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FC St. Pauli

Montags geht gar nicht!

 

Unter der Woche nach Fürth fahren, um den FC St. Pauli anzufeuern? Nicht mit uns, sagen viele Fans. Und leider haben sie recht: Die Spieltage sind unerträglich zerfleddert.

Auswärtsfahrende Fußballanhänger haben nicht nur mit allerhand Schikanen und Vorurteilen zu kämpfen: Der moderne Fußball, der sich in der Regel zuerst um den TV-Zuschauer kümmert, macht Fahrten in ferne Stadien auch zu einer teuren, zeitraubenden Angelegenheit. Heute spielt mein Verein, der FC St. Pauli, in Fürth. An einem Montag! Das würde bedeuten: mindestens einen Tag Urlaub nehmen, um rechtzeitig in Mittelfranken anzukommen. Zeit für eine solidarische Protestnote.

Foto: "Sport1-Protest" am Hamburger Millerntor; Foto: Erik Hauth
Protestplakat gegen den Sender Sport1 am Hamburger Millerntor (Foto: Erik Hauth)

Als ich ein junger Butscher war, da machte das Wort "Spieltag" noch Sinn: Fußball-Bundesliga wurde am Sonnabend gespielt, um 15.30 Uhr. Damals hatten Gästefans noch eine eigene Kurve (fast) für sich. Bei St. Pauli war das die Südkurve. Heute quetschen sie sich in kleine Tortenstücke, die wie Trivial-Pursuit-Steinchen in den Ecken der Arenen kleben. Meist umzäunt, wie der Außenbereich in Guantanamo. Viele Gästefans schaffen es da nicht mehr hinein — und das hängt bestimmt auch damit zusammen, dass sich der Spieltag zu einer "Spielwoche" gemausert hat. Der Ligaverband nimmt bei Ansetzung der Spieltage offenkundig weniger auf die Gästefans Rücksicht als auf die Attraktivität der Spiele für den TV-Zuschauer.

Montags ist es besonders schlimm, da wird in der 2. Liga das Topspiel des Spieltages angepfiffen. Abends. Zu Hause am Millerntor immer besondere Spiele, die unter Flutlicht und viel Vollbier ausgetragen werden. Auswärtsfahrende Gästefans haben bei Anpfiff aber schon einen ganzen Reisetag hinter sich — und eine ausgedehnte Rückreise in der Nacht oder am Dienstag vor sich.

Da kommen, wie aktuell für Fans des FC St. Pauli, schnell vier bis fünf Urlaubstage zusammen. Wohlgemerkt: Für die ersten sechs Spiele! Gleich zu Saisonbeginn spielt die Mannschaft auswärts zwei Mal freitags und einmal montags.  Und zwar nicht mal eben so um die Ecke, son­dern in Aalen, Aue und Fürth.

Foto: "montags", Erik Hauth
(Foto: Erik Hauth)

"Uns langt’s", das verkündet nun der St. Pauli-Fanclub Sankt Pauli Mafia. Er hat sich schweren Herzens zu einem Reiseboykott entschlossen und fährt nicht zum heutigen Auswärtsspiel. Auf der Homepage der Gruppierung steht: "Wir haben uns dafür ent­schie­den, das Mon­tags­spiel aus­wärts in Fürth zu boy­kot­tie­ren und statt­des­sen als Grup­pe am Wo­chen­en­de un­se­re Zwei­te zu sup­por­ten."

Ein Protest, der wenig wahrgenommen wird, berichten doch der live übertragende Fernsehsender Sport1 und andere Medien wenig darüber. Ein Protest, der aber unsere Solidarität verdient, die wir zu Hause bleiben. Denn: Spiele ohne Auswärtsfans sind irgendwie nicht komplett und werden schnell langweilig. Es bringt keinen Spaß, nur mit sich selbst zu singen, das konnten wir am Millerntor schon oft genug erleben.

Vielleicht braucht es wieder einen Stimmungsboykott wie im letzten Winter. Damals feuerten viele Fans ihre Vereine für eine Weile nicht an, um so gegen die ihrer Meinung nach übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien zu protestieren. Möglicherweise ist das auch ein Weg, um gegen lange Auswärtsfahrten unter der Woche vorzugehen. Einen Versuch ist es wert.

