Grüne Geschäfte

Wir können's besser: Das Blog für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont

Super-Stromkabel als Stromspeicher

Von 10. Juni 2014 um 14:58 Uhr

So beeindruckend die Idee der Energiewende ja auch ist – an einer wichtigen Stelle hakt es: Wohin mit all dem wunderbaren Ökostrom, wenn es gerade keine Nachfrage gibt? Speichern wäre toll, klar. Aber wenn es um die Details geht, wird es kompliziert: Müssen wir den Ökostrom zum Speichern erst aufwändig ins Ausland schaffen? Wie bekommen wir ihn möglichst effizient in Batterien für Elektroautos?

Aus Florida kommt jetzt eine neue Idee. Ein Team der Universität in Orlando hat im Labor ein Stromkabel entwickelt, das nicht nur Strom transportiert, sondern ihn zugleich auch speichern soll. Weiter…

Die Crowd entdeckt die Solarstraße

Von 2. Juni 2014 um 11:43 Uhr

Okay, manche Amerikaner lieben es wirklich schrill.
Ich sage nur: “Solar FREAKIN’ Roadways” und empfehle die ersten Minuten dieses Videos:

Hinter Solar Roadways steckt ein kleines Start-up aus Idaho, das mal eben die Straßen revolutionieren will. Es baut kleine, sechseckige Solarpanelen unter extra hartem Spezialglas, das sogar das Gewicht von LKW aushalten soll.

Die Idee: Statt Straßen aus Beton zu bauen, wollen Scott und Julie Brusaw Solarpanele verlegen. Diese produzieren Ökostrom (wenn alle Straßen in den USA mit Solarpanelen gebaut würden, ließe sich dreimal so viel Strom produzieren wie die USA gerade verbrauchen, will Scott Brusaw überschlagen haben). Außerdem sollen die Straßen auch noch sicherer sein, weil sie beheizt und mit LED-Leuchten ausgestattet sind. So sollen keine Unfälle mehr bei Glatteis oder mit Tieren passieren. In dem Straßenpaket ist zugleich auch noch ein Kanal für Datenkabel und ein Abwassersystem integriert. Die Brusaws sprechen von smarten Straßen.

Seit Ende April präsentiert das Paar auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo seine Idee. Eine Million US-Dollar wollen die beiden von Investoren einsammeln, um aus dem Prototypen-Stadium herauszukommen. Und die Crowd? Ist komplett fasziniert und hat bereits mehr als 1,8 Millionen Dollar spendiert (vielleicht lag das auch daran, dass es für eine Spende von 100 US-Dollar eine selbstgebastelte Lampe aus Solarzellen-Bruchstücken aus der Produktion gab). Solar Roadways ist damit die vierterfolgreichste Kampagne auf Indiegogo. Wegen des Erfolgs haben die Brusaws das Projekt auf der Plattform jetzt verlängert.

Was mir an der Idee gefällt, ist der Gedanke, dass wir wirklich noch mehr aus Straßen rausholen können. Der niederländischen Designer Dan Rosegaard experimentiert ja auch gerade mit schlauen Straßenmarkierungen. Das Konzept der Brusaws geht noch einen Schritt weiter, hier geht es nicht nur um Markierungen, sondern in den Solarpanelen sind eben auch gleich Mikroprozessoren verarbeitet.

Was leider nicht wirklich klar wird: Wie viel kostet denn nun eines dieser sechseckigen Solarpanele? Sicherlich ist es noch weit davon entfernt, sich in irgendeiner Weise zu rechnen. Und ergibt die Idee überhaupt in der Gesamtbilanz Sinn? Die Solarzelle muss ja erst einmal die Energie produzieren, die für ihre Beheizung und für die Mikroprozessoren gebraucht wird. Und dass sich jetzt Parkplätze anbieten als Installationsorte, auf denen ja am Ende Autos stehen und so die Solarzelle beschatten, ist auch nicht sofort überzeugend.

Kaum überraschend, dass die Community im Netz die Solar Roadways kontrovers diskutiert. “Why the Solar Roadways Project on Indiegogo is Actually Really Silly“, ist da noch ganz freundlich formuliert.

