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Ronald Schill

Das doppelte Opfer

 

Hamburgs Ex-Innensenator Ronald Schill zieht ins Nudisten-Camp von RTL. Von seiner Bloßstellung profitieren viele – und das nicht erst seit diesem Jahr.

Psychoanalyse und Kapitalismus berühren sich auch in dieser Sache an einem verstörenden Punkt. Gemäß der Idee, dass das Verdrängte wiederkehrt, zirkulieren die immer gleichen Prominenten durch die Verwertungskanäle der Medien.

Man wird die peinlichen Figuren des Boulevards nicht los, im Gegenteil: Der Boulevard – die härtere, auf schnelle Triebabfuhr (Häme, Neid, Gier, Angst) des Lesers zielende Machart jedenfalls – ist letztlich genau dieses Ensemble der sozial Deprivierten, an der sich der Bourgeois das konformistische Mütchen kühlt.

In diesem Sinne muss auch die Karriere von Ronald Schill bewertet werden. Der ehemalige Hamburger Innensenator hat sich nach dem politischen Scheitern als Akteur des Reality-Fernsehens bewährt. Er zog in den Big Brother-Container ein und profilierte sich dort als Sprücheklopfer mit Hang zum Nudismus. Nun wird vermeldet: Schill gehört ab Herbst zur Darstellerriege der RTL-Kuppelshow Adam sucht Eva. Die Idee der Sendung muss man sich als eine Mischung aus Tinder und FKK-Bad denken.

Die Versuchung ist groß, den Mann als unausgesetzten Nutznießer seines Nimbus zu deuten, einen obszönen Ausschlachter jener Rolle, die ihm ein bürgerliches Gemeinwesen zudachte und die er in einer Weise pervertierte, die nicht wenigen Hamburger Konservativen bis heute peinlich ist.

Doch Schill ist ebenso wenig der selbstbewusste Agent der medialen Schmiere, wie er der Protagonist einer populistischen Revolte war. Im Gegenteil: Wenn Schill, wie es nun heißt, im Fernsehen »blankzieht« (Bild- Zeitung), wiederholt sich auf Unterhaltungsebene, was sich im politischen Feld schon einmal vollzog: die Instrumentalisierung eines talentierten Strebers im Sinne bestimmter Interessen. 2001 wurde Schill gebraucht, um die SPD als ewige Regierungspartei zu schleifen. Die CDU suchte händeringend nach einem Agitprop-tauglichen Bündnispartner, und »Richter Gnadenlos« ( Morgenpost ) kam dem entsprechend motivierten Boulevard gerade recht.

Der Mann war eigentlich nur ein mittelguter Richter gewesen und durch ein paar markante Urteile aufgefallen – die Gestalt des Erneuerers von rechts gab ihm jene Presse, die wusste, dass eine schwarz-gelbe Opposition sich erst mittels populistischer Infusionen zum relevanten Gegner der Genossen aufrichten lassen würde. Als dies erreicht war, ließ man ihn fallen. Seine Eskapaden (Kokain, Waffenfetisch) spielten dem Kalkül in die Hände.

Das zu erwartende Dokusoap-Theater mit Schill als Nackedei ist also keine weitere Stufe der persönlichen Zerrüttung, es ist die Neuauflage desselben Stücks. Wieder wird das narzisstische Subjekt überfordert und deklassiert. Achtung: Die Zuschauer waren damals wie heute wir.

2 Kommentare

  1.   Perspektive

    Das gibt uns eine Perspektive darauf, was Backmann und Petry in 20 Jahren machen :D

  2.   senza parole

    „Der Mann war eigentlich nur ein mittelguter Richter gewesen und durch ein paar markante Urteile aufgefallen“.

    Wer jemanden , der ein Auto zerkratzt für über ein Jahr ins Gefängnis schicken will, ist kein mittelguter Richter. Der ist ein Idiot.