‹ Alle Einträge

Liebes Leben

 

Jedes Kind meiner Generation kann ein Lied davon singen, dass Marmor, Stein und Eisen bricht, aber die Liebe nicht. Doch statt dass es dann vorbei ist, fängt der Stress mit der Liebe erst an. Und treu ist man wahrscheinlich nur zu sich selbst. Ich glaube ohnehin, dass der Mensch lieben kann ohne treu zu sein. Aber ich schweife ab. Wie steht es also mit der Liebe?

orchidee
Nele Gülck: Orchidee im Übertopf 1, 2012, C-Print, 40x50 cm

Wir erinnern uns an Lucas Cranachs Der Sündenfall, auf dem Adam die verbotene Paradiesfrucht hält, Der Kuss von Gustav Klimt oder Jeff Koons und Ilona Stallers Made in Heaven. Allen ist gemein, dass man das Bedürfnis sieht, ihre Verbundenheit zu zeigen. Nähe ist hier immer körperlich, intim, bildhaft. Eine Abbildung zweier sich zugewandter Menschen, eine emotionale Gemeinschaft. Würden sie weiter auseinander stehen, würden wir vielleicht denken: "Oha, die hatten Stress."

Dass es bei Adam und Eva zu Problemen geführt hat, ist bekannt. Auch Jeff Koons und Ilona Staller trennt schon lange mehr als der Atlantische Ozean und ein Kontinent.

Die Kunst ist immer dann am besten, wenn sie in uns ein Bild oder ein Gefühl entstehen lässt. Idealerweise beides. Wenn sie uns etwas zeigt, was eigentlich gar nicht da ist. Wenn unser Hirn nicht anders kann und die die künstlerische Vorlage ergänzen muss. Wenn wir eine Beziehung mit dem Kunstwerk eingehen.

akten
Nele Gülck: Akten „Wichtige Ereignisse", 2012, C-Print, 40x50 cm

Die Hamburger Künstlerin Nele Gülck schafft diesen besonderen Kunstgriff mit ihrer Serie Auf ewig. Sie zeigt mit ihren Fotografien auf feinfühlige und sich zurücknehmende Weise die 66 Jahre lang währende Liebe eines Paares aus einer deutschen Kleinstadt. Auch wenn es ihre eigenen Erinnerungen sind, auf die ich schaue – sie könnten ebenso die Erinnerungen meiner Großeltern sein. Meine Oma hatte für mich immer eine Schokolade in der Tasche, bis sie vergaß, wer ich bin. Nele Gülcks Arbeiten machen, dass ich mich an sie und das Gefühl unserer Liebe erinnere. Zwei ihrer Arbeiten befinden sich deshalb in meiner Sammlung.

Wir sehen Broschen, ordentlich drapiert in einer Niederegger-Pralinenschachtel, in der sich vor einiger Zeit saftige Marzipanherzen in ihre Form gedrückt haben, einen Stapel kolorierter Ansichtskarten, ein abgenutztes Kartenspiel, eine Flotte Lotte, Orchideen, viele Teekannen, abgegriffene Messer oder bunte Lockenwickler aus Plastik. Aber eigentlich sehen wir Alltag, Hoffnung, Zuneigung, Aufregung, Liebe und Verbundenheit.

radio
Nele Gülck: Küchenradio, 2012, C-Print, 40x50 cm

Wie auch an Beziehungen nagt der Zahn der Zeit an den über 1.000 Gegenständen aus neun Jahrzehnten. Die Frau ist mittlerweile verstorben. In dem gemeinsamen Haus lebt niemand mehr. Nele Gülck bewahrt mit ihrer Fotografie die Lebens- und Liebesgeschichte dieser beiden vor dem Verfall. Sie selbst spricht davon,  Erinnerungen zu konservieren und die Brücke zur Vergangenheit sowie zu einem bedeutungsvollen Menschen aufrecht zu erhalten. Auf ewig klingt wie ein Versprechen. Nele Gülck hält dieses Versprechen ein.

Die Künstlerin verzichtet ganz bewusst darauf, das Paar zu zeigen und gibt so jedem Betrachter Raum, eine eigene Geschichte zu finden. Ein kluger Ansatz. Jede Geschichte wird immer wieder anders sein. Und doch persönlich und die einzig wahre.

Die Arbeit Auf ewig ist bis zum 17. Mai 2014 in der Galerie Robert Morat zu sehen.