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Gegengerade

Die Stabilitätsformel

 

Der FC St. Pauli gewinnt fast jedes Spiel, wenn er den Gegner spielen lässt. Gegen Duisburg spielte ein robuster Youngster aus einem fremden Land eine zentrale Rolle.


Mein Gegengerade-Kumpel Fred war zum Auswärtsspiel nach Duisburg gereist, und als er beim Telefonieren aus dem Gästeblock heraus wegen des bombastischen Lärms, den unsere Ultras wie üblich in fremden Gefilden produzierten, keine einzige meiner Antworten verstehen konnte, da legte er wieder auf und ballerte mich stattdessen mit SMS zu. Offenbar hat Fred niemanden zum Reden, dachte ich. Erst später sollte ich verstehen, warum er dranghaft mit mir kommunizieren musste. In seiner ersten Nachricht wurde das nicht so richtig klar: "Im Keller mit Keller!!!", schrieb er.

Ich interpretierte die Depesche so, dass Fred offenbar beim Eintrinken in einer Duisburger Kellerkneipe einen Herrn Keller getroffen hatte, wollte mich aber auf kein Rätselraten einlassen und schickte drei Fragezeichen zurück. Freds zweite SMS: "Der Keller spielt im Auswärtsspiel bei den Kellerkindern, du Oberdödel."

Ich war noch auf dem Weg in die Sportsbar um die Ecke. Noch hatte ich keine Mannschaftsaufstellung gesehen. Soso, der Joël Keller spielt gegen das Schlusslicht MSV Duisburg. Eine Überraschung! Sehr mutig Herr Lienen, dachte ich mir. Keller ist ausgeliehen von Nürnberg, gerade mal 20 Jahre alt – und der soll hintendrin aufpassen anstelle von Gonther?

"Behalt deinen Nationalismus für dich, gell." Ich traf gerade in der Sportsbar ein, als mich diese dritte SMS von Fred erreichte. Dann sah ich auf der Leinwand die Startaufstellung. Verletzungs- und krankheitsbedingt hatte Trainer Lienen eine Notelf zusammengezimmert. Mit Verhoek und Choi im Sturm. Und tatsächlich mit Keller und Außenverteidiger Hornschuh in der Innenverteidigung. Aber warum "Nationalismus"?

Ich war entsetzt: Nur weil ich wie der Keller in einem etwas klein geratenen Alpenland geboren bin, sollte ich Gefahr laufen, eine nationalistische Ader in mir zu entdecken? Einzig deshalb, weil ein Helvetier in der Startaufstellung stand?

Ich schrieb Fred humorlos zurück: dass ich am Vormittag beim Run for Refugees teilgenommen hatte, ich also außer Verdacht stand, bloß wegen eines Schweizers auf dem Platz nationalistische Gefühle in mir zu entdecken. "Davor bin ich gefeiht! Lass mich in Ruhe damit!"

Zum Glück hatte das Spiel begonnen. Fred hämmerte keine weiteren Nachrichten in sein Gerät. Er schien sich auf das Geschehen auf dem Rasen zu konzentrieren. Ein unglaublich zähes Geschehen. Wir kamen in der ersten Halbzeit gefühlt kein einziges Mal in die Nähe des gegnerischen Strafraums. Ich langweilte mich. Ich hatte erwartet, dass wir das Tabellenschlusslicht in Grund und Boden laufen würden – erahnte aber nun beim Anblick des Gegenteils die taktische Klugheit des Trainers.

Ewald Lienen wusste genau, wie wir in dieser Saison fast alle Punkte geholt hatten. Wir mussten nur dem Gegner das Spiel überlassen, auch wenn es sich um den Tabellenletzten handelt. Die aktuelle St-Pauli-Erfolgslogik: Je stabiler die Defensive, desto eher Punkte.

Keller passte optimal in diese Logik. "Das Keller-Geschoss vom Kiez: quadratisch, praktisch – und auch gut?" hatte sich die Bild anfang der Saison gefragt. Nun konnte man das Kraftpaket, in Basel groß geworden und von den Mitspielern (in Anspielung auf Schwarzenegger) manchmal "Arnie" gerufen, endlich in Ruhe beobachten.

Es wurde sein Spiel. Keller verteidigte abgeklärt, fast fehlerlos, sehr körperbetont und schien sich mit seinem Nebenmann Hornschuh so gut zu verstehen, als hätten sie in den vergangenen zehn Jahren nichts anderes getan, als gemeinsam Innenverteidigung zu spielen. "Siehste: helvetische Qualität!", schrieb ich an Fred, um ihn zu ärgern. "Richtig gut, dieser Kuhschweizer. Gibts bei Euch im Gebirge überhaupt flache Plätze?", antwortete Fred in der Pause.

Als in der zweiten Halbzeit vorne Ratsche und Verhoek zwei Dinger reinmachten und der quadratisch-praktische Schweizer mit seinen Assistenten hinten souverän die Null hielt, da schrieb ich so lange eine SMS nach der andern, bis ich Fred so weit hatte: Er kapitulierte entnervt. Er gab keine Antwort mehr, wurde vollends mundtot, schaltete sein Handy aus ...

Endlich, dachte ich mir. Ein kleines nationalistisches Strohfeuer genügt: Schon kann man drei Punkte in Ruhe genießen.