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Flüchtlingsunterkunft

„Vor der Berzeliusstraße muss man heute keine Angst haben“

 

Hamburg plant in der Billstedter Berzeliusstraße eine Flüchtlingsunterkunft. Die Anwohner sorgen sich: Schon einmal lebten dort Menschen unter katastrophalen Zuständen.

Mit einem Sofortprogramm will der Hamburger Senat verhindern, dass Flüchtlinge im Winter in Zelten untergebracht werden müssen. In Billstedt sorgt man sich nun wegen einer geplanten neuen Flüchtlingsunterkunft in der Berzeliusstraße – eine öffentliche Unterbringung an der gleichen Stelle war 2002 wegen der katastrophalen Lebensbedingungen dort abgerissen geworden. Einer, der damals dabei war, ist Lothar Knode, Bezirksabgeordneter der Grünen in Hamburg-Mitte. Von 1979 bis 1988 war er Sozialarbeiter in der Berzeliusstraße. Er erklärt, was heute anders gemacht werden muss.

Frage: Herr Knode, in der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Berzeliusstraße sollen 650 Menschen untergebracht werden. Welche Dimensionen hatte die alte Unterkunft?

Lothar Knode: Die Unterkunft in der Berzeliusstraße wurde bereits Ende der fünfziger Jahre konzipiert und 1962 fertiggestellt. Zunächst wurde die Einrichtung als Obdachlosenunterkunft für Familien genutzt, um dort die Opfer der Flutkatastrophe aus Wilhelmsburg vorübergehend unterzubringen. Danach wurde sie die größte Einrichtung für obdachlose Familien in Hamburg.

Hier wurden Menschen untergebracht, die entweder ihre Mieten nicht zahlten oder ihre Wohnungen wegen Lärmbelästigung, Vermüllung, Konflikten mit Nachbarn oder anderen Gründen verloren haben. Zeitweilig haben dort 1.500 Personen gewohnt. Darunter waren Haftentlassene und Asylbewerber aus anderen Bundesländern, es war praktisch ein Dorf mitten im Industriegebiet.

Frage: Der Senat spricht zwar von einer Notlage, dennoch ist die geplante Unterbringung heute deutlich kleiner als damals.

Knode: Wir hatten früher für die Versorgung der Flüchtlinge und Obdachlosen das Amt für Heime. Das war als Bestandteil der Sozialbehörde verantwortlich für die Unterbringung. Die haben es geschafft, dass in den neunziger Jahren 22.000 Menschen in Hamburg untergebracht werden konnten. Es gab damals mehr Einrichtungen als heute. 10.000 Plätze für wohnungslose Menschen hatte Hamburg bis ungefähr 2002 dauerhaft verfügbar gemacht.

Diese wurden aber nach dem Schengen-Abkommen abgebaut, weil kaum noch Asylbewerber direkt nach Deutschland kamen. Außerdem war der Wohnraummarkt entspannter. Deswegen ging die Stadt auf 4.000 bis 5.000 Plätze herunter, das rächt sich jetzt natürlich. Aus diesem Grund werden nun wieder schnell neue Einrichtungen geschaffen. Aber wir erreichen lange nicht die Zahlen wie Anfang der 1990er.

Frage: In Billstedt hat die Berzeliusstraße keinen guten Ruf. Was hat die damalige Einrichtung von anderen unterschieden?

Knode: Die Wohnunterkunft wurde extra dafür geschaffen, um Menschen abzuschrecken. Wir hatten etwa zehn Einrichtungen für Familien in Hamburg und die Berzeliusstraße war die Endstation – hier kamen alle hin, bei denen Besserung nicht in Aussicht war. Ende der siebziger Jahre wurde am Billstieg, keine hundert Meter entfernt, eine weitere Unterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Diese gibt es auch heute noch. Hinzu kommt, dass in der Parallelstraße eine große Unterkunft für Männer ist. Es sind also drei Einrichtungen, die sich in Billbrook konzentrierten.

Frage: Wie waren die Lebensbedingungen in der Berzeliusstraße?

Knode: Weil die Berzeliusstraße europaweit eines der größten Elendsquartiere war, liefen schon jahrelang Bestrebungen, die Unterkünfte zu verkleinern oder abzuschaffen. Ende der neunziger Jahre gab es dazu die ersten Konzepte und 2002 wurde der gesamte Komplex abgerissen. Es gab verschiedene Blöcke in der Berzeliusstraße. In manchen lebten Menschen schon in der fünften Generation. Die Wohnungen unterschieden sich extrem. Da gab es Wohnungen, die total sauber waren oder eben auch das andere Extrem: Wo Menschen nur noch vor sich hin vegetierten. Da konnte man nur mit Gummistiefeln in die Häuser, weil Jauche in den Fluren stand. Das kann ich nicht beschreiben, dort sind die Leute auch reihenweise gestorben. Da war wirklich Endstation.

Frage: Und das alles hat man in Billstedt mitbekommen?