Hier übrigens ergänzend – Danke an die Kommentatoren unter diesem Blog – das Video der Kritiker: U.a. Wie bremst man überhaupt auf dem Belag?

Weltgrößter Solarpark geht in Arizona ans Netz

Von 14. Mai 2014 um 09:47 Uhr
Solarpark Agua Caliente © NRG Solar

Solarpark Agua Caliente © NRG Solar

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Unternehmen kennt offenbar nur den Superlativ: Vor wenigen Tagen hat NRG Solar, eine Tochter des US-Energiekonzerns NRG, in Arizona den “weltweit größten, einsatzfähigen Solarpark” fertiggestellt. Agua Caliente ist eine gigantische Fläche von Solarmodulen, irgendwo in der Öde zwischen den Städten Yuma und Phoenix.

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McDonald’s druckst herum

Von 29. April 2014 um 11:06 Uhr

Am Wochenende waren Deutschlands Gentechnik-Gegner alarmiert: Die Fastfoodkette McDonald’s hatte bekanntgegeben, ihren Zulieferern den Einsatz von gentechnisch verändertem Soja (GV-Soja) wieder zu erlauben. 13 Jahre lang hatte sich McDonald’s die Selbstverpflichtung auferlegt, auf Gentechnik im Hühnerfutter zu verzichten. McDonald’s ist nicht irgendwer, allein in Deutschland betreibt die Fastfoodkette mehr als 1.400 Restaurants. McDonald’s ist ein Großabnehmer in der Landwirtschaft, jedes Jahr verkauft die Kette allein mehr als 24.000 Tonnen Hühnerfleisch als Chicken Nuggets oder Chickenburger.

Irgendwie aber spricht der Konzern nur ungern über die Entscheidung. Ich rufe in Paris an. Gilt die Rolle rückwärts auch in anderen Ländern? In Frankreich hat eine externe Werbeagentur die Pressearbeit für McDonald’s übernommen. Die Dame ist sehr freundlich, aber auf die simple Frage: “Erlaubt McDonald’s Frankreich jetzt auch GV-Soja im Hühnerfutter?”, hat sie so schnell keine Antwort. Zwei Stunden später ruft sie nochmal an: Ob ich denn auch zu anderen Ländern recherchieren würde? Was genau ich schreiben wolle? Und ob ich schon in Kontakt mit der Europazentrale in London sei? Diesmal stellt sie die Fragen. Ein Antwort auf meine hat sie nicht, sie rufe noch einmal an. Das macht sie zwei Stunden später. Und verweist auf die Europazentrale. Sie dürfen nichts sagen.

London wiederum mailt mir abends um halb sieben ein Statement, das wiederum nur eine Übersetzung der deutschen Erklärung ist. In welchen Ländern McDonald’s das Verbot nun aufgibt, wird daraus nicht klar. Österreich bestätigt die Ausnahme, aber was ist mit Frankreich? Nachgefragt in London, nachts um halb elf kommt eine Antwort: Frankreich genießt weiterhin eine Ausnahme und bleibt gentechnikfrei. Die jüngste Lockerung “does not currently affect McDonald’s France. McDonald’s France still uses non-GM feed for their chickens”.

Liebes Management von McDonald’s, eine solche Informationspolitik ist ärgerlich, nicht nur für Journalisten, sondern auch für die Kunden. Wenn so viel über Transparenz gesprochen wird, dann bedeutet das nun einmal auch, den Kunden zu sagen, welche Art von Landwirtschaft man unterstützt. Auch wenn McDonald’s offenbar davon ausgeht, dass es die Kunden nur am Rande interessiert, wie das Essen in Burgern und Wraps produziert wurde.

Warum Frankreich an der Gentechnik-Freiheit festhält,  darüber lässt sich erst einmal nur spekulieren. Vielleicht sieht sich McDonald’s Deutschland stärker im Preiskampf als Frankreich: Der Mindestlohn, die steigenden Energiekosten: Die Bereitschaft, für eine Tonne Gentechnik-freie Soja einen Aufschlag von etwa einem Viertel zu zahlen, ist offenbar nicht mehr da. Die französische Politik und Bevölkerung sind seit Jahren Gentechnik-kritisch eingestellt, erst vor zwei Wochen verabschiedete die Nationalversammlung ein Anbauverbot von Genmais. José Bové, der französische Gentechnikkritiker, der 1999 als Protest eine McDonald’s-Filiale zerstörte, findet als neuer Spitzenkandidat der Grünen im Europawahlkampf ebenfalls Gehör.

