‹ Alle Einträge

Ach, die „Szene“

 

Ein paar mutige Hamburger übernehmen das Stadtmagazin "Szene Hamburg". Sie könnten aus der Insolvenz eine Lehre ziehen.

Als die Szene Hamburg Anfang März Insolvenz anmelden musste, verursachte das nur ein paar nüchterne Meldungen - kaum einer weinte der alten Dame hinterher. Was ein bisschen ungerecht ist. Schließlich gebührt dem Magazin, stadthistorisch gesehen, ein großes Verdienst. Seit seinem ersten Erscheinen im November 1973 hat es der Stadt einen ganz neuen Lebensbereich erschlossen.

Seinerzeit fassten die Zeitungsfeuilletons das Geschehen in den wenigen Off-Galerien, Programmkinos oder Tanzkellern nicht mal mit spitzen Fingern an.
Die Szene Hamburg war für viele, die sich nicht nur für Mainstreamkultur interessierten, überlebenswichtig.

Und sie war wild: Da war der dauerbetrunkene Gründer Klaus Heidorn, der, so erzählt man es, auch mal nur in Unterhose, aber dafür mit dem Jagdgewehr vor der Redaktion stand. Da war die Harvestehuder Redaktionsvilla mit Kanu-Anleger und eigener Köchin. Die vielen arroganten Starschreiber der Achtziger und Neunziger, für die Szene Hamburg nur ein Durchlauferhitzer war. Die meisten sind lange vergessen. Seit der zweiten Hälfte der Neunziger sind die goldenen Zeiten der Stadtmagazine Geschichte.

Seither drohte der Szene immer wieder die Insolvenz. Als ich 1998 zur Redaktion stieß, waren klamme Finanzen ein Dauerzustand. Die Konkurrenz durch die Gratisanzeigenblätter und durch die Partypostille Prinz, die den Markt überschwemmten, setzten den Qualitätsstadtmagazinen zu. Neben der Szene Hamburg schafften es nur die Kölner Stadtrevue und die Berliner Zitty und Tip, mit unabhängigem Kultur- und Szenejournalismus zu überleben.

Und sie mussten sich anpassen. Nach Heidorns Suizid im Jahre 2000 – kurz zuvor hatte er die Szene an die SPD-eigene Verlagsgesellschaft DDVG verkauft – erließ die Geschäftsführung eine neue Order: Kiffen erst nach 15 Uhr, wenn keine Anzeigenkunden mehr in den Verlagsräumen sind!

Das ließ sich machen, schwieriger wurde es, als die Verleger die redaktionelle Unabhängigkeit erodieren ließen in dem Glauben, so die sinkende Auflage und die schrumpfenden Anzeigenerlöse zu kompensieren. Plötzlich mussten die Gastrotester das Essen von Lokalen schönschreiben, die eine Anzeige im Heft schalteten.

Nachdem ein Verriss des Musicals König der Löwen erschienen war, stand die klagende Anzeigenverkaufsleiterin vor meinem Schreibtisch: »Du setzt unsere Arbeitsplätze aufs Spiel!« Die Musicalbetreiber hatten nach dem Verriss sämtliche Anzeigen storniert.

2004 stieß die DDVG ihre Anteile eilig ab: Die Szene Hamburg wurde für die SPD-Verlagsgesellschaft zur »Skandalfirma« (Focus), nachdem bekannt geworden war, dass der Verlag über Jahre hinweg seine Auflagenzahlen geschönt hatte. Auch damals stand das Blatt wieder kurz vor der Pleite. Eine Consulting-Firma übernahm das Ruder, setzte einmal mehr die Sparschraube an, schließlich übernahm der Verleger Gerhard Fiedler, der bis dato ein Viertel der Anteile besessen hatte, den gesamten Verlag.

Weniger Mitarbeiter, Redakteure durch Volontäre ersetzen, Praktikanten Artikel schreiben lassen: Das waren die Maßnahmen, mit denen man die wirtschaftliche Gesundung herbeisparen wollte. Sogar die Schlussredakteure glaubte man irgendwann nicht mehr zu brauchen.

Es hat nicht viel genützt. Trotz des Spardiktats hat sich die Szene Hamburg nur sehr mühselig über Wasser gehalten - mit einer zuletzt nur noch vierstelligen Auflage und einem notorisch unterbezahlten, überbeschäftigten und immer weiter zusammengeschrumpften Redaktionsteam.

Dass sich die Szene Hamburg in den letzten Jahren trotzdem noch einen kritisch-journalistischen Kern bewahrte, ist ein kleines Wunder. Und auch, dass es – wie man inzwischen weiß – die Szene Hamburg nach der Pleite weiter geben wird: Ein paar offensichtlich wagemutige Hamburger mit Geld haben die Namensrechte gekauft. Die Aprilausgabe gibt schon der neue Verlag heraus. Dessen Geschäftsführer ist gleichzeitig Chef einer Baufirma. Klingt ein bisschen schal, andererseits: Warum nicht? Vielleicht sind es eben nicht die Verlagsmanager der Neunziger, die einem maroden Stadtmagazin neues Leben einhauchen können. Vielleicht tut ein wenig Branchenfremdheit ganz gut.

Vielleicht ziehen die neuen Verleger aus der Insolvenz der Szene sogar die richtige Lehre: Wer journalistische Produkte verkaufen will, sollte nicht versuchen, den Journalismus durch Dienstleistungen für Anzeigenkunden oder durch bloßen Programmdaten-Service zu ersetzen. Wer braucht noch eine gedruckte Ansammlung von Veranstaltungsinformationen in einer Zeit, da jeder via Smartphone sein maßgeschneidertes urbanes Infopaket herbeifacebooken, twittern und googeln kann?

Christoph Twickel war von 2000 bis 2003 "Szene Hamburg"-Chefredakteur. Außerdem werden die Veranstaltungshinweise für Hamburg auf ZEIT ONLINE von Kollegen der "Szene" verfasst.

1 Kommentar


  1. Ich bin langjähriger Abonnent der Szene und war einer derjenigen, die wieder einen gedruckten Veranstaltungskalender im Heft haben wollten.
    Vergesst die jungen Hipster. Die stellen sich ihr Wochenende tatsächlich mit dem Smartphone zusammen. Die geburtenstarken Jahrgänge sind aber die um 1964. Da sieht das noch anders aus. Auf die muss sich die Szene einstellen.
    Aber Szene und Baufirma? Die stärke der Szene lag gerade bei der kritischen und fundierten Berichterstattung zur Stadtentwicklung. Hoffentlich bleibt das so.