Knode: Die Billstedter sind dort gar nicht hingegangen. Die meisten Geschichten sind Hörensagen gewesen oder stammten aus der Presse. Wer Ahnung hatte, das waren die Sozialdienste, die dort zeitweilig als Unterstützer eingestellt waren.

Frage: Trotzdem haben die Menschen heute Bedenken wegen der neuen Planungen.

Knode: Die Menschen in Billstedt brauchen heutzutage keine Angst zu haben. Die Berzeliusstraße ist viel zu weit weg, da werden die Grundstückswerte nicht geringer. Auch wird erfahrungsgemäß die Kriminalität nicht nennenswert zunehmen. Ich mache mir viel mehr Sorgen um die Menschen, die in die neue Unterkunft kommen. Die werden mitten im Industriegebiet sein. Die Unterkunft hat eine ganz schlechte verkehrstechnische Anbindung und die Belastung der Umwelt durch Abgase ist hoch.

Eine weitere große Sorge von mir ist, dass der Betreiber "Fördern und Wohnen" nicht mehr genügend qualifizierte und erfahrene Mitarbeiter hat. Jede Woche werden zehn neue Leute eingestellt, die keine Ahnung haben. Die sind der Gesamtsituation nicht gewachsen. Ein Mitarbeiter kann höchsten 150 Personen persönlich kennen. Danach wird es anonym. Bei 650 einquartieren Menschen kann kein Mitarbeiter mehr den Überblick behalten, wer hier eigentlich wohnt.

Frage: Also wäre es besser, hier keine Flüchtlinge unterzubringen?

Knode: Vielleicht gibt es auf die Schnelle gar keine Alternative. Die einzige Erwartung, die ich habe, ist, dass man sich ganz klar von der Unterkunft am Billstieg nebenan abgrenzt. Dass die Menschen dort mit der Berzeliusstraße so wenig Kontakt wie möglich haben, um Konflikte zwischen ihnen und den Neuankömmlingen zu verhindern. Das erfahrenste Personal von "Fördern und Wohnen" sollte in der Berzeliusstraße beschäftigt werden und keine neuen Leute. Zudem braucht man eine Busverbindung nach Billstedt zum Einkaufszentrum, damit die Menschen einkaufen können.

Frage: Wie geht man als Politiker mit den Ängsten der Billstedter um?

Knode: Es müssen vorab runde Tische eingerichtet werden, die die Anwohner informieren und miteinbeziehen. Außerdem brauchen wir einen runden Tisch, der die Sozialdienste zusammenbringt, etwa mit Menschen, die Erfahrung im Umgang mit traumatisierten Personen haben. Es sollten auch die Angehörigen der Billstedter Kirche mit an den Tisch, die sich bereits um Flüchtlinge im Stadtteil kümmern.

3 Kommentare

  1.   Sepp Gomulka

    „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“

    W. Ulbricht, 1961


  2. Billstedt wird als Mülleimer der Stadt missbraucht, hier kommt alles rein, was woanders unerwünscht ist. So breitet sich natürlich auch schleichend das Rotlicht aus. Da hier besonders viele Kinder leben, kann man das nur als Verbrechen bezeichnen.
    Natürlich wird auch die Infrastruktur überdehnt. Kita, Schule usw….
    Zusätzlich führt es zur Ausblutung der Geschäftswelt, wenn ein extrem hoher Anteil der Einwohner kein normales Einkommen hat, sondern nur über Transfergeld verfügt.
    Wilhelmsburg war der erste Stadtteil, den man dadurch zum Kippen brachte (schon vor 20 Jahren musste Karstadt wieder schließen, weil Ware nicht gekauft, sondern geklaut wurde. Es war ein Trauerspiel.)
    Billstedt ist auch schon länger auf diesem Wege.

    Danke SPD.

  3.   strumpfschnepfe

    ich bin da neulich mal mit dem fahrrad hingefahren und habe mich in dem zoogehege-artigen gang richtung billstieg verheddert (also hier „keinen kontakt“ zu haben, wie stellt man sich das bitte vor, wenn der gang direkt vor dem haus am billstieg rauskommt??? ausserdem sind das die einzigen nachbarn ÜBERHAUPT, also…
    naja, für mich als industrieliebende touristin… ich finde die häuser relativ nett, und der viele sand drumherum, sieht alles bis jetzt noch ganz beschaulich aus.
    aber das täuscht natürlich: es ist sehr eng, die zimmer sind karg und neonbeleuchtet,
    und ja: einkaufen: HAHA! und der bus, den es dann „geben muss“, wird der wohl umsonst sein? wohl kaum, oder?
    und das schlimmste ist: also jeder stadtteil hat ja seine engagierten anwohner, die total viel tun und versuchen und sammeln für „ihre“ flüchtlicne, was wird aber mit diesen hier, da gibt es ja fast keine anwohner, es gibt auch nichts in unmittelbarer umgebung, wo man mit den leuten hingehen könnte (naja, im sommer immerhin der badesee).
    ich meine, da ist einfach NICHTS!