Macht die Straßen smarter

Von 25. April 2014 um 10:09 Uhr

Die N329 ist, so zeigt es zumindest Google Maps, eine 0815-Landstraße durch die wunderbare Pampa der Niederlande. Bislang. Denn seit einigen Tagen könnte diese Langeweile-Landstraße das Verkehrswesen revolutionieren: Auf einer Strecke von zwei Mal 500 Metern hat das niederländische Designbüro Studio Roosegaarde zusammen mit der Firma Heijmans die Randstreifen neu präpariert. Von der Straße der Zukunft schwärmt bereits das Designbüro.

Die Straße ist nun am Rand mit einer fluoreszierenden, grünen Farbe bemalt, die sich über Tag auflädt und dann in der Nacht leuchtet. So macht sie Straßenlaternen überflüssig, das spart Energie und damit Kosten. Die Idee ist schon länger in der Welt, aber nun sind tatsächlich die ersten Straßenkilometer bepinselt. Selbst die niederländische Umweltministerin kam zur Einweihung des smarten Highways vorbei. Weitere Projekte sind schon in der Pipeline. Markierungen auf der Straße könnten etwa nur auf Temperaturen reagieren. Wenn es friert, leuchten bemalte Schneeflocken als Warnzeichen auf.

© Studio Roosegaarde

© Studio Roosegaarde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was mich an der N329 fasziniert, ist die große Frage dahinter: Wer profitiert eigentlich von Innovation? Der Designer Dan Roosegaard hat dazu ganz eigene Vorstellungen. Bislang sei es so, dass nur Autos optimiert beziehungsweise nachhaltiger werden: Tesla baut HighEnd-Wagen, BMW bringt schicke Elektrowagen auf den Markt. An Autos würden wir herumschrauben, weltweit würden sich die Konzerne Gedanken über die Autos der Zukunft machen – aber die Straßen verharren designmäßig im Mittelalter. “Innovation darf nicht nur für die Elite sein, für die happy few“, sagt Roosegarde. Es gehe darum, kollektive Güter besser zu machen, also das, was wir gemeinsam nutzen oder nutzen könnten: eben Straßen, erneuerbare Energien. Mal schauen, wie das in der Realität klappt. Die N329 wird wertvolle Hinweise liefern.

Kalifornien experimentiert mit Pop-Up-Vogelschutzgebieten

Von 19. April 2014 um 09:09 Uhr

Ich habe ja einen gewissen Hang zu Crowdsourcing-Aktionen, nachdem ich mit meiner Kollegin Nadine Oberhuber mit Hilfe unserer Leser eine Recherche zu Dispozinsen gestemmt habe. Jetzt bin ich über ein ungewöhnliches Crowdsourcing-Projekt aus Kalifornien gestoßen, von dem nicht nur Landwirte, sondern auch die Natur profitieren. Die Naturschutzorganisation The Nature Conservancy hat es sich zum Ziel gesetzt, die Vogelzugstrecke Pacific Flyway wiederzubeleben. Die Strecke entlang der Westküste Amerikas ist eine der wichtigsten Flugrouten für Falken, Milane, Gänse oder Adler.

Es gibt nur ein Problem: Inzwischen gibt es kaum noch gute Landestätten für die Vögel. 95 Prozent der Feuchtgebiete, wo die Tiere üblicherweise einen Zwischenstopp einlegen, sind inzwischen verschwunden. Sie wurden für Agrarland umgebrochen, sind oder wurden ausgetrocknet. Und hier genau kommt eine App mit ins Spiel: eBird heißt sie und setzt auf die Mithilfe von Vogelliebhabern, die in den USA “Birders” genannt werden. Sie melden mit der App, wo sie gerade welche Vögel beobachten. Das Cornell Lab of Ornithology, eines der angesehensten Institute in der Vogelforschung, wertet diese Daten aus und ermittelt so, wo es noch mehr Landbedarf für die Vögel gibt.

