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Mittendrin

Die Esso-Häuser sind unwichtig!

 

Die Esso-Häuser: marode, graue Blöcke am Hamburger Spielbudenplatz. Sie hatten ihre besten Jahre schon lange hinter sich, bevor die Bayerische Hausbau das Ensemble 2009 kaufte. Über Jahrzehnte hat sich kaum jemand um die Gebäude auf St. Pauli gekümmert – schon gar nicht die Eigentümer. Wenn man ehrlich ist, interessiert sich auch heute niemand für die Esso-Häuser. Die Gebäude sind mir und vielen anderen vollkommen egal.

Das Ensemble schien nie für die Ewigkeit gedacht gewesen zu sein: Die Blöcke aus den 1960er Jahren sollten schnell günstigen Wohnraum liefern, der dringend benötigt wurde. Gegen das geltende Baurecht haben die Häuser daher schon seit ihrer Fertigstellung verstoßen. Wirklich instand gehalten wurden die Wohnhäuser und Gewerberäume dann auch nicht. Langsam aber sicher ist das Ensemble verfallen, große Proteste dagegen gab es nicht. Erst 2009 mit dem Verkauf der Häuser an die Bayerische Hausbau regt sich Widerstand. Die Bayern machen von Anfang an klar: Die Häuser werden abgerissen!

In kurzer Zeit bildet sich eine Initiative, die sich gegen den Abriss ausspricht. Immer wieder gibt es Proteste, auch die Politik wird aktiv. Dachte man anfangs noch, die Häuser würden in kürzester Zeit verschwinden, ist bald klar, dass es ein langer Prozess wird.

Der Abriss wird verzögert und nicht nur die Proteste gehen weiter, sondern auch der Verfall der Häuser. Der neue Eigentümer tut nur das Notwendigste zum Erhalt der Gebäude. 2012 müssen die Balkone wegen Einsturzgefahr gesperrt werden, 2013 zeigt ein Gutachten, dass die Tiefgarage schwere Schäden aufweist – auf Notanordnung der Stadt müssen Stützpfeiler aufgestellt werden. Doch das Gutachten zeigt noch mehr: Die Häuser sind nach jahrzehntelanger Vernachlässigung am Ende, der Auszug der Mieter wird für Mitte 2014 geplant. Doch soweit kommt es nicht: Im Dezember müssen die Esso-Häuser wegen akuter Einsturzgefahr evakuiert werden. Am Ende bekommt die Bayerische Hausbau was sie gewollt hat. Die Esso-Häuser werden abgerissen.

Wer jetzt glaubt, dass die Proteste mit dem Verschwinden der Gebäude enden, der irrt. Die Esso-Häuser sind unwichtig. Es geht um die Menschen, die hier gelebt haben, und um viele andere, die in Hamburg von einer bedenklichen Entwicklung bedroht sind. Mit dem Auto müssen wir regelmäßig zum TÜV, ist etwas kaputt, wird man zur Verantwortung gezogen und muss den Schaden reparieren. Mit Gebäuden ist das anders. Erst wenn es schon fast zu spät ist und Einsturzgefahr besteht, können die Behörden aktiv gegen Eigentümer werden. So mancher Hausbesitzer schlägt daraus Kapital: Wohnungen stehen leer, Gebäude verrotten und werden so lange vernachlässigt, bis ein Abriss unausweichlich ist.

Ein Neubau ist dann oft gleich mehrfach profitabel: Förderungen vom Staat, höhere Mieten und geringere Energiekosten belohnen die, die mit dem Zuhause von Menschen umgehen, als sei es eine Kapitalanlage auf der Bank. Dagegen werden sich die Menschen auch weiter wehren. Es geht nicht um einzelne Gebäude, sondern um ein Gesamtproblem: Bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper, Wohnungen werden als Ware gesehen, ohne zu verstehen, dass dahinter das Leben von Menschen steht. Die Proteste werden weiter gehen. Nicht für den Erhalt von ein paar Gebäuden, sondern für das Recht auf Wohnen für alle.

