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Hamburgs beste Zeilen

Chicagogleich über die Ausfallstraße

 

Wie poetisch ist Hamburg? Slam-Künstler Jasper Diedrichsen will es wissen: Er streift durch Stadtteile und macht sich einen Reim auf die Stadt. Folge 2: Hammerbrook.

Hammer brook, Nagel riss, alles schrott

Hammerbrooklyn:
Eine concrete-verwitterte S-Bahn-Trasse
Schwingt sich chicagogleich über die Ausfallstraße
Vollgetaggter Asphalt, bekritzeltes Bröckelgrau
Zu Wand gewordene Botschaften
Es lebe der Sprühling Und es lebe der Zauberer von OZ (R.I.P.)

Hier scheint alles aus Stein zu sein
Alles wie grau aufeinander getürmte Haufen
Hinter alten, rumpeligen Büro-Rolläden
Vermessen Weberknechte die Dicke der Staubfäden
Und beim Reingucken wird einem genauso schlecht
Wie beim Rausstarren
Man hat einen Stadtteil zum Durchfahrn gebaut

Ist das nicht ungerecht?
Gibt's hier nicht auch einen Club/Disco/schießmichtot?
After Hour von Morgen- bis Abendrot
Legendary-Luxus-Lofts, lärmende Auspuff-Luft
Einen Puff obendruff, und das klingende Münzviertel
Diggi, hier wurd sogar schon ein Film gedreht!

Irgendwie sieht hier alles nach Heimweh aus.

3 Kommentare


  1. Denn das gibt es alles wirklich.

    Tagsüber wuselt hier ein großes Arbeitsheer. Hier gibt es Gospelchurch, gleich mehrere und Multikulti, Import-Exportgeschäfte aller Nationen, Künstler in maroden Hinterhäusern gleich neben schriller Glasarchitektur. Kulinarisches, fast jeder Richtung. Und ab Nachmittag ist Schicht für die Mittagstische, leeren sich die Straßen, treibt es die Arbeitstiere nach Hause. Stille und Ruhe kehrt ein. Kaum einer, der hier Nachts durch die Straßen geistert. Hamburgs einsamster Stadtteil. Stille, fast unheimliche Einsamkeit kann man hier erleben. Und auch öffnet sich Raum für Fragwürdiges. Begegnungen. Da glizzern Lichter in den Kanälen. Ein morbider Charme öffnet den Blick für Neues. Das ist Hammerbrook.


  2. Es gibt ganz schön viel Wasser da.
    Unglaubliche Hamburger Stadtplanung – direkt neben dem Stadtzentrum einen komplett vergurkten Stadtteil hinzusetzen, von Verkehrstrassen zerschnitten, ohne Bewohner, nur zum Arbeiten und Durchfahren.


  3. 1943 nach dem Feuersturm. Die Zerstörung war so total, das die Nazis eine Mauer um den Stadtteil gezogen haben. Betreten verboten ! So sieht eben der totale Krieg aus.
    Sogar die Hochbahn wurde abgebaut, weil dort keiner mehr wohnte, einmalig in Deutschland. Nach dem Krieg wurde es dann Gewerbegebiet und der Stadtteil sich selbst überlassen. Eine Stadtplanung für den Wiederaufbau fand nicht statt.