Und dann kommt die Ökonomie mit ins Spiel. Salopp gesagt organisiert The Nature Conservancy eine “umgekehrte Auktion”. Welcher Farmer ist bereit, sein Land mit Wasser zu fluten und so den Vögeln neuen Nistraum zu bieten? Der Landwirt, der den geringsten Preis verlangt, bekommt den Zuschlag. Er erhält Geld und eröffnet im Gegenzug auf seinen Äckern ein Pop-Up-Vogelschutzgebiet.

Die Aktion kann schon erste Erfolge vermelden. Südlich von Sacramento, im Cosumnes River Preserve, fluteten Reisbauern gegen Cash ihre Felder. Mehr als 120.000 Vögel wurden daraufhin im vergangenen Dezember in der Region gesichtet – so viele wie seit Langem nicht mehr. Zurzeit werten die Wissenschaftler die Aktion aus. Im Herbst soll es weitere Pop-Up-Gebiete geben.

Gentechnik verdrängt Biobaumwolle

Von 9. April 2014 um 15:59 Uhr

Mode aus Biobaumwolle ist zu teuer? Wer das denkt, war lange nicht mehr bei C&A – und ja, ich gehöre auch dazu. Der Modekonzern hat sich der Biobaumwolle verschrieben und verkauft Textilien aus Biofasern zum gleichen Preis wie aus konventionellem Anbau. Inzwischen ist C&A der weltweit größte Einkäufer von Biobaumwolle und Anbieter von “Bioklamotten”. Wer hätte das gedacht. Der Biobaumwoll-Anteil an der gesamten Kollektion liegt bei 38 Prozent. Spätestens im Jahr 2020 will C&A komplett auf Biobaumwolle umstellen. Schließlich können Landwirte ihr Saatgut selbst produzieren, müssen keine Kredite aufnehmen, benötigen keinen Kunstdünger und erzielen auf den Märkten im Schnitt dank Prämienzahlungen höhere Preise. Auch die Böden profitieren, weil sie weniger ausgelaugt werden.

Alles wunderbar? Mitnichten, wenn man C&A glaubt. 2012 hat das Unternehmen seine Nachfrage um 78 Prozent gesteigert. Jetzt warnt das Unternehmen vor Lieferengpässen: Das Angebot von Biobaumwolle könne die Nachfrage nicht mehr decken. Allein in 2012 (aktuellere Zahlen sind noch nicht verfügbar) ging laut Textil Exchange das weltweite Biobaumwollangebot um acht Prozent zurück, während die Nachfrage weiter gestiegen ist. Landwirte, die umstellen wollen, brauchen einen langen Atem: Mindestens drei Jahre dauert es, bis ein Betrieb von konventionell auf Bio umgestellt hat. Gerade der richtige Umgang mit Dünger und die besten Anbaumethoden zu lernen ist anspruchsvoll und dauert Jahre. Viele Bauern scheuen genau diesen Aufwand.

Syrien fällt als Bio-Produzent weg

Die Knappheit hat viele Gründe. Syrien ist beispielsweise als wichtiger Lieferant aufgrund des Bürgerkriegs weggefallen. Zu Hochzeiten produzierte das Land jährlich rund 20.000 Tonnen Biobaumwolle, jetzt exportiert es überhaupt keine Biobaumwolle mehr. Dazukommen Dürren in den USA, gerade die Baumwollhochburg Texas ist von Ernteausfällen schwer getroffen.

Der wichtigste Player aber ist Indien, das inzwischen 74 Prozent der weltweiten Biobaumwolle bereitstellt. Das Land beliefert die Modekonzerne dieser Welt – doch am liebsten mit Gentechnik-Baumwolle. Der Anteil gentechnisch veränderter Baumwolle steigt dort seit Jahren, inzwischen liegt er laut Datenbank transGEN bei 92 Prozent. Das indische Textil-Fachmagazin Tecoya Trend schreibt, dass man bei der Biobaumwolle allein bis zum kommenden Jahr in Indien mit einem ein Mengeneinbruch von 50 Prozent rechne.