16 Kommentare


  1. … „Eigentum verpflichtet“. Da es einerseits das Verschulden des Eigentümers ist und andererseits bezahlbarer Wohnraum vorhanden sein muß, müßte nach meinem Gerechtigkeitssinn der Eigentümer verpflichtet werden, an gleicher Stelle ein Wohngebäude zu errichten, mit bezahlbaren Wohnungen. Also auch für die Klein- und Kleinstverdiener.

  2.   Peter

    Ehe Sie andere verpflichten wollen, Sie billig mit was auch immer zu versorgen, investieren Sie doch mal selbst und stellen anderen günstigen Wohnraum zur Verfügung. Nur zu, oder ist das vom bemühten Gerechtigkeitssinn nicht mit erfasst?

  3.   Krukks

    Vor 25 Jahren waren das schon Löcher – schon von Baubeginn an waren die Mist und Dreck – einfach Pfusch. Selbst die Wohnungen über der Großen Freiheit sind besser gebaut. Darum ist an dem Gebäude so schwer argumentieren. Auch wenn es nicht Spekulationsgebiet wäre, würde man die Gebäude abreissen

    Und was Verdrängung angeht: Habe lange dort gewohnt, meine bessere Hälfte ist in St Pauli geboren und um die Wahrheit zu sagen: Die Künstler, Lehrer und Journalisten gab es auch nicht immer. Die sind irgendwann nach 1985 gekommen und die haben andere verdrängt wie in Ottensen.
    Fanden sie damals okay, haben auch nicht gefragt wo die alten Einwohner geblieben sind. Jetzt kommt die nächste Welle. mit noch mehr Kohle und nicht nur einem regelmässigen Einkommen sondern richtig Geld und verdrängt sie

    Das macht die Sache nicht besser – ist aber trotzdem so

  4.   ödniss

    gefällt mir, weil es so ist, wie es ist.

  5.   Opa1900

    „Ihr Abriss steht für ein Hamburger Gesamtproblem: Wohnraum wird zu einer Ware“

    Wohnraum war immer eine Ware und ist es heute noch. Woher kommt die Idee, dass es jemals anders war? Gut, es gab mal eine Zeit, als der Sozialstaat massiv staatlichen Wohnraum schuf. Erfolgreich war das aber nicht.


  6. bringt es auf den Punkt.


  7. Wahrscheinlich sind die Zeiten des sozialen Wohnungsbaus vorbei. In den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden noch riesige Programme aufgelegt, um günstigen Wohnraum für alle zu schaffen. Genossenschaftsgründungen blühten auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekleckerten sich sowohl BRD als auch die DDR nicht mit Ruhm als die typisierten Standardwohnbauten – wir nennen das WOhnscheiben, Plattenbauten, Arbeiterschuhschachteln, Wohnklos – geschaffen wurden. Jetzt werden planlos Fördergelder an Privatinvestoren verschenkt, die den Wohnraum wirklich zur Ware machen. Langsam wird es wieder Zeit über ein kommunales Wohnbauprogramm nachzudenken und umzusetzen.

  8.   Mike M.

    Gerade bei Gebäuden ohne kunsthist. Wert. Sonst sieht es irgendwann so aus, wie in der DDR. Auch ein Autofahrer hat die Wahl, ob der nach durchgefallenem TÜV repariert oder einen neuen Wagen kauft. Der Vergleich hinkt.


  9. nie verstanden — hässliche Teile!!!


  10. Der Markt funktioniert. Auch für Wohnungen. Deshalb funktionieren Mietpreisbremsen nicht. Billigwohnungen liefert der Markt nicht, Wohngeld ist zu teuer, also muss der Staat die Wohnungen liefern, genau wie Schulen, Straßen, Schienen, Abwasserrohre. Marktwirtschaft ist eine feine Sache, außer in Monopolsituationen und bei unelastischer Nachfrage.