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Umweltschutz

Wenn Ökos Verschwörung wittern

 

Gigantische Speicher, Elbe-Wärmepumpe, Solaranlagen auf Brachen: Hamburg plant eine ökologische Revolution – und ausgerechnet Umweltschützer protestieren dagegen.

Wäre Umweltschutz eine rationale Angelegenheit, dann würden die Ökos jetzt Champagner ordern. Was für ein Erfolg! Das Land hat sich endlich durchgerungen, seine Wärmeversorgung ökologisch zu modernisieren – und es hat den größten privaten Akteur, den Energieversorger Vattenfall, in sein Vorhaben eingebunden. Manches in den Plänen von Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) klingt so futuristisch, wie gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts Windräder und Solaranlagen gewirkt haben müssen. Aber es könnte funktionieren.

In Wirklichkeit ist Umweltschutz aber hochemotional und politisch. Keine Idee, zu der sich nicht eine passende Verschwörungstheorie fände. Kein grüner Vorschlag, der nicht von links außen als Verrat an irgendeiner reinen Lehre gebrandmarkt würde – weshalb Hamburg demnächst nicht nur ein aufregendes ökologisches Reformkonzept haben dürfte, sondern auch eine Ökobewegung, die dagegen Sturm läuft.

Über den gigantischen Wärmespeicher, den das Land plant, hat die ZEIT schon berichtet (ZEIT Nr. 50/16): Industriewärme, die das ganze Jahr über anfällt, und Sonnenwärme, die vor allem im Sommer zur Verfügung steht, sollen für den Winter aufbewahrt werden. Am Dienstag hat Kerstan weitere Bausteine seines Konzepts vorgestellt: Solaranlagen auf Industriebrachen, eine Wärmepumpe, die der Elbe Wärme entzieht, womöglich sogar ein Strohfeuer! Der Brennstoff Stroh ist reichlich vorhanden, Strohheizwerke gibt es anderenorts längst – warum nicht auch bei uns?

Nichts davon ist beschlossen, das wäre unseriös. Beschlossen allerdings, und vom Vattenfall-Aufsichtsrat mitgetragen, sind Prüfaufträge, aus denen schon im kommenden Jahr Bauaufträge resultieren könnten.
Fragt sich, was man dagegen haben kann. Ganz einfach: Industriewärme fällt vor allem südlich der Elbe an, im Stahlwerk von ArcelorMittal und der Aluminiumhütte Trimet. Industriebrachen und Flächen am Autobahnrand für Solaranlagen finden sich ebenfalls am Südufer, dasselbe gilt für die Müllverbrennungsanlage Rugenbarg und einen geeigneten Standort zur Wärmegewinnung aus der Elbe, die sinnvollerweise mit dem Klärwerk Dradenau kombiniert werden müsste.

Und was befindet sich noch südlich der Elbe? Genau, das Kohlekraftwerk Moorburg – weshalb das Ökolager nun die Legende spinnt, in Wahrheit gehe es nur um den Bau einer Wärmeleitung unter der Elbe, um Moorburg ans Wärmenetz anzuschließen.

Nichts liegt dem grünen Umweltsenator ferner. Und nichts liegt linken Ökos ferner, als Grünen zu trauen. Parole: "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" (Lenin). So lässt sich der Umweltschutz womöglich noch aufhalten.