“Die Situation in Indien ist sehr wackelig, vor allem der Zugang zu gutem, gentechnikfreiem Saatgut ist kritisch”, warnte bereits Liesl Truscott von Textil Exchange im vergangenen Frühjahr. Das Problem ist nicht nur die Versorgung mit Saatgut, sondern eben auch die Verunreinigung von Biofeldern mit gentechnisch verändertem Material. “Das ist ein großes Risiko”, betont auch C&A. Biobauern trafen sich daher erst vergangene Woche in Indien und gründeten – mit Unterstützung von C&A – ein Gremium, dass unter indischen Bauern für die Umstellung auf Bio werben soll und an der Verbesserung von gentechnikfreiem Baumwollsaatgut. Da gibt’s noch genügend Potenzial nach oben: Biobaumwolle kommt bislang nur auf einen Marktanteil von gerade einmal ein Prozent.

Kirsten Brodde, eine Ökomode-Expertin und gern gesehene Mitautorin hier im Blog, ist sich nicht so sicher, wie clever die C&A-Warnung vor Lieferengpässen war. Wieder würde der Eindruck erweckt, dass Bio nicht aus der Nische käme und zu wenig Ertrag erwirtschafte. Das könnte die aktuellen Biobauern demotivieren.

Ich halte mal diese Statistik entgegen, die Roland Stelzner von der Biobaumwollmarke Cotonea in Eigenarbeit und etwas provisorisch erstellt hat.

Erträge von Baumwollbauern © Roland Stelzner mit Daten von ICAC

Erträge von Baumwollbauern © Roland Stelzner mit Daten von ICAC

 

 

 

 

 

 

 

 

In welchem Land erwirtschaften Baumwollbauern die höchsten Erträge je Hektar? Und siehe da: Biobaumwollbauern halten locker mit konventionellen Bauern mit. Die kleinen lokalen Biobaumwoll-Initiativen in Kirgistan und Uganda kommen fast auf einen ähnlichen Output wie die konventionellen Baumwollbauern in hochindustrialisierten Landwirtschaften wie Australien und übertrumpfen sogar die Türkei und China.

Die Energiewende passiert – im Ausland

Von 25. März 2014 um 12:55 Uhr

So viel Euphorie ist man ja beim Thema Energiewende gar nicht mehr gewohnt: Siemens investiert im großen Stil in eine Fabrik für Offshore-Windräder in Großbritannien. Sogar Premier David Cameron gratuliert: “Das ist ein riesiger Vertrauensbeweis in unsere langfristige Wirtschaftsstrategie”, sagt er. Das Projekt gebe den Familien vor Ort eine Perspektive und mache die britische Wirtschaft widerstandsfähiger. Was für ein Überschwang.

Rund 1.000 direkte Arbeitsplätze will Siemens zusammen mit einem Hafenbetreiber in Hull und einem Nachbarort an der Ostküste Großbritanniens schaffen. Rund 190 Millionen Euro investiert der Münchner Konzern. In dem Nachbarort Paull wird eine Rotorblattfabrik entstehen, in denen Siemens Sechs-Megawatt-Anlagen bauen will. Es sind die modernsten und leistungsfähigsten Windkraftanlagen auf dem Markt, allein ein Rotorblatt misst 75 Meter. Die Hafenlage ist für Siemens perfekt, schließlich sollen hier vor der Küste gleich mehrere Offshore-Windparks entstehen. In zwei Jahren soll die Produktion beginnen, 2017 soll sie komplett ausgelastet sein. Seit Jahren schon wird über das Investment verhandelt, immer wieder war auch im Gespräch, ob Siemens nicht Dänemark den Zuschlag für den Standort gibt.

