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D´Angelo

Revoluzzer mit Schlafzimmerblick

 

Rhythmus, Phrasierung, Sexyness: Der US-amerikanische R&B-Sänger D'Angelo erfüllt bei seinem Hamburg-Konzert im Docks alle Erwartungen.

Wer den amerikanischen R&B-Künstler D'Angelo im Juli 2000 in der Großen Freiheit 36 sah, damals der einzige Deutschlandauftritt, gehört zu einem imaginären inner circle und wahrt dies wie eine Auszeichnung. Nach Veröffentlichung von Voodoo, seinem zweiten Album, brachte er verschleppte Soul-Jams mit knackendem Rimshot-Beat in einer Präzision auf die Bühne, die man bis dahin nie gesehen hatte.

"Lord, keep me away from temptation", heißt es jetzt in The Prayer, dem Intro-Stück des zweiten Konzerts in Hamburg, fünfzehn Jahre später. Der 1974 geborene Pastorensohn Michael Eugene Archer aus Virginia, genannt D'Angelo, ein Musikgenie, das mit drei Jahren auf dem Klavier improvisierte, weiß, wovon er singt. Nach Voodoo und dem Hit Untitled (How Does It Feel?) ist er klassisch abgestürzt – alles, was dazugehört. Aber wen interessiert's? Fast fünfzehn Jahre später mit einer so brillanten Platte wie Black Messiah zurückzukommen, beantwortet doch alle Fragen.

Die Umsetzung auf der Bühne ist phänomenal. Derart gute Soul- und R&B-Bands sieht man hierzulande einfach viel zu selten. Erykah Badu und der Rapper Common kamen vor einigen Jahren mit Bands von ähnlichem Kaliber. The Roots um den Drummer Questlove, der auch an Black Messiah beteiligt ist, spielen live ebenfalls in derselben Liga. Acht Musiker, darunter drei großartige Backgroundsänger, schlafwandeln sich im Docks durch die seit Wochen unveränderte Setlist. Darunter einige Schwergewichte wie Jesse Johnson, Chris "Daddy" Dave und Pino Palladino, der einzige Weiße.

Johnson war einst Gitarrist der legendären 1980er-Funk-Band The Time aus dem Prince-Umfeld. Dave trommelte schon für Adele und Meshell Ndegeocello. Die Liste des 57-jährigen Walisers Palladino, der als Bassist von Paul Young für seinen singenden, bundlosen Bass berühmt war, ist endlos. Als Vollprofi lieferte er tatsächlich auch für Chris de Burgh, Eros Ramazzotti und Wolf Maahn ab. Und Palladinos präzises, flüssiges Spiel gehörte bereits zu den Markenzeichen von Voodoo: Die irrwitzige Figur im Outro-Jam des Songs Chicken Grease, angelehnt an James Brown und dessen Bassisten Bootsy Collins, verzückte selbst Kenner.

Bei D'Angelo geht alles um Rhythmus, Timing und Phrasierung. Und ums Weglassen. Die unvermittelten Pausen im Beat oder im Bassschema schieben den Groove erst richtig an. Und gerade bei langsamen Songs wie Really Love – der zweite Gitarrist Isaiah Sharkey zupft dazu spanische Gitarre – haben die Musiker eine diebische Freude an dem Wettstreit, wer am weitesten hinter dem Beat liegt. Das ist dann zäh wie Kaugummi und unglaublich sexy. D'Angelo selbst hat ein so einmaliges Gespür für Wortrhythmen, das selbst das gebetsmühlenartig wiederholte "Come on Hamburg, clap your hands" an Coolness nicht zu übertreffen ist.

Da steht er also in Lederjacke und einem zum Stirnband um die zotteligen Haare geknoteten Halstuch in der Mitte der Bühne, Chicano-Style, wie ein freundlicher Gangster, ein Revoluzzer mit Schlafzimmerblick, und singt im lupenreinen Curtis-Mayfield-Falsett. D'Angelos 2000er-Superbody mit steinharten Bauchmuskeln ist einer massig-muskulösen Schmusebärfigur gewichen, er hat inzwischen auch mal ein Stück Kuchen gegessen. Das stattliche Bäuchlein hält das weibliche Publikum aber nicht ab von spitzen Schreien und Wonnejauchzen – er hat's einfach. Die Soul-Legende Curtis Mayfield übrigens, eins seiner Vorbilder, stand vor genau 25 Jahren an selber Stelle, er gab 1990 im Docks sein letztes Konzert in Hamburg.

Bei Untitled (How Does It Feel?), der letzten Zugabe nach über zwei Stunden, fällt das Backing mit gesampelten Beats und Handclaps aus. D'Angelo stoppt die Band, sie setzt neu an und spielt jetzt frei. Das Publikum klatscht den Soul-Walzertakt zur langen Verabschiedung der einzelnen Musiker. Ein magisches, spirituelles Ende. Obwohl es nasskalt ist, stehen viele beglückte Zuschauer noch lange vor dem Docks beisammen. Man möchte den Ort, der an diesem Abend so besonders war, nicht verlassen.

3 Kommentare

  1.   Henning Mangels

    Ja, es stimmt. Es war wie vor 15 Jahren in der Freiheit !

  2.   Michael Kistenmacher

    Sensationeller Abend, wenngleich dürftiger Sound auf der Gallerie des „Docks“ – Hamburgs dreckigster Laden, wenn es um Konzerte geht. Das hielt aber die versammelte Musik-Prominenz in Gestalt von Smudo, Dendemann, Samy Deluxe und Herrn Kozella nicht ab, ordentlich mitzufeiern – ähnlich legendär wie dieses Konzert war nur „Lovesexy“ ’88 am Millerntor!


  3. .. genau an das Konzert (Lovesexy ’88 am Millerntor) habe ich auch gedacht! Und zwar sowohl vor 15 Jahren in der grossen Freiheit (bin damals extra aus Berlin angereist) als auch dieses Mal. Ganz andere Art Show, ganz anderes Setup, aber die Perfektion, Sexyness und Energie (und natürlich einige Songs) waren irgendwie artverwandt.
    Nur schade dass es im Docks war (was für ein mieser Laden, hat sich nichts geändert), ich war 10 Tage zuvor beim gleichen Konzert in der Columbiahalle in Berlin und da waren Sound, Luft und Sicht wesentlich besser.
    Zum Artikel: sehr gut wiedergegeben, am Ende versagte aber nicht der Backing Track (ein Backing-Track wäre bei dem Timing des Songs auch gar nicht möglich), sondern ein Techniker vom Docks fummelte bei dem leisen Anfang von „How does it feel“ an dem Anschluss der Bassgitarre herum, so dass es ständig knackste und die Band dann abbrechen musste. Übrigens bilde ich mir ein, dass man dann erst den Bass ordentlich hören konnte, davor war es nur Gebrumme.