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Hoheluftchaussee

Francos Traum zerfiel zu Staub

 

Zuerst war es eine Ratte, dann kam Django hinzu: Ulrich Ladurner betrachtet Hamburg aus ungewöhnlichen Perspektiven, mal erfindet er was, mal nicht, aber immer lässt er sich von grob unterschätzter Wirklichkeit inspirieren. Seine neuen Hamburger Geschichten spielen immer dort, wo Dinge ein Ende finden. In den ersten Folgen ging es um Bismarck und den dicken Herrn Maibaum. Hier ist es der Traum des Italieners Franco.

Als Franco Frese durch einen Zufall hörte, dass eine bestimmte Häuserzeile in der Hamburger Hoheluftchaussee abgerissen wurde, schwang er sich auf sein Fahrrad und brauste eilig davon.

martini
An der Hamburger Hoheluftchaussee (c) Ulrich Ladurner

"Du holst dir bei dem Wetter den Tod!", rief ihm seine Frau noch hinterher.
Doch Franco hörte sie nicht mehr.
"Meine Beine sind immer noch gut!", dachte er, während er gegen den heftigen Wind ankämpfte, der ihm den eisig kalten Januar-Regen ins Gesicht klatschte.

Vor vielen Jahren hatte er in Hamburg Amateurrennen bestritten. In seinem Wohnzimmer hingen immer noch schön sichtbar die Medaillen von seinen Siegen. Wenn seine inzwischen erwachsenen Kinder zu Besuch kamen, sagten sie ihm jedes Mal, er solle die Medaillen in einer Schublade verstauen. "Papa, du bist doch keiner kleiner Junge mehr, der mit Medaillen angeben muss. Du bist bald 70, ein Rentner. Das ist doch peinlich." Er weigerte sich standhaft.

Seine Kinder konnten nicht verstehen, dass diese Medaillen für ihn der erste Beleg waren, dass er in Deutschland Fuß gefasst hatte. Es war ja nicht einfach gewesen, damals in den sechziger Jahren, als er aus Italien nach Hamburg gekommen war. Ohne ein Wort Deutsch musste er sich in einem Land durchschlagen, das seine Arbeitskraft zwar gerne annahm, ihn in allen anderen Dingen jedoch eher auf Distanz hielt. Doch Franco war ein hartnäckiger Bursche. Was er sich vorgenommen hatte, das zog er auch durch. Und er hatte sich in den Kopf gesetzt, hier in Deutschland eine neue Heimat zu finden.

Kaum war er angekommen, bemühte er sich nach Kräften, er lernte Deutsch, heiratete eine deutsche Frau, er trat dem HSV-Fanclub bei. Als dieser 1983 Francos alte Liebe Juventus Turin im Cup der Landesmeister besiegte, da jubelte er mit als sei er nie etwas anderes als HSV-Fan gewesen. Ins Herz der Hamburger allerdings fuhr er erst mit seinem Rennrad Marke Colnago. Sie nannten ihn Franco Freccia – Franco, der Pfeil. In der Zielgeraden war keiner so schnell wie er.

Eine neue Heimat finden, das war das eine, das er erreichen wollte als er nach Hamburg kam, das andere war: reich werden! Das war ein Traum, den er allerdings so ziemlich allein träumte, denn keiner glaubte so recht an Franco Frese; ja, er war ein zuverlässiger Arbeiter, ja, er war ein großer Sportler, ja, er war ein ordentlicher Ehemann, eine liebevoller Vater, ein vorbildlicher Freund, aber reich werden?

Nein, das traute ihm niemand zu. Und tatsächlich gelang es ihm auch nicht.

Doch viel hätte nicht gefehlt, und er hätte sich eine große Villa an der Elbchaussee kaufen können, ein schmuckes Segelboot und einen dicken Mercedes, viele Maßanzüge und viel teuren Schmuck für seine Frau. Er war am Reichtum ganz nahe dran gewesen, der Beweis dafür war in der Hoheluftchaussee zu besichtigen. Das hoffte er. Darum sauste er mit seinem Rad an diesem windgepeitschten Tag dorthin.

Als er ankam, waren die Bagger mit ihrer Arbeit schon weit fortgeschritten. Eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld war mit Schutt bedeckt. Ein halbes Dutzend Schaulustiger stand am Straßenrand. Franco Franco gesellte sich zu ihnen.

"Sieht aus wie nach einem Bombenangriff!", sagte einer.

"Mag sein, aber endlich ist diese hässliche Häuserzeile weg!", sagte ein zweiter.

"Eine Bausünde war das!", sagte ein dritter.

Jeder hatte irgendwas zu sagen, nur Franco Frese schaute gebannt auf die Häuserzeile und schwieg beharrlich. Die Motoren der Bagger brummten, die Ketten knirschten, die Schaufeln schlugen krachend in noch stehende Wände.
Franco starrte auf ein ganz bestimmtes Haus, auf eine bestimmte Wand. Als sie zum Einsturz kam, tauchte das auf, weswegen er hierher gekommen war:

MARTINI
Ein Vergnügen mehr

Franco stiegen Tränen in die Augen. Er war es gewesen, der den Hauseigentümer vor vielen Jahren mit italienischem Charme, schlechtem Deutsch und etwas Geld davon überzeugt hatte, diese Werbeinschrift an der Wand zu platzieren. Wenn er das erreichen würde, das hatte ihm ein Manager von Martini versprochen, wenn er hier an an der viel befahrenen Hoheluftchaussee eine solche Inschrift würde platzieren können, dann, ja dann hätte er gute Aussichten, die Generalvertretung von Martini für Norddeutschland zu bekommen.

Und dann, mein Lieber, dann wirst du sehr schnell sehr viel Geld machen, sagte der Mann von Martini. Franco war über zehn Ecken mit ihm verwandt und das war der Grund gewesen, warum es überhaupt gelungen war, mit ihm in Kontakt zu kommen.

Franco erfüllte seinen Teil der Abmachung. Die Generalvertretung erhielt er jedoch nicht, ja nicht einmal einen anderen Job bei Martini. Der Grund dafür war schlicht.

Wenige Wochen nachdem die Inschrift aufgemalt war, wurde ein neues Haus so nah an eben diese Wand gebaut, dass der Schriftzug "MARTINI Ein Vergnügen mehr" verschwand.

Nur jetzt, da Franco Franco mit feuchten Augen an der Hoheluftchaussee stand, da leuchtete die Inschrift wieder auf. Für einen kurzen Moment nur, dann brach die Wand unter den Schlägen der Bagger zusammen.

3 Kommentare

  1.   blueberry

    Ja, eine wirklich schöne kleine Geschichte.

    Und er fuhr tatsächlich ein Colnago …

  2.   Grütter

    Was der Krieg nicht geschafft hat, haben nun die Bagger, hat der Mensch geschafft – das Haus in der Hohenluftchaussee ist Geschichte. Es waren schöne Villen, die Nr. 65 hat 1850 ein Weinhändler Namens Müller gebaut. Die „Bausünden“ waren die Geschäfte, die davor gesetzt wurden. Genau dieses Bild habe ich auch gemacht und mich ebenfalls, wenn auch nur kurz, an dem Martini Bild gefreut. Verschwunden auch der Zaubergarten, wie meine Patentochter meinen Garten hinter dem Haus nannte und sehr alte Bäume, eine alte Buche und eine riesiege Tanne, die einmal ein Weihnachtsbaum war. Ich habe fast 30 Jahre in diesem Haus gewohnt. Schade, dass diese Häuser mit Geschichte nun „Geschichte“ sind.