Mit seiner Produktion vor Ort könne Siemens Kostenvorteile heben, sagt Energiespezialist Roland Vetter von CF Partner in London. Siemens spart sich den aufwändigen Arbeitsschritt, die Megaanlagen andernorts zu bauen und dann nach Großbritannien zu verschiffen. Zwar ist Offshore-Strom immer noch teurer als Onshore-Windkraft. “Doch Großbritannien hat Probleme, große Onshore Windanlagen zu bauen, da es viel Widerstand in der lokalen Bevölkerung gibt.” Um seine Ökostromziele zu erreichen, verstärke Großbritannien daher sein Offshore-Engagement (und seine Investitionen in Atomstrom). Allein bis 2020 sollen auf See Windräder mit einer Kapazität von 14 Gigawatt entstehen, das entspricht etwa 14 großen Atommeilern.

Die Bundesregierung sollte sich die Pressemitteilung aufmerksam durchlesen. Denn indirekt bekommt sie auch ihr Fett weg: “Wir investieren in Märkte mit verlässlichen Konditionen, die gewährleisten, dass unsere Fabriken ausgelastet sind”, schreibt Siemens da.

Glaubt man den Verbänden der deutschen Offshore-Branche, dann ist genau das in Deutschland zurzeit nicht der Fall. Die aktuellen Überarbeitungspläne zum wichtigsten Förderinstrument, dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, würden vielmehr dafür sorgen, dass es noch mehr Unsicherheiten und Investitionsstau geben wird, warnen sie in einer Stellungnahme.

Siemens Entscheidung vor allem in Großbritannien zu investieren, ist offenbar eine direkte Folge der aktuellen Verunsicherung. Zwar stand nie zur Debatte, die Fertigung an der deutschen Nordseeküste
aufzuziehen. Aber die aktuellen Debatten über Strompreisbremsen und Ökostromausnahmen sorgen bei Öko-Investoren für Unbehagen.

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Deutschland importiert Giftmüll – und zwar gerne

Von 21. März 2014 um 08:42 Uhr

Dieser Container hatte gefährliche Ladung: Gleich 20 Tonnen giftige Blei-Säurebatterien sind vergangene Woche via Schiff in Deutschland angekommen, meldet das Öko-Institut. Auf den ersten Blick habe ich, wie Sie vielleicht auch, gedacht: So what?

Der Clou ist: Eigentlich wären diese Batterien aus alten Autos und Lastwagen auf irgendwelchen illegalen Müllkippen in Ghana entsorgt worden. Die Säure wäre einfach in den Boden abgelassen worden, über dem offenen Feuer hätten Menschen versucht, noch Metalle herauszulösen. Das ist der typische Umgang mit Altbatterien in Afrika – mit all seinen fatalen, gesundheitlichen Folgen für Menschen und Umwelt.

Das Pilotprojekt “Best of two worlds “zwischen der Bundesregierung und Ghana will das ändern. Zum ersten Mal wurde der Batterieschrott in Afrika eingesammelt, sorgfältig verpackt und nach Europa, genauer: ins rheinland-pfälzische Krautscheid, zum Recycling geschafft. Sicher, man sorgt sich um Umwelt und Gesundheit in Afrika. Aber vor allem geht es auch um die wertvollen Ressourcen, die in den Plastikkästen stecken. In Deutschland hat Johnson Controls, ein großer Hersteller von Autobatterien, den Giftschrott aus Afrika umweltgerecht entsorgt – und das Blei zu fast 100 Prozent zurückgewonnen. Man könne die Batterien insgesamt zu 99 Prozent recyceln, wirbt das Unternehmen.

Am Ende soll es eine klassische Win-win-Situation sein: Afrika schont seine Umwelt, Europa gewinnt Rohstoffe. Und vor allem soll in Afrika die lokale Wirtschaft beim Einsammeln und Verschicken eingebunden sein, bislang passiert viel ja auf improvisiertem Weg. Die Idee ist, dass hochgefährliche Substanzen wie Blei und Säure am Ende in den Hightech-Industrien in Europa entsorgt werden.

Was Batterien angeht, macht das zumindest Sinn. Denn sicherlich stammt ein Großteil des Giftschrotts auch aus Europa. Gerade unsere Schrottautos sind ein beliebtes Importgut für Afrika. Jedes Jahr exportiert Deutschland laut Umweltbundesamt eine Million Autos. Der Großteil von ihnen landet zwar in der EU, aber ein Teil geht eben vor allem auch nach Afrika, wird dort ausgeschlachtet oder repariert. Wenn nun also Giftmüll-Batterien wieder in Deutschland zum Recycling landen, dann ist das eigentlich nur vor allem ein Beispiel für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft.

