said UN Under-Secretary-General and UNEP Executive Director Achim Steiner. “Stepping up green investments in marine and coastal resources and enhancing international co-operation in managing these trans-boundary ecosystems are essential if a transition to low-carbon, resource efficient Green Economy is to be realized.”

Sechs Wirtschaftssektoren schlagen die Autoren vor, um grünes Wachstum anzukurbeln, darunter ökologische Aquakulturen (naa, schon ein bisschen pikant), der Ausbau erneuerbarer Energien und grüner Tourismus an der Küste.

Stutzig machte mich allerdings der letzte Punkt: “Deep See Minerals”. Die Unep empfiehlt die Ausbeutung der Tiefsee, um gerade Entwicklungsländern die Chance zu geben, ihre Wachstumsziele zu erreichen. In der Pressemitteilung wird Peter Prokosch zitiert, der ehemalige WWF-Geschäftsführer in Deutschland und heutige Leiter der Umweltdatenbank des Unep:

“Mining of minerals in the deep-sea provides a unique opportunity for developing countries towards reaching their development goals. Operating in a largely unknown natural environment, it may put additional pressure on already stressed marine ecosystems. However, it can relieve some of the burdens of mining in the terrestrial environment. Careful and responsible planning of deep-sea minerals mining needs to apply the Precautionary Principle, and consider the other sectors and in particular future generations.”

Nun muss man dem UNEP bzw. Herrn Prokosch zugutehalten: Er warnt vor den Eingriffen in die Tiefsee und fordert ein Vorgehen nach einem umfassenden Vorsorgeprinzip. Trotzdem war ich heute Abend erst einmal baff. Was soll diese Forderung? Gibt es nicht in den anderen fünf Sektoren erst einmal ausreichend Entwicklungspotenzial? Eine solch unbekannte Region wie die Tiefsee sollte meiner Meinung nach erst einmal der Wissenschaft exklusiv vorbehalten sein. Erst einmal sollten wir doch Erkenntnisse gewinnen, was dort unten los ist, bevor wir das Terrain gleich zur Plünderung frei geben. Zumal die Folgen dieser Eingriffe ja vollkommen unbekannt sind. Und welche Konsequenzen missglückte Eingriffe haben, hat das BP/Deep Water Horizon-Unglück im Golf von Mexiko ausreichend gezeigt.

Steuergelder für das Plündern der Ozeane

Von 24. Dezember 2011 um 14:29 Uhr

Pünktlich zum Fest hat Greenpeace eine spannende Studie zum Thema Überfischung vorgelegt: Es ist eine Fallstudie am Beispiel der “Pelagic Freezer Trawler Association“, einem Verband, in dem sich neun Fischereiunternehmen zusammengeschlossen haben, darunter auch deutsche Firmen.

Nach Informationen der Organisation Profundu im Auftrag von Greenpeace erhielt der Verband mit seinen 34 Schiffstrawlern in den Jahren 1994 bis 2006 mehr als 45 Millionen Euro Subventionen. Hinzu kommen die Fischereilizensen, die die EU erwirbt, damit die europäische Flotte etwa vor der Küste Westafrikas fischen darf. Jedes Schiff (!) wurde demnach mit 26,4 Millionen Euro in den Jahren 2006 bis 2011 unterstützt – mit Steuergeldern. Und dann erhält die Flotte noch diverse Steuererleichterungen, unter anderem auf den Schiffsdiesel.

Der Verband widerspricht der Darstellung – leider gibt es die Pressemitteilung nur auf niederländisch.

Copyright: Greenpeace

Copyright: Greenpeace

In den Niederlanden und Deutschland – in Bremerhaven – hat Greenpeace die Zahlen genutzt, um die Trawler zu brandmarken. Auf die Schiffswand dieser schwimmenden Fischfabriken pinselten Aktivisten die Zahl 20.000.000 Euro.

Es ist sicherlich eine Aktion, die in Afrika aufmerksam verfolgt wird. Dort sind gerade die Fischereiabkommen mit der EU heftig umstritten. Klar, auf der einen Seite spülen sie Millionen jährlich in die Staatskassen von Ländern wie Marokko oder Mauretanien. Doch das Geld versickert oft im Regierungsapparat, die Hoffnung von Brüssel, dass es am Ende den lokalen Fischern zu gute kommt, geht oft nicht auf. Für MARE habe ich das Thema einmal ausführlicher recherchiert.

 

 

Kategorien: Fischerei, Meer, Nachhaltigkeit

Schwertfisch droht ähnliches Schicksal wie bedrohtem Blauflossenthunfisch

Von 20. November 2011 um 14:49 Uhr

In Istanbul ist an diesem Wochenende das ICCAT-Jahrestreffen zu Ende gegangen. ICCAT sagt Ihnen nichts? Da sind Sie nicht allein, mir ist die Abkürzung auch erst geläufig, seitdem ich mich mit dem Thema Überfischung befasse. ICCAT ist die Internationale Kommission zum Schutz des Atlantik-Thunfischs, eine Organisation, in der vor allem Regierungsvertreter und Wissenschaftler aus mehr als 40 Fischereinationen sitzen.

Schwertfisch

Copyright: Slowfood

Doch in Istanbul drehte es sich diesmal nicht nur um den Blauflossenthunfisch, dessen Bestände dramatisch überfischt sind. Sondern auch um den Schwertfisch. Dessen Bestände im Mittelmeer stehen kurz vor dem Kollaps. Jedes Jahr werden rund 12.000 Tonnen aus dem Meer gezogen.

Das Problem ist: Es fehlt an sämtlichen wichtigen Daten, vor allem gibt es keine Zahlen über die Flottengröße. Und bislang auch keine Mindestgröße für den Fang. Das bedeutete in der Vergangenheit, dass fast jeder Schwertfisch im Fangkorb landete – auch solche Exemplare, die noch nicht einmal geschlechtsreif sind und für Nachwuchs sorgen können.

In Istanbul hat sich nun die Kommission darauf geeinigt, dass nur noch Schwertfische mit einer Mindestgröße von 90 Zentimetern gefangen werden dürfen. Das allerdings passiert kaum in der Fischerei, wie unter anderem dieses Video von Slowfood zeigt. Ab 2013 soll es zudem einen Fischerei-Management-Plan für Schwertfisch geben.

Die 90 Zentimeter mögen vielleicht nach ganz schön großen Prachtexemplaren klingen. Die Umweltschutzorganisation WWF warnt allerdings davor, dass die Tiere erst mit 140 Zentimetern geschlechtsreif sind. Sie ist “tief enttäuscht”, dass sich die Kommission keine ambitionierteren Ziele gesetzt habe.

Kleine Fortschritte gab es allerdings auf dem ICCAT-Meeting beim Blauflossenthunfisch: Erstmals sollen jetzt die Fangmengen digital erfasst werden. Bislang gab es nur ein veraltetes Erfassungsschema, das viel Platz für illegalen Fang ließ. Eine Studie der Pew Environment Group zeigte etwa vergangenen Monat, dass 140 Prozent mehr Thunfisch-Fleisch auf den Märkten ankam, als eigentlich per Quote erlaubt war.

Kategorien: Fischerei, Nachhaltigkeit