Im Moment muss der hartgesottene Auswärtsfan vor allem mit Galgenhumor vorliebnehmen: Immerhin haben die Kiezclub-Anhänger durch die viele Reiserei mal wieder einen Preis gewonnen — das SpielAnsetzungsMonster. Verliehen hat ihn die Interessenvereinigung ProFans, die sich für fanfreundlichere Spieltage einsetzt. Sie wollte damit auf die Strapazen der St. Pauli-Fans aufmerksam machen. Ein kleiner Trost.

6 Kommentare

  1.   Svente

    der gipfel ist erreicht, wenn fussballvereine an der Börse landen

    der Sport im allgemeinen hat seine seele schon lange verkauft.

    statt fair zu kämpfen, geht es nur noch um ruhm und Geld. aber das Umfeld im In- und Ausland zwingt einen dazu, selbst in der 6. oder 7. Liga geht ohne Geld fast gar nichts.
    da hab ich ehrlich gesagt aber auch keine lust mehr, irgendwelchen Söldnern zuzuschauen.
    die spielen im kern nur für sich und ihr Konto, warum soll ich meine zeit dafür verschwenden, denen noch zuzuschauen.
    da mache ich lieber was eigenes (Fussball, laufen, klettern…), da habe ich mehr erlebt, als wenn ich nur zuschaue.

    für mich gäbe es nur zurück zu den wurzeln und pro 15.30, damit es für die fans passt, die doch das wichtigste sind am fussball.
    alles andere dient nur dem Mammon, ist allzu offensichtlich.

  2.   F. Fabian

    Für die große Merheit der Fans, die nicht mit zu Auswärtsspielen reisen wollen oder können, ist die “Zerfledderung” des Spieltags aber eine segensreiche Einrichtung. Sie können, wenn sie wollen, pro Tag mehr als nur ein einziges Spiel sehen. Und der Montagabend steht in keiner Konkurrenz zum familiären oder für kulturelle Aktivitäten vorgesehenen Wochenende. Für die mitreisende Minderheit ist das sicher ein Problem, aber man kann es ohnehin nie allen recht machen.


  3. immer noch nicht begriffen?

    Der Fan im Stadion (insbesondere der in den Kurven …) entwickelt sich in den Augen des DFB immer mehr zum Störfaktor. Wo spielt denn die Musik (das Geld)?
    Eben.


  4. Doch doch, Frau Vormbrock; begriffen schon, aber noch nicht gänzlich resigniert ;)

    … und Herrn Fabian möchte ich antworten, dass es ja zwischen garnicht montags und der jetzigen Praxis noch Spielraum gibt: bspw darauf zu achten, dass die Entfernungen nicht absurd unzumutbar werden.

  5.   JohnnyWohlfahrt

    Bei Montagsspielen am Millerntor sind die Scheiss-Sport1-Scheiss-Montag-Banner immer sehr prominent platziert. Ich denke, beim Planen eines solchen, 600 km entfernten Auswärtsspiels an einem Montag, geht den Herren bei der DFL ganz schön einer ab…

  6.   Gebi

    Ich kann dem Verfasser hier nur zustimmen. Ich finde es unzumutbar für Fans am Montag Abend ein Auswärtsspiel anzusetzten das so weit entfernt ist. Ich freue mich schon mal auf leere Stadien wo dann nur noch Fernsehteams stehen und die “tolle Stimmung” im Stadion einfangen. ;-)

    Aber leider wird das nicht passieren. Dennoch möchte ich mich als Fürth-Fan bei den Pauli Fans bedanken. Es ist mir immer eine Freude wenn wir gegen euch spielen. Nein, nicht wg. den 3 Punkten die wir gestern geholt haben sondern wg. den tollen Gesprächen mit euch und all den tollen Fans die ihr habt. Ihr seid ne klasse Fangemeinschaft und so manch eine Fangruppiering könnte viel von euch lernen. Ich bin mal gespannt auf das Rückspiel…… Ist wahrscheinlich an einem Montag abend in St. Pauli ;-)