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Stadtplanung

„Hamburg muss seine Rolle neu definieren“

 

Bis sich Hamburg und Kopenhagen durch die Fehmarnbeltqueruung tatsächlich näher kommen, dauert es noch mindestens bis zum Jahr 2021. Auf dem City Link Festival treffen sich in der Hansestadt aber schon mal Künstler, Aktivisten und Stadtplaner aus beiden Metropolen, um sich auszutauschen. Was können die Städte voneinander lernen? Ein Interview mit dem Kultursoziologen und transdizsiplinären Nachhaltigkeitsforscher Sacha Kagan. Der Wissenschaftler forscht und lehrt an der Leuphana Universität in Lüneburg — und ist Referent auf dem City Link Festival.

Frage: Herr Kagan, das City Link Festival soll Hamburg neue Impulse zur kulturellen Entwicklung bringen. Wo kann die Stadt sich denn noch verbessern?

Sacha Kagan: Das kommt darauf an, wo Hamburg hin will. Wenn das Ziel darin besteht, ein glänzendes Image zu entwickeln, das im Wettbewerb der Städte einen Marktvorteil verspricht, dann ist die Förderung von Prestigeprojekten und elitärer Kultur ein Weg. Er funktioniert aber nur kurzfristig. Es wäre naiv, zu glauben, dass das ausreicht. Wenn man die Stadt im Interesse der Einwohner voranbringen will und an einer nachhaltigen kulturellen Entwicklung für alle interessiert ist, dann muss man eine andere Art von Kultur fördern. Eine prestigeträchtige Elbphilharmonie spricht letztendlich nur eine Elite an.

Frage: Und was kann Hamburg dabei von Kopenhagen lernen?

Kagan: Dort gibt es viele Initiativen, die sich intensiv mit dem Verhältnis von Stadtkultur und Natur beschäftigen. Sie gehen der Frage nach, wie die Menschen in der Stadt zur Natur stehen. Und sie setzen sich ein für einen ökologischen Wandel, indem sie Einzelne in ihrem Alltag zum Umdenken bewegen. Die Politik unterstützt diese Gruppen und fördert sie. Es ist ihr wichtig, Kopenhagen als grüne Stadt voranzubringen. Hamburg nennt sich zwar auch Umwelthauptstadt, ist da aber meiner Meinung nach nicht überzeugend.

Frage: Auf welche Kopenhagener Initiativen sollte die Hansestadt konkret schauen?

Kagan: Da gibt es zum Beispiel das Netzwerk Cultura21 Nordic. Oleg Koefoed, einer der Initiatoren, wird auf dem City Link Festival davon berichten. Es geht dabei um die ökologische Entwicklung der innerstädtischen Insel Amager. Menschen, die einen persönlichen Bezug zu Amager haben, gestalten den Prozess selbst. Sie entwickeln Ideen, loten Möglichkeiten aus und setzen Projekte in Gang. Entscheidend ist dabei nicht, dass am Ende etwas Neues gebaut wird, sondern dass die Leute eine eigene Vorstellung von ihrem Lebensumfeld entwickeln. Auf dieser kleinteiligen, individuellen Ebene gibt es in Kopenhagen eine Menge interessanter Projekte.

Frage: Wie ist es umgekehrt? Wo könnte sich Kopenhagen an Hamburg ein Beispiel nehmen?

Kagan: Hamburgs Stärke liegt in dem hohen gesellschaftlichen Anspruch der freien kulturell-politischen Initiativen. Die Leute, die sich da engagieren, wollen nicht nur individuelles Umdenken bewirken. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, die kreativ mit inneren und äußeren Krisen umgeht.

Frage: Welche Initiativen meinen Sie?

Kagan: Eine der bekanntesten ist das Gängeviertel. Interessant daran ist, dass es den Aktiven gelungen ist, sich in der Stadt zu etablieren. Sie integrieren Kunst und Kultur in das alltägliche Leben und entwickeln eine Ökonomie, die auf Gemeingut basiert. Ein spannendes Experimentierfeld.

Frage: Gibt es weitere solcher vorbildhafter Projekte?

Kagan: Ein weiteres gutes ist KEBAP in Altona. Es setzt sich für eine selbstverwaltete, ökologische Energieversorgung in der Nachbarschaft ein. Und gleichzeitig ist es auch noch Kulturzentrum für kreative und künstlerische Aktivitäten. Was auch sehr gut funktioniert, ist der Interkulturelle Garten in Wilhelmsburg: Ein Treffpunkt, an dem Menschen verschiedener kultureller Herkunft voneinander lernen. Zugleich ist es auch noch ein ökologisches Projekt, das auf lokale Selbstversorgung setzt und ein neues Bewusstsein schafft. Besonders spannend sind in Hamburg aber nicht die Projekte für sich, sondern die Art, wie sie sich vernetzen, diskutieren und zusammenarbeiten. Es ist eine größere Bewegung entstanden, die daran arbeitet, nachhaltige Lösungen für die Probleme der Stadt zu finden.

Frage: Wie sollte die Stadt darauf reagieren?

Kagan: Wenn Hamburg diese Ideen unterstützen will, dann muss es seine Rolle neu definieren. Auch Politik und Verwaltung sind Akteure, die an der Gestaltung des Zusammenlebens mitwirken. Sie wären also nicht außen vor. Aber: Sie hätten auch kein Machtmonopol mehr. Der Staat wird zu einem Partner unter vielen. Das klingt utopisch – aber es würde Hamburgs Politik eine neue, vielversprechende Richtung geben.

Frage: Gibt es schon Anzeichen, dass sich diesbezüglich etwas verändert?

Kagan: Interessant ist in diesem Zusammenhang die Kampagne Solidarische Raumnahme: Sie wird getragen von Aktiven, die meist unbezahlt und freiwillig in verschiedenen sozialen Projekten arbeiten und nun fordern, nicht auch noch Miete zahlen zu müssen. Das finde ich verständlich — und ich bin gespannt, wie Hamburg darauf reagiert. Noch haben die Aktivisten es nicht geschafft, die Stadt zu überzeugen. Doch wenn es gelingt, dann kann Hamburg für Kopenhagen und viele andere Städte ein attraktives Vorbild sein.