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St. Pauli Gegengerade

Bloß nicht tiefstapeln

 

Warum kapitulieren vor dem großen Geld? Im Gegensatz zum Geschäftsführer hat die Mannschaft des FC St. Pauli erkannt, wozu sie fähig ist.


Vor dem Spiel gegen Spitzenreiter Leipzig hatte Fred den Klassenkampf ausgerufen. "Heute knüppeln wir das Kapital", hatte er mir in einer SMS geschrieben. Und dahinter noch ein paar revolutionäre Sätze gegen einen Energiebrausenhersteller vermerkt, dessen Name mir entfallen ist.

Manchmal ist Fred sehr berechenbar in seinem etwas stereotypen Denken. Vor allem, wenn er Oberwasser hat. In der Vorwoche (Spiel gegen Fürth) hatte er mit seinem Tipp immerhin recht behalten. Nun prophezeite er einen 1:0-Sieg gegen Leipzig. "Die Serie wird Bestand haben", sagte er noch, bevor wir uns auf die Gegengerade stellten, Höhe Sechzehner, und die Stunde vor dem Spiel mit Vorglühen hinter uns brachten.

Die Serie hat Bestand – wie wir inzwischen wissen. Wieder 1:0 gegen Leipzig, zum dritten Mal hintereinander. "Wir sind", sagte Fred nach dem Spiel mit analytischer Arroganz, "der Angstgegner des Kapitals." Danach feierten wir den Sieg überschwänglich. Was viel Kapital kostete. Vor allem mich. Denn Fred brauchte in dieser langen Nacht einen zahlungskräftigen Sponsor, der ihm die vielen Energydrinks (Marke Astra) spendierte.

Fred verzeihe ich sein antiquiertes Klassenkampf-Gedöns gerne. Das bisschen Folklore sei ihm gegönnt. Erstaunlicher fand ich, dass unser eigener Geschäftsführer am Wochenende nach dem Sieg mit inhaltlich verwandtem Vokabular darüber räsonierte, warum wir eben gerade nicht in die erste Liga gehörten: wegen des fehlenden Kapitals. Weil wir keine Kohle hätten, seien wir nicht reif für die erste Liga.

Diese Gedanken, dem NDR ins Mikro gesprochen, haben mich entsetzt. Da sagt mein Freund Fred zielsicher Siege gegen die Kohle voraus – und quasi als Antwort unkt die Teppichetage des Vereins Phrasen heraus, in denen sie uns die Erstligatauglichkeit abspricht. Zwei grundsätzliche Einstellungen stehen sich da gegenüber. Fred sieht keinen Grund, warum wir gegen das Kapital verlieren sollten (und behält recht!). Währenddessen erklärt der Geschäftsführer unser kohlenloses Dasein zum Hinderungsgrund, gegen Kohle bestehen zu können: Kein Kapital, keine erste Liga.

Mich ärgert diese Tiefstapelei. Erstens, weil die Einschätzungen längst nicht mehr stimmen: Wir sind schuldenfrei, längst nicht mehr das Armenhaus der Liga, wir haben ein permanent mit knapp 30.000 Zuschauern gefülltes Stadion (fast doppelt so viele wie Erstligist Darmstadt 98), und die Merchandising-Einnahmen gehören wieder uns.

Zweitens geben wir die Antwort auf dem Platz. Zum Beispiel Philipp Ziereis. Der Innenverteidiger von uns angeblich armen Schweinen spielte am Freitagabend mit provozierender Souveränität. Der 22-Jährige bekam es mehrmals mit dem Großverdiener namens Yussuf Yurary Poulsen zu tun. Poulsen ist einer der besten Stürmer der Liga und Nationalspieler Dänemarks. Wenigverdiener Ziereis kapitulierte nicht vor dem fußballerischen Kapital des Gegners. Aufdringlich und seelenruhig lief er neben ihm her und grätschte in den richtigen Momenten mit seinen penetrant langen Gräten den Ball weg. Höchst unaufgeregt, großartig!

Allein wer diesen Auftritt gesehen hat, weiß: Wir sind reif. Auch wenn sich das in der Geschäftsführung nicht rumgesprochen hat.

2 Kommentare

  1.   Bob

    Das Torverhältnis ist aber im Vergleich mit den Mitbewerbern um den Aufstieg noch zu schlecht. Da sind 1:0 Erfolge und die Freude an penetrant langen Gräten, die den Ball weg, aber nicht reingrätschen, möglicherweise mitschuldig, wenn’s am Ende doch nichts wird mit der ersten Liga.


  2. „Wenigverdiener Ziereis kapitulierte nicht vor dem fußballerischen Kapital des Gegners.“ … und wird bei der Leistung bald ein Grpßer und damit auch Großverdiener. Nuer eben woanders. Nicht bei St. Pauli. Das sind die Regeln des galoppierenden Fußballkapitalismus. Eine runde erste Liga halte ich aber aus kaufmännischen Gründen dennoch für anstrebenswert. ;)