 

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Weniger Strom, weniger Netz, weniger Kosten

Von 19. März 2014 um 15:31 Uhr

Leider ist mir immer noch kein besseres Wort für Energieeffizienz eingefallen. Stromsparen? Hmpf! Energieeffizienz killt ja leider jegliches Leserinteresse gnadenlos (Danke, dass Sie es bis hierhin schon geschafft haben).

Die Politik agiert leider ähnlich: In Berlin und Brüssel scheint es inzwischen Usus zu sein, dass sämtliche Vorschläge zu einem effektiveren Einsatz von Energie im Papierkorb laden. Zu Unrecht, wie heute eine Studie der Agora Energiewende zeigt. Der Think Tank in Berlin ist einflussreich, der ehemalige Chef Rainer Baake ist inzwischen als Staatssekretär einer der engsten Berater von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Das Agora-Team kommt zu dem Schluss, dass Deutschland Milliarden sparen könnte, wenn es seine Energie sorgsamer einsetzt. Eine Reduktion des Stromverbrauchs um zehn bis 35 Prozent gegenüber heute, senke die Kosten im Jahr 2035 um zehn bis zwanzig Milliarden Euro. Deutschland spart Geld, weil es weniger für Öl und Gas ausgeben muss und daher weniger neue Kraftwerke braucht – egal ob fossil oder erneuerbar. Erstmals beziffert das Team auch die Effizienz in Euro: Eine eingesparte Kilowattstunde kann die Kosten des Stromsystems um elf bis 15 Cent im Jahr 2035 senken.

Spannend sind vor allem die Folgen für den Netzausbau. Denn die Kausalkette ist ja klar: Wird weniger Strom verbraucht, muss auch weniger transportiert werden – also kann man sich den Netzausbau sparen. (Das wird sicherlich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer gern hören, der ja bekanntlich gegen jeden neuen Netzmeter wettert.)

Zieht man die bisherige Energiewendepolitik weiter durch, dann benötigt Deutschland bis zum Jahr 2050 rund 8.500 Kilometern neue Leitungen im Übertragungsnetz. Je nach Einsparehrgeiz lässt sich der Bedarf mehr als halbieren, teilweise auf sogar nur 1.750 Kilometer, wenn man von einer Reduzierung des Strombedarfs um bis zu 40 Prozent in 2050 ausgeht.

Das ist natürlich ein Extremszenario. Wenn sich die Bundesregierung allein an ihr bislang selbst gesetztes Ziel hält und das Stromsparziel aus dem Energiekonzept umsetzt (zehn Prozent weniger Stromverbrauch im Jahr 2020 und 25 Prozent weniger im Jahr 2050) spart sich Deutschland im Jahr 2035 rund zwölf Milliarden Euro, im Jahr 2050 sogar 21 Milliarden Euro.

Das Problem ist nur: Gerade die EU verpasst zurzeit die Chance, das Thema auf die Agenda zu setzen und im Rahmen der neuen Energie- und Klimaziele 2020 gesetzlich verbindliche Ziele zu setzen. In den aktuellen Entwürfen sind wieder keine gesetzlich verbindlichen Ziele genannt. Die schwarz-gelbe Vorgänger-Bundesregierung hatte das Thema ebenfalls erfolgreich verbaselt, weil das damals noch FDP-geführte Wirtschaftsministerium sämtliche Ambitionen in diesem Bereich immer abgeblockt hatte. Jetzt hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) die Energieeffizienz geerbt. Sie wird vor allem auf das Thema Stromsparen im Bausektor achten, schließlich lässt sich vor allem beim Heizen in deutschen Häusern noch viel Energie einsparen.

Verrückterweise bekommt das Thema aber zurzeit eine aktuelle Brisanz. Das Krisenland Ukraine belegt in Europa einen der letzten Plätze, wenn’s um den sparsamen Einsatz von Energie geht. Hier ließen sich Milliarden sparen, wenn das System reformiert wird. Viel mehr noch als in Deutschland.

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